Was leisten 1000 Euro aus Korea?

Digitalpiano: Steinmayer DP-360 im Test

(Bild: Dieter Stork)

Gibt es tatsächlich ein Digitalpiano aus Deutschland? Und dann sogar mit dem urdeutschen Namen Steinmayer in phonetischer Nähe zum Namen unseres Bundespräsidenten? Diese Frage lässt sich beim Auspacken der beiden Kartons schnell beantworten: Made in Korea.

Ein cleveres Label-Marketing aus Fernost bedient sich der deutschen Sprache − besonders beliebt ist die Silbe »Stein«, die durch traditionsreiche Firmen wie Steinway, Steinweg, Steingräber und Bechstein eine sprachliche Verbindung zum Klavier erhalten hat. Mit Alex Steinbach, Apollo, Bachmann, Schumann, Steinburg und Wagner gibt es ähnliche Label − und mit Steinhoven als Sprachkreuzung aus Steinway und Beethoven erreichen wir einen vorläufigen Höhepunkt an sprachlicher Wertschöpfung.

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Aber der Schriftzug auf dem Klavierdeckel bestimmt nicht die Qualität. Die akustischen Steinmayer-Klaviere werden in der zweitgrößten chinesischen Pianofabrik in China hergestellt. Die Bejing Piano Company (BPC) stellt laut eigenen Abgaben ca. 50.000 Klaviere pro Jahr her. Die hohen Stückzahlen ermöglichen einen günstigen Herstellungspreis.

Die Digitalpiano-Sparte Steinmayer hingegen arbeitet mit dem Hersteller Dynatone in Korea zusammen, der im Auftrag der Firma Kirstein die Instrumente entwickelt. Momentan werden drei Steinmayer Digitalpiano-Modelle angeboten: DP-320, DP-360 und DP380. Das DP-360 ist für uns interessant, weil es für knapp unter 1.000 Euro eine Echtholztastatur (RHA 3W − Real Hammer Action) aufweist, die mit einem Dreifach-Sensor-System die Anschlagsdynamik erfasst und den Klangerzeuger detailreich informiert.

Das DP-360 wird in zwei Kartons geliefert und ist kein Leichtgewicht: Im aufgebauten Zustand wiegt es 47 kg, was angesichts der Hammergewichtung der Tastatur erklärlich ist. Die Bedienoberfläche ist übersichtlich, und die 32 Buttons versprechen einen schnellen Zugriff auf die verschiedenen Parameter und Funktionen.

Das Hauptinteresse liegt im Zusammenwirken von Tastatur und Klavierklang. Das erfährt man gleich nach dem Einschalten: Für knapp 1.000 Euro hört sich das richtig gut an. Der Klavierklang ist authentisch, klar und druckvoll, die je zwei 6,5″- und 2″-Lautsprecher liefern mit 2x 20 Watt einen satten und voluminösen Gesamtsound. Die beiden großen Lautsprecher strahlen nach unten, während die beiden kleinen Rundlinge den Pianisten zusätzlich mit den hohen Frequenzen versorgen. Und was sehr wichtig ist: Die Anschlagsdynamik kann wirkungsvoll dosiert eingesetzt werden, was in dieser Preisklasse nicht selbstverständlich ist.

Die Tastatur ist nicht zu leichtgängig, sondern erfordert vom Spieler einen gewissen Kraftaufwand. Dadurch kann man das DP-360 sowohl richtig leise als auch richtig laut spielen; die beiden Hände lassen sich klanglich differenziert einsetzen, und das nicht nur andeutungsweise. Im letzten Anschlagsbereich passiert im Gegensatz zu manch anderen Digitalpianos noch was. Wem das des Guten zu viel sein sollte, kann die Anschlagsdynamik mithilfe der neun Anschlagskurven anpassen. Die große Anschlagsdynamik hat zur Folge, dass man den Klang sehr detailliert wahrnimmt und so zwischen bestimmten Tonbereichen kleine Klangsprünge hört. Diese Übergänge fallen erst dann auf, wenn man gezielt danach sucht. Andere Hersteller versuchen, das zu vermeiden, indem sie die Klavierklänge »glatt bügeln« und die Klangtiefe reduzieren, was mir persönlich nicht so gefällt.

Die fünf Klavierklänge lassen sich einfach durch Antippen des Piano-Buttons durchsteppen. Das erste Grand-Piano klingt brillant, bei stärkerem Anschlag fast schon etwas bissig, es hat einen gewissen Punch und ist für Rock und Pop sehr gut geeignet. Der zweite Klang kommt etwas bassig und gedeckt daher, der dritte Sound ist feiner und zurückhaltender als der erste Sound, das wäre mein Favorit für Balladen und Klassik. Der vierte Klang geht in Richtung Tack-Piano, bei der fünften Variante lässt ein Chorus-Effekt einen HonkyTonk-Piano-Eindruck entstehen. In Zusammenhang mit der variablen Anschlagsdynamik und den Einstellmöglichkeiten der Brillanz kann man einen wirkungsvollen und lebendigen Klang einstellen, der in dieser Preisklasse bemerkenswert ist.

Die weiteren Sounds: Die Kategorien E-Piano, Organ, Harpsichord, Strings, Brass, Bass und Percussion enthalten ebenfalls je fünf Klänge, sodass insgesamt 40 Klänge zur Verfügung stehen. Zu guter Letzt gibt es noch eine GM-Bank mit 128 General-MIDI-Sounds. Allerdings reichen diese bis auf wenige Ausnahmen nicht an die Qualität der Klavierklänge heran.

