Reise zum Mittelpunkt des Oszillators

U-He Repro-1 – Software-Synthesizer im Test

Wenn es einer kann, dann Urs Heckmann und sein U-He-Team: analoge Schaltkreise ins Silizium-Universum transferieren, ohne dass der Software-Patient am Ende der Reise leblos wirkt. Jetzt hat er sich den Pro-One von Sequential Circuits vorgenommen, eine Synth-Legende, die deutliche Spuren in der Popmusik-Evolution hinterlassen hat. Kann der Repro-1 von U-He im Vergleich zum Original überzeugen?

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Auch Vintage-Stalinisten müssen zugeben, dass U-He mit Diva vor ein paar Jahren eine wunderbare Analog-Synth-Emulation erschuf. Diva hatte aber keine konkreten Vorbilder, sondern vereinte die Eigenschaften vieler Analog-Synths in sich. Nun aber geht es um die 1:1-Umsetzung von Dave Smiths monofonem Synth-Klassiker Pro-One, der im Jahr 1981 herauskam und mehr oder weniger auf dem Prophet-5 beruht. Der Software-Synth Repro-1 ist mit 99,− Euro erstaunlich günstig und steht für Windows, Mac und Linux zur Verfügung.

Einer der ersten, die das Potenzial des 1981 vorgestellten SCI Pro-One erkannten, war das englische Synthpop-Genie Vince Clarke, der den Pro-One schon beim ersten Depeche-Mode-Longplayer Speak And Spell von 1981 benutzte. Clarke verliebte sich in den Synth und setzte ihn nach seinem Weggang von Depeche Mode bei der Produktion seiner beiden Yazoo-Alben (inkl. des Über-Hits Don’t Go) häufig ein.

Zu den Pro-One-Benutzern gehören u. a. Nitzer Ebb, Jeff Mills, New Order, Bronski Beat, Front Line Assembly, Tangerine Dream, Bolz Bolz, Freddy Fresh, Die Krupps, IF und unzählige andere.

Klangarchitektur: Die klassische, subtraktive (auf Curtis-Chips basierende) Synthese des Pro-One wird vom U-He Repro-1 detailgenau nachempfunden. Die beiden Oszillatoren sind mit vierstufigen Fußlagenschaltern ausgestattet und arbeiten mit den Wellenformen Sägezahn und Pulswelle, wobei die Pulsbreite individuell regelbar ist. Oszillator 2 verfügt außerdem noch über eine Dreieckwelle. Oszillator A lässt sich zu B synchronisieren, Oszillator B kann zudem als zusätzlicher LFO betrieben und von der Tastatursteuerung abgekoppelt werden. Außerdem ist ein Noise-Generator an Bord. Die Portamento-Abteilung bietet anders als das Original mehrere unterschiedliche Modi. Das 4-Pol-Tiefpass-Filter ist mit Resonanz, Envelope Amount und Keyboard-Tracking ausgestattet – anhand einer im vorigen Jahr herausgebrachten, kostenfreien Alpha-Version konnten User über mehrere Filtermodelle abstimmen. Für den Amplifier und das Filter steht jeweils eine ADSR-Hüllkurve zur Verfügung.

Das Highlight des Pro-One ist seine sehr effektive und gut bedienbare Modulationsmatrix, mit der man ursprünglich brave Klänge zu bösartigen Sound-Vampiren mutieren kann: Drei Modulationsquellen (LFO, Oszillator und Filter-Hüllkurve) lassen sich auf fünf Modulationsziele routen (Pulsbreite Oszillator A und B, Frequenz Oszillator A und B sowie Filtereckfrequenz). Die Modulations-Sektion wurde noch etwas um eine Perform-Abteilung mit zwei Slots ergänzt, in der man z. B. dem Modulations-Wheel oder der Velocity beliebige Parameter per Drag&Drop zuordnen kann.

