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Stagepiano: Clavia Nord Piano 4 im Test

Nord Piano 4(Bild: Petia Chtarkova)

Hoch im Norden scheinen die Räder mit unermüdlicher Geschwindigkeit zu drehen. Dabei hatte das Nord Piano 3 das Rentenalter doch gefühlt noch gar nicht erreicht. Scheint also ganz so, als wäre es doch schon wieder Zeit für eine Wachablösung …

Genau genommen war es nach der letzten Nord-Electro-Evolutionsstufe nur eine Frage der Zeit, bis Clavias neuste Technologien und Entwicklungen nun auch in das schwedenrote Stagepiano-Flaggschiff Einzug halten. Doch, stopp mal! Hat sich denn da überhaupt etwas verändert? Bis auf eine große 4 auf dem samtmatt gepulverten Gehäuse lassen sich auf den ersten Blick fast keine Unterschiede zum Vorgänger ausmachen. Never change a running appearance, oder was? Moment, da sehe ich doch was …

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… aber kann das alles sein?!

Looking closer:

Ey, jemand hat die Piano-Type-LED-Anzeige gemopst! Stattdessen findet sich dort nun ein Preset-Charakter-EQ in den Geschmacksrichtungen »Bright«, »Mid« und »Soft«. Während ich das von Clavia als Creative Piano Filters bezeichnetes Feature bereits vom amtierenden Electro-Modell kenne und bisher auch sehr zu schätzen gelernt habe, ist mir ersterer Schachzug leider komplett schleierhaft. Meiner Meinung nach war es gerade für ein Stagepiano durchaus sinnvoll, einen Anhaltspunkt zu haben, in welcher klanglich-stilistischen Ecke der unendlichen Speichertiefen man sich gerade befindet. Aber sei’s drum − das gut lesbare OLED-Display ist ja schließlich noch da.

Wie von vielen Usern Gewünscht, geht nun auch das Umschalten von Sounds absolut Nahtlos über die Bühne.

Eine wirklich schöne Neuigkeit ist die lang ersehnte Erweiterung der Polyfonie innerhalb der Piano- Sektion auf nun unbeschränkte 120 Stimmen (beim 3er waren es noch knapp bemessene 40 bzw. 60 im Mono-Betrieb). Trotz Anstieg der internen Piano- Varianten auf nunmehr 120 (6 Typen ? 20 Modelle), verbleibt die Gesamtspeichermenge mit 1 GB auf glei- chem Niveau mit dem nun bereits zwei Jahre alten 3er-Modell. Selbst wenn dies im Alltagsgeschehen weiterhin durchaus ausreichen dürfte, hätte ich mir im Hinblick auf Zukunft und Halbwertszeit schon noch ein paar MB extra gewünscht.Im gleichen Zug wie die Piano-Rubrik erfährt auch die Sample-Synth-Abteilung eine verdiente Stimm- verdoppelung auf 30+ sowie ein kongeniales und gleichsam nützliches Speicherupgrade auf immerhin 512 MB. Insgesamt 400 mögliche Programme fasst der interne Speicher des Nord Pianos, welcher sich wahlweise über die Benutzerführung am Gerät oder den praktischen Nord Sound Manager für Mac- & Windows-Systeme editieren und verwalten lässt.

Alleine oder zu Zweit: Piano- und Synth-Division lassen sich neben dem obligatorischen Solo-Betrieb natürlich auch im Split und Layer-Modus betreiben. Während sich das Verhältnis der beiden bei Letzterem direkt durch die jeweiligen Volume-Regler harmonisieren lässt, bietet die über die Tastatur verteilte Vari- ante mit dem neuen Crossfades-Feature eine ineinander überblendende Kuschelzone für Sounds diesseits und jenseits des Split-Punkts. Wie von vielen Usern gewünscht, geht nun auch das Umschalten von Sounds absolut nahtlos über die Bühne, ohne dass einzelne Programme beim Wechsel abgeschnitten werden.

Doesn’t matter if you’re black or white! Bei der verwendeten Tastatur handelt es sich weiterhin um die modifizierte, hammergewichtete Fatar-Variante mit insgesamt drei Sensoren samt der virtuell die Hammerbewegung eines echten Flügels nachbildende Virtual Hammer Action Technology, welche ihre Stärke vor allem im direkten Zusammenwirken mit Pia- no-Sounds ausspielt, sich aber auch ausgezeichnet und komfortabel mit anderen Klängen spielen lässt. In Kombination mit dem mitgelieferten, dynamisch agierenden und sehr hochwertig verarbeiteten Triple-Pedal und dem dank Kunstkopfaufnahme vor instrumentaler Tiefe nur so strotzenden Royal Grand 3D bleiben so inklusive Dämpfergeräusch und Saitenresonanz fast keine klanglichen Wünsche (speaking Piano) offen.

