"Traumgerät, aber nicht günstig"

Elektron Analog Rytm – Analoge Drummaschine im Test

Braucht die Welt eine weitere Drummaschine? Ja, unbedingt! Denn Elektrons „Analog Rytm“ kombiniert druckvolle analoge Drums mit der Welt der Samples — und zaubert mit vielen cleveren Ideen einen spannenden hybriden Klopfgeist.

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KB 04/2014: Wie? Schon wieder etwas Neues von Elektron? Die hatten doch gerade die Synths Analog Four und Analog Keys herausgebracht? Richtig: Der neue schwarze Tabletop ist die dritte Maschine, der – wie unschwer im Namen abzulesen – ein analoger Signalpfad gemein ist. Oszillatoren, Filter und Signalweg sind komplett analog, die Kontrolle dagegen digital. Bei der neuen Drummaschine Analog Rytm gesellen sich noch eine analoge Summen-Verzerrung sowie ein Summen-Kompressor hinzu … und die Möglichkeit, Samples zu verschrauben.

Ebenfalls neu sind die zwölf farbig beleuchteten, drucksensitiven Pads, die zum Einspielen von Patterns und als Steuerelemente verwendet werden. Die Verarbeitung unseres Testgeräts war vorbildlich: Nichts wackelte, alle Potis sitzen bombenfest, und die DrumPads sind gut spielbar. Das Gehäuse besitzt seitliche Lüftungsschlitze, wird aber im Dauerbetrieb nicht mal handwarm.

12 analoge Klopfgeister

Nehmen wir als Erstes den analogen Teil der Klangerzeugung unter die Lupe. Elektron nennt seine Klangerzeuger „Percussion Sound Generator“ – davon gibt’s im Analog Rytm acht Stück. Acht Spuren klingen für heutige Verhältnisse eher piefig … entpuppen sich aber als völlig ausreichend. Denn mit einem Kniff werden aus acht gleich zwölf Spuren: Rimshot und Claps, Mid- und HighTom, closed und open Hi-Hat, Cymbal und Cowbell teilen sich je eine Stimme. Spielen beispielsweise closed und open Hi-Hat gleichzeitig, schneidet die geschlossene HiHat den Sound der offenen ab. Für die Bassdrum, Snare und Rimshot kann man zusätzlich aus je einer „Hard“ und „Classic“-Variante wählen. Mit OS 1.01 sind für Bassdrum und Snare „FM-Drums“ dazugekommen, die nicht nur satt klingen, sondern auch für tonale Experimente gut geeignet sind und sich für Melodien „missbrauchen“ lassen.

Jeder „Percussion Sound Generator“ ist auf einen Zweck abgestimmt – die Hi-Hat beispielsweise besitzt andere Parameter als eine Tom. Jeder Sound lässt sich massiv mit der internen Klangerzeugung verbiegen und danach durch die spureigene analoge Sättigung, den Multimode-Filter und die Amp-Hüllkurven schicken. Außerdem lassen sich zwei LFOs auf beliebigen Parameter der Klangerzeugung zuweisen.

Wem das nicht genug Abwechslung bietet, sei an eine Elektron-Spezialität erinnert: Dank „Parameter Locks“ kann jeder Schritt eines Patterns anders klingen – die Maschine merkt sich dazu für jeden Schritt eventuelle Regleränderungen. Zusätzlich können alle Drumsounds auch chromatisch gespielt werden – je zwei Oktaven rauf oder runter. Es gibt also keine Entschuldigung für digitale Schlagzeuger mehr, ihre Toms nicht mehr zu stimmen.

Wie klingt das nun?

War Elektrons digitale „Maschinedrum“ oft nadelig, frickelig und harsch, stößt das analoge Pendant in ungeahnte Bass-Tiefen und seidige Höhen vor. Für eine Drummaschine klingt die Analog Rytm je nach Einstellung klassisch, deep, fett oder auf Wunsch auch extrem krank. Lediglich die Crash Maschine klappert sehr Alte-Schule-mäßig, aber das ist wohl Geschmacksache. Wer mit dem analogen Kompressor arbeitet, kann in der Summe extra Rumms herausholen – oder das Ergebnis mit der zupackenden Summen Distortion komplett vernichten. Ließen sich eigentlich die Sounds mit einem Analog Four genauso erzeugen? Nein, denn Elektron Analog Four besitzt nicht dieselben zupackenden Filter und eine andere Form der Klangerzeugung. Außerdem fehlt dem Synth natürlich die Sample-Integration.

