Roland Oberklassen-Stagepiano

Roland RD-800 Stagepiano

Roland RD 800

„SX“, „GX“, „NX“ … erstmals seit 2001 hört das Stagepiano-Topmodell von Roland jetzt nicht mehr auf den Namen „RD-700“. Das neue Roland Oberklassen-Stagepiano heißt RD-800. Welche konzeptionellen Änderungen mit der Ablösung einhergehen, klärt unser Test.

Ausgepackt

Der jüngste Modellwechsel beschert uns ein etwas verändertes Design, und anstelle von gebürstetem Aluminium gibt’s mehr Kunststoff. Die Verarbeitung wirkt dennoch solide, denn für Stabilität sorgen unten weiterhin Metallstreben sowie eine hölzerne Bodenplatte. Mit einem Gewicht von 21,7 kg ist das RD-800 über drei Kilo leichter als sein Vorgänger – aber natürlich kein Leichtgewicht.

Der Look ist typisch RD: Viele Echtzeitregler, vier Zone-Schieberegler, Endlosrad plus Cursor und in der Mitte ein recht großes grafikfähiges Farb-LC-Display. Kurz gesagt: übersichtlich und komfortabel zugleich. Schade aber, dass die Rückwand mit den Anschlüssen nicht mehr nach oben hin an-, sondern sogar leicht nach unten abgeschrägt ist – die Buchsen sind so am RD-800 nur noch von hinten zu identifizieren.



№4 2017

  • Modular Kolumne
  • FOO FIGHTER RAMI JAFFEE
  • INTERVIEW MIT MATT BLACK VON COLDCUT
  • OMD
  • Look Mum No Computer
  • Beardy Guy von Walk Off The Earth
  • STAGEPIANOS: DIE NEUE EINFACHHEIT
  • Ungesichert: Fusebox
  • Touché! Ein sehr sensibles Brett!
  • Inside Clavia: Besuch in Stockholm
  • REISE ZUM URSPRUNG DER SYNTHESE
  • DIE HAMMOND-STORY
  • Transkription: Chilly Gonzales –  Solitaire


HASTE TONES?

Nicht restlos überzeugen konnte uns am bis dato letzten RD-700, dem Modell NX, die Reduktion der Klangprogramme auf eine einzige spielbare Ebene: Diese Live-Sets, in denen bis zu vier Tones (Sounds) organisiert werden, müssen im Vorgänger nämlich in Ermangelung separater Tone-Speicher auch für Einzelklänge wie „Trumpet“, „Slap Bass“, „Oboe“ usw. herhalten.

Im RD-800 heißen die Multis zwar immer noch „Live Sets“, doch die „Tones“ als spielbare Klangebene sind zurück und sogar auf der Bedienoberfläche deutlich präsent: Jeder Druck auf einen der Kategorien-Taster „A. Piano Concert“ bis „Other“ ruft am RD-800 stets einen Tone auf; die darüber liegenden, schmaleren Buttons „A“ bis „J“ sind dagegen Taster für Live-Set-Bänke – das passt.

ALS PIANO ZUGELEGT

1.113 Tones, alle direkt spielbereit, hat das neuste RD an Bord (RD-700NX: 965 Tones). Zudem gibt es 200 Live-Sets, allesamt überschreibbar. Die Klangerzeugung arbeitet weiterhin 128-stimmig. Im Vergleich mit dem Vorgänger schlagen sich die Klangzuwächse vor allem bei den A- und E-Piano-Sounds nieder.

Die Flügelklänge mit Rolands „Super- NATURAL Piano“-Technologie (nachfolgend „SN“ abgekürzt), welche insbesondere für eine stufenlose Dynamik und einen realistischen Ausklang sorgt, haben Zuwachs um das neue „Concert Grand“ erhalten. Für meine Begriffe ist dieser Hauptklang nicht unbedingt besser als das weiterhin vorhandene „NX Concert Grand“, sondern vor allem anders: Er kommt zunächst dezenter, gedeckter und etwas weniger direkt, um dann in voller Dynamikentfaltung brillant und wuchtig „zuzupacken“. Neu ist außerdem das „Upright Piano“, das für das Feeling sorgt, ein werksneues, modernes und lupenrein intonierendes Klavier zu spielen. Weiterhin an Bord sind die SN-Klänge „Brillant Grand“ sowie „Studio Grand“. Jeder dieser fünf Hauptklänge liegt in vier Variationen wie „Mellow“, „Bright“ und „Rock“, außerdem in einer durch den Compressor gejagten sowie einer Mono-Variante vor. Hinzu kommen vier aus verschiedenen SN-Pianos gestrickte „Honky-Tonk“-Sounds.

