Italienische Oper(a) in mehreren Akten

Love The Machines: Synthesizer von Siel

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Siel ist ein längst untergegangener italienischer Hersteller, der in der Synthesizer-Gemeinde manchmal kontrovers diskutiert wird, aber interessante Produkte unter verschiedenen, mitunter verwirrenden Bezeichnungen herausgebracht hat.

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Die in San Benedetto del Tronto ansässige Firma Siel, deren bekanntestes Produkt der sechsstimmige Analogsynth Opera ist, zählte ab Ende der 70er-Jahre zu den interessantesten italienischen Synthesizer-Herstellern. Für alle Nordlichter: Der Firmenname hat nichts mit einem verschließbaren Gewässerdurchlass in einem Deich zu tun, sondern ist ein Akronym, das für »Societa Industrie Elettroniche« steht. Hervorgegangen ist die Firma aus einer Art Palastrevolte: Ehemalige Mitarbeiter der großen und etablierten Orgelfirma Farfisa gründeten mit Siel ihre eigene Company. Die Firma baute von 1979 bis 1987 Synthesizer, Orgeln und Drumcomputer. In den frühen Jahren gab es Kooperationen mit ARP und Sequential Circuits, die einige Siel-Produkte unter ihren eigenen Namen in den USA vertrieben.

Orchestra: Zu den frühesten Siel-Produkten gehört das Multi-Keyboard Orchestra von 1979. Diese Synthesizer-Spezies war in den 70ern für rückengeplagte Tastenmenschen und Roadies ein Segen, denn sie ersetzte manche Keyboardburg, da sie Direktzugriff auf polyfone Standard-Sounds bietet.

Die vollpolyfone Orchestra-Klangerzeugung arbeitet mit einem Master-Oszillator und einer Frequenzteilerschaltung. Sie generiert vier verschiedene Preset-Sounds (Brass, Strings, Piano, Reed), die in engen Grenzen modifiziert werden können. Bei den Brass-Sounds (Trombone, Trumpet) lassen sich Filterresonanz, Attack und Cutoff sowie ein Crescendo-Effekt aktivieren bzw. einstellen, und die Strings (Cello, Violin, Percussion) verfügen über eine regelbare VCAHüllkurve (Attack und Decay). In der Reed-Abteilung (Akkordeon, Musette, Church Organ) kann man die Attack-Phase verändern, in der Piano-Gruppe (Piano, Clavichord, Honky Tonk) den Decay-Parameter. Als Effekt kommt (für alle Sounds) noch ein Chorus zum Einsatz, der auf dem TDA-1022-Chip beruht, der auch beim Elka Synthex zum Einsatz kommt. Alle Stimmen der Poly-Sektion teilen sich eine Hüllkurve, die bei jedem Anschlag neu getriggert wird.

Der Siel Orchestra wurde in den USA als ARP Quartett (u. a. von Massive Attack, Portishead und 808 State) verwendet und unter dem Sequential-Circuits-Label als Prelude angeboten. Eine leichtverbesserte Version des Orchestra wurde zwei Jahre  später unter dem Namen OR 400 vorgestellt.

Der Siel Cruise vereint die Klangerzeugung des Mono und des Orchestra in einem Gerät.

1981 kam der Mono auf den Markt. Die Klangerzeugung dieses einfachen Synthesizers ist monofon (wer hätte das gedacht …) und mit einem stimmstabilen DCO mit zehn verschiedenen Wellenformen ausgestattet. Korrespondierend dazu gibt es zehn Presets mit mutig-euphemistischen Bezeichnungen wie Saxophon, Trombone usw. Der Synth-Sound lässt sich im Free-Mode aber auch frei gestalten; dafür stehen u. a. ein Multimode-Filter (Lowpass, Bandpass- und Hipass), eine nicht übermäßig schnelle ADSR-Hüllkurve und ein Noise-Generator zur Verfügung. Die Resonanz kann bis zur Eigenschwingung gebracht werden und klingt auch bei höheren Werten sehr musikalisch.

Mit dem Cruise kombinierte man bei Siel 1984 beide Instrumente, den Orchestra und den Mono, in einem Gerät. Kleinere Abstriche wurden dabei beim Mono gemacht, hier gibt es lediglich ein Tiefpassfilter, und der Noise-Generator fiel weg. Die Orchestra- und Mono-Klänge lassen sich auf der Tastatur, die einen festen Splitpunkt bietet, rechts und links verteilen oder übereinanderschichten.

