Produkt: Keyboards 03/2019
Keyboards 03/2019
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Black is beautiful

Native Instruments Noire – Software-Instrument im Test

In der immer unübersichtlicher werdenden Masse gesampelter Flügel braucht es mittlerweile gewichtige Alleinstellungsmerkmale, um die Daseinsberechtigung eines neuen Instruments zu legitimieren. Die Tastenspezialisten von Galaxy Instruments haben für Native Instruments in dieser Hinsicht einen außergewöhnlichen Ansatz verfolgt: Außer dem Instrument eines bekannten Künstlers präsentieren sie auch Tools, um dessen unverwechselbaren Stil abbilden zu können. Und das exklusiv bei Nils Frahm − wenn das kein cooles Alleinstellungsmerkmal ist …

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Eigentlich muss man ihn nicht vorstellen, aber für alle, die in den letzten Jahren im Koma lagen oder hinter einem Stein gelebt haben, sei Nils Frahm grob als Komponist und Pianist umrissen, der dem Instrument Klavier mit einem eigenen, modernen Ansatz begegnet. In seinen Stücken drückt sich das neben der Integration von allerlei Elektronik und Synths hauptsächlich durch einen sehr organischen, intimen, Noise-lastigen und fragilen Pianosound mit oftmals repetitiver, minimaler Spielweise aus. Gerade die Tatsache, dass sich Frahm auch mit elektronischen Instrumenten bestens auszudrücken weiß und für seine Liveacts geschätzt wird, ist meiner Meinung nach stilprägend für seinen besonderen Umgang mit dem Klaviersound: Es rauscht und knarzt, übermäßige Kompressor-Einstellungen verwandeln leise Töne zu sanften Riesen, machen Mechaniken und Resonanzen unüberhörbar, wobei tiefe Lagen mittels Subbass mit einer Extraportion Mächtigkeit versehen werden, während Effektketten alles zu einem Soundteppich verweben.

In unserem Sound&Recording-Podcast erzählt Sounddesigner und Entwickler von Software-Instrumenten, wie Native Instruments NOIRE entstand!

Das Konzept von Noire trägt allem Rechnung, was nötig ist, um diesem Sound so nahe wie möglich zu kommen. Hierfür wurde einerseits Nils Frahms Flügel in dessen Studio gesampelt, andererseits wurden beim Sampling eine Menge Besonderheiten berücksichtigt, um später im virtuellen Instrument Soundprägende Parameter im Zugriff haben zu können. Zu guter Letzt gibt es auch eine Sampling-Variante, die mit Filz zwischen den Saiten und Hämmern präpariert ist, um einen noch fragileren, weicheren Klang zu erzeugen, so ähnlich wie Frahm es selbst bei seinem Album Felt gemacht hatte.

So viel zu den Punkten, wie der Klang des Flügels eingefangen wurde, aber das ist nur der eine Teil von Noire. Richtig los geht es, wenn man das virtuelle Instrument öffnet und sich in die einzelnen Menüs begibt, in denen sich unzählige Parameter befinden, um den Sound zu gestalten. Dabei ist glücklicherweise alles recht übersichtlich in vier verschiedene Edit-Pages eingeteilt, damit der Überblick nicht verloren geht.

Für ein virtuelles Piano findet man insgesamt eine erfreulich große Menge an Parametern, um den Sound ordentlich verbiegen zu können. Neben den üblichen Verdächtigen, wie z. B. Obertöne, Saitenresonanzen, Nebengeräusche, Velocitykurven uvm., die sich eher auf die »physikalischen« Parameter des Instruments beziehen, finden sich auch klassische Studio-Effekte bis hin zu abgefahreneren Effekten oder Effektketten, die beherzt in den Sound eingreifen können. Sogar an Nebengeräusche des Pianisten, die bei einer Live-Performance unweigerlich entstehen, wie Knarzen, Rutschen, Rascheln etc., wurde gedacht. Herrlich! Das ungewöhnlichste Feature von Noire ist allerdings die Particles Engine, die einem schnell den Mund vor Staunen offenstehen lässt, sobald man sie aktiviert.

