Geräte aus dem Kult-Labor

Electro Music Laboratory Synthesizer und Sequenzer

Anzeige
(Bild: Christian Kleine)

Electro Music Laboratory (EML) gehörte zu den Firmen, die neben echten Pionierleistungen − der erste seriengefertigte, quantisierbare Step-Sequenzer überhaupt stammt von EML − auch ziemlich schräge Teile mit heftigem Aua-Faktor herausgebracht haben: Wer würde heute auf die Idee kommen, einem Synthesizer ein monströses Übergewicht als Diebstahlschutz zu verpassen? In der Popmusik hat EML u. a. durch das vom ElectroComp 101 erzeugte Peitschengeräusch in Devos Hit Whip It und Aphex Twins Analord-Serie seine Spuren hinterlassen.

EML-Synths waren vor allem in den USA präsent, in Europa gab es nie einen echten Vertrieb. 1968 gründeten Dale Blake, Norman Milliard, Dennis Daugherty und Jeff Murray die Firma Electronic Music Labs im US-Staat Connecticut. Sie arbeiteten vorher bei der Elektronikfirma Gerber Scientific, und als dort Entlassungen drohten, hatten sie die Idee, ein Unternehmen zu gründen, das Synthesizer zu Schulungszwecken herstellt. Das erste Produkt, das noch im Keller von Jeff Murray gefertigt wurde, war ein für lokale Public Schools konzipiertes Synth-Ungetüm, das auf den passenden Namen »The Black Monster« hörte. Von diesem Gerät wurden nur zehn Stück hergestellt; eines seiner Features war ein eingebautes Gewicht, welches das Monster so schwer (ca. 100 Kilo) machte, dass es für Diebe unattraktiv wurde.

Anzeige

Electro Music Laboratory Synthesizer und Sequenzer(Bild: Archiv)

Model 100

Mit dem Model 100 kam 1970 der erste Synth der preisgünstigen ElectroComp-Serie heraus. Das Klangpotenzial des monofonen Analog-Synths ist jedoch eingeschränkt, da er nur ein 6-dB/Okt-Filter besitzt. Sein Nachfolger, der 101 wurde zum erfolgreichsten Produkt der Firma. Er wurde ab 1972 für günstige 1.400 Dollar angeboten. Der semimodulare, duofon spielbare Synth hat ein 44-Tasten-Keyboard, vier (!) Oszillatoren, ein Multimode-Filter (12 dB/Okt), einen Noise-Generator, zwei ADS-Hüllkurven und einige interessante Modulationsmöglichkeiten. Der ElectroComp 101 wurde u. a. von Acts wie Skinny Puppy, Tommy Mars (Zappa), Weezer, Pere Ubu’s Allen Ravenstine und Foreigner eingesetzt; heute wird er u. a. von der Elektronik-Musikerin Kaitlin Aurelia Smith genutzt.

(Bild: Christian Kleine)

Model 200 / 300

Große Hoffnungen steckte man bei EML in den im gleichen Jahr herausgekommenen ElectroComp 200, der mit seinem moderaten Preis von 950 Dollar der erste Synthesizer unter der magischen 1.000-Dollar-Grenze war. Die Hauptabnehmer des Synth-Expanders waren weniger Musiker, sondern vor allem Schulen, und es wurden innerhalb von acht Jahren nur etwa 400 Stück verkauft. Der halbmodulare Synth bietet zwei Oszillatoren, Highpass- und Lowpass-Filter, Sample&Hold, Ring-Modulator, Federhall und Stereoausgänge.

Als Ergänzung für den ElectroComp 200 wurde das Model 300 konzipiert. Das 325 Dollar teure Gerät besitzt eine einfache, filterlose Klangerzeugung mit nur einem VCO. Das Eigentümliche dieses ebenfalls halbmodularen Synths ist seine unkonventionelle Tastatur, die aus einer Matrix mit viermal vier Knöpfen besteht, denen 16 Potis zum Stimmen der jeweiligen Taste zugeordnet sind. Im Prinzip lassen sich hier von geduldigen Usern auch mikrotonale Tonleitern erstellen.

Die innovative Quantize-Sektion des 400/401
Der Sequenzer des ElectroComp 400 bietet zwei identische Sektionen mit jeweils drei Reihen á 16 Schritten.

