Streicher aus der Dose

Stringmachines & Multikeyboards

Das war die Zeit der … nun ja: Wer heute unversehens in einen der vielen gesichtslosen »Ich tu keinem weh«-Radiosender zappt und Jealous Guy von Roxy Music hört, weiß Bescheid: Dank Stringmachines wie dem Solina String Ensemble oder den Logan Strings verschwand manche durchaus avantgardistisch gemeinte Note unter einer dicken Schicht aus fetter Butter in Form von öligen, wabernden »Streicher«-Flächen.

 

Die meisten der dafür verantwortlichen Geräte klangen »pur« nach einem rostigen Draht, den man durch ein Stück Pappe zieht, aber ein unscheinbarer Schalter, auf dem so etwas wie »Ensemble« oder »Chorus« stand, verwandelte dünnen Wein in Honig. Kein Jarre, kein Top-40-Hit ohne Ozeane aus synthetischen Streichern − selbst Pink Floyds Shine On You Crazy Diamond hätte ohne Solina-Teppich nicht annähernd anregend auf Konsumenten leichter halluzinogener Drogen gewirkt; und wer Vangelis bis heute für den CS-80-Mann schlechthin gehalten hat, mag sich die Ohren reiben, wenn er erfährt, wie stark sein Sound von einem der genialsten Stringer aller Zeiten geprägt wurde: Rolands VP-330, der allerdings nicht nur Streicher, sondern auch Chöre konnte.

Alles für einen!

Denn nach (und mit) den Stringern kamen die Polysynths, die den vollpolyfonen Fettmachern eigentlich final den Stecker hätten ziehen müssen. Aber der wabernde, schimmernde, LSDige Ensemble-Sound, der blieb. Nicht zuletzt, weil die großen Polys teuer waren wie ein sechswöchiger Urlaub auf den Bahamas. Noch bis in die 80er-Jahre hinein hielt daher nahezu jede Instrumentenschmiede, die etwas auf sich hielt, polyfone Multikeyboards bereit, die in ihrer Mehrzahl leider inzwischen in ihren cheesigen Sounds versunken und vergessen sind, etwa Korgs PE-1000 und PE-2000 oder der schicke Lambda, allesamt in Gelsenkirchener-Barock- oder 70erTolex-Optik: Nicht so heiß wie ein Prophet-5, aber eben auch nicht so teuer. So ist heute nur noch Eingeweihten bekannt, dass etwa die Kultschmiede Roland neben dem strahlenden VP-330 auch Instrumente wie den RS-505 (»Paraphonic Strings«, laut Katalog »Der polyphone String-Synthesizer mit der Klangfülle eines ganzen Orchesters«) oder RS-09 (das Ganze zwei Nummern kleiner) am Start hatte − in Zeiten, in denen das Unternehmen ansonsten seine System-700- und 100MModularschrankwände, den monofonen Promars und sogar den Jupiter-4 in den Läden hatte. Im Prinzip verfängt der sahnige Ensemble-Sound bis heute, weshalb es wundert, dass ihm bislang erst Waldorf mit seinem genialen Streichfett ein dankbar angenommenes Hardware-Denkmal gesetzt hat.

Das eingangs angesprochene Problem der immer höheren Burgmauern lösten aber auch die Stringmachines nicht. Sie mussten später höchstens etwas zur Seite rücken, damit die ersten preiswerteren Polysynths wie Rolands Juno-6 oder Korgs Polysix unter die Finger der Tastenfraktion wandern konnten. Die Burgen wurden also massiver und höher, und so gesehen machen Jackson Brownes Load-Out-Zeilen So just make sure you got it all set to go Before you come for my piano einen ganz anderen Sinn: Denn bis die Roadies damals alle Orgeln und Synths einer typischen Prog-Rock-Combo entkabelt, sicher eingetütet und von der Bühne geschafft hatten, konnten alle anderen Bandkollegen schon drei lässige Tüten kreisen lassen.

Auch heute übrigens kommt man an den Originalen nicht vorbei, wenn man die Produktion mit dem Original-Flair von Synth-Acts wie Tangerine Dream, John Michel Jarre oder New-Wave-Ikonen wie John Foxx oder Joy Division veredeln will.

Klar, es gibt einige Libraries, mit denen man sich die oft recht sperrigen Vintage-Instrumente auf die Festplatte holen kann. Sie sind auch z. T. hochwertig, wie z. B. UVI String Machine oder G-Force Virtual String Machine, aber die Lebendigkeit und den speziellen, schwebenden Klangcharakter bei gleichzeitig überraschender Durchsetzungskraft bietet in der Regel nur die analoge Hardware. Das mag auch daran liegen, dass die Kombination von Frequenzteilerschaltung und dem speziellen Ensemble-Effekt auf digitalem Wege schwer zu reproduzieren ist.