Der Cruise zeichnet sich durch einen charmanten, warmen Retro-Sound aus; alle, die die Klangästhetik von Acts wie Air oder Boards Of Canada mögen, können viel Spaß mit dem italienischen Boliden haben. Abstriche muss man aber bei der schwabbeligen Tastatur und dem keilförmigen Gehäuse machen, dessen Seitenteile und Unterseite leider aus Plastik sind; es ist nicht wirklich in der Lage, einen Knuff auszuhalten und wirkt nicht roadtauglich. Unter dem Sequential-Circuits-Banner war der Cruise in den USA als Fugue erhältlich.

Italians have more fun: Der Opera-6-Prospekt aus den 80er-Jahren

Opera: Die inneren Werte zählen. Das Opus Magnum (und das erfolgreichste Modell) von Siel ist zweifellos der Opera 6, ein sechsstimmiger Analog-Synth, der gerüchteweise ursprünglich als Lehrlingsprojekt gestartet wurde und ab 1983 für ca. 1.700 Mark erhältlich war. Er haust in dem gleichen fragwürdigen Gehäusekeil wie der Cruise, und die anschlagsdynamische Tastatur (immerhin mit einstellbarer Dynamikkurve) kann man vom Spielgefühl eher der »Wet Noodle«-Klasse zuordnen. Dafür ist sein Innenleben

umso hochwertiger, denn hier tummeln sich die begehrten SSM-Chips (sechs SSM2024, zwei SSM2031 und sechs SSM2044), auf denen die analoge Klangerzeugung des Opera 6 basiert.

Spätere Opera-Varianten wie der Kiwi verfügen über eine verbesserte MIDI-Implementation mit Split-Möglichkeit.

 

Pro Stimme generieren zwei VCOs die Wellenformen Sägezahn und (modulierbare) Pulswelle. Spätere Modelle arbeiten mit DCOs und sind stimmstabiler. Zur Klangformung stehen außerdem ein Resonanz-Lowpass-Filter (mit 24 dB Absenkung pro Oktave), zwei ADSR-Hüllkurven und drei LFOs (zwei mit Dreieck-, einer zusätzlich mit Rechteck-Wellenform) sowie ein Pink-Noise-Generator zur Verfügung. Die LFOs lassen sich auf VCO, VCA und VCF routen. Im Grunde handelt es sich um die klassische subtraktive Synthese.

Jean-Jaques Kravetz, der u. a. mit Frumpy, Atlantis, Eric Burdon und Udo Lindenberg spielte, besaß mehrere Opera 6. Im Hintergrund türmen sich gleich vier Expander 6.

Den SSM-Chips verdankt der Opera 6 einen schönen, kraftvollen Grundsound, der einige seiner Konkurrenten (etwa den Korg Polysix) in Sachen Druck problemlos hinter sich lässt. Das Filter agiert musikalisch und greift energisch ins Klanggeschehen ein. Auch wenn experimentelle Sounds nicht im Repertoire sind, ist der Opera 6 immer noch ein Tipp, wenn man auf der Suche nach einem preisgünstigen, polyfonen Analog-Boliden ist. Allerdings haben viele der Opera 6-Synths wegen ausgelaufener Speicherbatterien ihr Leben lassen müssen, deshalb sollte man beim Kauf immer das Innenleben und alle Funktionen checken, um unangenehme Überraschungen zu vermeiden.

Der DK 80 (hier die maximal achtstimmige Expander-Version EX 80, die auch von Suzuki in erweiterter Form als SX-500 angeboten wurde) ist mit einem zweispurigen Sequenzer und einem Chorus-Effekt ausgestattet. Er wurde u. a. von Eat Static eingesetzt.

