Hybrid der Oberklasse

Kawai Novus NV10 im Test

Das neuste Digitalpiano-Flaggschiff aus dem Hause Kawai ist in mehrfacher Hinsicht eine Premiere. Angefangen bei der Tastatur bis hin zur Klangerzeugung und dem allgemeinen Erscheinungsbild ist das NV10 etwas vollkommen Neues. Folgt man den möglichen Übersetzungsvarianten des lateinischen Wortes Novus, so steht der gewählte Name für etwas Unerhörtes, Unerwartetes oder Beispielloses. Passen dürften alle drei!

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Selbst optisch ist Kawais neuster Sprössling bereits eine ernstzunehmende Ansage. Die üppigen Gehäusedimensionen mit dem dazu kommenden Lebendgewicht von knapp 130 kg wollen jedoch nicht einfach nur Raum für sich beanspruchen und den potenziellen Kunden durch schiere Masse beeindrucken, hier folgt die Form nach strengstem Designerkodex der Funktion.

Ein wenig mehr Platz als gewohnt beansprucht in diesem Zusammenhang vor allen Dingen die zum Einsatz kommende Klaviatur. Anstatt dem Spielgefühl eines Grand Pianos auf höchstem Niveau nachzueifern, wie es beispielsweise das Bühnenflaggschiff MP11SE aus gleichem Hause zelebriert, spendierte Kawai dem NV10 als erstem Digitalpiano seiner Klasse eine vollständige Flügeltastatur inklusive Mechanik der Modellkategorie Millennium III Hybrid, wie sie auch in der hochwertigen Kawai Shigeru-Serie ihre Entsprechung findet.

Respektive der im Novus selbstverständlich nicht vorhandenen Saiten ersetzte man aus nachvollziehbaren Gründen bei der Umsetzung lediglich die Hammerköpfe durch graduell gewichtkompensierte filzfreie Varianten. Damit die ebenfalls mitintegrierte Dämpfermechanik der edlen Tastaturlösung das Wasser reichen kann, wurde zudem ein originales Dämpferpedal samt zugehöriger Stange und Feder ebenfalls 1:1 vom akustischen Vorbild übernommen. Ein getretenes Haltepedal am Novus hat somit einen fühlbar ebenso relevanten Einfluss auf die Spielgewichtung der Tastatur wie beim seinem akustischen Pendant.

Im Ergebnis führt das umgesetzte Konzept somit tatsächlich zu einem mechanischen Erlebnis, welches mit unnachahmlicher Exaktheit dem eines echten Flügels entspricht − und dies mit allen Vor- und Nachteilen. So dürfte nächtliches Spiel via Kopfhörer trotz »fehlendem« Klaviersound das Verhältnis zu den unter oder neben einem wohnenden Nachbarn nicht sonderlich verbessern, auf der anderen Seite verweist die authentische Geräuschemission jede nur erdenkliche DSP-Keynoise-Simulation souverän in die Schranken des Möglichen.

Das Saitenequivalent lässt sich beim Novus übrigens in Form des hausintern entwickelten Integrated Hammer Sensing Systems (IHSS) finden, einer akkuraten, kontaktlosen Sensorik optischer Natur, welche in der Lage ist, auch die kleinsten über die langen Fichtentasten auf die Hämmer übertragenen Bewegungen zu interpretieren.

Die Mechanik im NV10 unterscheidet sich von der im Shigeru Kawai SK-EX verwendeten Variante lediglich durch die fehlenden und im Novus auch völlig sinnfreien Filzhämmer. Das Spielgefühl entspricht somit exakt dem eines echten Premiumflügels. (Bild: Archiv)

Wer mit Kawais Mechaniken nicht vertraut ist, wird vermutlich über das in Klavieren nicht allzu oft Verwendung findende carbonverstärkte Konstruktionsmaterial Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymer (kurz ABS) stolpern. Hierbei handelt es sich aber nicht, wie man es heutzutage oft beobachten kann, um eine Möglichkeit, teures Holz einzusparen, sondern um eine von Kawai seit über 40 Jahren stetig weiterentwickelte Innovation, die gewichtsoptimierte Designs mit maximal möglicher Responsivität verknüpft. Die eingesetzten ABS-Carbon-Elemente sorgen sogar für eine noch bessere und ökonomischere Kraftübertragung, als dies bei traditionellen Holzteilen der Fall wäre. All dies zusammengenommen macht die Millennium III Hybrid letztlich sogar zu einer der schnellsten Flügelmechaniken der Welt, technisches Können und pianistische Disziplin vorausgesetzt.

