Produkt: Keyboards 02/2019
Keyboards 02/2019
DIGITAL SUMMER+++DON AIREY: An den Tasten von Deep Purple+++GEWA MUSIC: Ein Blick in die Produktion+++SAMPLING VS. PHYSICAL MODELING: Die Unterschiede zwischen Konserve und Original
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Rack-Synthesizer Voyetra Eight (*1983)

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(Bild: Bernhard Lösener )

Obwohl er nie im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit stand, gehört der Voyetra Eight zu den leistungsfähigsten AnalogsynthBoliden der 80er-Jahre. Er ist einer der ersten programmierbaren Synth-Expander im Rackformat und kam 1983 auf den Markt.

Hergestellt wurde der Voyetra von der New Yorker Firma Octave Plateau, deren bekanntestes Produkt der Cat war, ein Analogsynthesizer, der in mancher Hinsicht dem Arp Odyssey ähnelt. 1986 änderte die 1975 vom Synthesizer-Pionier Carmine Bonanno gegründete Firma ihren Namen zu Voyetra und fusionierte Mitte der 90er-Jahre mit Turtle Beach, um sich verstärkt der Fertigung Computer-orientierter Produkte wie Soundkarten zuzuwenden, nachdem sie in den frühen Neunzigern schon viele Softwareprodukte im Musikbereich entwickelt hatte.

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Der Voyetra Eight gehörte zu den ambitioniertesten Projekten von Octave; der achtstimmige Analogbolide besitzt umfangreiche Programmiermöglichkeiten, einen integrierten Sequenzer, einen Arpeggiator und ein zugehöriges Keyboard mit Joystick. Ein Prototyp mit der Bezeichnung „Voyager Eight“ wurde übrigens schon 1981 auf der NAMM vorgestellt, kaufen konnte man die Seriengeräte aber erst 1983. Der Voyetra Eight wurde bis 1986 gefertigt und war mit einem Preis von 4.600 Dollar (plus 950 Dollar für das VPK-5-Keyboard) sicher kein Volks-Synthesizer.

Ein Synthexpander mit externem Keyboard galt in den frühen 80er-Jahren als radikales und ungewöhnliches Konzept, stellte sich aber im Lauf des Jahrzehnts als zukunftsweisend heraus. Es existiert auch eine einstimmige Version, die auf den Namen Voyetra One hört und noch seltener als der polyfone Voyetra zu finden ist. Die Qualitäten des Instruments wurden u. a. von den britischen Synthpop-Heroen New Order erkannt, die gleich mehrere Voyetra Eight besaßen. Zu hören ist der Synth z. B. auf dem groß- artigen Album Low Life von 1985, dessen Single Perfect Kiss zu den schönsten Synthpop-Songs der Achtziger gehört. Weitere Acts, die den Synth verwendeten, sind Depeche Mode, Eddie Jobson, The Fixx, Shamen, Eurythmics, Trevor Horn und Hongkong Counterfeit.

Äußeres

Der Synthexpander ist in einem 19″-Rack mit drei Höheneinheiten beheimatet. In der Programmiersektion lassen sich zwei Sounds gleichzeitig mit 14 Multifunktions-Potis (jeweils sieben für einen Sound) einstellen. Drei Taster pro Sound erlauben das schnelle Aktivieren der Hold-Funktion, das Ausschalten der VCA-Release-Phase und der Pitch-Funktion. Außerdem gibt es Regler für Master-Volume, Tune, ArpeggiatorGeschwindigkeit und drei zweistellige Displays, einige Funktionstaster sowie ein Zahlenfeld. Links befinden sich ein Kopfhöreranschluss mit zugehörigem Lautstärkepoti, ein Panik-Knopf zum Muten des Audioausgangs und ein XLR-Anschluss für das zugehörige Keyboard (kein MIDI). Die Bedienung erfordert vor allem wegen der bis zu 11-fachen Mehrfachbelegung der Parameter-Regler einige Einarbeitungszeit.

Manche Voyetra-Geräte sind daher mit kleinen Aufklebern mit Hinweisen zu den Funktionen der Regler übersät. Auf der Rückseite wurde mit Anschlüssen nicht gegeizt. Es gibt Stereo- und Mono-Audioausgänge, drei Fußpedalanschlüsse (einer davon frei programmierbar), zwei programmierbare Fußschalterbuchsen, einen Fußschalteranschluss zum Durchsteppen der Sounds, Sequenzer- und Arpeggiator-Clock-Eingänge, CV/Gate-Ausgänge, ein Kassetten-Interface und zwei Mehrpin-Buchsen zum Anschließen von Joysticks. Da der Synth ziemlich heiß wird, wurde ein Ventilator eingebaut. Schon für die Octave Cat-Synthesizer konnte man ja optionale Joysticks (Catstick) als Zubehör erwerben.

