Produkt: Keyboards 02/2019
Keyboards 02/2019
DIGITAL SUMMER+++DON AIREY: An den Tasten von Deep Purple+++GEWA MUSIC: Ein Blick in die Produktion+++SAMPLING VS. PHYSICAL MODELING: Die Unterschiede zwischen Konserve und Original
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Korg 800 DV (*1975)

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Korg 800 DV (*1975) Synthesizer (Bild: Dieter Stork)

Mitte der 70er-Jahre musste jede Synthesizerfirma, die einen Synthesizer herausbringen wollte, der mit dem schon damals legendären Minimoog konkurrieren konnte, sich etwas einfallen lassen. Die innovationsfreudigen Entwickler bei Korg versuchten es, indem sie den ersten seriengefertigten Stereosynth auf den Markt brachten.

Im Gegensatz zu anderen duofonen Synthesizern dieser Ära wie etwa dem ARP Odyssey bietet der 800 DV zwei identische Klangerzeugungen mit diversen Split-Optionen („DV“ steht für „Double Voice“). Das Instrument wurde 1975 vorgestellt und kostete damals ca. 2.500 Mark. Der Synth kam in den USA unter dem Namen „Univox Maxikorg K 3“ auf den Markt. Seit 1971 kooperierte Korg mit Univox, um den Zugang zum amerikanischen Markt zu erleichtern.

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Der 800 DV war zwar nicht sonderlich erfolgreich, aber einige namhafte Musiker machten sich seine guten Klangeigenschaften zunutze. Dazu gehörte neben Acts wie The Cure oder Gino Vanelli auch der geniale Soft-Cell-Produzent und Keyboarder Dave Ball. Zu den absoluten Liebhabern der frühen Korg-Synths zählt außerdem der japanische Synth-Wizard Kitaro, der ihn auch auf der Bühne benutzte.

Äußeres

Der Maxikorg bzw. 800 DV macht seinem Namen alle Ehre, denn er bringt stolze 16,5 kg auf die Waage. Dies liegt unter anderem auch an dem stabilen, mit Holzteilen umrahmten Case. Die silbernen Poti- und Fader-Kappen mit ihrer ungewöhnlichen Formgebung und den bunten Bonbonfarben auf dem angeschrägten Bedienpanelversprühen einen Hauch von Flower-Power-Nachglühen. Die beiden identischen Klangerzeugungsstränge sind untereinander platziert. Etwas ungewöhnlich ist die Anordnung der Sektionen: Ganz links liegen die Regler für Fein- und Grobstimmung, dann folgen die Filtersektion, in der Mitte die VCOs, rechts die Effekte und Modulationen.

Dieses Bedienkonzept ist durchaus sinnvoll und praxisorientiert, denn wenn man mit der rechten Hand spielt, kann man mit der linken z. B. den Klang mit den Filter-Fadern formen. Das 44-Tasten-Keyboard ist nicht anschlagdynamisch, lässt sich aber ganz gut spielen. Spielhilfen sucht man vergeblich, die Holzfläche links von der Tastatur lässt sich allenfalls zum Ablegen der Zigarettenschachtel nutzen.

Gewöhnungsbedürftig sind die Fader des Synths, denn wenn man sie hochschiebt, wird der Wert niedriger, also genau umgekehrt, als man es gewohnt ist. Dadurch können sich auch für erfahrene Synthesizernutzer beim Erstkontakt irritierende Situationen ergeben. Dass viele Parameter wie etwa Resonanz mit Kippschaltern zu bedienen sind, bringt vor allem dem bühnenorientierten Musiker den Vorteil, dass sich Einstellungen leichter umregistrieren lassen und man z. B. einfacher zwei ähnliche Sounds mit den beiden Synths einstellen kann.

Die Rückseite ist mit Anschlüssen großzügig ausgestattet: Es gibt einen Ausgang pro Klangerzeugung (ist nur einer belegt, werden beide Sounds über eine Buchse ausgegeben); beide Synths lassen sich gemeinsam über CV-Gate ansteuern, wobei Korg-typisch eine Volt/Hertz-Charakteristik verwendet wurde. Außerdem gibt es zudem noch Anschlüsse für die Steuerung der beiden Filter. Das Netzkabel kann zum Transport in einer kleinen, mit einem Deckel versehenen Öffnung verstaut werden.