Steinmayer DP-360 digitalpiano
32 Buttons auf der übersichtlichen Bedienoberfläche erlauben einen direkten Zugriff auf die Klänge und die wichtigsten Funktionen. (Bild: Dieter Stork)

Bei den E-Pianoklängen ist die gedeckte Rhodes-Suitcase-Variante zwar durchaus brauchbar, allerdings zerrt der Klang bei Hinzunahme des Chorus-Effektes und bei höherer Lautstärke. DX-Piano, Cembalo und Vibrafon sind ok, aber einige Bläser sind doch recht quäkig, und das Clavinet geht leider gar nicht. Insgesamt sind die Eindrücke durchwachsen. Hier macht sich auch bemerkbar, dass das Lautsprechersystem für die klangvolle Wiedergabe der Klaviersounds optimiert wurde − bei bassigen Sounds wie Kontrabass oder Rhodes-E-Piano klingt es im unteren Bereich ein wenig mulmig. Trotzdem ist das zusätzliche Klangangebot von Vorteil, wenn man ein Arrangement in verschiedenen Besetzungen ausprobieren möchte oder ein MIDI-File via USB abspielt, und dafür reicht es allemal.

Ausstattung und Editier-Möglichkeiten

Der Anschluss der drei Soft-, Sostenuto- und Dämpfer-Pedale geschieht per DIN-Stecker − einige Sounds nutzen das linke Pedal zur Effektsteuerung z. B. des Chorus-Effekts für die Orgelsounds oder lassen Bassdrum und Crash-Becken erklingen. Je ein Stereo-Miniklinken-Anschluss für Aux-In und Aux-Out ergänzen die Anschlusspalette. Mit zwei 6,3-mm-Kopfhörerausgängen kann das DP-360 von zwei Spielern auch im Unterricht genutzt werden, im Twin-Modus lässt sich die Tastatur außerdem in zwei Hälften mit jeweils gleicher Tonhöhe aufteilen. Für den Unterricht oder zum Selbststudium steht darüber hinaus noch der Edu(cational)- Bereich zur Verfügung: 346 eingespielte Übungen und Etüden der Herren Beyer, Burgmüller und Czerny lassen sich im Tempo ändern und können mit der linken oder rechten Hand ausgeschaltet werden. Ein Metronom ist selbstverständlich auch an Bord.

Ein Layer- und ein Split-Modus (mit variablem Split-Punkt) runden das Bild positiv ab, beide Modi können sogar gleichzeitig genutzt werden. Die Sounds und Einstellungen lassen sich in fünf Registration-Memories »konservieren«. Ein 3-Spur-Recorder dient zur Aufnahme eigener Ideen und Einspielungen, wobei der interne Speicher 4.500 Events für jede Spur fasst. Leider gibt es keine Möglichkeit zum Einladen von Songs oder zum Archivieren der Registrations und der Songs via USB, allerdings lässt sich das DP-360 problemlos mit einem PC verbinden und als Einspiel-Keyboard oder als Wiedergabe-Klangerzeuger eines SMF-Files einsetzen. MIDI-Anschlüsse sind nicht vorhanden.

Das 3-Ziffern-Display liefert zwar nur karge Informationen, es reicht aber für die vorhandenen Funktionen aus, weil sich die meisten mithilfe der Buttons direkt aufrufen lassen. Weitergehende Einstellungen erreicht man über den Setup-Button: Dort können Master Tune und Key Transpose ebenso wie Reverb oder Effect-Typ und Volumen verändert werden, selbst die Geräusche der Saiten- und der Dämpferresonanz lassen sich justieren − das ist in dieser Preisklasse eine erstaunlich vielfältige Ausstattung.

Steinmayer DP-360 digitalpiano
Unter der Tastatur sind die Anschlüsse in einem kleinen Kästchen untergebracht: 2x Kopfhörer, Aux-In, Aux-Out und USB. (Bild: Dieter Stork)

Last but not least kann mithilfe der MIDI-Local-Control-Funktion die interne Klangerzeugung abgeschaltet werden − das ist wichtig, wenn das DP-360 als Einspiel- und/oder als Wiedergabeinstrument eines Computerprogramms genutzt werden soll.

Die englischsprachige Bedienungsanleitung lässt sich schnell durcharbeiten, das meiste ergibt sich aber ohnehin intuitiv. Das DP-360 weist eine Polyfonie von 256 Stimmen auf. Es gibt 3 Jahre Garantie, die der exklusive Steinmayer-Vertrieb Kirstein in seiner Servicewerkstatt in Schongau abwickelt.

Fazit

Eine echte Holz-Hammertastatur für einen Cent unter der vierstelligen Schallgrenze von 1.000 Euro, dazu gute und dynamisch ansprechend aufbereitete Pianoklänge − das sind die Trümpfe des DP360, und das ist ja schließlich der Hauptgrund, warum man ein Digitalpiano kauft − die Qualität der meisten weiteren Sounds kann da nicht ganz mithalten. Das DP-360 ist solide verarbeitet, übersichtlich und gut zu bedienen, technisch flexibel mit Twin-Modus und gleichzeitig nutzbarem Split- und Layer-Modus ausgestattet, und auch die Zugriffmöglichkeiten auf diverse Parameter stehen auf der Plus-Seite. Angesichts des günstigen Preis/Leistungs-Verhältnisses werden Steinmayer Digitalpianos demnächst wohl des Öfteren in den Wohnzimmer oder Unterrichtsräume anzutreffen sein.

Preis: ca. 999,- Euro

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Toller Beitrag! Habt ihr ein Link zum Produkt ?

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