Der Synth, der aus der Zukunft kam

Vintage Park: Rocky Mount Instruments Harmonic Synthesizer

RMI Harmonic Synth F
(Bild: Bernhard Lösener)

Er wird auf eBay ungefähr so oft angeboten wie das Bernsteinzimmer: Der RMI Harmonic Synthesizer ist nicht nur ultra rar, der Exot verfügt auch über ungewöhnliche Features und Klangeigenschaften, die Mitte der 70er-Jahre nahezu unbekannt waren.

Der RMI Harmonic Synthesizer gehört zur allerersten Generation digitaler Synthesizer, die in Serie gefertigt wurden. Das ungewöhnliche Instrument bietet eine hybride Klangerzeugung mit eigenwilligen, digitalen Oszillatoren und analoger Nachbearbeitung. Er ist vor allem in Europa sehr selten und wechselt für sechsstellige Summen den Besitzer (wenn er überhaupt mal angeboten wird). Der Synth kam 1974 heraus und kostete 3.000,− Dollar. Es wurden allerdings nur relativ wenige Exemplare gefertigt, und die RMI stellte die Produktion des Gerätes zwei Jahre später wieder ein.

Anzeige

History

RMI war eine Tochterfirma der Allen Organ Company und in Rocky Mount in North Carolina ansässig. Zu den ersten RMI-Instrumenten zählten diverse Orgeln (»Band Organ«, »Calliope«), die ab Mitte der 60er-Jahre auf den Markt kamen. Ab 1967 brachte der in Rocky Mount in North Carolina an – sässige Hersteller die kongenial betitelten »Rock-Si-Chord«-Keyboards heraus, die u. a. Spinett-Klänge auf der Basis zweier Oszillatoren erzeugen können. Bekannt wurde die Firma mit der erfolgreichen Electra-Piano-Serie, die ab 1970 ausgeliefert und u. a. von den Sparks und Genesis eingesetzt wurde.

Mike Mandel
Zum Kreis der User des RMI Harmonic Synthesizer gehört auch Mike Mandel (der bei u. a. bei Larry Coryell spielte), der zusammen mit Clark Ferguson ein RMI-Promo-Album aufnahm.

1974 brachte die Firma dann auch digitale Klangerzeuger wie den polyfonen Keyboard Computer und den Harmonic Synthesizer heraus, dessen kühne Konzeption bewundernswert ist. Er arbeitet ebenfalls mit digitalen Wellenformen, erlaubt aber viel mehr Eingriffsmöglichkeiten ins Klanggeschehen als die Keyboard Computer, die bis Anfang der 80er-Jahre gebaut wurden.

Zu den prominentesten Usern des Gerätes gehört der Mann, der quasi im Synth-Himmel wohnt: Jean-Michel Jarre. Er setzte den Harmonic Synthesizer als Lead-, Bass- und Sequence-Synth u. a. auf Oxygene (Part 4, 5, 7−13), Equinoxe und Rendevouz ein. Bei den Oxygene-Aufnahmen schickte er das Signal des Instruments gerne durch einen Electro Harmonix »Electric Mistress«-Flanger. Zum Kreis der Harmonic-Synthesizer-Anwender gehören aber auch Aphex Twin (auf dem tollen Syro-Album von 2014) Isaak Hayes, Stevie Wonder, Stephen Parsick und der französische Electronic-Pionier Zanov aka Pierre Salkazanov (u. a. auf Moebius 256 301 von 1977).

Äußeres

Dass man beim Erstkontakt mit dem Harmonic Synthesizer an ein E-Piano denkt, ist kein Zufall, denn das Gehäuse mit Kunststoffhaube erinnert an das Electra Piano von RMI. Auf jeden Fall muss man dem Synth eine gute und roadtaugliche Fertigungsqualität bescheinigen. Zu den außergewöhnlichen Features des Instruments zählt der direkte, intuitive Zugriff auf die Gestaltung der Oberton-Struktur der Oszillatoren mit 2 x 16 Fadern. Die vieroktavige Tastatur ist nicht anschlagsdynamisch, und als Spielhilfe dient der oberhalb der Tastatur befindliche Metallbügel, mit dem z. B. das Portamento aktiviert werden kann. Mit dem mitgelieferten Doppel-Pedal lassen sich das Filter und die Lautstärke steuern.