Dass auch ein MDI-Trio zur Verfügung steht, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen, denn alle drei Buchsen sind als XLR-Anschlüsse ausgeführt. Die ersten Voyetras mussten noch ohne MIDI auskommen, die späten Modelle waren mit den üblichen DIN-MIDI-Buchsen ausgestattet. Das zugehörige Keyboard VPK 5 bietet ein sehr reduziertes Erscheinungsbild, ist mit Holzseitenteilen ausgestattet und verfügt über eine fünf-oktavige anschlagdynamische Tastatur mit (allerdings nur monofonem) Aftertouch. Ansonsten gibt es außer zwei PROGRAMM-STEP-Tastern und einem MODULATION-RANGE-Regler nur einen extravagant gestalteten Joystick in einem silbernen Metalltrichter. Das Keyboard ist relativ selten und heutzutage nur noch für den Sammler interessant.

Klangarchitektur

Der Synthexpander selbst ist ein bei Synthfreaks sehr begehrtes Item, denn er bietet eine vielseitige und exzellent klingende analoge Klang – erzeugung. Die acht Stimmen des Instruments lassen sich layern (zwei Sounds mal vier Stimmen), auf der Tastatur in zwei Bereiche splitten und auf zwei MIDI-Kanälen ansteuern. Der Speicher bietet Platz für 100 Sounds und 100 Performance-Einstellungen. Der Voyetra bietet eine klassische subtraktive Synthese mit zwei spannungsgesteuerten Oszillatoren pro Stimme, die die Wellenformen Sägeform, Sinus, Rechteck und modulierbare Pulswelle generieren. Die VCOs lassen sich crossmodulieren und synchronisieren. Außerdem steht ein Suboszillator für mehr Druck im Tieftonbereich und ein Noise-Generator mit White Noise zur Verfügung.

Das Signal durchläuft ein Lowpass-Filter mit 24 dB Absenkung pro Oktave mit Resonanz. Es gibt zwei schnelle Hüllkurven mit ADSR-Charakteristik für VCA und VCF mit Keyboard-Tracking und modulierbarer Attack- und Release-Phase. Weitere Modulationsquellen sind zwei LFOs mit den Wellenformen Sägezahn, Sinus, Triangel und Sample & Hold. Die ausgefuchste Modulationsmatrix bietet viele Routing-Möglichkeiten; die Programmierung erfordert allerdings auch etwas Geduld, da man schnell die Übersicht verlieren kann. Zur flexiblen Bestimmung des Spielverhaltens stehen viele Triggermodi (z. B. Round Robin, Unisono etc.) zur Auswahl.

Sequenzer

An Bord ist ein Stepsequenzer mit zwei Kanälen, die jeweils ein Fassungsvermögen von 425 Noten haben. Als zusätzliches Kreativtool wurde im Voyetra noch ein Arpeggiator mit den Betriebsarten Up, Down, Alternierend und Random implementiert. Es lassen sich im Split-Mode auch zwei parallele Arpeggios mit jeweils eigenen Sounds aktivieren, die unabhängig zu unterschiedlichen Clocks laufen können.

Sound

Der Voyetra ist ein echtes Soundmonster mit einem sehr plastischen, warmen Grundsound, das in einer Liga mit Synthesizern wie dem SCI Prophet-5 agiert. Die Oszillatoren sind ein wenig temperaturempfindlich, stabilisieren sich aber, wenn sie Raumtemperatur erreichen. Wenn man ab und zu die AUTOTUNE-Funktion benutzt, gibt es aber keine größeren Probleme mit der Oszillatordrift. Mächtige, breite PadSounds stellen insbesondere im Layer-Modus kein Problem für den Voyetra dar; dank der Panning-Möglichkeiten, bei denen die acht Stimmen munter im Stereopanorama umherwandern, ist auch bei Einzelsounds viel Bewegung im Klangbild.

Ob drückende Bässe oder (dank Oszillator-Sync) schneidende Leads, groovende Sequenzerlinien oder spacige Filtersweeps: Die ganze klassische Analogpalette lässt sich mit dem Voyetra sehr gut realisieren. Die ausgefuchsten Modulationsmöglichkeiten erlauben auch metallische Spektren oder geräuschhafte, experimentelle Klänge (wie z. B. im letzten Klangbeispiel). Für ultra-fette Hook-Sounds aktiviert man den Unisono-Modus. Da die meisten Voyetras wurden in den USA verkauft. Hierzulande wird er sehr selten angeboten.

Der Voyetra Eight wurde uns freundlicherweise von Produzent Steve Baltes, der eine Hälfte des deutsch/amerikanischen Techno/Trance-Acts Deep Voices bildet (www.deepvoicesmusic.com) und mit deutschen EM-Musikern wie Harald Großkopf und Ashra zusammenarbeitet, zur Verfügung gestellt

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