Hochton-Rotorkabinett plus Vor- und Endstufe

Reußenzehn Birdie, Organ & Groove, Organ Amplifier

Reußenzehn Orgel Leslie
(Bild: Dieter Stork)

Das Gesamtpaket für die Orgel aus der Röhren-Schmiede von Thomas Reußenzehn wollte ich schon längst mal zwischen den Fingern bzw. auf die Ohren haben: neben dem „Vögelchen“ auch den „Organ & Groove“ und den „Organ Amplifier“. Des Englischen mächtige Zeitgenossen schließen aus den Bezeichnungen, dass es sich dabei um einen Vorverstärker und eine Endstufe handelt – selbstverständlich mit Röhren-Technologie.

Spezielles Objekt meiner Testerbegierde ist natürlich das Hochton-Rotorkabinett mit dem lustigen Namen „Birdie“. Dieses Konzept für einen tragbaren, aber echten Rotor-Sound scheint sich zu bewähren, denn es entlastet im wahrsten Sinne des Wortes, bringt aber die wichtigsten Bestandteile des Rotor-Sounds an die Ohren der Zuhörer. Dabei werden die Frequenzen oberhalb 800 Hz durch die rotierenden Hörner gejagt, während der Bass-Anteil von einem separaten Verstärkersystem übernommen wird. Je nach Soundvorstellung kann der Bass-Anteil dann ruhig auch „trocken“, ohne Effekt, übertragen werden. Ich hatte zu Testzwecken eine 2-x-12-Gitarrenbox von Reußenzehn zur Verfügung, vollkommen ausreichend, obwohl auch eine 1-x-15-Box denkbar wäre.

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Birdie

Das „Vögelchen“ kommt im Gegensatz zum üblichen Aussehen von Lautsprecherboxen weder in Schwarz noch im traditionellen, eher dunklen Holz daher, sondern erfreut das Auge mit hellem Holz, das klar lackiert ist. Zum Schutz der Kanten gibt es die obligatorischen Metallecken, deren Schrauben bei unserem Testgerät ein wenig herausstehen. Da verkratzt man sich leicht mal eine andere glatte Oberfläche. Apropos verkratzen: Das helle Holz ist sehr weich und empfindlich, es bekommt schnell Kratzer und Dellen.



№4 2017

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Wobei wir beim nächsten Stichwort wären: Naturgemäß stellen Vögel eine große Gefahr für Insekten dar – und auch der Birdie macht da keine Ausnahme: Der Rotor rotiert durch keine Bespannung geschützt, spontan anfliegende Insekten sind bei schnell laufendem Rotor in Lebensgefahr. Nicht ganz so dramatisch stellt sich die Situation für Menschen und Säugetiere dar, obwohl … meine Katze muss sich wie in einem Jackie-Chan-Film gefühlt haben, als sie ihren Kopf neugierig ein wenig zu weit dem Birdie näherte. (Katzen gehen nun mal auf Vögel, da kann man nichts machen.)

Lassen wir den Spaß mal weg: Der Birdie ist in seiner Standardausführung in erster Linie für den stationären Betrieb gedacht, sei es im Wohnzimmer oder in einer gepflegten Bar; Auf- und Abbau, der Transport im LKW sind eher nicht seine Welt, wenngleich er sehr stabil gebaut ist. Reußenzehn ist allerdings dafür bekannt, Spezialanfertigungen – auch auf Anfrage – zu liefern. So auch beim Birdie, das gegen einen Aufpreis von 100 Euro auch als Heavy-Duty-Road-Version mit Vinylbeschichtung, Gittern vor dem Rotor und verstärktem BMS-Treiber erhältlich ist.

Eindeutig Spielerei – aber eine, die einer Rampensau wie mir gefällt – ist die Beleuchtung des Horns durch eine rote LED: So sieht auch jeder, dass sich da wirklich was dreht!

Die (ebenfalls hellen) Hörner sind übrigens keine Massenware, sondern werden, wie Thomas Reußenzehn in einem Gespräch betonte, in seiner Werkstatt selbst abgedreht, die Diffusoren selbst eingeschweißt.

Jeder Organist hat nicht nur auf der Autobahn seine persönliche Lieblingsgeschwindigkeit, sondern insbesondere auch beim langsamen Chorale-Sound seines Rotor-Kabinetts. Dafür besitzt der Birdie einen Regler, mit dem sich die langsame Geschwindigkeit von „Stillstand“ bis zu „kein Unterschied zu schnell“ einstellen lässt – tolle Idee. Daneben befindet sich gleich auch der Regler für die Lautstärkeanpassung des Birdie an den mit ihm kombinierten Bass-Lautsprecher. Dessen Signal wird einfach durchgeschleift, man schließt also die Orgel an den Birdie an, dieser zweigt die Frequenzen unterhalb 800 Hz ab und stellt sie an einer Klinkenbuchse zur weiteren Verarbeitung zur Verfügung – auch wenn man die Birdie-Lautsprecher ausschaltet. Der mitgelieferte Fußschalter kennt nicht nur an/aus und langsam/schnell, sondern auch noch Lautsprecher an/aus. Für den Fall also, dass Sie einmal für ein Stück auf den Hochton-Anteil ihres Instruments verzichten möchten.

Auf den ersten Blick nicht ganz ideal gewählt – zumindest für den Bühnenmusiker – ist das externe Netzgerät. Allerdings gibt es für dessen Verwendung eine ganze Reihe guter und richtiger Gründe, etwa das Verhindern von Netzbrummen, das durch Masseschleifen entsteht. Vor allem bei Röhrengeräten (s.u.) werden so Störfrequenzen verhindert, die integrierte Transformatoren schon mal in den Signalweg einstreuen können.