Model 400

Mit dem Model 400 entwickelte EML noch vor ARP (die sich bei der Konzeption ihres Sequenzers von EML inspirieren ließen) den ersten seriengefertigten Step-Sequenzer mit quantisierbarem Tuning. Jetzt konnte man auf diatonischen Skalen beruhende Sequenzen gezielt und problemlos ohne langes Pitch-Gefummel einstellen. Statt Drehpotis (wie bei Moog) wurden hier Fader verbaut, was die Übersichtlichkeit erhöht. Leider setzte EML bei der Steuerspannung seiner Produkte nicht auf die gängige 1Volt/Oktave-Charakteristik (sondern 1,2V/Okt), sodass man andere Synths nur bedingt ansteuern kann. Konsequenterweise wurde der Sequenzer im Verbund mit dem monofonen Synth 401, (2 VCOs, 12 dB Multimode-Filter, einfache Hüllkurve mit AD-Charakteristik) verkauft, mit dem er sich ein klappbares Gehäuse teilt. Der Synth klingt nicht superfett, aber warm und durchsetzungsfähig; er wurde u. a. von Aphex Twin (auf seiner Analord 12″-Serie von 2005) und Martin Damm, der in den Neunzigern u. a. unter den Pseudonymen »Speed Freak« Biochip C. und Subsonik 808 produzierte, verwendet.

Ein Familientreffen (aus der EML-Broschüre): oben der ElectroComp 200 (der u.a. vom legendären Disco-Produzenten Patrick Cowley eingesetzt wurde), darunter Model 300, vorne rechts der ElectroComp 100. (Bild: Archiv)

Peitsch it

Der Electrocomp 500 wurde von 1973 bis 84 gefertigt und erinnert optisch an die erste Version des ARP Axxe. Er war als preisgünstige Konkurrenz zu den monofonen ARP- und Moog-Synths gedacht und ist mit einer abgespeckten Version der 101- Klangerzeugung ausgestattet. Ein ungewöhnliches Feature ist der rückseitige Mikrofoneingang. Die Synth-New-Wave-Formation Devo verwendete den ElectroComp 500 u. a. bei ihrem Hit Whip It (1980) für das Peitschengeräusch.

Die Entwicklung des ElectroComp 400/401 wurde auch von John Borowicz vorangetrieben, der zu EML stieß, um die Produktpolitik eher nach den Bedürfnissen von Musikern als von Musiklehrern auszurichten. Er verließ EML 1976 zusammen mit Norman Milliard, weil es Unstimmigkeiten mit den anderen Teilhabern gab, und die beiden gründeten die Firma Star Alliance, die u. a. die legendären, analogen Synare Percussion-Syntheziser herausbrachten. (Bild: Dieter Stork)

Syn-Key 2001

EML war eine Firma, die immer versuchte, innovativ zu agieren; dies belegt auch ihr letztes Produkt, der Syn-Key 2001. Dieser monofone Analog-Synth von EML kam 1977 heraus und verfügt über die Möglichkeit, Sounds mithilfe eines Kartenlesers abzurufen. Ein weiteres innovatives Feature war die mit Aftertouch ausgestattete Tastatur. Die analoge Klangerzeugung ist monofon, aber mithilfe von 13 Kippschaltern lassen sich Intervalle aktivieren, sodass man mit einer Taste Akkorde spielen kann. Allerdings war auch diesem Modell (das von Herbie Hancock auf dem Sunlight-Album eingesetzt wurde) kein großer Erfolg beschieden, und die Firma EML meldete schließlich 1984 Konkurs an.

Ein weiteres ungewöhnliches Produkt von EML ist der Poly-Box, ein kleines, einoktaviges Zusatz-Keyboard, um mithilfe einer Frequenzteiler-basierten Klangerzeugung monofone Synthesizer mit programmierten Akkorden polyfon spielbar zu machen. Es wurde u. a. von Devo benutzt.
Der ElectroComp 500 verfügt über zwei VCOs, ein Multi-Mode-Resonanzfilter, eine ADS-Hüllkurve, Sample&Hold, Ring-Modulator, Noise-Generator und einen LFO mit sechs Wellenformen.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Der EML 101 war Michael Garrisons erster Synthesiser, den er später gegen einen Minimoog und ein ARP/Solina String Ensemble eintauschte (da der EML “not terribly flexible” war). Der amerikanische New-Age-Musiker Jonn Serrie arbeitete zu Beginn seiner Laufbahn für EML und präsentierte deren Geräte u. a. in Musikproduktionen für Planetarien in den USA (und verwendet seinen 101 noch heute).

    EML baute auch Geräte und elektronische Komponenten im Kundenauftrag; so ließ George Mattson dort seine Performance Music Systems Syntar und Swan Synthesiser montieren.

    Auf diesen Kommentar antworten
    1. Danke für die Ergänzung!

      Auf diesen Kommentar antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.