Infotest: Software-Sequenzer Bitwig Studio

Um viele Sounds für eine Live-Show in Echtzeit am Laptop zu verwalten, haben sich inzwischen zahlreiche Standalone-Applikationen wie Native Instruments Kontakt, Steinberg Halion oder spezialisierte Live-Umgebungen wie etwa Apple MainStage etabliert.

Screenshot von Bitwig Studio

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Sind zusätzlich noch mehrspurige Playbacks, weitreichende Mixing-Optionen und Drittanbieter-Plugins gefragt, wird es allerdings schon schwieriger, alles übersichtlich unter einer Haube zu vereinen. Schauen wir also, was der DAW-Neuling Bitwig zu bieten hat.

Der Software-Sequenzer Ableton Live hat sich deshalb auch für Keyboarder zu einem verlässlichen Partner entwickelt, und lange Zeit existierte keine vergleichbare Alternative auf dem Markt. Es war also nur eine Frage der Zeit, wann ein ernstzunehmendes Konkurrenzprodukt um die Ecke biegt. Seit Kurzem steht nun Bitwig Studio in den Läden, und obwohl es auf den ersten Blick sehr ähnlich aussieht, rücken die Bereiche Audio, MIDI, Sounddesign, Mix und Arrangement hier noch ein Stückchen enger zusammen.

>> Bitwig Studio: Instrumente und Effekte <<

Loop-Player und Playback-Machine

Wie jede DAW besitzt auch Bitwig eine „klassische“ Ansicht, die MIDI und Audio linear und mit fest definiertem Zeitablauf darstellt und wiedergibt. Diese Arrangement-View kann auf der Bühne u. a. als Abspielgerät von Playbacks dienen.

Alle Dateien, Loops, Effekte und Instrumente lassen sich ganz simpel per Drag&Drop vom Browser rechts in das Projekt und die entsprechenden Spuren einfügen. Insgesamt stehen drei verschiedene Spur-Typen zu Auswahl: „Instrument, Audio“ und „Hybrid“ – Letzterer kann sogar MIDI- und Audiomaterial gleichzeitig beinhalten.

Die zweite Ansicht, der „Clip-Launcher“, ist wie Abletons „Session View“ tabellenartig mit Zeilen („Scenes“) und Spalten („Slots“) aufgebaut, was eine intuitive Kombination von MIDI- und Audio-Clips ermöglicht.

In verschiedenen Scenes könnte man beispielsweise einzelne Song-Parts – etwa Intro, Verse, Chorus – vorbereiten und mit nur einem Tastendruck alle benötigten Elemente abrufen – eine erstklassige Funktion für Shows, in denen Improvisation eine wichtige Rolle spielt, da sich Parts unabhängig von deren Dauer und Abfolge unterbrechungsfrei aneinanderreihen lassen. Die Vorbereitung geht blitzschnell von der Hand, da sich alle importierten Audio- und MIDI-Loops automatisch an das Master-Tempo anpassen und lückenlos im Loop durchlaufen.

Hinsichtlich Tempo-Verwaltung hat Ableton allerdings die Nase vorne, da Live sowohl „Tap Tempo“ als auch eine „Nudge“-Funktion zum temporären Anschieben bzw. Abbremsen bietet, mit der man das gesamte Projekttempo jederzeit, auch ohne MIDI-Clock, in Gleichschritt mit einer bereits spielenden Band bringen kann.

Mit der [Tab]-Taste lässt sich schnell zwischen diesen beiden Ansichten wechseln. Der große Vorteil gegenüber Ableton Live jedoch ist, dass sich Arrangement und Clip-Launcher direkt nebeneinander im gleichen Fenster anzeigen lassen. Das heißt, man hat auch während dem Abspielen eines linearen Playbacks über den Arranger stets Zugriff auf die Clip-Slots im Launcher und kann One-Shot-Samples oder zusätzliche Loops temposynchron und mit optischer Kontrolle in die Performance einstreuen. Die oft schwere Entscheidung entfällt, ob man eine Show entweder mit einem fest vorgefertigten Playback fährt oder durchgehend mit dem Clip-Launcher in Echtzeit arrangiert, da man jederzeit zwischen beiden Techniken wechseln kann. Die Songpositionslinie im Arranger läuft immer zuverlässig an der Timeline weiter!

