Gute Orgel im Jutebeutel

Viscount DB-3 – Orgelmodul

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Orgelmodule sind dünn gesät auf dem Musikalienmarkt. Dabei sind sie konzeptionell eine interessante Alternative, wenn einem zum Glücklichsein nur noch ein anständiger und flexibler Orgelsound fehlt.

Orgel1
(Bild: Dieter Stork)

Tastaturen schleppt man als Bandkeyboarder meist genug mit sich herum, und der Aufbau einer Keyboardburg wie in Ausgabe 2. 2010 ist eine Platz-, Geschmacks- und nicht zuletzt eine Kostenfrage. Über die Faktoren Platz und Kosten des Viscount DB-3 kannst du dich auf der Übersicht (ganz unten) informieren, in puncto Geschmack werde ich dem DB-3 im Folgenden auf den Zahn fühlen.

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Äußerlich

Die geschwungenen Seitenwangen in Holzoptik und die Farbgebung der neun Drawbars sowie der Beschriftung machen deutliche Anleihen an die „Mutter aller Orgeln“, die ebenfalls die Ziffer „3“ im Namen trägt. Links von den Zugriegeln findet man vier Drehregler für die Gesamtlautstärke (Master), Reverb, Overdrive und Vibrato & Chords, darunter ein recht kleines LED-Display (drei Zeichen).

Eine Neunergruppe von Tastern unter dem Display ist zuständig für die Settings, die Einstellungen (davon später mehr). Unterhalb der Zugriegel finden sich in der oberen Reihe vier Taster für die Percussion und sieben Taster, die mit Upper Memory gekennzeichnet sind. Die drei Gruppen der unteren Reihe sind nach Vibrato & Chords, Bass & Lower Preset und Rotary sortiert.

Auf der Rückseite liegt neben dem Netzschalter der Anschluss für das externe Netzteil samt Zugentlastung, dann drei Anschlüsse für Pedale. Die aufgedruckte Bezeichnung Drawstops, eine Kombination aus „Drawbar“ (Zugriegel) und „Stops“ (Register), begegnet mir zum ersten Mal in meinem Keyboarderleben. Vielleicht komme ich dem Begriff im Laufe des Tests noch auf die Spur.

Mittig befindet sich ein Drehregler zur Stimmung des Instruments, rechts daneben das komplette MIDI-Trio. Klinken-Audioausgänge sowie eine Buchse für den Kopfhörer vervollständigen das Anschlussfeld.

Insgesamt ist das Bedienfeld gelungen, inwieweit das Mini-Display das Programmieren behindert, werde ich noch beleuchten. Die Drawbars sind etwas größer und kantiger als bei den meisten anderen Hammond-Clones, es bleibt aber alles im Rahmen des Gewohnten. Persönlich missfällt mir, dass die Steuertaster für den internen Rotor-Effekt rechts außen liegen, links außen fände ich besser – da greife ich automatisch hin, wenn’s schneller gehen soll. Aber Hauptsache außen, und möglicherweise werden die meisten DB-3-Spieler den internen Rotor-Effekt mit einem angeschlossenen Fußtaster steuern (oder ganz auf ihn verzichten – s. u.).

Intern

Werfen wir einmal einen Blick auf die Interna des Viscount DB-3. Wo kann ich meine bevorzugten Einstellungen ablegen, und welche Parameter stehen zur Verfügung? Beginnen wir ganz oben, mit den sechs Global Memories. Hier werden alle Parameter für die Upper Memories und die internen Parameter des Geräts gespeichert, ausgenommen die MIDI-Einstellungen, die Gesamtlautstärke und die Stimmung. In den sechs Upper Memories hingegen lassen sich ausschließlich die Drawbar-Einstellungen ablegen. Wenn du also – wie ich – von Song zu Song eine vollkommen anders klingende Orgel benötigen, musst du den Weg über die Global Memories gehen und kannst dann im Song die sechs unterschiedlichen Registrierungen abrufen (was ich persönlich dann aber lieber per Hand mit den Zugriegeln erledige).