In der Piano-Edit-Page werden hauptsächlich die physikalischen Eigenschaften des Flügels beeinflusst. Sehr schön ist auch die Möglichkeit, die Bässe per Low-Key-Kurve und sogar mit zuschaltbarem Subbass zu featuren.
Neben klassischen Effekten stehen auf der FX-Edit-Page unter »Style« auch Effektketten zur Verfügung, die sich für auffälligere Klangbearbeitungen eignen. Unter »Ambience« findet sich eine recht große Sammlung an Rauschen diverser Quellen, wie Raumatmos, Tape, Vinyl, Radio, Mics etc. oder auch Nebengeräusche des Pianisten. Erfreulicherweise sind hier, wie auch an vielen weiteren Stellen von Noire, viele Presets verfügbar.
Anhand der gespielten Noten fügt die Particles Engine tonal und rhythmisch passende Sounds hinzu, die anhand verschiedener Parameter, wie z. B. Spielweise, Inten - sität und Klangcharakter, beeinflusst werden können. Lage und Panorama der generierten Sounds werden im Zentrum der Page grafisch dargestellt.

Die Particles Engine generiert nämlich auf Tastendruck unterschiedlichste Patterns, die der Stilrichtung von Nils Frahms Repertoire verdammt nahekommen können. Je nach Gewichtung bleibt dabei der gespielte Klaviersound lauter oder leiser im Vordergrund, während die Engine die Details im Hintergrund generiert. Oder man blendet den gespielten Pianosound komplett aus, sodass nur noch der Effekt hörbar ist und alles zum Pad oder zur Klangwolke mutiert, was teilweise nur noch entfernt etwas mit einem Klavier zu tun hat.

Dabei handelt es sich aber um weit mehr als um einen klassischen Arpeggiator. Auch wenn die Funktionsweise auf den ersten Blick recht ähnlich erscheint, entsteht ein um einiges abwechslungsreicheres und oftmals sehr abgefahrenes Ergebnis. Dafür sorgt ein komplexes Zusammenspiel aus unterschiedlichen Patterns, Sounds und Effekten. Der Clou dabei ist, dass auf jeder einzelnen Ebene sehr viele Parameter zur Verfügung stehen, die flexibel variiert werden können. So setzt sich z. B. allein die Soundsource der Particles aus tonalen sowie geräuschhaften Sounds zusammen, wobei bei den tonalen nicht nur klassische Pianosounds, sondern auch Spielweisen wie Mallet, Plucked oder Brushed zur Verfügung stehen und bei den Noise-Sounds jeweils Felt, Mechanics, Softsticks oder Combined. Natürlich können Gewichtungen untereinander sowie Attack und Timbre eingestellt werden. Noch Fragen?

In der Praxis erweist sich »Noire« als extrem durchdacht, und es ist an etlichen Details spürbar, dass mit Galaxy Instruments hier Spezialisten am Werk waren, die schon einige gesampelte Flügel auf dem Kerbholz haben und genau wissen, was sie tun. Trotz aller Komplexität, Detailverliebtheit und Parameterflut fällt es leicht, den Überblick zu behalten, um schnell zum gewünschten Ergebnis zu kommen. Das einzige Feature, das ich tatsächlich ab und an vermisst habe, ist die Auswahl zwischen weiteren Mikrofonpositionen. Dieser Wunsch relativiert sich natürlich recht schnell durch den im Vorfeld angepeilten Stil, welche eine nahe Mikrofonierung erforderlich macht. Als Perspektivvariante oder zur Anpassung an den eigenen Mix wäre aber zumindest die Überblendungsmöglichkeit zu einer Mid-Mikrofonierung das Sahnehäubchen gewesen.