Layer-/Split-Sounds

Ein wichtiger Punkt im Keyboarder-Bereich ist nicht zuletzt die Verwaltung von virtuellen Klangerzeugern, Patches, und Sounds. Die neue DAW wartet mit einigen sehr innovativen Methoden auf, um Layer-Sounds zu generieren. Große Ähnlichkeit zum „Instrument Rack“ in Ableton Live besitzt Bitwigs Container „Instrument Layer“, welcher beliebig viele Devices in einer Liste stapelt. Dadurch kann man die wichtigsten Parameter mit nur einem Mausklick auf Macros zusammenfassen.

Einen Schritt weiter geht der Container „XY Instrument“, in dessen Ecken man bis zu vier Klangerzeuger ablegen und gleichzeitig spielen kann. Das Mischungsverhältnis wird durch einen beweglichen Punkt auf einer quadratischen Fläche eingestellt, wie man es von anderen XY-Pads, etwa dem „Kaoss Pad“, her kennt. In einer zweiten Ansicht stehen dedizierte Drehregler für die X- und Y-Achse bereit, die sich selbstverständlich auch herkömmlichen MIDI-Controllern zuweisen lassen – ein mächtiges Werkzeug, mit dem sich ausdrucksstarke Klangverläufe in Echtzeit steuern lassen!

Eingehende MIDI-Informationen werden vorerst gleichzeitig an alle Instrumente im Container weitergeleitetet. Für einen individuellen Key-Split oder ein Velocity-Layer kann man beispielsweise einem Klangerzeuger den „Note Filter“ vorschalten und somit den Tastaturbereich oder die Anschlagstärke eingrenzen. Einen übersichtlichen Editor wie in Ableton Live, der Zonen aller Beteiligten mit beweglichen Balken verwaltet, gibt es momentan leider nur im „Sampler“.

Ein wichtiges Argument für das Spielen und Steuern von Sounds ist die Integration von MIDI-Controller-Keyboards. Hier ist Bitwig bereits mit vielen Templates ausgestattet, die das Einsetzen von Slidern und Reglern sehr einfach machen. Vorbildlich integriert sind die Geräte von Nektar, so auch das in dieser Ausgabe getestete Modell Impact (siehe S. XX).

Fazit

Neulinge dürften sich hier sehr schnell zurechtfinden, aber auch ältere „DAW-Hasen“ freuen sich über den unkomplizierten Workflow von Bitwig Studio. Fast alle Aktionen lassen sich per Drag&Drop erledigen, und unwichtige Funktionen sucht man in den Menüs vergeblich. Ein großes Plus ist der nahtlose Wechsel zwischen nicht-linearem Clip-Launcher und dem linearen Arrangement, was für das Arbeiten mit Playback alle Freiheiten bietet.

Aber auch zum Spielen von Software-Instrumenten gibt es einige gute Funktionen – so etwa Container wie das „XY Instrument“, das eine schnelle und praxisgerechte Kombination von Klangerzeugern erlaubt. Dabei eröffnet das erstklassige Modulationssystem neue Dimensionen des Sounddesigns.

Die MIDI-Bearbeitungsfunktionen erscheinen stellenweise noch etwas rudimentär, aber es gibt auch einige innovative Lösungen, um z. B. starre MIDI-Sequenzen mit lebhaften Velocity-Modulationen zu versehen.

Aber Bitwig Studio stellt bereits mit der vorhanden Version ein starkes Tool zum Live-Spielen, Arrangieren und Songwriting dar. Und bei dem angekündigten Modularsystem dürften Keyboarder und Synth-Enthusiasten schon jetzt ihre Ohren spitzen, denn damit soll das Bauen von eigenen Klangerzeugern und Effekten sehr einfach werden.

Einen kleinen Wermutstropfen stellt lediglich die nicht unterstützt AU-Schnittstelle dar, was die Plugin-Vielfalt am Mac teilweise einschränken kann. Wer ohnehin mit VSTs arbeitet, wird dies nicht als Manko verspüren.

 

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