Produkt: Keyboards 02/2019
Keyboards 02/2019
DIGITAL SUMMER+++DON AIREY: An den Tasten von Deep Purple+++GEWA MUSIC: Ein Blick in die Produktion+++SAMPLING VS. PHYSICAL MODELING: Die Unterschiede zwischen Konserve und Original
Der Korg der die Synthwelt umkrempelte

Korg microKorg im Test- Analog-Modeling-Synthesizer (*2002)

Microkorg_Beitragsbild

Wenn Sie bislang geglaubt haben, ein Instrument mit Miniaturtasten müsse eine Kaufhaus-Tischhupe oder – schlimmer noch – der „Schlüssel zum Charterfolg“ in Form eines Mega-Cyber-MIDI-Studios sein, dann kennen Sie Korgs neuen Bonsai-Synth microKORG noch nicht.

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Denn im microKORG steckt wesentlich mehr als man auf den ersten Blick vermuten mag, auch wenn eine 4-fache Polyphonie Hardcore-User nicht gerade in euphorische Stimmung versetzen dürfte. Aber der microKORG kann wesentlich mehr, er kann auch 16-Band-Vocoder sein, besitzt integrierte Effekte und kann externe Audio-Signale rhythmisch synchron verarbeiten. Bei genauerer Betrachtung der Synthesizer-Struktur findet man weitgehend Korg’s Retro-Synth MS2000 vor.

Natürlich gibt’s hier und da ein paar Abweichungen, so besitzt der microKORG keinen Step-Sequenzer, dafür aber einen Arpeggiator mit Step-Sequenzer-Qualitäten. Mitgeliefert wird ein aus Kunststoff gefertigtes Schwanenhals-(Elektret)Mikro, das sich in der Mitte der Rückseite aufpflanzen lässt. Ebenfalls ist ein spezieller Miniklinke-Anschluss (Condenser) dafür vorgesehen. Also den Schalter auf MIC legen, den Pegel ein- stellen und eines der vorbereiteten Vocoder-Presets anwählen, und schon können Sie Ihre Sounds zum Sprechen bringen oder Roboter-Stimmen erzeugen – all das viel einfacher als beim MS2000. Das Mikro neigt bei Plopp-Lauten manchmal zur Übersteuerung, reicht aber für typische Vocoder-Anwendung allemal aus.
Dank Miniaturtasten (anschlagdynamisch) bekommt man auf kleinstem Raum drei Oktaven plus zwei Handräder. Die Verarbeitung von Gehäuse und Bedienelementen ist gut, die Tasten lassen sich griffig spielen. Mit seiner geringen Größe ist der microKORG auch als Reiseutensil geeignet, mit sechs 1,5-Volt- Batterien verspricht der Hersteller 4 Stunden Betriebszeit.

Sounds spielen

Die 128 im RAM gespeicherten Presets sind nach Stilrichtungen geordnet. Einfach mit dem fetten Wahlschalter einen Bereich anwählen, eine Programm-Nummer selektieren, und schon geht’s los. Die Werkprogramme sind so installiert, dass man gleich auch einen Eindruck bekommt von den vielseitigen Modulations- und Echtzeit-Möglichkeiten, die sich im Zusammenhang mit den Handrädern und den fünf Potis ergeben können. Zwei Effekt-Sektionen – Delay und Modulationseffekte wie Phaser und Flanger – und ein 2-Band-EQ geben den Sounds den letzten Schliff.

Sounds editieren

Auch wenn nicht jeder Parameter mit einem eigenen Regler zu kontrollieren ist, lässt sich der microKORG übersichtlich editieren. Im normalen Spielbetrieb kann man den Klang mit Hilfe der fünf Potis ändern: Filter Cutoff, Resonance, EG/Attack, EG-Release und Tempo. Die wichtigsten Klangkorrekturen kann man also problemlos mal schnell durchführen. Wer tiefer einsteigen möchte, wählt mittels EDIT SELECT jeweils einen Parametersatz an, um mit Hilfe der fünf Potis Änderungen vorzunehmen. Damit es nicht zu Regelsprüngen kommt, greifen die Regler den jeweils aktuellen Parameterwert ab, bevor sie Wirkung zeigen.

