Produkt: Keyboards 03/2019
Keyboards 03/2019
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noch immer heiß geliebt

Synthesizer von Gestern: Roland Juno 106

BASS, BROT UND BUTTER

Von The Chemical Brothers bis Underworld − fast alle klassischen Elektronik-Acts standen mit dem Roland Juno-106 auf der Bühne oder haben ihn im Produktionsalltag eingesetzt. Der Synth gilt bis heute als leistungsfähiges Live-Instrument, wenn es um polyfone Analog-Sounds geht, und ist immer noch in vielen Studios zu finden.

Roland Juno 106 5

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Der Juno-106 ist eine Art VW Käfer unter den analogen Polysynths und einer der populärsten polyfonen Analogsynths der 80er-Jahre. Roland brachte den sechsstimmigen Boliden 1984 als Nachfolger des Juno-60 heraus. Seine damals hervorstechendste Eigenschaft neben seinem guten Klang ist die MIDI-Implementation, die auch heute noch als gelungen bezeichnet werden kann; so gut wie jeder Regler gibt MIDI-Controller- Befehle aus und kann sie empfangen. Die Vorgänger Juno-6 und -60 waren noch mit der umständlichen, Roland-eigenen DCB-Schnittstelle ausgestattet.

Roland baute auch den HS-60 mit eingebauten Lautsprechern, dessen Klangerzeugung aber mit dem 106 identisch ist. Der damalige Preis war mit knapp unter 2.000,− Mark vergleichsweise günstig. Der Juno-106 wurde zwischen 1984 und 1988 gefertigt und gehört zu den erfolgreichsten polyfonen Analogsynths der japanischen Firma. Roland hat den Klassiker kürzlich in einer Miniversion mit virtuell-analoger Klangerzeugung wiederauferstehen lassen.

Sein weicher, spaciger Sound hat viele Detroit-Techno-Produktionen der ersten und zweiten Generation geprägt, die sich oft durch magische, Quarten-lastige Flächensounds auszeichnen. Pioniere wie Derrick May, Kevin Saunderson, Kenny Larkin, Carl Craig oder Terrence Dixon benutzen den Juno-106 sowohl auf der Bühne als auch im Studio. Weitere User sind u. a. Autechre, The Chemical Brothers (die den Synth live gerne mal durch ein Boss »Metal Zone«-Distortion-Pedal schicken), Daft Punk, Vince Clarke, Moby, 808 State, Underworld, Fatboy Slim, Madonna-Produzent William Orbit, Josh Wink, Todd Terry, Depeche Mode, The Prodigy, Apollo 440, Faithless, Pet Shop Boys, Sneaker Pimps, Erasure, Freddy Fresh, Jimmy Edgar, Laurent Garnier, Vangelis, The Shamen und Sigur Ros.

Auch in nicht-elektronischen Genres taucht der 106 auf; so spielte etwa Stevie-Ray-Vaughan-Keyboarder Reese Wynans die Roland-Legende auf Tour und nutzte ihn für Orgel- und Spinett-artige Sounds.

Das Design des Juno-106, dessen bunte Farbgebung Roland in aktuellen Produkten öfter mal zitiert hat, kann man als optimistisch zeitlos bezeichnen; es wirkt auch heute noch frisch. Der Synth besitzt eine schnörkellose Klangarchitektur, die auf dem Bedienpanel aus stabilem Blech gut abgebildet wird. Dank der Fader kann man den Ist-Zustand der manuellen Einstellung gut erkennen. 128 in Achtergruppen organisierte Speicherplätze lassen sich bequem mit den Tastern über die nicht anschlagsdynamische, aber gut spielbare, fünf-oktavige Tastatur anwählen. Als Spielhilfe dient der klassische Roland-Pitch-Bender.