Klangliche Höchstleistung verspricht die neuste und erstmals beim Novus integrierte SK-EX Rendering-Sound-Technologie, mit welcher sich die Entwickler nichts Geringeres zum Ziel gesetzt haben, als die komplette Naturgewalt eines SK-EX Shigeru Kawai auf akkurateste Weise in einem digitalen Pianomodell zu reproduzieren. Dabei spielt das bereits im Namen hinterlegte Rendering neben einem aufwendig in Mehrkanalton abgenommenen Flügel eine entscheidende und tragende Rolle. Um den brillanten Charakter des Konzertinstruments in ganzer Fülle entfalten zu können, bedient sich Kawai nämlich einer ordentlichen Portion DSP-Power, mit welcher sämtliche bei einem akustischen Pendant entstehenden Resonanzen durch das obertonreiche Mitschwingen beim Spielen eines Tons von Rahmen, Resonanzboden sowie anderer Saiten in Echtzeit hinzugerechnet werden. Mit dieser Kombination aus Sample-Library und Modelling setzt der japanische Hersteller sozusagen auf ein komplementär-technologisches Best-Of-Both-Worlds.

“Diese Technologie ermöglicht in der vorliegenden Umsetzung nicht nur eine hochdynamische, sondern für ein Digitalpiano auch ungewohnt lebendige Ansprache.”

Diese Technologie ermöglicht in der vorliegenden Umsetzung nicht nur eine hochdynamische, sondern für ein Digitalpiano auch ungewohnt lebendige Ansprache − jenseits gewohnter Sample-Sterilität −, wie man sie sonst nur von einem echten Piano erwarten würde. Bei maximal möglichem Fortefortissimo hört und spürt man sogar die Obertöne des Gussrahmens im Bassbereich »klingeln«. Zudem stellt die Rendering-Engine dem User insgesamt zehn verschiedene Grundcharaktere des Flügels zur Verfügung, die sich über das linkerhand verbaute und tap- und swipe- fähige, 5″ große Touchdisplay auswählen lassen. Wem die Presets nicht ausreichen, der kann mit Unterstützung des Virtual Technician zudem alle relevanten Parameter des Pianosounds, angefangen bei der Intonation über Resonanzen bis hin zur Öffnung des virtuellen Flügeldeckels, nach Belieben mit virtuellem Stimmhammer und Schraubendreher beeinflussen und feintunen.

Die integrierte optische Sensorik des NV10 registriert feinste Tastenbewegungen und wurde perfekt auf die Millenium-III-Hybrid-Mechanik abgestimmt. (Bild: Archiv)

Die Bedienung des NV10 ist im Übrigen mit allen gebotenen Möglichkeiten von Split-Layer- bis hin zu Vierhandmodus derart intuitiv, dass ein durchschnittlicher Smartphone-User bei der Nutzung des Instruments über das Touchscreen-Panel vor keine allzu großen Herausforderungen gestellt werden dürfte. Man kann die dennoch ausgesprochen detailreiche Bedienungsanleitung also zunächst einmal getrost geschlossen lassen und sich auf sein Spiel konzentrieren.

In Sachen Soundauswahl steht neben dem gerade beschriebenen und ressourcenhungrigen Pianist-Modus noch ein sogenannter Sound-Modus zur Verfügung, über welchen noch einmal 88 zusätzliche (Legacy-) Klänge ausgewählt werden können. Diese basieren auf der bereits von anderen Kawai-Digitalpianos bekannten und weiterhin erstklassigen Harmonic-Imaging-XL-Technologie und bietet neben hochqualitativen Samples aus der akustischen Instrumentallandschaft weitere Kawai-Pianos (Kawai EX und SK-5) sowie altbekannte Klassiker des E-Piano- und Orgel-Universums.