Erfreulicherweise wurde »Noire« eine ganze Reihe aussagekräftiger Presets mit auf den Weg gegeben, die das klangliche Spektrum sehr gut repräsentieren und auf der Soundsuche willkommene Startpunkte für mannigfaltige Soundvorstellungen bieten. Einmal die grobe Richtung eingeschlagen, ist es leicht möglich, den Sound sehr schnell den eigenen Bedürfnissen anzupassen, weil bei zahlreichen Parametern in den Unterebenen an vielen sinnvollen Stellen ebenfalls wiederum Presets zur Verfügung stehen. Dann noch einige Werte per Hand zurechtgezupft, und fertig ist der Wunschsound − oder ein ganz anderer, der sich bei der Schrauberei entwickelt hat, aber dafür noch viel cooler ist als der, den man eigentlich im Kopf hatte. Das ist bei Noire auch keine Seltenheit …

Beim Hall stehen sowohl eine Vielzahl an Impulsantworten als auch eine algorithmische Variante zur Verfügung, während das Delay auf NIs Replika XT-Delay basiert und fünf verschiedene Stilrichtungen zur Auswahl bereithält.

Der Sound von Noire erstreckt sich von einem eher nüchternen Klangcharakter, bis hin zu verwobenen Klangsphären. Er ist die meiste Zeit sehr organisch und glänzt wunderbar seidenmatt mit einem schönen Touch Retro-/Analog-Sound. Dabei ist insgesamt ein eher feinerer, sehr intimer Grundsound auszumachen, der sicherlich damit zu erklären ist, dass die Samples sehr nahe an der Klangquelle aufgenommen wurden. Wer es noch eine Ecke fragiler und mehr mellow mag, der wird bei der Felt-Variante fündig, die nochmal um einiges gedämpfter und weicher klingt.

Das Soundspektrum von Noire ist durch die immensen Möglichkeiten zur Klanggestaltung insgesamt sehr vielfältig. Hier ging es offensichtlich nicht um die möglichst neutrale Simulation eines Yamaha CFX-Flügels, wie wir ihn beim Testbericht in unserer letzten Ausgabe unter den Fingern hatten, sondern darum, Soundgestaltungmöglichkeiten an die Hand zu geben, um einen möglichst gefärbten Sound erzeugen zu können. Schon alleine durch die beiden Parameter Color und Tonal Shift lässt sich der Klangcharakter des Flügels von »drahtig-luftig« bis hin zu »an- « und »zugestaubt« grundlegend verändern. Nimmt man nun die weiteren zur Verfügung stehenden Elemente wie Particles Engine, FX und alle zusätzlichen Parameter dazu, dann macht das »Noire« geradezu zu einem Piano-Sounddesign-Univerum, das seinesgleichen sucht.

Fazit

Mit Noire haben Galaxy Instruments und Native Instruments den Umgang mit dem Pianosound auf ein neues Level gehoben. Hier wird das Instrument als Ganzes gleichberechtigt zur Klangquelle erklärt, und mittels unkonventioneller Spielweisen wurden auch Sounds eingefangen und gefeatured, die man nur auf den zweiten Blick mit einem Pianosound verbindet oder die gänzlich aus der Geräuschkategorie kommen.

Die immensen Möglichkeiten zur Klanggestaltung sowie die geschickte Verknüpfung der zahlreichen Parameter mittels aussagekräftiger Presets schöpfen das Potenzial der eingefangenen Sounds aus und präsentieren ein erstaunlich vielseitiges und facettenreiches Instrument, bei dem Soundtüftler voll auf ihre Kosten kommen. Der Verzicht auf weitere Mikrofonperspektiven ist meiner Meinung nach sehr gut zu verschmerzen, wenn man Noire für eben diesen intimen, emotionalen und zerbrechlichen Klaviersound einsetzt − und vor allem, wenn man den für das Gebotene erstaunlich günstigen Preis ins Verhältnis setzt. Ich denke im Bereich Pop und emotionaler Filmmusik wird uns »Noire« bestimmt sehr oft begegnen und uns lyrische oder düstere Gänsehautmomente bescheren.


Hersteller/Vertrieb: Native Instruments
Internet: www.nativeinstruments.com
Preis: 149,− Euro

Unsere Meinung:
+ einzigartiger, intimer Sound
+ vielfältige Klanggestaltungsmöglichkeiten/Presets
+ Particles Engine
+ Preis/Leistungs-Verhältnis
− keine weiteren Mikrofonpositionen


Mehr Zur Produktion von Noire erfährst du auch in unserem Podcast mit dem Noire-Produzenten Stephan Lembke.

Produkt: Keyboards 04/2019
Keyboards 04/2019
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