Klangerzeugung

Die Zweistimmigkeit des 800 DV basiert auf zwei identischen Klangerzeugungen, jedes der im Folgenden beschriebenen Elemente ist also zweimal vorhanden. Der spannungesteuerte Oszillator erzeugt die Wellenformen Sinus, Sägezahn, Rechteck und Rosa Rauschen. Merkwürdigerweise gibt es beim Wellenformschalter noch eine „Chorus“ betitelte Einstellung. Dies ist aber kein Chorus-Effekt, sondern eine schön breit klingende modulierte Pulswelle. Der VCO lässt sich in 6 Fußlagen (64′, 32′, 16′, 8′, 4′, 2′) betreiben.

Ein Suboszillator mit Sägezahnwelle und fünf Oktavlagen (32′ bis 2′) sorgt für zusätzliche Fülle und lässt sich stufenlos mit dem VCO überblenden. Er kann außerdem mit dem VCO ringmoduliert werden. Zu den absoluten Pluspunkten gehört das Traveller Filter, das auch in den Korg-Synths 700, 700s, PS 900 und 770 seinen Dienst tut. Es hat einen sehr schönen warmen und plastischen Klang und wird von vielen Leuten dem Filter des MS-20 vorgezogen. Das Traveller Filter ist eine Kombination von Tiefpass und Hochpassfilter mit 12-dB-Absenkung pro Oktave und kann so gleichzeitig als Bandpassfilter arbeiten.

Die Bedienung mit den beiden Fadern ist sehr intuitiv; einzig störend ist ein kleiner Plastiknippel an der Fader-Kappe, der ein Überkreuzen der Fader verhindert – vermutlich, um allzu extreme Ausdünnungen des Signals zu vermeiden. Viele Traveller-User haben aber das Plastikteil abgeschliffen und sich so mehr Freiheit in der Klanggestaltung gegönnt. Besser ist es aber (um den Originalzustand des Schätzchens zu erhalten), eine Fader-Kappe einfach umzudrehen.

Einen Resonanzregler sucht man vergeblich, aber mit dem dreistufigen „Bright“-Schalter wird die Filterresonanz angehoben; mit dem als „Expand“ betitelten Schalter wird die Hüllkurvenmodulation der Filtereckfrequenz geregelt. Sind beide Schalter aktiviert, greift das Traveller Filter noch energischer ins Klanggeschehen ein. Die VCA-Hüllkurven-Sektion ist relativ sparsam mit Attack- und Decay-Fadern (Letztere im Korg-Speak „Percussion“ genannt) sowie zwei dreistufigen Kippschaltern für längere DecayPhasen und Sustain-Varianten inklusive einer Hold-Funktion ausgestattet. Als Effekte sind Portamento sowie eine verzögerbare Tremolo-Funktion mit Speed-Intensitätsregler an Bord. Es gibt auch einen zuschaltbaren Autopitch-Effekt, bei dem der Ton ein paar Halbtöne höher (oder tiefer) startet und schnell zur Zielnote auf- bzw. absteigt.

Extras

Die beiden Klangerzeugungen lassen sich in verschiedenen Modi betreiben: Beide Sounds können gestackt werden, es gibt zwei Split-Modi mit wählbarer Note-Priority des oberen oder unteren Synths sowie einen duofonen Modus. Richtig Spaß macht die flexible Repeat-Funktion: Die Hüllkurve wird in einer wählbaren Geschwindigkeit getriggert, wobei man beide oder nur einen Oszillator ansteuern kann. Ungewöhnlich ist hier die Möglichkeit, den Trigger des einen Synths zeitlich gegen den des anderen mit einem Fader stufenlos zu verschieben; hiermit lassen sich interessante Effekte erzielen. Anleitung und Schaltplan gibt’s im Netz.

Sound

Nicht zuletzt dank des hervorragenden Traveller-Filters kann man mit dem 800 DV sehr schöne, kraftvolle und durchsetzungsfähige Klänge generieren. Die Hüllkurven arbeiten schnell genug, um perkussive Klänge zu programmieren. Auch wenn er nicht die Fülle und den Druck eines Minimoogs erreicht, sind trotzdem überzeugende Basssounds und ausdrucksstarke Leads möglich. Schneidende, superaggressive Klangergebnisse sind wegen der fehlenden Oszillatorsynchronisation seine Sache nicht.

Breitere Sounds und nette Stereoeffekte lassen sich dank PWM („Chorus“-Wellenform) und mittels Übereinanderlegen der Klangerzeugungen problemlos einstellen. Mit Ringmodulator, Rauschgenerator und der Modulationsabteilung sind auch experimentelle Sounds und oldschoolige Sci-Fi-Effekte machbar. Leider ist der 800 DV hierzulande äußerst selten auf dem Gebrauchtmarkt zu finden. Das Gerät wurde uns freundlicherweise von den „Storno Brothers“ zur Verfügung gestellt.

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