Produkt: Keyboards 02/2019
Keyboards 02/2019
DIGITAL SUMMER+++DON AIREY: An den Tasten von Deep Purple+++GEWA MUSIC: Ein Blick in die Produktion+++SAMPLING VS. PHYSICAL MODELING: Die Unterschiede zwischen Konserve und Original
Vintage Park

Korg M500 Micro-Preset (*1978)

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(Bild: Dieter Stork)

Zum ersten Gig des Bandprojekts der beiden blassen Liverpooler Kraftwerk-Fans Andy McClusky und Paul Humphries kamen rund 40 desinteressierte Zuhörer. Im Oktober 1978 ahnte noch niemand, dass die Band mit dem sperrigen Namen „Orchestral Manouevres In The Dark“, deren drittes Bandmitglied eine (liebevoll „Winston“ getaufte) Teac 4-Spur-Bandmaschine war, nach den Beatles die erfolgreichste Band der Stadt werden würde.

Factory-Records-Gründer Tony Wilson erkannte aber bald das Potenzial der New-Wave/Synth-Band, ließ sie in seinem Club spielen und brachte die erste Platte auf seinem legendären Label heraus. Der Durchbruch gelang der mittlerweile um zwei weitere Mitglieder erweiterten Band (Winston wurde in Rente geschickt) mit dem Song Enola Gay. Dieser ist nicht etwa eine Schwulenhymne, sondern bezieht sich auf den berüchtigten Hiroshima-Bomber (dem der Pilot den Namen seiner Mutter gegeben hatte). Dieser Song vom zweiten Album wurde ein Riesenhit und weltweit veröffentlicht.

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Die markante Melodielinie wurde auf dem damaligen Leadsynth der Band, einem Korg M500 Micro-Preset, gespielt. Diesen preisgünstigen Synthesizer, der 1978 auf den Markt kam, hatte Andy McClusky in einem Versandhauskatalog seiner Mutter gesehen und umgehend bestellt. Er wurde auch bei der Produktion anderer früherer OMD-Songs (z. B. Souvenir und Messages) eingesetzt. OMD waren nicht die einzigen Micro-PresetUser; zu ihrem Kreis gehören u. a. Brian Eno, Human League, Pop Will Eat Itself, Eddie Grant, Add N To (X) und natürlich Jean Michel Jarre.

Nahe Verwandte

Neben dem M500 gibt es übrigens noch eine Modellvariante des Instruments, den M500 SP. „SP“ steht für den internen Speaker des ansonsten technisch identischen Synths. Seine Bedienoberfläche ist nicht schwarz, sondern z. T. beige. Die Micro-Presets wurden bis etwa 1980 gefertigt. Als großen Bruder des Micro-Presets könnte man den Korg 900 PS von 1975 bezeichnen, der noch mehr Presets und Synthesemöglichkeiten bietet (siehe Vintage Park in KEYOARDS 5.2006).

Äußeres

Das Design des ziemlich kompakten Synthesizers hat einen etwas unbeholfenen, aber irgendwie unwiderstehlichen Charme. Auffallend ist die angeschrägte Bedienoberfläche mit der Matrix zum Anwählen der Presets. Das Zweieinhalb-Oktaven-Keyboard im Holzfurnier ist nicht anschlagdynamisch und bietet durchschnittliche Bespielbarkeit. Die abgerundeten Faderkappen erinnern an den Korg 700 (den ersten Korg-Synth überhaupt) und sind typisch für die frühen Korg-Modelle. Auf der Rückseite findet man jeweils einen Monoausgang mit hoher und niedriger Empfindlichkeit.


In den 70er Jahren, als Speicherplatz kaum bezahlbar war, konnten Presets dem Performance-orientierten Musiker das Leben leichter machen. Die Zahl der auf der Matrix abrufbaren Sounds kann übrigens erheblich erweitert werden: Wenn man zwei Preset-Schalter gleichzeitig aktiviert, lassen sich Wellenformen kombinieren. Synthe-1 und -2 sowie Brass lassen sich weitgehend mit Filter und Hüllkurven modifizieren. Der Portamento-Schalter schnellt in der Stellung „Momentary“ in die Ausgangsstellung zurück, wenn er losgelassen wird, und kann so zielgerichtet nur bei bestimmten Tönen aktiviert werden. 


Klangerzeugung

Die relativ einfache analoge, subtraktive Klangerzeugung ist monofon und arbeitet mit einem spannungsgesteuerten Oszillator, der Sägezahn- und Pulse-Wellenformen generiert. Alternativ lässt sich in der Preset-Sektion auch White oder Pink Noise aktivieren. Das im Korg-Slang TRAVELER (korrekte Schreibweise!) benannte, auf dem Korg-35-Chip basierende Filter ist als 12-dB-Lowcut ausgelegt und muss leider ohne eigenen Resonanzregler auskommen. In der Hüllkurvensektion stehen Potis für das Anpassen der Attack- und Sustain-Phase des VCAs zur Verfügung. Der LFO kann wahlweise auf die Filtereckfrequenz und die Tonhöhe geroutet werden. Mit dem LFO lässt sich auch die Hüllkurve triggern (Repeat), sodass man Sequenzerartige Patterns erzeugen kann. Ungewöhnlich ist hier die Möglichkeit, die Repeat-Funktion alternativ in der Stellung „Random Repeat“ zu betreiben, in der eine (nicht synchronisierte) Sample&Hold-Wellenform die Attack-Phase des Oszillators moduliert.

Mods

Micro-Preset-Besitzer können die Fähigkeiten des doch relativ limitierten Instruments erweitern. So kann man z. B. ein CV/Gate-Interface (Hz/Volt-Charakteristik) nachrüsten, die Repeat-Funktion extern synchronisieren, einen Anschluss zur Steuerung der Filtereckfrequenz oder einen Eingang zum Filtern von externem Audiomaterial nachrüsten (www.cykong.com). Ein MIDI-Interface wird z. B. von Synhouse angeboten (www.synhouse.com).

Sound

Der Micro-Preset ist trotz eingeschränkter Synthesemöglichkeiten ein charakterstarker Klangerzeuger. Gerade die Beschränkungen fördern die Konzentration auf die Musik bzw. die Performance. Das Instrument kann sehr ausdrucksvoll agieren, obwohl der Basisklang der meisten Presets relativ einfach ist und experimentelle Sounds nicht zu machen sind. Problemlos lassen sich gute, durchsetzungsfähige Leads und Sequenzer-Sounds im Stil der 80er erstellen. Auch schöne Bassklänge sind möglich, wenngleich der Synth im Tief-Frequenzbereich nicht so präsent ist.

Der Korg M500 Micro-Preset wurde uns freundlicherweise von Thomas Hutzler zur Verfügung gestellt, der u. a. mit seinem Projekt Syncronize smarten Dubtechno produziert (www.soundcloud.com/syncronize).

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