Das Solina String

…gehört heute zu den begehrtesten Stringmachines und wurde auf zahllosen Produktionen eingesetzt, von denen die bekannteste vermutlich das Album Wish You Were Here von Pink Floyd ist, bei der das Instrument z. B. im Song Shine On You Crazy Diamond die Sonne aufgehen lässt. Auch Jean Michel Jarres Erfolgsalben Oxygene und Equinoxe wurden maßgeblich von diesem String-Sound geprägt, der allerdings aus einer Heimorgel stammt, denn die erste Solina-String-Version (die auch von Jean Michel Jarre verwendet wurde) kam schon 1972 als integrierter Klangerzeuger der Orgel 310 Unique des holländischen Orgelbauers Eminent auf den Markt. Erst 1974 war das Solina String-Ensemble (ohne Orgel) erhältlich. Wie bei den meisten Stringmachines sind die Streicher-Sounds in den zwei Oktavlagen (Viola und Cello) verfügbar.

Anspieltipps: Pink Floyd Wish You Were Here, Giorgio Moroder (die Disco-Strings!), John Lord, Bernie Worrell, Kim Wilde, Tomita, Vangelis, Heart und Airs Moon Safari. Klangeigenschaften: ikonenhafter Sound; das Instrument besitzt einen seidigen, weichen und transparenten Klangcharakter. Baujahr: ab 1974

Crumar Multiman.

Die Unterschiede zwischen Stringmachines und Multikeyboards sind fließend; Multikeyboards bieten neben der String-Sektion auch noch eine Reihe anderer Sounds. Eines der bekanntesten Multikeyboards ist das Crumar Multiman. Es verfügt neben einer kraftvollen und durchsetzungsfähigen String-Sektion über ein etwas merkwürdig klingendes »Piano«, passable Cembalo-Sounds, einen sinusartigen Tiefbass und eine parafone Brass-Sektion mit Tiefpassfilter, Resonanz und AD-Filterhüllkurve.

Anspieltipps: Manfred Mann, Klaus Schulze, Duran Duran (auf den ersten beiden Alben wurde der Crumar Performer extensiv verwendet), Stereo MCs, Sun Ra (Moment Of Silence, Disco 3000), Dave Greenslade (Time & Tide) und Holger Czukay (Movies) Klangeigenschaften: Die leicht körnig wirkenden Strings klingen auch allein sehr gut, aber im Zusammenspiel mit den anderen Sounds haben sie einen ganz eigenen Charme. Baujahr: 1975

Das Korg PE-1000

…nimmt unter den Stringmachines eine Sonderstellung ein, denn es bietet viele nicht alltägliche Möglichkeiten und ist mit Korgs legendärem Traveller-Filter ausgestattet. Synth-Großunternehmer wie Vangelis wussten um die Qualitäten des Instruments und setzten es Mitte der Siebzigerjahre bei diversen Produktionen ein. Außer der Traveller-Filtersektion gibt es eine Hüllkurven-Sektion mit Attack, Decay und Release (fälschlich als »Sustain« bezeichnet), eine Modulations-Abteilung mit Vibrato und Portamento sowie einen Oszillator-Wellenform-Wahlschalter. Die Presets (String, Pipe Organ, Brass, E-Piano, Piano, Harpsichord, Clavichord) lassen sich modifizieren. Sein fetter String-Sound lässt sich sehr gut mit dem Preset »Brass« kombinieren.

Klangeigenschaften: Nicht verwechseln sollte man das PE-1000 mit dem zeitgleich herausgekommenen PE-2000. Während das PE-1000 eher für Sounds mit definierter Attack-Phase (Brass, Piano, Harpsichord etc.) konzipiert wurde, liegt der Schwerpunkt des PE-2000 mehr bei von Korg damals sogenannten »Sustained«-Sounds wie Kirchenorgel, Strings etc.; beide Geräte sollten sich ergänzen. Baujahr: 1976

Das Logan String Melody

…aus Italien zählt zu den bestklingenden String-Ensembles. Dies liegt u. a. auch daran, dass es einen luxuriösen Envelope-Generator besitzt, der wie bei einem klassischen Synthesizer bei jedem Tastenanschlag neu gestartet wird, was zur Qualität des Sounds beiträgt. In Deutschland wurden die beiden Versionen des Logan String von Hohner unter dem Namen »Hohner String Melody« vertrieben. Das erste String Melody kostete damals ca. 2.600,− Mark.