Die Klangerzeugung des Synths ist monofon, bietet dafür aber zwei unabhängige Blöcke mit je einem Oszillator (Digital Harmonic Generators) für die rechte und linke Seite des Stereo-Panoramas. Die digitalen Oszillatoren werden mit den jeweils 16 Fadern der beiden Harmonic Generators geformt, mit denen man die Obertonstruktur additiv durch Hinzufügen von digital erzeugten 5-Bit-Sinuswellen formen kann (Grundton und 15 Harmonische). Jeder der beiden Harmonic-Generator-Oszillatoren ist zudem mit je einem Lautstärkeregler, einem vierstufigen Oktavschalter, einer Portamento- und einer Pitch-Bend-Funktion, die sowohl absteigende (»Piuuu«) als auch aufsteigende (»Puiii«) Bends generieren kann, ausgestattet.

Das analoge Multimode-Filter bietet Resonanz, dessen Lowpass-, Bandpass- und Hipass-Ausgänge gleichzeitig (!) zugemischt werden können. Die Resonanz lässt sich mit dem LFO modulieren, außerdem gibt es noch eine rudimentäre Filter-Hüllkurve mit zwei Modi (Up/Down) und Intensitäts- und Speed- Parametern, mit der man einfache Filter-Sweeps realisieren kann.

RMI Ad
Der RMI Harmonic Synthesizer wurde mit einem externen Netzteil und einem Doppelpedal ausgeliefert.

Der Tremulant ist ein weiterer analoger Klangbaustein: ein LFO für Vibrato und Tremolo-Effekte, dessen u. a. mit Sample&Hold bestückte Wellenform-Sektion (»Tremulant Shape«) pro Oszillator individuell einstellbar ist. Die Oszillatorfrequenz lässt sich auch mit einem Noisegenerator modulieren.

Abgerundet wird die Klangerzeugung durch eine einfache Hüllkurvenabteilung mit Attack und Release-Regler (letzterer irrtümlich mit »Decay« bezeichnet) für jeden der beiden Harmonic Generators, die mit einem Percussion-Mode mit betonter Attack-Phase ausgestattet ist. Für Bewegung im Klangbild und erhöhten Spaßfaktor sorgt ein Arpeggiator. Mit bunten, hintergrundbeleuchteten Tastern lassen sich fünf Presets (optimistisch mit Clarinet, Pulse, Flute, Horn und Reed betitelt) sowie eine Sync-Funktion abrufen. Die Presets können auch gleichzeitig aktiviert werden.

Der außergewöhnliche Sound muss Mitte der 70er wie ein Echo aus einer fremden Galaxie gewirkt haben. Die additiven Digital-Oszillatoren sind äußerst stimmstabil, klingen aber ziemlich harsch und eigenwillig. Abgemildert wird die digitale Kühle dann durch die analoge, subtraktive Nachbearbeitung. Das Filter ist ungewöhnlich designt und besitzt drei mischbare Ausgänge, greift allerdings nicht allzu energisch ins Klanggeschehen ein; es arbeitet vermutlich mit nur 6 dB Absenkung pro Oktave. Dank des Noise- Generators lassen sich auch geräuschhafte Klangspektren realisieren. Der sperrige, etwas raue Charme des Synths ist einzigartig, war aber wohl etwas zu merkwürdig für den Zeitgeschmack der 70er-Jahre.

Der RMI Harmonic Synthesizer wurde uns freundlicherweise von Ingo Rippstein (www.synthmaster.de) zur Verfügung gestellt, dem wir auch für zusätzliche technische Infos danken.

RMI Keyboard Computer II a
Neue Wege beschritt RMI mit dem zwölfstimmig polyfonen Keyboard Computer KC-I, der 1974 auf den Markt kam. Der Keyboard Computer KC-I wurde bald von der verbesserten und populäreren Version KC-II (unser Bild) ersetzt. Das Gerät bietet eine Reihe von Preset-Sounds, die in engen Grenzen verändert werden können; bemerkenswert ist die Tatsache, dass der KC-II mithilfe von zusätzlichen Sounds via Lochkartenleser gefüttert werden kann, ein damals sehr ungewöhnliches und innovatives Feature. RMI-Chefentwickler Jerome Markowitz ließ sich bei der Konzeption des KC-II von prominenten Keyboardernwie z. B. Roger Powell beraten, der z. B. für David Bowie oder Todd Rundgrens Utopia tätig war und u. a. das erste polyfone Umhängekeyboard (»Powell Probe«) entwickelte. Der Keyboard Computer II kostete 4.750,− Dollar und wurde bis Anfang der 80er-Jahre gebaut. (Bild: Bernhard Lösener)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren: