Produkt: Keyboards 04/2019
Keyboards 04/2019
ANALOGUE WINTER +++ Moog Matriarch +++ Doug Carn +++ NOVATION SUMMIT – Hybrider Polysynth +++ METRONOMY – Frontmann Joe Mount +++ ERICA SYNTHS PICO SYSTEM III – Modulares Komplettpaket
Upright-Piano bzw. Akustikflügel mit integriertem Player

Yamaha Disklavier E3 im Test

U.a. von Sebastian Krämer gerne genutzt: das Disklavier. Was den innovative Texter und Musiker sonst bewegt, erzählt er uns in der Keyboards Ausgabe 5/6 2016. 

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(Bild: Archiv)

Von der NAMM-Show schallte es über den großen Teich: Yamaha hatte nicht nur ein neues Premium-Digitalpiano entwickelt (Avant Grand), sondern auch das neue Disklavier E3 wurde präsentiert. Das sollte richtig gut funktionieren und vor allen Dingen sehr einfach und praktisch zu bedienen sowie mit anderen Instrumenten der Serie kompatibel sein.

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So weit die Nachrichten aus Übersee. Als ich endlich mit dem Instrument arbeiten konnte, stellte ich fest, dass die Informationen zutreffend waren: Die Aufzeichnungen und Wiedergaben waren gut, es war wirklich einfach und praktisch zu handhaben, und die Instrumente vertrugen sich untereinander. Spaß bei der Arbeit stellte sich schnell ein.

Klaviere und Flügel aus dem Hause Yamaha erfreuen sich im Consumer- und Profi-Bereich weltweit zu Recht eines guten Rufes. Es gibt je nach Zielgruppe die preiswerten, mittleren und sogenannten Premium-Segmente. Deswegen werde ich jetzt nicht weiter auf die akustischen und mechanischen Eigenschaften der Instrumente eingehen, sondern mich mit dem System an sich und dessen Möglichkeiten befassen.

Äußeres

Das Disklavier E3 steht für Uprights und Salonflügel bis zum mittleren Segment zur Verfügung.

Sollten Sie sich mit dem Begriff „Disklavier“ bislang weniger befasst haben: Es handelt sich hier, einfach gesagt, um akustische Pianos, die mit einer ausgeklügelten Player- und MIDI-Technik ausgestattet und für zahlreiche Anwendungen gewappnet sind – als Klavier für daheim, als „Selbstspieler“-Piano in der Hotellobby oder als Recording-Instrument, integriert in moderne Produktionsumgebungen.

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Der Controller DKC-800, in dem sich der Player nebst elektronischer Klangerzeugung befindet: Er ist beim Disklavier-Flügel unterhalb des Spieltischs fest montiert. Bei der Upright-Variante, wie im Bild zu sehen, kann er frei platziert werden. (Bild: Ratko Delorko)

Die Handhabung ist sehr einfach gehalten. Die wichtigsten Funktionen erschließen sich eigentlich bereits beim ersten Anspielen des Instruments: die rote Record-Taste drücken und das Spiel aufnehmen. Stopp. Die Play-Taste drücken und das aufgezeichnete Spiel wiedergeben. Ich fühlte mich an die Einfachheit meines Kassettenrekorders aus Kindertagen erinnert.

Der Controller ist links unten am Flügel montiert. Das gleiche Gerät wird auf dem Upright frei platziert. Alle wichtigen Grundfunktionen für Aufnahme und Wiedergabe lassen sich vom Bedienteil oder – noch komfortabler – von der der mitgelieferten Fernbedienung steuern. Auch ein CD-Laufwerk und ein USB-Port befinden sich an der Front, dazu gleich mehr.

Die Display-Anzeige nennt sich im Englischen „Organic Electroluminescent Display“. Ich will das nicht unbedingt übersetzen, jedenfalls sind die Schriften groß, klar und hell und lassen sich aus jedem Blickwinkel und unter Sonnenlicht (!) bestens erkennen – auch von Blindschleichen wie mir. Fantastisch.

 

Wie zu Hause: Die mitgelieferte Fernbedienung ähnelt einer TV-Fernbedienung. Alle Grundfunktionen finden sich darauf wieder, aber auch die Option, mittels Wippschalter in die Tiefen der Menüs vorzudringen. Zum Bestätigen der Aktionen sind Yes- und No-Tasten vorgesehen. Insgesamt nichts Ungewöhnliches, nur die logische Belegung ist gewöhnungsbedürftig. Kurz gesagt: Alle Grundfunktionen kann meine Schwiegermutter bedienen. Die Tempoveränderung und Transposition sind einfachst mit +/– zu bedienen – pragmatisch und schnell. Auch die Anwahl der Medien (Intern, USB und CD) ist simpel. Ein Knopfdruck auf INTERNET und das Instrument geht online. Aber: Alles andere bedarf der genaueren Lektüre, Überlegung und empirischer Findung, überfordert aber niemanden wirklich intellektuell.