Der sechsfach polyfone Analog-Synth besitzt eine sehr gradlinige Klangarchitektur, die mit einem DCO (Digital Controlled Oscillator) pro Stimme arbeitet, der Sägezahn und Pulse generiert. Die Wellenformen lassen sich gleichzeitig aktivieren, sind jedoch nicht stufenlos mischbar. Digital kontrolliert wird hier nur die Tonhöhe, die Wellenformen sind analog erzeugt. Als Filter dient ein Tiefpass mit Resonanz, der den Sound kraftvoll formt, außerdem kommt ein mehrstufiges, resonanzloses Hochpassfilter zum Einsatz. VCF und VCA müssen sich eine ADSR-Hüllkurve teilen, die das Lowpass-Filter auch invertiert modulieren kann; der VCA lässt sich wahlweise auch mit einer Gate-Hüllkurve betreiben. Ein einfacher Sinus-LFO mit Delay-Funktion moduliert die Pulswelle, VCA und die Eckfrequenz des Tiefpassfilters. Abgerundet wird das Ganze durch einen sehr effektiven, aber gut rauschenden Chorus-Effekt.

Achilles-Chips. Die Fertigungsqualität des Juno-106 ist sehr gut, und das Gerät ist definitiv Road-tauglich. Seine Achillesferse ist allerdings der Roland-eigene Chip 80017A − eine Zahlenkombination, die Juno-Fans trocken aufschluchzen lässt. Diese sechsfach vorhandenen Chips sind vergossen und beherbergen Filter und VCA für eine Stimme. Sie neigen dazu, im Laufe der Zeit kaputtzugehen, was sich in einem merkwürdig flachen Klang (einer Stimme) ohne richtige Filter-Kontur äußert. Beim Gebrauchtkauf sollte man einen Sound mit viel Resonanz einstellen und sechs Töne nacheinander spielen und halten, um defekten Stimmen auf die Schliche zu kommen. Auch ist es ratsam, diesen Test nach einiger Zeit zu wieder – holen, denn die Filter-Chips funktionieren oft in den ersten 10 bis 15 Minuten nach dem Einschalten perfekt und geben dann erst ihren Geist auf. Roland stellt die Chips leider nicht mehr her, aber zum Glück gibt es einige Kleinfirmen, die Nachbauten anbieten.

Das Klangspektrum des Juno-106 ist zwar begrenzt, aber das, was er kann, macht er richtig gut. Zu seinen Stärken gehören Brot- und Butter-Sounds: weiche, lebendige Pads- und spacige Flächenklänge gelingen auch dank des einzigartigen Chorus problemlos, im Bassbereich liefert er mithilfe des Suboszillators wunderbar druckvolle Bässe. Trotz fehlendem zweiten DCO lassen sich Schwebungen mithilfe der lebendigen Pulswellenmodulation und des unnachahmlichen Chorus generieren. Auch groovige Sequenzer- und Arpeggio-Sounds oder einfache, aber durchsetzungsfähige Lead-Synths lassen sich mit dem Synth problemlos erzeugen.

Simple, repetitive Patterns gehen einem beim Juno- 106 nach kurzer Zeit nicht (wie bei manchen VA-Synths) auf die Nerven, sondern bleiben charmant und lebendig. Dabei spielt der charakterstarke und warme Grundsound der Oszillatoren ebenso eine Rolle wie das zupackende, warme Filter, das auch bei hohen Resonanzwerten nie unangenehm oder harsch wirkt. Auch perkussive Sounds sind dank der schnellen Hüllkurve kein Problem.

Nicht zum Repertoire des Synths gehören dagegen experimentelle, geräuschhafte Klänge; hier muss er (wie auch seine Vorgänger) mangels Ringmodulator, Cross-Modulation oder Oszillator-Sync passen.

60 ODER 106? Unter Synthfreaks wird heiß diskutiert, ob der 106 oder der Juno-60 (bzw. Juno-6) klanglich überlegen ist. Der Vorgänger wirkt ein wenig erdiger und breiter als der 106, aber welcher der beiden besser klingt, ist letztlich Geschmackssache. Wenn ich mich zwischen dem Juno-60 und dem Juno-106 entscheiden müsste, fiele die Wahl knapp auf den 106; und zwar nicht nur wegen seiner MIDI-Schnittstelle, sondern auch wegen seines runden und etwas moderneren Sounds, auch wenn er im Vergleich zum Vorgänger manchmal einen Tick kühler und technoider klingt; er lässt sich wunderbar in Arrangements und Klangkontexte einfügen, ohne dass noch viel mit EQ und Kompressor geschraubt werden müsste.