Reußenzehn Orgel Leslie
Der Organ Amplifier mit dem als Zubehör erhältlichen Schutzgitter (Bild: Dieter Stork)

Organ & Groove

Begeben Sie sich nun gedanklich in mein Wohnzimmer: helles Bucheparkett, helle Möbel, eher modern eingerichtet, einziger Fremdkörper: eine etwa 35 Jahre alte ACETONE GT-7, etwa baugleich mit einer Hammond X-5, die schon vor Vorfreude mit den Tasten klappert, als sie den Organ & Groove sieht: eine echte Röhrenvorstufe! Mit Reglern für Gain, Drive, Master und Presence und zwei echten Röhren, die unter einem Schutzgitter erwartungsvoll vor sich hin glühen. Die Potis sind ganz „old-fashioned“ als so genannte Chicken-Head-Regler ausgeführt, das Gerät selbst aus blankem Metall – stabil und wunderschön.

Einen Multipin-Anschluss gibt es nicht, der Eingang auf der Rückseite ist als Klinkenbuchse ausgelegt. Die Weiterleitung des Orgelsounds geschieht ebenfalls über eine Klinkenbuchse, die notwendige Stromversorgung erfolgt wieder über ein externes Netzteil.

Klanglich – um es vorweg zu nehmen – macht der Organ & Groove genau das, was ich von ihm erwarte: wunderbare „röhrende“ Klänge von leise brodelnd bis brutal verzerrt. Gerade das Wechselspiel von Drive und Presence erlaubt unendliche Variationen. Natürlich muss der Organ & Groove auf der Orgel stehen, damit man immer schön am Sound schrauben kann.

Organ Amplifier

Was für ein Koloss! Da kommt kein schwachbrüstiges 19-Zoll-Brikett, sondern jemand, der Muskeln hat (und sie auch zeigt). Auch das Gehäuse kleckert nicht, sondern es klotzt: stabiles, blankes Metall, auf Wunsch ein schwarzes Schutzgitter.

Die beiden (mischbaren) Eingänge „Clean“ und „Dirty“ gewähren Zugang zur hundertprozentigen Röhrenverstärkung mit zwei 12-AX7- und vier EL34-Röhren. Das ergibt 100 echte Röhrenwatt – ein richtiges „Pfund“!

Natürlich kommt nach den ersten Tönen schon mein Nachbar vorbei, weil seine Schränke vibrierend durchs Zimmer wandern. Ich kann ihn beruhigen und schalte den Organ Amplifier auf halbe Kraft, ohne den Sound zu verlieren. Danach lade ich ihn zur Wiedergutmachung auf ein Bier ein und versetze die Endstufe zwischenzeitlich in den Standby-Modus.

Zeit für einen Blick auf die Rückseite: Hier lassen sich zwei Boxen (2 – 16 Ohm!) anschließen, für den Anschluss an weitere Geräte steht ein symmetrierter Ausgang bereit – keine DI-Box auf der Bühne – danke. Die Stromversorgung erfolgt über ein handelsübliches Netzkabel.

Reußenzehn Orgel Leslie
Organ & Groove – Preamp mit vielen Variationsmöglichkeiten (Bild: Dieter Stork)

Fazit

Das ist schon ein Knaller-Paket, das Thomas Reußenzehn da aus seiner Werkstatt loslässt. Die individuellen Einflussmöglichkeiten auf den Sound sind riesig, Preamp und Endstufe reagieren röhrentypisch auf Veränderungen der Lautstärke und des Eingangspegels, der Birdie bringt die typischen Rotor-Sounds. Hier kommen Soundtüftler aus Jazz, Rock und Blues absolut auf ihre Kosten. Das Rotorkabinett ist als handliche und praktikable Lösung eine Empfehlung für Organisten und Keyboarder, die mit weniger Aufwand einen guten Leslie-Sound auf die Bühne bringen möchten (oder müssen). Wer keine Kompromisse im Sound eingehen möchte, nimmt Preamp und Endstufe von Reußenzehn hinzu und bekommt ein sehr gut klingendes System. Wer auf seine alte, elektromagnetische Hammond nicht verzichten will, kann so zumindest auf Seiten der Verstärkung das Transportgewicht reduzieren.

Da man es mit einzelnen Komponenten zu tun hat, ist das System obendrein flexibel einzusetzen – auch dem Sound digitaler Keyboards können eine Röhrenvorstufe und/oder eine Röhrenendstufe bekanntermaßen durchaus mehr Wärme, Leben und Druck einhauchen, als sie von Hause aus mitbringen. Natürlich haben diese liebevoll aufgebauten Geräte mit selektierten Bauteilen ihren Preis. Wer Geiz geil findet, sollte sich woanders umsehen. Wer aber „geilen Sound“ sucht, der ist bei Reußenzehn richtig.

 

+ hervorragender Sound

+ flexibel an Soundwünsche anzupassen

 

Birdie: Hochtonrotor-Kabinett (Trennfrequenz 800 Hz)

Maße / Gewicht: 58 × 50 × 30 cm, 15 kg

Preis: € 749,–

Preamp & Groove Röhrenvorstufe (Gain, Drive, Master, Presence)

Preis: € 399,–

Organ Amplifier Röhrenendstufe; zwei 12 AX7, vier EL34

Leistung: 100 W, 2 – 16 Ohm

Preis: € 709,–

Hersteller/Vertrieb: Reußenzehn – Tube Power

www.reussenzehn.de

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