(Bild: Archiv)

Ergänzt wird das Setup durch ein ausgesprochen hochwertiges Effektangebot mit einer Fülle an praxisgerechten Parameteroptionen. Neben den üblichen Verdächtigen wie Reverb, Delay, Phaser und Chorus finden sich aber auch ausgefallene Röhrenamp-Modellings und hervorragende Rotary-Speaker-Simulationen.

Wer im Übrigen statt am integrierten Metronom mehr Gefallen an groovigeren Sidekicks findet, wird sich über die mitgelieferten Schlagzeugrhythmen freuen, die bereits eine große Bandbreite unterschiedlicher Stile abdecken.

In Sachen Recording verfügt das NV10 sogar über zwei verschiedene Varianten. Im Sound-Modus stehen intern sowohl eine MIDI-Recording-Funktion (maximal 10 Songs) sowie via USB-Speichermedium eine Audioaufnahme wahlweise im MP3- oder WAV-Format zur Verfügung. Letzteres bietet selbstverständlich auch der Pianist-Modus, welcher intern jedoch nur mit MP3 und maximal 3 Songs à 10 Minuten aufwartet. MP3- und WAV-Aufnahme ist in beiden Modi hingegen ausschließlich durch die Speicherkapazität des verbundenen Mediums begrenzt.

Geglückte Kooperation: Mit Onkyo konnte zudem einer der führenden Hi-Fi-Hersteller für die Entwicklung des Wiedergabesystems gewonnen werden. Neben einem speziell für diesen Einsatz konzipierten High-End-Verstärker wurde auch das Lautsprechersystem aus vier 10-cm- und zwei 1,4-cm-Treibern sowie einem perfekt abgestimmten Subwoofer vom Audiospezialisten beigesteuert. Auch der integrierte Kopfhörerverstärker inklusive DSP-Processing, welcher unter dem Namen Spectra-Module firmiert, ist klanglich eine Klasse für sich. Mittels virtuellem 3D-Sound ist es mit diesem tatsächlich möglich, sich auch mit Kopfhörern akustisch vor den virtuellen Klangkörper anstatt bei den meisten stereobedingt nur mitten in den Sound zu setzen. Zur Befriedigung der Macht der Gewohnheit ist Letzteres via entsprechendem Preset aber selbstverständlich ebenfalls möglich.

Extrem gelungenes Joint-Venture: synergetische Entwicklung des Wiedergabesystems durch Kawai und Onkyo. (Bild: René Marx)

Conclusio: Insgesamt hat sich der technische Aufwand wirklich mehr als gelohnt, und es lässt sich, ohne irgendwelche Übertreibungen zu bemühen, behaupten, dass Kawai und Onkyo in Sachen Klangwiedergabe bei ihrem ersten Joint-Venture wirklich keine merklichen Kompromisse eingegangen sind. Das sound- ästhetische Herzstück des NV10, die Reproduktion des Shigeru Kawai SK-EX erfüllt die Erwartungen im vollen Umfang und markiert mit seiner ausgesprochen eindrucksvollen Melange aus Multi-Layer-Samplematerial, kongenial ergänzt durch eine ausgefeilte Modelling-Engine, eine neue Referenz im Digitalpiano-Markt.

Mit einem Anschaffungspreis von annährend 9.000,− Euro ist das Novus NV10 zwar alles andere als ein Schnäppchen, auf der anderen Seite aber wohl die günstigste Alternative zu einem 130.000-Euro-Premiumflügel. Natürlich kann im Ernstfall auch die beste binär umgesetzte Kopie ihr akustisches Original nicht umfassend ersetzen, mit dem neusten Digitalpianohybriden kommt Kawai diesem Ideal allerdings schon verdammt nahe.

www.kawai.de

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