Produkt: Keyboards 04/2019
Keyboards 04/2019
ANALOGUE WINTER +++ Moog Matriarch +++ Doug Carn +++ NOVATION SUMMIT – Hybrider Polysynth +++ METRONOMY – Frontmann Joe Mount +++ ERICA SYNTHS PICO SYSTEM III – Modulares Komplettpaket
Vintage Park

Hohner Pianet (*1962) – E-Piano

(Bild: Dieter Stork)

I Am The Walrus gehört wohl zu den merkwürdigsten Beatles-Songs. Er wurde 1967 aufgenommen und hat eine starke psychedelische Schlagseite. Es wurden verschiedenste Klangquellen wie Rückwärts-Tape-Loops (während des Endmixes hat man ein gerade laufendes Radioprogramm mit aufgenommen etc.) und Instrumente eingesetzt, darunter auch das Hohner Pianet.

Dieses E-Piano war besonders in den 60er und frühen 70er-Jahren ein beliebtes Instrument, da es (im Gegensatz zu einem echten Piano oder einem Fender Rhodes) leicht zu transportieren und obendrein stimmstabil war. Die Beatles benutzten es auch bei den Aufnahmen zu The Night Before, You Like Me Too Much vom Help-Album von 1965. Noch mehr im Vordergrund stand das Hohner Pianet bei einem der größten Soul-Klassiker, nämlich Family Affair von Sly Stone. Zum Nutzerkreis des Hohner E-Pianos gehören außerdem Acts wie Guess Who (These Eyes), Led Zeppelin (Misty Mountain Hop), ZZ Top (Cheap Sunglasses) und Ekseption. Auch Tony Banks verwendete das Instrument in der ersten Hälfte der 70er-Jahre auf der Bühne und im Studio (The Return Of The Giant Hogweed, Supper’s Ready).

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History

Die in Trossingen beheimatete Firma Hohner brachte das erste Pianet 1962 auf den Markt, das dann immerhin bis 1982 gefertigt wurde. Erfunden hat es der deutsche Ingenieur Ernst Zacharias, der auch eine Reihe weiterer Instrumente mit elektromechanischer Klangerzeugung auf den Markt brachte; darunter auch das 1968 herausgekommene Clavinet, das Cembalet und das Guitaret, eine Art elektrischer Kalimba.


Die ungewöhnliche, elektro-mechanische Klangerzeugung des Hohner Pianets unterscheidet sich deutlich von der hammerbasierten Mechanik anderer E-Pianos wie dem Fender Rhodes, dem Wurlitzer oder dem Yamaha CP-70.

Das Metallzungen-Prinzip Der Klang wird mithilfe einer entsprechend gestimmten Metallzunge erzeugt, die durch ein Kunststoff- oder Gummi-Pad, das an einem mit der Taste verbundenen Stab befestigt ist, zum Schwingen gebracht wird. Dieses Pad, das normalerweise oben auf der Metallzunge liegt und diese dämpft, ist auf der Unterseite mit einem klebrigen Kunststoff überzogen. Daher wird die Metallzunge beim Drücken der Taste ein wenig angehoben und löst sich dann mit einem Impuls-artigen Geräusch, das die Attack-Phase des Tones markiert.
aktive Klangerzeugung Außer den Modellen T und M, die mit einer passiven Klangerzeugung ausgestattet sind, haben die Pianets aktive Klangerzeugungen (hier Pianet N). Frühe Modelle verfügen über kapazitive Tonabnehmer, spätere arbeiten mit elektromagnetischen Pickup-Systemen.
Abnutzungserscheinung Die Achillessehne der Pianet-Klangerzeugung sind die Pads, auch „Anheber“ genannt. Insbesondere bei älteren Modellen, wie z. B. der N-Version, bestehen diese z. T. aus einem Schaumstoff, der sich im Lauf der Jahre zersetzt, sodass die eine Pad-Hälfte auf den Metallzungen kleben bleibt. Neue Pads zum Auswechseln kann man z. B. bei www.hohner-pianet.com kaufen.
Sly And The Family Stone Sly Stone nahm den mit einer Rhythm-Ace-Drumbox unterlegten Song (einer der ersten Nr.1-Hits mit Drumcomputer überhaupt) für das 1971 erschienene einflussreiche Album There Is A Riot Going On mithilfe seiner Freunde Bobby Womack und Billy Preston auf, die Gitarre und das Pianet einspielten. Eingespielt wurde der Song übrigens in einem Winnebago-Wohnmobil.
E-Piano der Beatles Auf I Am The Walrus (der Titel ist übrigens eine Anspielung auf ein Gedicht von Lewis Caroll) und anderen Beatles-Songs vom Album Help kam ein Hohner Pianet N zum Einsatz.
Hohner Pianet N
Genesis live Auf dem Cover von Genesis Live kann man ein Hohner Pianet auf Tony Banks’ Keyboardburg (undeutlich) erkennen.