Nur ein paar Detailänderungen an der Oberfläche; mehr Update findet sich »under-the-hood«! (Bild: Petia Chtarkova)

Klangliche Fülle: Durchgehend lässt sich attestieren, dass Clavia bei der Bestückung der Sample-Libraries schon immer ein glückliches Händchen und einen Sinn fürs Besondere besaß. Das Nord Piano 4 bildet mit Rückgriff auf die reichhaltige Palette verfügbarer Sounds hierbei keine Ausnahme. Auch wenn das Hauptgeschäft des Bühneninstruments klar im Spielfeld akustischer, elektrischer und digitaler Pia- noklassiker verortet ist, bieten auch die Sounds der Synth-Sektion ein vielseitiges und durch den kosten- freien Zugriff auf die gesamte Nord-Sound-Library ausgesprochen umfangreiches Klangangebot auf höchstem Niveau.

Hervorzuheben sind hier zum Beispiel die exklusiv über das ebenfalls in Stockholm beheimatete Mello- tron-Headquarter lizenzierten Sounds des gewichti- gen Band-Ursamplers, die sich in ähnlicher Qualität wohl nur mit einem Original-Instrument realisieren lassen. Ebenfalls ein neues Familienmerkmal, welches das Nord Piano 4 mit dem aktuellen Electro teilt, ist das Vorhandensein eines interessanten Bright-Modus innerhalb der in der EQ- und Effekt-Sektion untergebrachten Reverb-Einheit. Ansonsten ist hier angefangen bei den klassischen Bodentreter-Emulationen (Pan, Tremolo, Chorus, Flanger, Vibe etc.) über 3-Band-EQ, Delay und Reverb bis hin zur virtuellen Amp-Sammlung alles beim bewährt Alten geblieben. Jedes einzelne Modul lässt sich in der Praxis wahlweise der Synth- oder Piano-Sektion per Switch zuweisen. Direkt nach einem selbst zusammengestellten Pedalboard wohl eine der anwenderfreundlichsten und praxisgerechtesten Effektsektionen, die mir jemals untergekommen sind.

Praxisgerecht: Was man hier an Anschlüssen nicht findet, braucht man auch nicht! (Bild: Petia Chtarkova)

Überhaupt hat Clavia seit jeher einen feinen Sinn dafür, die Philosophie der Simplizität trotz aller inte- grierten Innovation niemals zu verraten. In diesem Sinne ist auch das Nord Piano 4 konzeptionell wieder ein solides und flachhierarchisches Werkzeug, welches die Musik und nicht die Funktionsvielfalt in den Fokus rücken möchte.

Funktionelle Erweiterungen: Eine weitere Übernahme aus dem Portfolio des Electro 6 bildet der sogenannte Live-Mode, mit welchem über fünf User-Plätze quasi im Auto-Save-Betrieb an Klängen geschraubt werden kann. Gespeichert wird also pro

Preset immer der exakt letzte Stand. Auch die bereits beim Nord Electro positiv aufgefallene Organize-Funktion, mit der sich nun auf einfache Weise Pro- gramme unter den Bänken hin und her schieben lassen, ist eine wirklich praktische Erweiterung für ein Live-Instrument und eine stimmige Ergänzung für das Nord Piano 4.

Conclusio: Zwar ist die große rote Revolution erwartungsgemäß ausgeblieben, dennoch handelt es sich bei der 4. Nord-Piano-Inkarnation um ein sinnvolles und zeitgemäßes Update. Auch wenn sich mittlerweile auch andere Hersteller um die bei den Schweden seit Nord-Lead-Zeiten gepflegte Simplizität bemühen, ist das Konzept der Clavia-Instrumente weiterhin alter- nativlos einzigartig und dabei immer konsequent aus der Sicht des ausführenden Musikers gedacht. Das Nord Piano 4 ist ein wirklich solides, wenn auch nicht billiges Werkzeug der Oberklasse, mit dem man nicht nur ungemein gut arbeiten kann, sondern auch sollte. In diesem Sinne, ab an die Tasten − der nächste Gig wartet!

Hersteller/Vertrieb: Clavia / Sound Service GmbH

Internet: www.nordkeyboards.com

Straßenpreis: ca. 2.500,− Euro

Unsere Meinung:
+ Stagepiano-Konzept
+ Sound & Bedienung
+ Tastatur

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