Produkt: Keyboards 03/2019
Keyboards 03/2019
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Studiologic Sledge – Synthesizer im Test

Studiologic Sledge Synthesizer_03

Wenn es im hart umkämpften Markt der Hardwaresynthesizer so etwas wie einen Trend gibt, dann den, Geräte zu produzieren, die mit einer einladenden Bedienoberfläche ausgestattet sind. Dass man dabei nicht auf Eigenschaften wie Polyfonie und Speicherbarkeit verzichten muss und trotzdem einen legendären Klang haben kann, beweist die Firma Studiologic mit ihrem ersten Hardwaresynthesizer Sledge.

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Studiologic ist ein italienischer Hersteller, der sich weltweit einen guten Namen als Lieferant von Tastaturen für andere Firmen gemacht hat und dessen Masterkeyboards bei vielen Keyboardern im Studio und auf der Bühne im Einsatz sind. Mit dem Sledge betreten die Italiener Neuland und haben sich als Kooperationspartner für die Firma Waldorf entschieden. Der Sledge ist ein achtfach polyfoner subtraktiver Synthesizer mit klassischem Aufbau: drei Oszillatoren, drei LFOs, zwei ADSR-Hüllkurven und ein resonanzfähiges Multimode-Filter, das zwischen 12 und 24 dB sowie Low-, Band- und Hipass umschaltbar ist. Das Filtermodul verfügt über einen DRIVE-Regler, mit dem man das gefilterte Signal durch gezielte Verzerrung mit Obertönen anreichern kann. Neben den Standard-Controllern wie Pitchbend und Modwheel (dessen Funktion vom Aftertouch gespiegelt wird) verfügt der Sledge über einen Arpeggiator.

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What you see is what you get

Ganz ohne versteckte Menüs oder Shift-Kombinationen ist die Bedienung intuitiv und lädt zum Soundschrauben ein. Jeder einzelne Aspekt der Klangerzeugung des Sledge ist auf der Bedienoberfläche mit einem eigenen Regler vertreten. Das zweizeilige Display wird nur für die Speicherverwaltung sowie die ARP-und MIDI-Parameter verwendet. Insgesamt stehen 32 Regler auf der Oberfläche des Sledge zur Verfügung. Der Sledge ist satte 40 cm tief und wiegt grade mal 8,3 kg! Der reichlich vorhandene Platz wurde großzügig verteilt, sodass jeder Regler bequem zu erreichen ist. Die Regler sind groß, liegen gut in der Hand und reagieren zuverlässig.

Zusammen mit der Sci-Fi-Bedruckung und den Colani-artigen Rundungen des Gehäuses versprühen sie einen echten Retrocharme, der irgendwo zwischen „Odyssee im Weltall“ und „Mondbasis Alpha“ liegt. Die poppig orange Farbe des Kunststoffgehäuses trägt zweifellos ihren Teil dazu bei. Während das Gehäuse und die ungewichtete 5-Oktaven-Tastatur eine Eigenentwicklung von Studiologic sind, arbeitet im Inneren des Gerätes eine Synthesizer-Engine aus dem Hause Waldorf, bei der unter anderem die legendäre Wavetable-Synthese zum Einsatz kommt. Beim Sledge stehen 66 Wavetables mit jeweils 100 Schwingungsformen zur Wahl, die allein Oszillator 1 zur Verfügung stehen. Die Oszillatoren 2 und 3 begnügen sich hingegen mit den Standardwellenformen Saw, Pulse, Square, Triangle und Sinus.

Sowohl Oszillator 2 als auch 3 können aber den ersten Oszillator frequenzmodulieren, und es besteht die Möglichkeit, OSC 2 mit OSC 3 zu synchronisieren. Beides erweitert das klangliche Spektrum des Sledge erheblich. Der Noise Generator fügt dem Klang weißes oder rosa Rauschen hinzu. Im Mixer fließen alle Signale zusammen und können im Pegel bestimmt werden. Wenn man in einem FM-Patch z. B. die ersten beiden Oszillatoren abschaltet, hört man nur noch das reine FM-Signal von Oszillator 3. Sehr nützlich sind die Regler für die Portamento/Glide- Funktion und die Möglichkeit, spontan zwischen poly- und monofonem Modus umzuschalten. Die Umsetzung der Anschlagdynamik auf die Lautstärke kann mit drei verschiedenen Kurven und einem Regler eingestellt werden. Die Cutoff-Frequenz des Filters lässt sich per Anschlagdynamik aber nicht steuern.

Studiologic Sledge Synthesizer_02

Modulation

Jeder der drei LFOs kann entweder die Filterfrequenz, die Lautstärke, Pitch, die Pulsbreite oder den Wavetable-Index modulieren. Besonders mit letzteren Parametern lassen sich sehr schöne, schwebende und in den Obertönen variierende Sounds erzeugen. In Verbindung mit Wavetable-Modulationen hätte ich mir gewünscht, die LFO-Geschwindigkeit zur MIDI-Clock synchronisieren zu können, um Timinggenaue Wavesequencing-Sounds im Verbund mit anderen Geräten zu erzeugen. Die LEDs der LFOs blinken aber mit der eingestellten Rate, was immerhin eine optische Kontrolle ermöglicht, bevor man einen Sound anspielt. Neben den üblichen LFO-Wellenformen lässt sich mit einer Ramp auch eine Art Minihüllkurve zu erzeugen, um damit z. B. gezielt einen schnellen kurzen Wavetable-Sweep in der Attack-Phase eines Sounds zu realisieren oder einen oder mehrere Oszillatoren in der Einschwingphase leicht zu verstimmen, um typische Synthbrass-Sounds zu erzeugen.