Der Komponist und Avantgardist PC Nackt hat für sein aktuelles Album PLUNDERPHONIA gleich zwei Yamaha Disklaviere verwendet. Den Podcast mit PC Nackt findest du am Samstag, den 4. Juli 2020 ab 13 Uhr auf allen Sound&Recording Kanälen und unter diesem Link:


Aufnahme & Wiedergabe

Die Box bietet drei USB-Anschlüsse, wovon einer auf der Front angebracht ist. Superpraktisch. So kann ich Lektionen auf meinem USB-Flashdrive vorbereiten und meinen Studenten mitbringen. Natürlich kann ich auch meine künstlerischen Aufnahmen zu anderen E3-Disklavieren mitnehmen; ich sehe da aber mehr den didaktischen Nutzen und den virtuellen Begleiter, der durch die Tempo- und Transpose-Funktionen zum idealen Sängerfreund wird. Das spart dem Korrepetitor Zeit für die eigentliche künstlerische Arbeit mit den Sängern und Instrumentalisten.

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Komfortabel: Mittels Fernbedienung lassen sich alle Funktionen des Instruments bequem handhaben. (Bild: Archiv)

Sie möchten mit Klaviermusik geweckt werden? Der Traum eines jeden Pianofreaks! Es gibt eine Timer-Funktion, die das Instrument um die gewünschte Uhrzeit zum Leben erweckt. Kaffeekochen kann es nicht.

Durch das an der Front befindliche CD-Laufwerk kann ich normale Audio-CDs abspielen. Gut, das kann ja jeder. Aber: Ich kann mein Spiel synchron zur CD aufnehmen und wiedergeben. Und das ist spannend, denn ich kann damit eine kommerzielle CD durch mein Spiel „vergolden“ oder auf dem Markt erhältliche Playalong- oder Music-Minus-One-CDs nutzen. Das Gleiche funktioniert übrigens mit MIDI-Files auch vom USB-Flashdrive aus. So hatte ich mir aus dem Internet ein MIDI-File des Bach A-Dur Klavierkonzertes (den Orchesterpart) heruntergeladen und, ohne die Daten zu bearbeiten, mit den internen Sounds ein passables Klavierkonzert aufnehmen und wiedergeben können. Spielspaß pur und eine gute Trainingsmöglichkeit.

Hören & Sehen

Genauso, wie ich synchron zur CD aufnehmen kann, funktioniert das auch mit Video. Eine handelsübliche Videokamera wird über deren (Audio-) Ein- und Ausgänge mit dem E3 über die OMNI-Buchsen auf der Rückseite der Box verbunden. Jetzt starte ich die Aufzeichnung mit der Kamera und dem E3-Flügel oder -Klavier. Dann spule ich die Videokamera zurück und drücke Play. Der Flügel gibt meine Aufzeichnung synchron zum Video wieder. Genial!

Zum einen macht es Spaß, sich auf einem großen Fernseher zu betrachten, während der Flügel das Spiel wiedergibt; zum anderen ist das ein großartiges didaktisches Werkzeug für den anspruchsvollen Unterricht.

Auf der Musikmesse waren auch DVDs zu sehen, die z. B. eine Sängerin am Flügel mit ihrer Band zeigen. Die Sängerin singt, und die Band spielt aus dem Lautsprecher des Riesenmonitors, der Flügel spielt dazu synchron den Klavierpart, und beeindruckte Herren scharen sich um das Flügelpodest mit dem Monitor. Schön.

Das auf einem E3 Disklavier aufgenommene Material kann per USB-Flashdrive jederzeit auf jedem E3 Disklavier oder Flügel abgespielt werden. Es ist kompatibel und funktioniert einwandfrei.

Ebenso ist es möglich, die Spielinformation mit einem externen MIDI-Sequenzer aufzuzeichnen und wiederzugeben, womit das Disklavier auch in Recording-Umgebungen eine gute Figur macht. Bezüglich der Kombination mit einem Rechner zeigt sich das E3 auch flexibel. Mittels From/To-PC-Funktion können Sie Daten auch über ein lokales Netzwerk (LAN) austauschen.