Der Edit-Mode gewährt den Zugriff auf sämtliche Funktionen und Parameter des microKORG. Wer mehr Komfort beim Editieren wünscht, benutzt das Editor-Programm (Mac/PC) von Korg (zu finden auf der Korg- Homepage und auf der diesem Heft beiliegenden CD-ROM).

Synthesizer

Da wie gesagt die Klangerzeugung in diesem Bereich weitgehend identisch ist mit dem MS2000 (Test in KB 05/2000), möchte ich mich hier auf die wichtigsten Merkmale konzentrieren. Das auf Korg OASYS-Technologie basierende Analog-Modeling-System ist wie ein klassischer Analog-Synthesizer aufgebaut: 2 Oszillatoren, ein resonanzfähiges Multimode-Filter, ein Amplifier, jeweils Filter- und Amp-Envelopes (ADSR) sowie zwei LFOs.

Mit vier Stimmen ist die Polyphonie schon recht knapp, sodass man sich im LAYER-Mode schon Gedanken machen muss, wie man die Stimmen auf die beiden Klanganteile (TIMBRES) verteilt. Zur Wahl stehen z. B. 2+2; 3+1; 3(unisono)+1. Dass damit schon recht komplexe Sounds möglich sind, beweisen viele der Werk-Presets auf anschauliche Weise. Es gibt z. B. Pads mit einer zusätzlichen Arpeggio-Figur, oder per Arpeggiator realisierte Bassline plus Bassdrum/Snare-Beat. Der microKORG verhält sich im LAYER-Mode wie zwei identisch aufgebaute Synthesizer, wobei jedem TIMBRE sämtliche im Folgenden beschriebenen Parameter zur Verfügung stehen.

Oszillator 1 & 2

OSC 1 liefert zunächst die klassischen Wellenformen Sägezahn, Rechteck, Dreieck und Sinus. Jede Wellenform kann zudem moduliert werden, sodass sich jeweils ein Spektrum einer Wellenformart durchfahren lässt, was z. B. auch per LFO-Steuerung geschehen kann. Dreht man bei der Sinuswellenform an den CONTROL-Parametern, entstehen per Crossmodulation wiederum vielfältigste Spektren, die je nach Tonhöhe des OSC 2 und Modulationsstärke von glockenartig bis chaotischem Rauschen reichen.

Erzeugt der Oszillator 1 im VOX-Mode Vocalartige Sounds, darf man im DWGS-Mode zwischen 64 Wellenformen im PCM-Single- Cycle-Style wählen, darunter Orgeliges, Bässe, Vibes, E-Pianos und sogar Quartintervalle. Im Noise-Mode verwandelt sich OSC 1 in einen Rauschgenerator inklusive nachgeschaltetem Lowpass-Filter. Außerdem lassen sich über den Oszillator 1 externe Signale ein- schleifen, um sie mit den weiteren Sektionen zu bearbeiten. Dabei können zwei Signale integriert werden, deren Lautstärke-Balance justiert und moduliert werden kann. Dank synchronisierbaren LFOs kann man so z. B. auch rhythmisches Material überblenden. OSC 2 bietet lediglich Sägezahn, Rechteck und Dreieck ohne die Modulation der Wellenformen, jedoch wird hier noch Ringmodulation und Synchronisation mit dem ersten Oszillator geboten.

Die Oszillatorsignale können unabhängig gemixt werden, wobei nochmals ein Noise-Generator vorhanden ist. Wer sich wenigstens ein bisschen mit subtraktiver Synthese auseinandergesetzt hat, wird sich ungefähr ein Bild davon machen können, welch flexible Möglichkeiten allein in den Oszillatoren stecken. Dabei kann der microKORG kalt und schon richtig ätzend, dank Pulsweiten- oder Sägezahn-Modulation aber ebenso warm und fett klingen. „Schräge“, ereignisreiche und glockige Spektren gelingen mit Cross- und Ringmodulation, während Sie mittels Oszillator-Synchronisation das Skalpell ansetzen.

