Produkt: Keyboards 02/2019
Keyboards 02/2019
DIGITAL SUMMER+++DON AIREY: An den Tasten von Deep Purple+++GEWA MUSIC: Ein Blick in die Produktion+++SAMPLING VS. PHYSICAL MODELING: Die Unterschiede zwischen Konserve und Original
VINTAGE PARK

Roland SH-09 (*1980)

Dave Stewart mochte Synthesizer schon immer und setzte sie vor allem in den Anfangstagen der Eurythmics sehr clever ein. Zu seinem frühen Equipment gehörte neben einem SCI Sixtrack auch der kleine RolandSynth SH-09, den man vom Konzept her als direkten Vorfahren des bekannten Roland SH-101 sehen kann.

Roland SH-09
Roland SH-09 (*1980) (Bild: Dieter Stork)

Stewart verwendete den kompakten Analogboliden z. B. bei den Songs Aqua (vom 83erAlbum Touch) und bei Love You Like A Ball And Chain. Auch andere Synthesizer-orientierte Acts wie Cabaret Voltaire, Yazoo, Yello oder OMD erkannten die Qualitäten des Roland-Synths und benutzen ihn bei ihren Produktionen. Er ist u. a. auf OMDs bekanntestem Hit Enola Gay zu hören, wo er den Basspart liefert (die Melodie kommt von einem Korg Micropreset).

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Auch in den 90er-Jahren besann man sich wieder auf die Qualitäten des SH-09. Er stand zwar nicht so im Mittelpunkt wie der SH-101, der als beliebter Technosynth einen zweiten Frühling erlebte, aber er wurde vor allem als Bassgeheimwaffe von Acts wie Massive Attack, Orbital, 808 State, Sabres Of Paradise, Banco De Gaia oder Pulp und später auch bei den Elektrohelden Jimmy Edgar und Ladytron eingesetzt. Roland brachte den SH-09 1980 für ca. 1.000 Mark auf den Markt.

Äußeres

Äußerlich zeigt der SH-09 eine starke Verwandtschaft mit der TR-808-Rhythmusmaschine. Es wurde das gleiche superstabile Stahlblech verwendet, und die Plastikseitenteile ähneln sich auch. Die Holzleisten an den Seitenteilen unseres Testgerätes sind übrigens nicht originalgetreu, sondern wurden nachträglich vom Besitzer angebracht. Trotz seiner geringen Größe (ca. 60 × 30 × 6 cm) ist er kein Leichtgewicht und bringt ca. 6,1 kg auf die Waage.

Die Bedienelemente sind übersichtlich angeordnet; die silbernen Wahlschalter für die Oszillator-Wellenformen und -Oktavlage kennt man auch von anderen Geräten der 09-Familie wie dem Sting/Organ-Synth RS-09 oder dem E-Piano EP-09, die ebenfalls 1980 herauskamen. Die (natürlich nicht anschlagdynamische) Tastatur umfasst zweieinhalb Oktaven und hat noch das alte, für Roland-Geräte der 70er typische Waterfall-Design mit den leicht abgerundeten Tasten. Als Spielhilfe steht der klassische Roland-Bender zur Modulation der Tonhöhe des Oszillators und der Filtereckfrequenz zur Verfügung.

Unter mehreren Gumminoppen verbergen sich Trimmer, mit denen man Oszillator und Filter feinjustieren kann. Zur Stimmung des Synth steht ein kleines schwarzes Poti in der Oszillatorsektion zur Verfügung. Anschlussseitig bietet der SH-09 auf der Rückseite einen Monoausgang, einen Kopfhöreranschluss, CV/Gate-Ein- und -Ausgänge (1 Volt pro Oktave) sowie einen Filtereingang, um dem Synth externes Audiomaterial zuzuführen. Letzteres ist ein besonderes Feature des SH-09, denn er ist mit einem Envelope-Follower ausgestattet. Dadurch lassen sich nicht nur externe Klangquellen wie Drumloops oder Vocals mit dem Filter bearbeiten, auch die interne Klangerzeugung kann durch Audiomaterial moduliert werden. Alle Anschlüsse sind als Klinke ausgeführt.