Opera-Varianten: Der Opera 6 existiert in vielen Darreichungsformen mit leichten optischen DesignÄnderungen, die Grundzüge der Klangerzeugung bleiben aber gleich. Ab Revision 3 arbeitet der Synth mit DCOs statt VCOs; die MIDI-Schnittstelle der frühen Modelle (der Opera gehört zu den ersten Synths mit MIDI) können nur Note-ON/OFF, Program Change und Velocity. Die erste Modellreihe besitzt nur ein Modulations-Rad. In Deutschland wurde eine spätere Variante des Opera 6 als KIWI 6 und DK-600 vertrieben. In den USA wurde der Synth auch als Velocity 600 von Sequential Circuits verkauft. Es gibt auch eine Expanderversion (Expander 6), die mit stark reduzierten Bedienelementen auskommen muss und über die Keyboard-Version programmiert werden kann.

Ein Blick ins Innenleben des Siel EX 80: Hier haust der SSM2045-Filterchip.

Trotz seiner guten Klangeigenschaften hatte es der italienische Synth mit seiner klassischen Analog-Synthese schwer gegen die angesagte Digital-Konkurrenz aus Japan, sprich dem DX7. Zum Userkreis des Opera gehörte u. a. der Udo-Lindenberg-Keyboarder Jean-Jaques Kravetz, der gleich mehrere Opera sein Eigen nannte und sie zur Ergänzung seiner Hammond-Orgel einsetzte.

Mit der DK-Serie betrat 1985 eine neue Siel-Generation die Bühne. Siel wollte mit diesem relativ preisgünstigen Synth im Revier des erfolgreichen Korg Poly-800 wildern. Der DK 80 ist sechsstimmig und kann bitimbral betrieben werden, sodass sich zwei jeweils sechsstimmige Sounds splitten oder layern lassen. Er arbeitet mit einer analogen Klangerzeugung, besitzt aber kaum noch Regler für den Realtime-Eingriff; der Yahama DX7 hat mit seinem slicken, aber nicht gerade zugriffsfreundlichen Design in den 80er-Jahren viele andere Synthesizer-Hersteller (negativ) beeinflusst. Dafür bieten der Siel DK 80 und die Expander-Version EK-80 eine exzellente MIDI-Implementierung: So gut wie jeder wichtige Parameter kann per MIDI-Controller-Befehl gesteuert und in der DAW automatisiert werden.

Frisurenalarm in den 80ern: eine Siel-Anzeige mit dem DK 70

Der Klang der DK-Serie wird von der Synth-Gemeinde kontrovers diskutiert: Im Vergleich mit dem Vorgänger Opera-6 wirkt die DK-Serie deutlich schlanker bzw. dünner, was auch am etwas schwachbrüstigen Basisklang der zwölf DCOs liegt. Diese müssen sich zwei Tiefpassfilter teilen (typischerweise eines für sechs Stimmen im bitimbralen Betrieb). Das resonanzfähige 24-dB-Tiefpass-Filter klingt dafür klasse (und ermöglicht auch gute Sounds) – kein Wunder, basiert es doch auf dem SSM2045-Chip, der auch im E-mu Emulator 3 und in einigen Versionen des Fairlight CMI seinen Dienst verrichtet. Dank eines internen Trimpotis lässt sich die Resonanz noch aggressiver einstellen. Eine abgespeckte Variante des DK (acht statt zwölf DCOs) ist der DK 70, der auch mit Batterie betrieben und – nachgerüstet mit dem Modulations-Grip DK 70 NECK – auch als Umhänge-Keyboard verwendet werden kann.

Das Orchestra- Multikeyboard in der Prelude-Ausführung von Sequential Circuits

Finale: Nach dem Ende von Siel im Jahr 1988, das u. a. durch die übermächtige Konkurrenz aus Japan und dem mangelnden Erfolg der DK-Reihe herbeigeführt wurde, ging ein Teil der Firma in dem neuen, zur Gibson-Gruppe gehörenden Hersteller Keytek auf. Die Siel-Produktionsstätten wurden 1988 von Roland übernommen. Zu den letzten Modellen gehören der analoge DK 700 (mit Opera-6-Klangerzeugung) und das MK 610, ein PCM-basiertes Keyboard mit Begleitautomatik.

Der Siel Opera wurde uns freundlicherweise von Ingo Rippstein (www.synthmaster.de) zur Verfügung gestellt.

Die Klangerzeugung des Opera 6 wurde auch im 2.400 Mark teuren DK 700 verbaut, der 1986 herauskam. Er verfügt über Master-Keyboard-Fähigkeiten und besitzt eine digitale Bedienoberfläche.

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