Da weiterhin die Funktion „Piano Designer“ im RD-800 werkelt, kann jeder einzelne dieser 34 SN-Sounds noch umfangreich „feingetunt“ werden: Saiten- und Dämpferresonanzen, Timbre, Stereo-Image (bei den SN-A-Pianos auch jederzeit über „Tone Color“ regelbar) und weitere Klangdetails sind einstellbar. Damit ist die Bandbreite an abwechslungsreichen Akustikpiano-Sounds enorm und gegenüber dem Vorgänger nochmals leicht gewachsen.

Darüber hinaus bietet das RD dem Spieler sogar die Möglichkeit, jeden einzelnen Piano-Ton individuell zu stimmen bzw. seine Lautstärke und sein Timbre anzupassen („Individual Note Voicing“). Gesichert werden diese wie allen übrigen Part-Parameter grundsätzlich mit einem Live-Set.

Roland_RD_800_Detailbox

SPIELFLÄCHE

Die Tastatur trägt die Bezeichnung „PHA- 4 Concert“ („PHA“ = „Progressive Hammer Action“) und bietet neben einer graduellen Gewichtung und Hammermechanik eine Druckpunkt-Simulation sowie das „Ebony/ Ivory Feel“ mit speziellen Tastaturbelägen für weiße und schwarze Tasten. Für mein Gefühl spielt sie sich nicht viel anders als die „PHA III“- Tasten des Vorgängermodells, was daran liegen dürfte, dass es kaum Verbesserungspotenzial gab. Die PHA-4 jedenfalls arbeitet präzise und repetiert ausgezeichnet, sie vermittelt ein rundum sehr gutes Gefühl, und die SN-Flügel lassen sich ausdrucksstark und mit hoher Dynamik über diese Klaviatur ansprechen. Erstklassig!

Auch die durchweg hochwertigen SN- E-Pianos machen darauf Spaß – wenngleich das „Klavier-Feeling“ überwiegt.

LET’S DO THE PIANO-MORPH

Die Preset-Tones geben dem Spieler eine Vielzahl sofort spielbereiter Variationen der SN-E-Pianos mit den amtlichen Effekten Chorus, Tremolo, Flanger, Phaser, WahWah oder mit virtuellen zerrenden Amps versehen an die Hand. Aber in den Sounds schlummert noch viel, viel mehr Potenzial …

Highlight ist ein Rhodes-Sound: Über den „Tone Color“-Regler lässt sich stufenlos vom Modell „Silver Top“ über „Mark I“- und -„II“- Klänge bis hin zum „Dyno Rhodes“ morphen. Der Sound ist von toller Dynamik und fängt auch Nebengeräusche von (virtuellen) Hämmern und Pickups realistisch ein. Morphen darf man genauso bei den anderen SN-E- Piano-Klängen: Beim Wurlitzer von „Round“ bis „Solid“, beim FM-Piano von „Woody“ bis „Bright“ sowie zwischen den drei SA-E-Piano- Varianten (SA-Synthese = Structured Adaptive Synthesis) von Rolands eigenem Kult- Modell RD-1000 aus den 80er-Jahren.

Die „Tone Color“-Funktion als gelungene Weiterentwicklung des „Sound Focus“ am RD-700NX regelt dabei gleich mehrere Parameter in einem Rutsch: Glockige Klangbestandteile werden hinzugefügt, die Klänge werden obertonreicher, gleichzeitig einem EQing unterzogen; es klingt mitunter, als wäre am Ende des Morphings das Ausgangs- Multisample in ein anderes verwandelt worden, aber eben stufenlos, ohne dass mittendrin „Sound-Löcher“ entstehen. Das Ganze ist wirklich toll umgesetzt.

MIDI-ARRANGEMENTS ADÉ …

Was das restliche Sample-ROM angeht, hat das RD-800 nach wie vor das Meiste aus dem RD-700NX an Bord. Einerseits heißt das: Die für ein Stagepiano wichtigen Zusatzklänge wie Strings, Pads, Chöre, Brass und Solobläser sowie diverse Synths gibt es in guter bis sehr guter Qualität.

Aber es gibt hier noch viel mehr Sounds, mit denen man auch beim Arrangieren und Recorden kreativ werden könnte: Das RD-800 kann aber leider nicht multitimbral via MIDI angesteuert werden. Sogar die Wiedergabe von SMF wurde gestrichen. Dieser Verzicht an sich ist zu verschmerzen, denn das RD-800 kann zumindest Audio-Playalongs abspielen. Dennoch bleibt man ratlos zurück mit der Frage, was man mit den GM2-Sounds im RD-800 eigentlich anfangen soll. Auch das Abspielen von 16-Part-Arrangements über einen externen Sequenzer war an unserem Testgerät nicht möglich. Hier sollte der Hersteller per OS-Update nachbessern, denn die 16-fache Multitimbralität der Vorgänger unterstützt das RD-800 offenbar laut technischer Daten schon.