Silent Piano

Fast schon zum guten Ton gehört es, dass Klaviere und Flügel mit einer Silent-Funktion ausgestattet sind. Yamaha schafft es, bei der Umschaltung in den Silent-Mode die Spielart nicht zu verändern. Normalerweise wird die Stummschaltung mit einer (zu) weiten Auslösung (Tastaturmechanik/elektronische Kontakte) erkauft, was aber Probleme bei Repetition und Pianissimo mit sich bringt. Yamaha hat eine Stoßzunge mit einem doppelten „Näschen“ – für diese oder jene Stellung.

Beim Flügel finde ich die Art der Stummschaltung besonders gelungen: Rechts unter dem Spieltisch ist das Silent-Kästchen angebracht. Auf einen leichten Knopfdruck hin fährt die motorisierte Hammerprellleiste (entsetzliches Wort!) mit einem dezenten „Bzzzt“ in Position, fängt die Hämmer entsprechend ab, und der digitale Klavierklang wird aktiviert. Das Gleiche geschieht übrigens auch, wenn der Kopfhörer eingesteckt wird. Zwei Kopfhörerbuchsen stehen zur Verfügung, sodass man auch den Klavierunterricht ohne häusliche Zuhörer halten kann. Wenn die Wiedergabe von Klaviermusik als dezenter Hintergrund dienen soll, wie z. B. in der Hotelbar oder beim Dinner, hilft eine Linksdrehung am VOLUME-Regler. Auch das ist neu: Die Lautstärke kann in zehn Stufen abgesenkt werden. Das Ganze nennt sich Pianissimo-Mode und erlaubt die Wiedergabe von Klaviermusik im Flüsterton, ohne dabei Töne zu verschlucken. Beeindruckend gut und als Pianist muss ich augenzwinkernd sagen: Dieses Klavier ist der absolute Pianissimo-Pianist.

Inside Disklavier

Traditioneller Klavierbau in Kombination mit Hi-Tech: Rein äußerlich ist das Disklavier ein klassisches akustisches Klavier. Im Inneren findet man jedoch einige elektronische Details.

Klavier mit Internetradio

Auch ein LAN-Port ist vorhanden, daher ist eine Internetverbindung möglich. Ein Klavier geht ins Netz? Jawohl, das kann jetzt auch das E3 Disklavier Upright, nicht nur der Flügel. Auf der Fernbedienung ist besagtes Knöpfchen INTERNET vorhanden – einfach drücken, und das Instrument geht online. Einmal muss ein Passwort eingegeben werden, dann kann das Disklavier-Radio genutzt werden. Aus verschiedenen Stilrichtungen kann gewählt werden – von klassisch bis populär, 24 Stunden am Tag. Ansonsten steht ein Music-Shop zum gezielten Download (gegen Entgelt, ähnlich wie bei iTunes) bereit.

Praxis

Viele Stimmen machen noch keinen Chor: Der interne Klangerzeuger liefert gut 600 vom Piano aus spielbare Sounds. Der Klaviersound ist heute keine Offenbarung mehr, aber noch akzeptabel; die E-Piano-Klänge sind hübsch. Die übrigen Sounds sind brauchbar, wirken aber im Vergleich zu anderen Yamaha-Instrumenten nicht zeitgemäß – ebenso die Polyfonie von maximal 32 Stimmen. Wenn man sich vor Augen führt, in welchen Preisklassen diese Instrumente gehandelt werden, ist verwunderlich, dass ein paar Euro mehr für einen moderneren Chip, der in den anderen Keyboards des Herstellers sitzt, nicht vorgesehen sind. Da besteht dringender Handlungsbedarf.

Das E3 ist High-Tech und dabei kostengünstig. Es nimmt akkurat auf und gibt akkurat wieder. Kleine Ungenauigkeiten kommen bei hohen Repetitionsfrequenzen, bei tiefem Auslösen und in Schattierungen zwischen Piano- und PianissimoBereich vor. Die Abweichungen sind absolut tolerabel, aber eben vorhanden, und das ist der Unterschied zum voll professionellen Disklavier Mark IV.

Mitgeliefert wird eine CD mit einer großen Auswahl von über 400 Stücken aus allen Stilbereichen. Also einlegen und „spielen lassen“. Mit im Umfang ist noch ein weiter Bereich an didaktischer Literatur von Czerny, Burgmüller und anderen Komponisten. Auf der CD sind auch Songs wie Autumn Leaves im Smart-Key-Format vorhanden.