Bis heute ist der Juno-106 Bestandteil des Bühnensetups vieler Elektronik-Live-Acts, denn der Synth klingt toll, lässt sich gut transportieren und besitzt eine bedienerfreundliche Oberfläche. Aha-Keyboarder Magne Furuholmen setzt den Synth auch jetzt noch bei ihren Live-Gigs (wie etwa bei Rock in Rio 2015, siehe YouTube) ein.

In seiner Boutique-Serie, in der auch der JX-3P und der Jupiter neu interpretiert wurden, brachte Roland mit dem JU-106 eine kompakte und preiswerte Miniversion des Juno-106 heraus. Dabei hatte die Firma sicherlich auch den bühnenorientierten Musiker im Auge, denn das superkompakte Design macht ihn zum idealen Live-Tool.



Der Juno-106, einer der größten Verkaufserfolge Rolands, stand in der Empfehlungsliste vieler lange Zeit im Schatten seines Vorgängers Juno-60. Im Laufe der letzten Jahre hat sich diese Einschätzung geändert. Viele prominente Juno-106-Benutzer sorgten indirekt dafür, dass auch dieses Modell aus seinem Dornröschenschlaf erwachte und zu den gefragten Oldtimern unserer Zeit zu zählen ist.

Angefasst

Die Stimmenarchitektur von Juno-60 und Juno-106 ist nahezu identisch. Jede der 6 Stimmen ist wie folgt aufgebaut:
Als Klangquelle dient ein DCO (Digital Controlled Oszillator), der Sägezahnwelle, Puls- welle und Weißes Rauschen bietet. Die Puls- breite kann entweder manuell oder per LFO verändert werden. Sägezahn- und Pulswelle können auch gleichzeitig angewählt werden, jedoch gibt es hier nur die Wahl zwischen On und Off – eine stufenlose Mischung beider Signale ist nicht vorgesehen. Stufenlos per Schieberegler zumischen lassen sich hingegen die Signale des Rauschgenerators und des Suboszillators. Letzterer stellt ein Rechtecksignal zur Verfügung, welches eine Oktave unter der Tonhöhe der Hauptoszillatoren liegt. Mit Hilfe dieses Suboszillators und des eingebauten zweistufigen Stereochorus ist der Juno-106 in der Lage, druckvolle Sounds zu erzeugen, die man von einem Synthesizer mit nur einem Oszillator pro Stimme nicht unbedingt erwartet. Der LFO des Gerätes (Sinuswelle, Frequenzbereich: 0,1 Hz bis 20 Hz) kann entweder automatisch durch Tastendruck oder manueller Modulation des Benders aktiviert werden. Das Einsetzen der LFO-Modulation lässt sich mit Hilfe einer Delay-Funktion um bis zu 3 Sekunden verzögern, wodurch z. B. die Realisierung eines Einschwingvibratos kein Problem darstellt.

Filter

In der Filtersektion finden sich ein manuell in vier Stufen (0/1/2/3) durchstimmbares Hochpaßfilter sowie ein spannungsgesteuertes Tiefpaßfilter mit einer Flankensteilheit von 24 dB. Der Resonanzregler ermöglicht extreme Einstellungen bis hin zur Eigenresonanz des Filters. Die Cutoff-Frequenz lässt sich sowohl von der Hüllkurve (positiv und negativ), vom LFO, als auch von der Tastaturspannung modulieren. Diese drei Modulationsquellen sind stufenlos mischbar.

 

In der aktuellen Keyboards-Ausgabe getestet: Der analoge Polysynth Deepmind 12 von Behringer, der auf den Juno 106 basiert. 


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Hüllkurven?

In Sachen Hüllkurven präsentiert sich der Juno-106 leider ebenso spartanisch wie sein Vorgänger: Es steht lediglich eine ADSR-Hüllkurve zur Verfügung, die sowohl für die Steuerung des Filters als auch des VCAs zuständig ist. Der mit einem Lautstärkeregler ausgestattete VCA lässt sich bei Bedarf auch über eine feste Gate-Hüllkurve (Attack = 0, Decay = 0, Sustain = 100 %, Release = 0) anstelle der ADSR- Hüllkurve kontrollieren.