Viele Funktionen auf wenig Raum. Die Analog Rytm ist gut und übersichtlich designt, genau das Richtige zum Live-Performen.

Butter bei die Fische: Die Samples

Die analoge Klangerzeugung überzeugt schon mal … nun gesellt sich die „Sample Playback Engine“ dazu. Sie lässt sich für jede der zwölf Spuren zusätzlich aktivieren. Neben der üblichen Bearbeitung (Filter, Effekte, Hüllkurve) kann man Start- und Endpunkt, Tuning, Loop und Bitrate eines Samples ändern. Sprich: Die Analog Rytm „kann“ zwar Samples, ist aber kein Performance-Sampler wie beispielsweise das Octatrack. Dazu fehlen ausgefeilte Tools wie Stretching-Algorithmen, Slicing oder mehrere Loop-Punkte. Der Spielbarkeit tut das keinen Abbruch. In wenigen Sekunden zimmert man aus kleinen SampleBits Melodien, Effektspuren oder unterstützt einen Song mit gesampelten Akkorden – flott, unkompliziert und einfach. Und wer nur die Samples nutzen will, schaltet die analoge Klangerzeugung spurweise ab.

Eigene Samples überträgt man mit der hauseigenen Software „C6“ per USB oder MIDI ins Gerät. Dort werden sie von stereo zu mono gewandelt und im Flash-ROM gespeichert. Leider muss man Samples händisch in Unterordner frickeln – ein PC- und Mac-Tool wäre herzlich willkommen. Außerdem ist die Größe eines einzelnen Samples derzeit auf 2 Megabyte beschränkt, was sich laut Elektron bald ändern soll. An Platzgrenzen wird man so schnell nicht stoßen – ein Gigabyte Samples passen in den Speicher, also Raum für mehrere hundert Soundschnipsel.

Effekte, Patterns und praktische Live-Features

Elektron spendiert jeder Spur zwei SendEffekte: ein Feedback-fähiges Delay sowie einen schönen seidigen Hall, der auch schon im Analog Four zum Einsatz kam. Die analoge Verzerrung und der Kompressor werten die Summe noch mal kräftig auf. Damit lassen sich Patterns leicht anrauen oder auch komplett in den Industrial-Bereich fahren. Lustig klingt es beispielsweise, eine Drumspur über das Delay kräftig aufzuschaukeln … und sie dann im Kompressor wieder zu killen. Kommen wir zu den Patterns – die lassen sich auf zwei Arten einspielen. Entweder nutzt man die 64-Schritt-Lauflichtprogrammierung, die einstellbare Repeat-Funktion oder klopft den Rhythmus live auf den DrumPads ein. Die Pads sind abschlagdynamisch und drucksensitiv, auf Wunsch rückt die Maschine ungerade Beats ins Lot. Patterns lassen sich dann auf verschiedene Weise fein – polieren: über Panning, Retrigger, Accent, Slide und Swing, das Setzen von Micro-Timings, Parameter-Locks und auch über das Live-Verschrauben jedes gewünschten Parameters. So werden statische Patterns schnell lebendig.

Für die Bühne hat sich Elektron etwas Neues einfallen lassen: Die Drum-Pads werden zu „Szene“-Buttons umfunktioniert. Szenen speichern Soundvarianten, die man vorher erstellt hat. Sie lassen sich hart umschalten – prima für Mutes, Pattern-Varianten oder drastische Klangänderungen. Für sanftere Übergänge wechseln wir auf die „Performance“. Auch hier kann jeder Parameter der Klangerzeugung verschraubt werden – mit einem Kniff: Je fester man das Pad drückt, desto drastischer werden die Parameter-Änderungen. So lassen sich wunderbar mit Sounds „einfliegen“, Hall-Effekte und Delay Schleifen ins Spiel bringen oder Melodien nach vorne bringen – toll. Das Erfreuliche: Szenen und Performances lassen sich kombinieren, sodass man aus einem einzigen Pattern enorm viele Varianten herausholen kann.


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Overbridge: Einbindung in die DAW

Gab es für frühe Käufer von Machinedrum, Monomachine und Octatrack ein BananenOS, das einiges konnte, aber erst beim Kunden reifte, liefert Elektron mit Version 1.01 ein Feature-reiches, bockstabiles und ausgereiftes Betriebssystem. „Schuld“ daran hat sicher die Erfahrung, die Elektron mit den Vorgängermodellen in den letzten 18 Monaten sammelte.