LAYERING IM LIVE-SET

Die vier Tones im Live-Set werden „Layer 1“ bis „3“ sowie „Lower“ genannt. Möchte man zum Beispiel ein Live-Set mit vier Tones neu erstellen, drückt man einfach vier Tone-Buttons gleichzeitig, etwa „Concert“, „Vintage“, „Strings“ und „Bass“ (für die grobe Richtung). Im „Live-Set Edit“-Menü sind dann rasch die exakten gewünschten Tones pro Layer eingestellt. Durch Druck auf „Split/Lower Select“ wird eine einfache Split-Funktion aktiviert; hält man diesen Taster gedrückt, öffnet sich ein Menü zur Auswahl des Lower-Tones.

Die Bezeichnungen der vier Tones im Live-Set täuschen darüber hinweg, dass sich für jeden Sound aber auch eine frei definierbare Tastaturzone einstellen lässt: So könnte zum Beispiel der Layer-3-Tone in der gleichen Zone liegen wie Lower; genauso können alle vier Tones auf der Tastatur nebeneinander liegend angeordnet werden oder Zonen können sich überlappen.

Die Echtzeit-Bedienfelder für MFX, Amp und Co lassen sich übrigens auch bei der Effektprogrammierung für Live-Sets hilfreich einsetzen, sodass die Bedienung recht gut von der Hand geht.

Für Nicht-SN-Tones im Live-Set wie Synthesizer-Sounds lassen sich weiterhin nur wenige, aber wichtige Parameter programmieren, darunter eine Mono/Legato-Funktion sowie natürlich ADR-Hüllkurve, Filter-Cutoff und -Resonance sowie LFO-Vibrato.

Auch externe Sounds kann man in die MIDI-Zonen einbinden. Wenn dann der Taster „MIDI Control“ aktiviert wird, übernehmen die Zone-Fader die Lautstärkenkontrolle für die externen Klänge.

SPIELEN ZU RHYTHMS UND SONGS

In Sachen MIDI-Playing sind zumindest noch die 200 „Rhythm Patterns“ übrig geblieben, darunter auch die Metronom-Klick-Patterns in diversen Taktarten. Die schön groovenden und swingenden Patterns, die gängige Stile von Pop und Rock über Jazz und Latin bis hin zu HipHop und Electro abdecken, lassen sich jeweils in die Live-Sets integrieren und laden zum Jammen ein.

Als einziges Aufzeichnungs- und Abspielformat ist WAV (44,1 kHz, 16 Bit) geblieben.

Die Recording-Funktion (direkt auf USB-Stick) lässt weiterhin zu wünschen übrig, denn man kann während der Aufnahme kein Rhythm- Pattern abspielen und hat folglich auch keinen Metronom-Klick. Das Abspielen von Audio-Songs wurde durch einen Song-Screen verbessert, in dem man recht schnell die Songlautstärke einstellen, das Tempo ändern und transponieren (dank Time-Stretching und Pitch-Shifting) sowie die „Center Cancel“- Funktion (Unterdrückung des Mittensignals und damit zumeist des Lead-Gesangs oder der Melodie) aktivieren kann.

FAZIT

Keine Frage: Auch das RD-800 ist ein Top-Stagepiano geworden, das mit hervorragenden Akustik- und E-Piano-Sounds, einer tollen Tastatur und umfangreichen Performance- Möglichkeiten durch seinen flexiblen Multimode überzeugen kann. Erstklassig sind die Einbindung der Effekte und das Echtzeit- Controlling über die vielen Regler und Switches oder auch die Pedale. Darüber hinaus überzeugt die Bedienung, die sich logisch und zumeist komfortabel gestaltet. Schön ist der Wiedereinzug einer echten Tone-Ebene, und viele Detailverbesserungen gegenüber dem Vorgängermodell sind nicht zu übersehen.

Auch Rolands neuster Bühnenbolide sticht hervor durch eine für Stagepianos unüblich große Anzahl an Sounds. Das ist zweifellos vielen Musikern willkommen. Versäumt aber wurde die Chance, das Sample-ROM der Serie einmal gründlich „auszumotten“. Insbesondere die GM2-Sounds sowie einige weitere überalterte Klänge wirken überflüssig. Wäre ein vernünftiges MIDI-Playing/Recording möglich, sähe das schon wieder anders aus. Und auch den integrierten WAV-Recorder dürfte Roland gerne besser machen.


+ hervorragende A- und E-Piano-Sounds
+ sehr gute Tastatur
+ riesige Soundvielfalt
+ umfangreiche Effektausstattung
+ Bedienung
– GM2-Sounds trotz fehlendem Player
– schwache WAV-Recording-Funktion

Internet: www.rolandmusik.de
UvP / Straßenpreis: 2.312 Euro / ca. 2.200 Euro

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