Filter

Das Filter arbeitet sauber und kann per Resonanz in die Selbstoszillation gefahren wer- den. Neben 12/24 dB Tiefpass bietet das Filter alternativ Bandpass und Hochpass an, jeweils mit 12-dB-Chrakteristik. Es lassen sich vielseitige Klangverläufe und Verhaltensweisen des Filters realisieren: Die Filter-Cutoff- Frequenz lässt sich per Controller, Velocity (s. u), Filter-Envelope, LFO und Key-Trackin modulieren, und die Envelope-Intensität ist ebenso wie das Keytracking bipolar einzustellen, sodass auch invertierte Wirkungsweisen zu erzielen sind – keine weiteren Fragen.

Amplifier

Die für das Filter genannten Modulations- quellen lassen sich selbstverständlich ebenso auf die Verstärkersektion anwenden, wobei der AMP-Sektion ein separater Envelope zur Verfügung steht. Besonderheit ist eine Distortion-Funktion. Leider bietet diese keine Regelmöglichkeiten, ist aber immer gerne als „Brachializer“ willkommen.

LFO 1&2

In Bewegung bringt man die Sounds mit Hilfe der beiden LFOs (Wellenformen: Säge- zahn, Rechteck, Dreieck, Sinus, S&H), die in Frequenz, Key Sync und Tempo Sync eingestellt werden können. Aufgrund der Tempo- Synchronisation erstellen Sie im Handumdrehen rhythmische Modulationen, sehr nett beispielsweise im Zusammenhang mit einem Arpeggiator-Layer oder per Audio-In eingespeisten Material.

Virtuelle Patches

Was beim legendären MS20 das Steckfeld, sind beim microKORG Virtual Patches, deren Aufgabe es ist, die feste „Verschaltung“ des microKORG zu ergänzen. So lässt sich beispielsweise die Tonhöhe der Oszillatoren auch per Envelope modulieren. Auch ließe sich etwa die Panorama-Position an die Ton- höhe oder eine LFO-Modulation knüpfen. Ja sogar die Modulation der Modulation ist möglich, z. B. durch die Steuerung der Geschwindigkeit des zweiten LFO durch LFO1. Vier solcher Modulationsverknüpfungen sind möglich, wobei als Modulationsquellen die Handräder, LFOs, Hüllkurven, Velocity und Keytracking zur Verfügung stehen, die sich auf eine feste Auswahl an Klangparametern anwenden lassen.

Vocoder

Der Vocoder des MS2000 wurde ebenfalls lückenlos übernommen. Einzige Vereinfachung ist die Kombination jeweils zweier benachbarter Frequenzbänder, es handelt sich also nach wie vor um einen 16-Band- Vocoder, der aber in acht „Kanälen“ regelbar ist. Mittels EDIT SELECT 2 können die Vocoder-Channels in 4er-Sets angewählt werden, um sie in Level und Panorama einzustellen. Im Vocoder-Betrieb dient der OSC1 weiter- hin als Klangerzeuger und liefert mit vollem Funktionsumfang ein max. vierstimmiges Trägersignal (externe Signale lassen sich aber auch verwenden).

Auch im Vocoder-Mode bieten sich vielseitige Modulationsmöglichkeiten, sehr interessante Effekte ergeben sich durch einen im Bereich von +/- 2 Oktaven einstellbaren Formantversatz (großer Roboter/kleiner Roboter) oder durch Regeln der Filter-Resonanz, was den Sounds einen extrem künstlichen Charakter verleiht.