Klangerzeugung

Der spannungsgesteuerte Oszillator des monofonen Synths hat einen kraftvollen Grundklang und verfügt über die Wellenformen Sägezahn, Rechteck und einen Rauschgenerator, wobei die Pulsbreite des Rechtecks einstellbar ist und vom LFO oder der Hüllkurve moduliert werden kann. Die Wellenformen lassen sich nur alternativ anwählen, ein Addieren oder Mischen wie beim Nachfolger SH-101 ist nicht vorgesehen.

Mit einem fünfstufigen Wahlschalter (32′, 16′, 8′, 4′, 2′) lässt sich die Oktavlage des Oszillators in einem schön weiten Bereich einstellen. Zur Kräftigung des Bassbereichs gibt es einen Suboszillator, der mit der Wellenform Rechteck arbeitet und in zwei wählbaren Fußlagen (minus eine oder zwei Oktaven) zur Verfügung steht. In der tieferen Lage gibt es auch die Möglichkeit, eine engere Pulswelle auszuwählen, was in einem etwas brummigeren Basssound resultiert und die Gestaltungsmöglichkeiten im Bassbereich noch erweitert. Eine regelbare Portamento-Funktion wurde natürlich auch implementiert.

Das 4-Pol-Lowpass-Filter ist mit Resonanz ausgestattet und kann bei extremen Einstellungen bis zur Eigenschwingung gebracht werden. Die diskret aufgebaute Filterschaltung klingt angenehm organisch. Der LFO bietet die Wellenformen Sinus, Rechteck und Sample&Hold, ist etwa bis 25 Hz schnell und lässt sich auf die Eckfrequenz des Filters, die Tonhöhe des Oszillators und die Pulsweite des Rechtecks routen.

Der LFO-Einsatz kann mit einer regelbaren Delay-Funktion verzögert werden. Es steht eine ADSR-Hüllkurve für VCA und Filter zur Verfügung, die den Cutoff wahlweise positiv oder negativ modulieren kann. Sie ist ausreichend schnell, aber nicht ganz so fix wie die des SH-101. Alternativ zum ADSR-Envelope bietet die VCA-Sektion noch eine Gate-Hüllkurve und eine Hold-Funktion. Es gibt drei Modi zum Starten der Hüllkurve: Sie kann entweder durch LFO oder Tastendruck getriggert werden oder bei Legato-Spiel nicht neugestartet werden, was besonders bei eingeschaltetem Portamento effektiv sein kann.

Sound

Der SH-09 klingt etwas grungiger als der vergleichsweise leicht kühlere und geschmeidigere Technosynth SH-101. Dank der schönen Pulswellenmodulation lassen sich mit dem SH-09 auch schöne, breite Leadsounds erzeugen. Seine eigentliche Domäne aber ist der tieffrequente Bereich. Hier leistet er Erstaunliches und generiert mit links druckvolle Bässe und Sequenzersounds, die gerne auch mal etwas böser und schmutziger sein können. Auch wenn die Klangarchitektur relativ einfach gehalten ist, überzeugt der SH-09 auf der ganzen Linie als knurriger Kraftzwerg und Erzeuger robuster und durchsetzungsfähiger Basslinien.

Experimentelle Sounds wird man eher durch Zuführen externen Audiomaterials und die Modulation des Filters durch den Envelope-Follower erzeugen können. Die Eingangsstufe zum Audioeingang zerrt übrigens bei höherem Pegel etwas, was aber in einem angenehmen Distortion-Effekt resultiert. Unterm Strich kann man den SH-09 als schnörkellosen, gut klingenden Basslieferanten bezeichnen, der mit dem externen Filtereingang und dem Envelope-Follower ein spezielles Feature besitzt. Hilfreich beim Einbinden in eine Studioumgebung sind auch die serienmäßigen CV/Gate-Eingänge.

Kenton bietet ein preisgünstiges Kit an, mit dem man eine spannungsgesteuerte Filtersteuerung durch externe Quellen nachrüsten kann. Auf dem Gebrauchtmarkt ist der Synth allerdings sehr selten anzutreffen, da er kein wirklicher Verkaufsschlager war und mittlerweile ein relativ begehrtes Sammlerobjekt geworden ist.

Das Gerät wurde uns freundlicherweise von The Dukes Of Phantomschmerz zur Verfügung gestellt.

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Roland SH-09 (*1980) (Bild: Dieter Stork)
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