Modellvarianten

Es gibt eine Vielzahl von verschiedenen Pianet-Varianten; im Folgenden seien die wichtigsten genannt. Die ganz frühen Modelle kommen noch ohne Modellbezeichnung aus und besitzen einen integrierten Röhrenverstärker; es folgten die Modelle C (zu hören z. B. bei The Zombies, Shes Not There) und CH (mit Kopfhöreranschluss), die alle mit Holzfüßen ausgestattet sind. Das Pianet L (The Kingsmen, Louie, Louie) hat ein noch flacheres Gehäuse und Metallfüße; die Bandversion „Combo“ kommt ohne Gestell aus. Die Heimvariante Pianet M bietet zwei eingebaute Lautsprecher und einen Tremolo-Effekt. Modell N existiert in mehreren Versionen und war auch mit integriertem Verstärker und Lautsprecher erhältlich. Es gibt außerdem eine Clavinet/ Pianet-Kombination.

Pianet N (Bild: Bernhard Lösener)

Model T

Das letzte Modell-Derivat heißt Pianet T, wobei das „T“ wohl für Tolex steht. Mit seiner schwarzen Vinylbespannung und den Gummiseitenteilen strahlt es wohl am meisten Sexappeal (plus Road-Tauglichkeit) und die geringste Wohnzimmer-Romantik aller Pianets aus. Auffällig ist der Bauhaus-artige Minimalismus des Designs: Es gibt keine Bedienelemente, nur das flache Holzgehäuse und die Tastatur, selbst auf einen Netzschalter hat man verzichtet. Letzteres ist auch folgerichtig, da das Pianet T und auch das Pianet M keine aktive Klangerzeugung besitzen und daher keinenerlei Strom benötigen.

Die Spielbarkeit der fünfoktavigen Tastatur ist nicht berauschend, aber nach kurzer Eingewöhnungszeit noch okay – Rhodes-Afficionados ordnen das Pianet-Keyboard allerdings naserümpfend in die „Wet Noodle“- Klasse ein. Anschlussseitig gibt es lediglich einen Klinkenausgang, das war’s. Praktisch ist die Integration des Instruments in das Koffergehäuse; auch ist es wahrscheinlich das leichteste elektromechanische E-Piano und definitiv das transportabelste Modell der Pianet-Serie. Es wiegt zwar immer noch ca. 20 kg, ist aber damit viel rückenschonender als etwa das 70 kg schwere Fender Rhodes.

Pianet T (Bild: Jörg Sunderkötter)

Sound

Das Pianet hat einen glockenartigen Klang, der tendenziell etwas weicher ist als etwa der des Rhodes’ und dem die mittige Härte eines Wurlitzers fehlt. Trotzdem kann es klanglich überzeugen und ist je nach verwendetem Vorverstärker erstaunlich durchsetzungsfähig. Die hammerlose Klangerzeugung kann zwar nicht sehr dynamisch gespielt werden, dafür ist das Instrument stimmstabil. Bei älteren Modellen wie etwa der N-Version gibt die aktive Elektronik dem Sound noch einen charmanten Vintage-Schub; allerdings haben diese Modelle auch mit Nebengeräuschen zu kämpfen. Unsere Beispielsounds wurden mit einem Pianet T erstellt. Die Instrumente wurden uns freundlicherweise von Thomas Schmidt (Pianet T) und Ralph Voggenreiter (Pianet N) vom Voggenreiter Verlag (www.voggenreiter.de) zur Verfügung gestellt.

Für die Bilder bedanken wir uns auch ganz herzlich beim EBOARDMUSEUM in Klagenfurt, Österreich. www.eboardmuseum.com

Mehr über Hohner erfahrt ihr in hier.

 

Produkt: Keyboards 04/2019
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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Toll was ich hier alles über mein Pianet L erfahren habe! Vielen Dank für die Mühe. Ob es wohl noch einen Liebhabermarkt dafür gibt? Liebe grüße Rudolf

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    1. ich habe mir gestern ein pianet gekauft und hasbe den eindruck, wenn ich mal so rum frage, dass alle aus musikerkreisen es kennen und schätzen und diese alten klänge zunehmend wieder begehrt sind: es wird sich so bestimmt ein liebhabermarkt entwickeln!
      gruß aus berlin

      Auf diesen Kommentar antworten
      1. Den Markt gibt es schon… 😉

        Lieben Gruß,
        Markus

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