Für Bass und Lower stehen zwei bzw. fünf Festregister zur Verfügung, die gängige Standardsounds bieten. Wie die Wortwahl (Festregister) bereits andeutet, lassen sich diese Sounds nicht verändern – eine Einschränkung zwar, die den wahren Organisten schaudern lässt, im angepeilten Einsatzgebiet (die kleine Orgel für zwischendurch) aber nicht allzu sehr ins Gewicht fallen wird.

Einstellen kann man allerdings für Bass und Lower (leider nur hier, nicht über Drehregler) die Lautstärke, die Länge des Sustain (nur Bass) und den Modus – entweder als separate Teile auf der angeschlossenen Tastatur (Spit) oder im Layer-Modus. Und letztlich lässt sich der Split-Punkt für den Bass (zwischen C2 und B3) einstellen.

Im Bereich MIDI bietet das Viscount DB-3 drei unterschiedliche Modi, bei denen ein, zwei oder drei MIDI-Kanäle gleichzeitig verarbeitet werden können.

Für die Percussion stehen die „klassischen“ Fußlagen „2nd“ und „3rd“ zur Verfügung – nicht gleichzeitig natürlich – in den Lautstärken Norm und Soft sowie in den Geschwindigkeiten Slow und Fast (hier: Decay). Wie beim Vorbild wird beim Einschalten der Percussion das 1′-Register deaktiviert. Nicht beim Vorbild vorhanden ist der Effekt, dass die Percussion auch erklingt, wenn sie bei gehaltenen Tönen aktiviert wird. Das macht man zugegebenermaßen selten, aber ich wollte es wenigstens erwähnt haben.

Effektiv

Im Bereich der Effekte hat der Hersteller des Viscount DB-3 an alle Komponenten für einen authentischen Orgelklang gedacht. Getreu dem Vorbild einer alten Hammond B3 werden Vibrato und Chorus in drei verschiedenen Intensitäten über einen Drehschalter angewählt. Nicht beim Vorbild vorhanden, aber unerlässlich sind ein Reverb (fünf Typen, über Drehregler in der Intensität zu regeln), ein Overdrive (ebenfalls ein separater Drehregler) sowie der Rotary-Effekt als Simulation eines Orgelkabinetts mit drehenden Lautsprechern.

Letzterer lässt eine sehr persönliche Einstellung zu: Neben den Geschwindigkeiten für Fast und Slow lassen sich auch Rise- und Fall-Time (Anlaufen und Abbremsen) einstellen.

Ein 2-Band-Equalizer erlaubt das Anheben oder Absenken für Bass und Treble, für die Simulation der Nebengeräusche alter Orgeln sind die Parameter Leakage (Übersprechen benachbarter Tonewheels) und Noise (Motorgeräusche) zuständig. Scaling versetzt die Orgel in vier unterschiedliche Altersklassen. Natürlich nicht vergessen hat der Hersteller auch die Funktion Click, damit ist der Organist der einzige Mensch, bei dem ein kräftiges Schmatzen auch gesamtgesellschaftlich toleriert wird.

Klangvoll

Alle Komponenten für einen authentischen Orgelklang sind also vorhanden. Schließen wir das Instrument dann einmal an eine Verstärkung an und horchen genauer hin. Zum Vergleich dienten mir eine XK-3 aus dem Hause Hammond und eine Nord C2 – zugegeben, beide preislich in einer deutlich höheren Region angesiedelt, aber der Preis ist schließlich nicht alles, was zählt. Grundsätzlich klingt das Viscount DB-3-Orgelmodul eher weich und voll, durch die vielen Taster und Drehregler lässt sich schnell eine gewünschte Grundcharakteristik einstellen, die dann mit den Einstellungen der Zugriegel zum Klingen kommt. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass der klangliche Eindruck am besten ist, wenn man sich nicht zu weit von den mittleren Werten der Parameter entfernt. Das gilt „durch die Bank“ für alle Parameter, die den Gesamtklang beeinflussen, seien es Hall und Click, Geräusche oder Equalizer. Versucht man, die Orgel mit dem Overdrive an die Grenzen des klanglich Schönen zu bringen, so sind die beiden teureren Vergleichsmodelle deutlich überlegen. Der Overdrive ist wenig dynamisch, eine Kompression des Klangs findet nicht statt. Vibrato und Chorus sind … nun ja, sind da, aber überzeugen nicht wirklich.