Arpeggiator

Der Arpeggiator bietet sechs Möglichkeiten, Akkorde zu zerlegen, auch eine Trigger-Funktion ist an Bord, die einen auf der Tastatur gespielten Akkord repetiert. Mit LATCH, SWING, KEY SYNC, RESOLUTION (1/24 – 1/4), GATE TIME bekommt man hier alles, um wildeste Arpeggio-Eskapaden abzufeuern. Und mit dem Step-Arpeggiator legt der microKORG schon beinahe Step-Sequenzer- Qualitäten an den Tag. Arpeggien werden hier als 8-Step-„Sequenzen“ gehandelt, deren Schritte einzeln ein- und ausgeschaltet werden können. Mittels LAST STEP kann die Step-Anzahl sogar begrenzt werden, um etwa ungerade Sequenz-Motive zu realisieren – große Klasse!

Praxis

Sind Presets für manche Soundfreaks bereits ein rotes Tuch, dürfte bei wahren Puristen die einer Einordnung der Sounds in Stilbereiche wahrscheinlich für Zähneknirschen sorgen. Zum Glück darf man sich auf Grund mangelnder Edit-Möglichkeiten wahrlich nicht beklagen. Wer hingegen Presets benutzt, um z. B. schnell einen Sound einer bestimmten Sparte zur Hand zu haben, wird sich freuen, hier keine namenlosen Bänke durchsteppen zu müssen. Und – Hand aufs Herz – beschriftete Klebestreifen auf dem Bedienfeld zur Einführung eigener Sound-Kategorien haben auch einen gewissen Retro-Faktor ;-).

Für den Einsatz im MIDI-Setup fehlt dem microKORG nichts, sodass er auch als MIDI- Masterkeyboard mit integrierter Klangerzeugung eine gute Figur macht. Bedienfeld-Aktivitäten werden via MIDI übermittelt, die Parameter der Klangerzeugung sind per MIDI-Controller automatisierbar.

Viele Dinge wurden zugunsten einer einfachen Handhabung eingeschränkt, wie z. B. die Reduktion auf die gerade mal wichtigsten Effekt-Parameter, die Zusammenfassung der 16 Vocoderbänder auf 8 Kanäle sowie die Kontrolle der Parameter über zwei EDIT-SELECT-Schalter. Trotzdem bleibt der microKORG ein flexibler und leistungsfähiger Synthesizer, dessen Klangpotenzial die von den Presets vorgegeben Stilbereiche überragt. Von klassischen Lead-, Bass- und Pad-Sounds – und mit Einsatz der Modulationsmöglichkeiten – sogar bis zu sehr abgedrehtem Modular-Geblubber vermag der microKORG ein breites Klangspektrum abzudecken. Sehr gefallen hat auch der Arpeggiator, der irgend- wie aus allem Musik macht und dank Step-Funktion in Sachen Groove-Design einiges mehr drauf hat als ein konventioneller Arpeggiator.

Fazit

Mit seinen beleuchteten Tastern, Reglern im Minimoog-Design und dem schmucken Retro-Look ist der microKORG auch optisch eine kleine Sensation. Ansonsten besitzt der Korg-Bonsai sogar mehr als man von einem klassischen Analog-Synthesizer erwartet. Er dürfte vor allem diejenigen begeistern, die einen preiswerten, handlichen Synthesizer/Vocoder brauchen, nicht aber auf Flexibilität verzichten wollen. Dafür stehen die weitreichenden Möglichkeiten der Oszillatoren, gut klingende Filter und dank virtueller Patches Modulations-Möglichkeiten, die man bei dieser Handvoll Synthesizer wahrlich nicht vermutet hätte.

Dank der schlanken Maße und Gewicht passt der microKORG hervorragend ins Reisegepäck, DJ-Set oder Live-Elektronik-Set – neben Laptop und Drumcomputer. Mit dem mitgelieferten Mikrofon können Sie gleich losvocodern, und der Hersteller schenkt einen Editor dazu – und das alles zum Einsteigerpreis von 670 Euros. Da kann man nicht meckern.

Anmerkung: Der microKorg erfreut sich nach wie vor einer großen Fangemeinde und ist nach wie vor zum Straßenpreis von etwa 350 Euro erhältlich!

Hersteller / Vertrieb: Korg & More, Marburg
Internet: www.korg.de
Unverb. Preisempfehlung: ca. 350,-

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