Mit Speicher ist die Maschine ausreichend bestückt: Im Flash-Puffer (bei Elektron „+Drive“ genannt) können wir 128 Projekte, 4.096 Sounds, alle Samples und die komplette Sound-Library speichern. Aus diesem Pool pickt man Sounds und Einstellungen zusammen – und speichert sie in einem „Projekt“, das wiederum 16 Songs, 128 Patterns, 128 Kits und 128 Sounds und 127 Samples enthalten darf. Sprich: Platzprobleme wird man beim Analog Rytm so schnell nicht haben. Damit nicht genug: Ein echtes Leckerchen ist die Möglichkeit, den Analog Rytm digital in seinen DAW-Workflow einzubinden. Dazu verbindet man das Gerät per USB-Port mit dem Computer und kann in Ableton Live, Cubase und Logic die Maschine nicht nur steuern, sondern auch gleich alle acht Einzelspuren aufnehmen. Auf der Musikmesse gab’s das Plugin in Aktion zu sehen – die Jungs aus Göteborg wollen sich allerdings bis zum 4. Quartal 2014 Zeit nehmen.

Drums ohne Kompressor

Kompromisse eingehen will, merkt man an vielen kleinen Details: Einzelausgänge über vier Stereobuchsen, Repeat-Funktion für alle Pads, unterschiedliche Pattern-Längen pro Spur, MIDI-Trio plus Control-Voltage-Steuerung für externe Synths, analoger Kompressor, der auch externe Signale verarbeitet und auf Wunsch mit Sidechaining arbeitet.

Ein paar Dinge gibt es derzeit zu bemängeln – aber nichts, was sich nicht mit einem OS-Upgrade beheben ließe. So ist die Maschine im Live-Einsatz ein Monster – mit einem kleinen Abstich. Wenn die Patterns spielen, blinken die zwölf Pads hell auf. Auf einer dunklen Bühne ist das Geflicker derart intensiv, dass man auch mal zum falschen Knopf greift. Ergo: Eine Möglichkeit, die FlickerLightshow zu dimmen, wäre schön. Auch die Verwaltung importierter Samples ist etwas zu umständlich; hier will Elektron in Bälde nachbessern. Und wenn wir gerade bei der Wunschliste sind: Das Resampling von Spuren, wie es die Maschinedrum mit ihren RAM-Maschines beherrscht, wäre natürlich ein Brüller.

Traumgerät, aber nicht günstig

Ist der Analog Rytm nun seinen Preis wert? Absolut. Wer eine Drummaschine sucht, die großartigen Sound, analogen Wumms, Livetauglichkeit und Vielseitigkeit vereint, sollte zuschlagen. Vor allem, weil sie mehr ermöglicht als „nur Drums“ – dass man sie tonal spielen kann, wertet den Klopfgeist enorm auf. Auf der Bühne punktet das Gerät mit Szenen und Performances, die aus ihr ein sensitiv spielbares Instrument machen. Studiomusiker dagegen haben Spaß am satten analogen Klang, den Einzelausgängen und an der Möglichkeit, die Analog Rytm an die DAW anzubinden.

Analog Rytm hat sich den Spitzenplatz als charakterstarkes Instrument in der Oberliga gesichert – für den Preis ist das auch notwendig. Eine Alternative ist Dave Smiths „Tempest“, für das man noch mal 200 Euro drauf – legt. Ableton Push, Native Instruments Maschine II und Arturias Spark LE bieten ebenfalls Pads, können als Softwarelösung aber nicht mit analogem Signalweg und dem einmaligen Sound punkten. Nicht geeignet ist das Gerät für alle, die einen reinen X0X-Ersatz suchen … damit wäre die Analog Rytm nicht nur zu teuer, sondern auch gewaltig unterbeschäftigt.

Pro und Contra

+ praktische Live-Features

+ großartiger analoger Klang

+ Vielseitigkeit durch zusätzliche Samples

+ einfach zu bedienen

– Sample-Verwaltung derzeit etwas umständlich

Hersteller- und Produktinfos

Hersteller/Vertrieb Elektron

Internet www.elektron.se

UvP/Straßenpreis 1.489,— Euro / ca. 1.450,— Euro

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