U-Hes Next Topmodel(ing): Die Schaltungen mehrerer Original-Pro-Ones wurden von den Entwicklern analysiert und mithilfe von akribischem Komponenten-Modeling nachprogrammiert. Die Entwickler gehen aber noch einen Schritt weiter und lassen den User in das Herz des Gerätes eintauchen und eigene Modifikationen vornehmen. Dies geschieht im wunderschönen Tweak-Menü, das einen fotorealistischen Einblick auf das Innere des Synths ermöglicht. Hier kann man endlich mal ungestraft auf der Platine rumfummeln, nach Herzenslust Jumper verstellen, experimentieren sowie diverse Oszillator-, Filter- und Envelope-Varianten aktivieren. So lassen sich verschiedene Filter mit unterschiedlichem Resonanzverhalten aktivieren, in der Oszillator-Abteilung Wellenformen invertieren oder die Dreieckswellenform stärker betonen, um etwa basslastigere Sounds zu ermöglichen.

An Bord sind natürlich auch der zugehörige Arpeggiator sowie der (durch Cybotron/Juan Atkins Clear unsterblich gemachte) On-Board-Sequenzer; er wurde auf 64 Steps erweitert, kann jetzt pro Step individuelle Velocity-Werte wiedergeben und lässt sich bequem mit der Maus programmieren. In der Effekt-Abteilung gibt es eine wirklich gelungene Auswahl von Algorithmen, wobei keineswegs nur Wald-und-Wiesen-Modelle an den Start kommen. Bei den als Bodentreter dargestellten Effekten findet man neben einem Wavefolder (ein spezieller Waveshaper), der übrigens auch vom LFO moduliert werden kann, die Simulation eines Eimerketten-Delays, einen Resonator, einen Plate-Reverb und einen Sättigungseffekt mit Stereo-Panorama-Verbreiterung.

Die Liebe zum Sound-Detail hat ihren Preis: Den muss man weniger in barer Münze (99,− Euro sind wirklich sehr fair), sondern eher in Form von CPU-Power zahlen. Zwar wird dem Prozessor lange nicht so viel abverlangt wie beim Softwaresynth Diva, aber insbesondere beim Einsatz mehrerer oder gar aller Effekte kann es auf älteren Rechnern im Produktionsgeschehen schon mal ein wenig eng werden. Anders als bei Diva wird auch ohne aktivierte Noten Prozessorleistung abgerufen. Zum Glück gibt es neben dem Hochleistungs-Modus auch einen Schongang für die CPU.

Mit dem Software-Synth lässt sich − auch dank vieler liebevoller und nützlicher Details wie etwa den kleinen Fein tuning-Schrauben für die beiden Oszillatoren – wunderbar arbeiten.

Das U-He-Team hat den Charakter des Pro-One sehr gut getroffen und ist damit wirklich sehr nahe am Original. Der Repro-1 deckt wie sein Vorbild ein breites Klangspektrum ab, das von runden, warmen und basslastigen Klängen à la Vince Clarke bis zu heftigen, brachial-bösartigen und perkussiven Sounds im Stil von Techno-Ikone Jeff Mills reicht. Das virtuelle Instrument schwächelt auch nicht (wie viele virtuelle Synths) beim dezidierten Schrauben in der Modulationsabteilung und generiert klaglos und artefaktfrei z. B. sägende Sync-Sounds, FM-Artiges oder experimentelle, Ringmodulator-artige Klänge. Wenn man die Parameter auf einen MIDI-Controller legt und die Augen schließt, denkt man zuweilen, am Original zu schrauben. Die Software klingt in manchen Einstellungen etwas höhenreicher als unser Pro-One-Vergleichsgerät, dafür wirkt dieses im Bassbereich etwas kohärenter und allgemein etwas dreckiger. Insgesamt ist U-He eine erstaunlich authentische Nachbildung gelungen. Man darf natürlich auch nicht vergessen, dass kein Pro-One-Hardware-Original klanglich haargenau dem anderen gleicht.

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