Anspieltipps: The Enid, Der Plan, Pyrolator, Saul P. Kane Klangeigenschaften: fantastisch warmer und dichter Sound; verfügt über zwei Bass-Sounds und einen Envelope-Generator. Baujahr: 1978

Der Korg Lambda/Delta ES 50

…ist ein Geheimtipp unter den Multikeyboards und bietet neben Strings auch Piano, Brass, Orgel und Choir-Sounds. Seine Strings-Sektion arbeitet mit drei Oszillator-Sektionen, die gegeneinander verstimmt werden können.

Human League setzten bei der Produktion des groß- artigen Albums Dare auch den Korg Delta ein. Der polyfone Stringsynth wurde bis 1984 gebaut und kostete 1979 ca. 1.900,− Mark. Der Korg Delta ist ein vollpolyfoner Stringsynthesizer, der aber im Gegensatz zu vielen Stringmachines zahlreiche Features eines ausgewachsenen Synthesizers mitbringt und auch klanglich sehr flexibel ist. So bietet er u. a. ein Multimode-Filter mit wählbarer Lowpass- und Bandpass-Charakteristik.

Anspieltipps: Human League, Blancmange, Flock of Seagulls, Ladytron und der Warp-Act Broadcast haben den Delta gerne benutzt. Klangeigenschaften: feinziselierter, silbriger, leicht psychedelischer Klang Baujahr: 1979

ARP Omni & Quadra.

Der ARP Omni basiert im Wesentlichen auf der Klangerzeugung des Solina String-Ensembles. Zusätzlich ist er aber mit einem Lowpassfilter sowie einem LFO ausgestattet und daher klanglich vergleichsweise flexibel. Er ist auf vielen epochalen Aufnahmen (wie z. B. bei Joy Divisions Closer) zu hören. Zahllose Musiker benutzten den relativ kompakten Omni im Studio und auf der Bühne. ARP kombinierte später den Omni mit dem monofonen Synth Solus und erschuf den monströsen Quadra, ein Multikeyboard, das neben den Strings je eine Bass-, Poly-, und Solo-Sektion an Bord hat.

Anspieltipp: Joy Division, Herbie Hancock, The Cars, Supertramp, Henrik Schaper (Klaus Doldingers Passport, Heinz-Rudolf Kunze) Klangeigenschaften: verfeinert den typischen String-Ensemble-Sound des Solina String-Ensembles, der Quadra klingt durch seine verschiedenen Sektionen noch vielseitiger und fetter, mitunter auch ein wenig cheesy. Baujahr: 1976 (Omni), 1978 (Quadra)

Der Roland RS-09

…ist ziemlich kompakt und sehr transportfreundlich gestaltet. Die Roland-Produkt-und dem speziellen Ensemble-Effekt auf digitalem Wege schwer zu reproduzieren ist. palette umfasste bis dahin eher größere String-Synthesizer wie den RS-101 von 1975, der zusätzlich noch einen Brass-Sound bietet, und den RS-202, das erste Roland-Gerät mit dem legendären Chorus-Effekt, welcher später u. a. auch die Juno-Synthesizer veredelte.

Anspieltipps: Talk Talk, The Cure, Simple Minds, King Crimson Klangeigenschaften: vereint eine String- und eine Orgel-Sektion Baujahr: 1979 bis 1983

Yamaha SK-20.

Die SK-Synthesizer von Yamaha waren die Nachfolger der SS-30-Stringmachine und bieten mehrere verschiedene, analoge Klangerzeugungen. Der kleinste Spross der Familie ist der SK-10, der nur über eine Orgel-, String- und Brass-Sektion verfügt. Er wurde später durch den konzeptionell ähnlichen, aber leicht verbesserten SK-15 ersetzt. Der SK-20, der gerne von Sigur Ros eingesetzt wurde, bietet ähnliche Features wie der SK-10, allerdings wurde die simple Brass-Sektion des Vorgängers durch einen polyfonen Synthesizer ersetzt. Beim damals 4.400,− Mark teuren SK-30 kommt dann noch eine monofone Lead-Synth-Sektion hinzu.

Klangeigenschaften: Ein Schwergewicht ist der SK-50 D, der neben einer zweiten Tastatur zusätzlich über eine Bass-Klangerzeugung verfügt. Baujahr: 1979

ENSEMBLE GALORE.

Es existieren noch viele weitere, oft klangstarke Stringmachines und Multikeyboards (meist italienischer Herkunft), die aber in letzter Zeit immer seltener auf dem Gebrauchtmarkt zu finden sind. Dazu gehören z. B. Elka Rhapsody, Elex String Ensemble, Farfisa Synthorchestra (Klaus Schulze), GEM PK 4900, Hohner String Melody, Jen String Machine, Moog Opus 3, Siel Orchestra (auch unter dem Namen ARP Quartett vertrieben), Vermona Piano String (die DDR-Geheimwaffe), Welson Symphony und last, but not least der Korg Trident.

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