Wie man sieht, gibt es bezüglich der Stimmenarchitektur mehr als deutliche Parallelen zwischen dem Juno-106 und seinem Vorgänger. Doch es finden sich auch einige wesentliche Verbesserungen: So bietet der Juno-106 anstelle der 56 Plätze des Juno 60 128 Programmspeicher, eine Portamentofunktion mit On/Off-Schalter und Rate-Regler, spezielle, in die DCO Sektion integrierte Fußlagenwahlschalter sowie eine serienmäßige MIDI- Schnittstelle.

Roland Juno-60

Der Arpeggiator, Hold-Taster und die Option der Pulswellenmodulation via Hüllkurve blieben hierbei jedoch auf der Strecke. Dennoch ist und bleibt der Juno-106 ein hervorragendes Instrument, ausgestattet mit einem Bedienfeld voller Taster und Regler, die die Soundeditierung und Programmierung zum Kinderspiel machen.

MIDI

Das Instrument vermag auf 16 MIDI-Kanälen Informationen zu empfangen und bietet sogar einen einfachen MIDI-Input-Filter in Form eines Dreifachwahlschalters auf der Geräterückseite. In Position I werden ausschließlich Keyboardinformationen verarbeitet, in Position II Keyboard-, Bender- und Programm- Change-Informationen und in Position III so- gar SysEx-Daten. Hierbei werden zum einen die Reglerbewegungen in Echtzeit übertragen, zum anderen bei Programmumschaltung die kompletten Soundparameter des aufgerufenen Programms. Ein Bulk Dump des kompletten Speicherinhaltes (128 Programme) via SysEx ist leider nicht möglich – wer die Daten per SysEx archivieren will, muss sie Patch für Patch senden. Soll der komplette Speicherinhalt in einem Arbeitsgang gespeichert oder geladen werden, so ist dies ausschließlich über das integrierte Cassetteninterface möglich.

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Sound

Alles in allem ist der Roland Juno-106 ein grundsolider, ausgesprochen anwenderfreundlicher Synthesizer, der in der Lage ist, sehr druckvolle analoge Sounds zu erzeugen. Obwohl nach wie vor manche dem Juno-60 den Vorzug geben, ist der Juno-106 durch sein werkseitig integriertes MIDI-Interface derzeit als einer der empfehlenswerten Low-Cost-Synthesizer auf dem Gebrauchtmarkt anzusehen (Gebrauchtmarktpreis derzeit (je nach Zustand) ca. 800 – 1300 Euro; Neupreis 1984 ca. DM 2900,–).

Auch wenn nach Meinung verschiedener Anwender leichte Sound-Unterschiede zugunsten des Juno 60 bestehen, sind diese meiner Ansicht nach minimal. Der Juno-106 liefert klanglich das, wofür bereits der Vorgänger bekannt war: druckvolle Bässe, Orgeln, Synthesizerstreicher, perkussive Sounds sowie ein reichhaltiges Sortiment an analogen Effektsounds. Wirklich ausgefallene Klänge gehören allerdings nicht zum Repertoire dieses Instrumentes. Dies liegt zum einen an der spartanisch ausgestatteten LFO-Sektion und zum anderen am Fehlen solch spezieller Funktionen wie Ring- und Crossmodulation bzw. Oszillatorsynchronisation. Auch der Umstand, dass lediglich eine ADSR-Hüllkurve zur Verfügung steht, schränkt die klanglichen Möglichkeiten ein.

Klangliche Kostproben des Juno-106 finden sich u. a. auf George Michael’s „I Want Your Sex“, wo der 106 nicht nur für den wabernden Synthesizersound sorgt, sondern ebenfalls die Basslinie sowie die gegateten und getriggerten Parts übernimmt.

Im Laufe der 90er Jahre wurde der Juno-106 mehr und mehr für die Erzeugung von Bass- Sounds entdeckt. Unter anderem von Gruppen wie DNA, Bass-O-Matic oder Incognito, wobei sich diese Liste durch unzählige Acts aus dem Dance-Floor-Bereich fortsetzen ließe.

Produkt: Keyboards 04/2019
Keyboards 04/2019
ANALOGUE WINTER +++ Moog Matriarch +++ Doug Carn +++ NOVATION SUMMIT – Hybrider Polysynth +++ METRONOMY – Frontmann Joe Mount +++ ERICA SYNTHS PICO SYSTEM III – Modulares Komplettpaket

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