Effekte des Studiologic Sledge

Die Effektsektion ist überschaubar und besteht aus einem Modulations- und einem Raumeffekt, Letzterer kann entweder Hall oder Delay sein. Beim Modulationseffekt hat man die Wahl zwischen Chorus, Flanger und Phaser und kann die Geschwindigkeit und Intensität des Modulationseffektes kontrollieren. Die Qualität der Algorithmen geht in Ordnung. Beim Hall steht lediglich ein einziger Algorithmus zur Verfügung, und die Nachhall-/Delay-Zeit lässt sich nur in einem Wertebereich von 0 bis 127 einstellen. Hilfreich wäre hier eine Tap-Tempo-Funktion, denn so wird das Finden der richtigen Delay-Zeit live auf der Bühne zu einer echten Herausforderung. Für gravierender halte ich aber, dass das Delay keinen Regler für Feedback bietet, der nebenbei bemerkt auch beim Phaser und Flanger Sinn gemacht hätte. Vielleicht kann man diese Funktion ja mit einem Update nachreichen und z. B. ins Display einbauen?

Studiologic Sledge in der Praxis

Der Sledge wendet sich in erster Linie an Keyboarder, die auf der Suche nach einem klassischen Synthesizer sind, der einfach zu bedienen und leicht zu transportieren ist. Auf der Bühne dürfte er durch sein ausgefallenes Design eine gute Figur machen und als bunter Farbtupfer im allgemeinen Schwarz-Weiß der anderen Geräte auffallen. Aber nicht nur in optischer Hinsicht hat der Sledge ein paar Extras, die ihn von vergleichbaren Instrumenten unterscheiden, wie z. B. dem Roland Gaia, bei dem auch so ziemlich jede Funktion über einen eigenen Regler oder Taster erreichbar ist. Auch der Gaia verfügt über drei Oszillatoren, bietet aber nicht die legendären Wavetables. Keyboarder, die den Sledge auf der Bühne einsetzen möchten, werden sich über die Möglichkeit freuen, die insgesamt 999 Speicherplätze mithilfe der 10er-Tastatur oder dem Drehregler schnell und gezielt auswählen zu können.

Ein tolles Feature des Sledge, das man nicht mehr missen möchte, ist, dass so gut wie alle Regler auf seiner Oberfläche als MIDI-Control-Changes übertragen werden und sich per Sequenzer automatisieren lassen. So kann man gezielt jeden Aspekt des Klangs im Flow mit der Musik verändern und auch schon sehr komplexe Sound-Morphs erzeugen. Hier zeigt sich ein eindeutiger Vorteil einer Bedienoberfläche, auf der jede klangbestimmende Komponente intuitiv ins Recording-Geschehen einbezogen werden kann, ganz zu schweigen vom direkten Zugriff auf den Sound in Live-Situationen. Letztendlich entscheidet natürlich der Sound, und da sind die Geschmäcker erwartungsgemäß verschieden.

Leider sind nur knapp 100 der Speicherplätze im Sledge mit Werksounds gefüllt, die aber bereits einen guten Überblick der klanglichen Möglichkeiten des Gerätes bieten. Die Auswahl reicht erwartungsgemäß von klassischen Analogsounds über die typischen PPG-Wavetable-Sweeps bis hin zu scharfen FM- und Sync-Sounds. Kategorien wie Pad, Bass, Lead etc. helfen bei der Sortierung der Klänge. Kein Zweifel: Der Sledge ist ein „echter“ Synthesizer, der aufgrund seiner Extras klanglich aber nicht auf analoge Einheitskost beschränkt ist. Der Gesamtsound ist dabei druckvoll und zeigt Charakter.

Fazit

Wenn man sich die Ausstattung des Sledge anschaut, wird schnell klar, welchen Akzent dieser Synthesizer setzt: Mit nicht vorhandenem Multimode und voll bestücktem Bedienfeld richtet sich der Sledge vor allem an Keyboarder, denen der direkte Zugriff auf die Klanggestaltung wichtig ist – keine Untermenüs, keine Doppelbelegungen der Regler. Dank Frequenzmodulation, Oszillator-Sync und Wavetable-Synthese zeigt sich der gelbe Schlitten auch deutlich vielseitiger, als es sein klassisches Layout vorerst vermuten lässt. Wer einen waschechten Synthesizer mit grundsolidem Sound für sein Bühnen- und/oder Sequenzer-Setup sucht, sollte sich den Sledge durchaus genauer anschauen.

Plus/minus

+ umfassende Bedienoberfläche mit vorbildlicher MIDI-Implementation
+ guter Klang
+ Wavetable-Synthese & FM
+ gutes Preis/Leistungs-Verhältnis
+ robuste Verarbeitung

– kein Multimode
– LFO ohne MIDI-Sync
– minimale Parametrisierung der Effekte

Produkt: Keyboards 04/2019
Keyboards 04/2019
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