Was einem als ernsthaften Klavierpädagogen auf dem ersten Blick fast albern erscheinen mag, hat einen sehr ernsthaften Hintergrund: Die Angst vor dem falschen Ton. Jeder hat sie – Sie und ich und der Anfänger sowieso. Nur, wir haben gelernt, damit umzugehen. Normalerweise entschärft der erfahrene Klavierlehrer diese psychologische Zeitbombe sofort im Anfangsunterricht mit pentatonischen Improvisationsübungen auf den schwarzen Tasten über einer I-IV-V-VI-III-V-IV-I-Kadenz (oder ähnlich) in Fis-Dur. Solange der Schüler nur die Halbtöne benutzt, wird es immer ein angenehmes Spielerlebnis geben, egal was er macht. Aber: Auch Smart-Key kann diese positive Erfahrung unterstützen. In dieser Funktion bewegt sich die zu spielende Taste leicht, aber wahrnehmbar, stumm auf und ab, bis sie gespielt worden ist. Dann die nächste und dann die übernächste. Der absolute Anfänger findet sofort zu den Tasten. Das E3 antwortet zwischendurch im musikalischen Dialog und das bringt sofort eine positive Spielerfahrung für den Probanden mit sich. Ich habe das mit etwa 30 nicht klavierspielenden Menschen probiert, auf der Bühne und unter Publikumsstress. Alle hatten, nachdem der erste Schritt unter meinen Beteuerungen, dass da nichts passieren kann, getan war, einen Heidenspaß am Instrument. Keiner ist eingebrochen und mehr als 20 fanden nach drei Motiven von Autumn Leaves den logisch richtigen Fingersatz. Das hätte ich nicht gedacht … Hier gibt’s auch nichts auf die Finger: Alle Instrumente sind mit einer Soft-Close-Einrichtung versehen. Die Tastenklappe kann nie unversehens auf die Hände knallen, sondern gleitet geschmeidig schließend langsam hinab.

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Die Upright-Variante des Disklavier E3 (Bild: Archiv)

Fazit

Das/Der Yamaha E3 Disklavier/Flügel ist hochwertig, gut durchdacht und gut gemacht. Es/Er sieht auch noch gut aus, ist einfach und praktisch zu bedienen, bietet einen hohen Spaß- und Lernfaktor, ist flexibel durch Front-USB, CD-Laufwerk, Datenaustausch via LAN und Internetverbindung, leistet eine hervorragende Wiedergabe auch im Pianissimo-Mode. Die internen Sounds entsprechen allerdings nicht der Qualität des Instrumentes und Systems, Aufnahme und Wiedergabe sind akkurat, mit den Optionen der Video-Sync- und Audio-Sync-Aufnahme und -Wiedergabe. Der Preis für das Instrument mag für manchen im ersten Moment hoch erscheinen, ist aber angesichts der gebotenen Ausstattung, Qualität und Handhabung sogar günstig, wenn man das Topmodell Mark IV Pro zum Vergleich heranzieht.

Betrachtet man die Unterschiede zu den Vorserienmodellen, vollzieht die Upright-Variante der E3-Serie einen deutlichen Schritt nach vorn, denn in der E3-Serie ist das Upright-Modell mit der gleichen Disklavier-Technologie ausgestattet wie die Flügelvariante.


Konzept: Akustisches Piano mit Player-System und Silent-Piano-Funktion

Sensorsystem: Optisches Shutter-Sensing-System für 88 Tasten zum Messen von Tastenposition, Anschlagdynamik und „Loslass“- Dynamik (Release Velocity). Optisches Sensorsystem für Pedalpositionen und -bewegung

Mechanischer Antrieb: DSP-Servomotoren für Tasten und Pedale

Controller mit Fernbedienung: CD-Laufwerk, 3 × USB, optionales Diskettenlaufwerk

Klangerzeugung: AWM-Tongenerator, 32-fach polyfon, 676 Sounds, 21 Drumkits

Hersteller / Vertrieb: Yamaha

Internet: www.yamaha.de

Unverbindliche Preisempfehlungen: Upright: ab 14.660,– Flügel: ab 29.870,–

Produkt: Keyboards 04/2019
Keyboards 04/2019
ANALOGUE WINTER +++ Moog Matriarch +++ Doug Carn +++ NOVATION SUMMIT – Hybrider Polysynth +++ METRONOMY – Frontmann Joe Mount +++ ERICA SYNTHS PICO SYSTEM III – Modulares Komplettpaket

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