Überhaupt nicht gefallen hat mir der Rotary-Effekt. Obwohl die Parameter-Grundausstattung vorhanden ist, ist es mir nicht gelungen, einen auch nur einigermaßen zufriedenstellenden Effekt hinzubekommen. Hier eiert’s und jammert’s ohne Tiefe und Raum. Ich habe den Versuch gemacht und einen H&K Rotosphere eingesetzt, den Overdrive des DB-3 sowie den Rotary-Effekt deaktiviert und diese beiden Parameter über das externe Gerät benutzt. Schon klang die DB-3 deutlich besser und war klanglich flexibler denn je.

Fazit

Dem Keyboards-Test stellte sich das Orgelmodul DB-3 der italienischen Traditionsfirma Viscount, ausgestattet mit Tonerzeugung und den Zugriegeln, die auch im gleichnamigen Tastaturmodell (61 Tasten) zum Einsatz kommen. Das Modul ist kompakt und gut verarbeitet und findet dank geringer Abmessungen seinen Platz auch im kleinsten Keyboard-Setup.

Der Grundsound ist überraschend voll und satt, eine Charakteristik, die auch bei extremen Einstellungen erhalten bleibt. Eine aggressive Orgel will das DB-3 nicht sein, es frönt eher dem sanften Wohlklang. Dem entgegen steht der interne Rotary-Effekt und (weniger stark) der Overdrive. Wer das Viscount DB-3 an klanglich prominenter Stelle einsetzen will, sollte zumindest diese beiden Effekte durch ein externes Gerät ersetzen. (Anregungen dazu finden Sie im Vergleichstest „Handliche Rotor-Lösungen“ in Keyboards 2.2010.)

Im Spielbetrieb bei der Simulation von drei Spielebenen ist es störend, dass sich die Lautstärken für Bass und Lower nur über das jeweilige Menü einstellen lassen. Aber wer tatsächlich „richtig“ Orgel spielen möchte, der sollte sich auch ein Instrument gönnen, das eine solche Funktion nicht nur virtuell, sondern real bereit stellt, sprich: zwei übereinander liegende Klaviaturen und ein Pedal.

Insgesamt präsentierte sich das Viscount DB-3- Orgelmodul als ein kleines und leichtes Instrument – mit den genannten Abstrichen – zum Schnäppchenpreis, das man samt Zubehör auch in einer Jutetasche transportieren kann und dennoch den vollen Orgelsound auf die Bühne bringt.


Tonerzeugung: A.S.T.M, Tonewheel Modeling

Polyfonie: vollpolyfon Ausstattung: 9 Zugriegel, 6 Upper Memories (veränderlich) für jeden der 6 Global Memories; 2 Bass-Presets, 5 Lower-Presets

Effekte: Rotary (on/off/slow); Vibrato (V1-V2- V3); Chorus (C1-C2-C3); Reverb (4 Typen); Overdrive, Percussion (2nd/3rd, normal/soft, slow/fast); 2-Band-EQ

Anschlüsse: 3 Fußschalter; Expression-Pedal; MIDI-In/Out/Thru; Line-Out: L/Mono, R; Kopfhörer; externes Netzteil

Maße: / Gewicht 310 × 290 × 95 mm / 4 kg

Besonderheiten: auch als gleichnamiges Tastaturmodell mit 61 Tasten (ca. E 800,–) erhältlich

Hersteller / Vertrieb: Viscount International SpA

Internet: www.viscount.it

UvP / Straßenpreis: E 595,– / ca. E 485,–


+ kompakte Abmessungen

+ guter Grundsound

– Rotary-Effekt

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