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Digital Keyboards Synergy (*1982)

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(Bild: Bernhard Lösener)

Schon früh erkannte Wendy Carlos, die Erschafferin von Switched On Bach, das Potenzial digitaler Systeme und neuer Klangsynthesen. Zu ihren Lieblingssynthesizern der späten Siebziger- und Achtzigerjahre gehört der Synergy.

In den Siebzigern erweiterte Frau Carlos ihr futuristisches Konzept des künstlichen, dabei aber ausdrucksstarken Orchesters und suchte nach neuen Klangfarben, die die subtilen Nuancen akustischer Instrumente besser abbilden konnten. Sie wurde auf einen Forscher bei Bell Labs mit dem (Kubrick-affinen) Namen Hal Alles aufmerksam, der dabei war, mit Synthdesigner Mercer Stockell einen neuartigen digitalen Synthesizer zu entwickeln, der u. a. mit der additiven Synthese arbeitete. Der Bau einer Reihe von Prototypen resultierte im GDS-System, aus dem dann auch der Synergy entstand.

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GDS Bell Labs war in den späten Siebzigern noch ein Non-Profit-Forschungs-Institut; Hal Alles befasste sich ursprünglich mit dem Problem, Echo-Effekte in Telefonverbindungen zu vermeiden; eines der Ergebnisse war ein digitaler Oszillator, der das Interesse der Musikindustrie erweckte. Es kam zur Zusammenarbeit mit der italienischen Firma Crumar, deren New Yorker Dependance 1979 das General Development System (GDS) auf den Markt brachte.

Das System bestand aus einem Computer mit Z-80- Prozessor und 64 k RAM, einem doppelten 8″-Laufwerk und einem aufwendigem Keyboard-Controller mit 32 Fadern und 12 Potis. Das 28.000 Dollar teure System wurde etwa achtmal gebaut. Wendy Carlos kaufte sich ein Exemplar und programmierte sehr viele Sounds auf dem GDS, die sie auch auf dem Synergy einsetzte.

Die Nachfolger Der Nachfolger Synergy basierte auf der gleichen Engine wie der GDS, war aber wesentlich kompakter und preiswerter. Er kostete 5.300 Dollar und kam 1982 heraus. Yamahas GS, der ebenfalls in diesem Jahr vorgestellt wurde, war doppelt so teuer. Bis 1985 wurden ca. 800 Synergys gefertigt. Als Hersteller fungierte die Firma Digital Keyboards mit Sitz in New York.

Der Synthesizer bietet ungewöhnliche Features wie dynamischen Keyboard-Split und mikrotonale Skalen; zur Sound-Erstellung benötigt man jedoch einen GDS. Auf der erweiterten Version Synergy II+, die schon serienmäßig mit einer MIDI-Schnittstelle ausgestattet ist, konnte man dann aber mit einem über eine RS- 232-Schnittstelle kommunizierenden Kaypro-Computer eigene Sounds kreieren und auf 24 User-Speicherplätzen ablegen. Die letzte Version des Systems ist der Slave 32 von Mulogix, die in zwei 19″-Gehäusen beheimatet ist und von 1986 bis 1998 hergestellt wurde. Er ist äußerst selten, da nur ca. 30 Stück gebaut wurden.

Äußeres

Der Synergy kommt sehr sachlich daher und ist für den ausübenden Musiker designt, der vor allem spielen will und auf programmierte Sounds zurückgreifen möchte. Das 72- Tasten-Keyboard lässt sich gut spielen und ist anschlagdynamisch, besitzt jedoch keinen Aftertouch. Es kann bis zu sechsfach gesplittet werden, wobei sich die Splits der Stimmführung automatisch anpassen – ein bis heute außergewöhnliches Feature. Links auf dem stark angeschrägten Bedienpanel gibt es einen Joystick für Pitch und Modulation, 24 Taster dienen dem Direktabruf der internen Presets; weiteres Soundfutter lässt sich via Wechsel-Cartridge zuführen – auch das war in den frühen Achtzigern ein Novum.

Einige wenige Soundparameter wie Vibrato, Portamento, Transpose sowie die Wirkung der Anschlagdynamik auf Timbre und Laustärke lassen sich auf dem Panel einstellen. Eine weitere Sektion dient der Programmierung des internen vierspurigen, polyfonen Sequenzers. Auf der Rückseite findet man einen Stereoausgang und einen Fußpedalanschluss.

Klangerzeugung

Die Sound-Engine des Synergy war ihrer Zeit um Jahre voraus. Sie beruht auf einer additiven Klangsynthese mit 32 Partials, die jeweils mit eigenen Hüllkurven (z. T. mit bis zu 16 Envelope-Phasen) für Frequenz und Laustärke ausgestattet sind. Anders als bei der bekannten additiven Synthese bietet der Synergy aber nicht nur SinusOszillatoren, sondern zusätzlich noch eine modifizierte Triangel-Wellenform. Letztere wird bis zur dritten Harmonischen verwendet, danach kommt die Sinus-Wellenform zum Einsatz.

Synergy1
Nur mit so einem Kaypro-Computer lassen sich eigene Sounds kreieren und auf 24 User-Speicherplätzen ablegen.

Außerdem arbeitet das System auch mit FM-Synthese und einer pfiffigen Phasenmodulation. Letztere dient u. a. dem Vermeiden von Phasenauslöschungen bei bestimmten Tonhöhen, wie sie z. B. bei manchen Sounds bei konventioneller FM-Synthese vorkommen können. Die Basis-Oszillatoren arbeiten mit einer 12-Bit-Auflösung, die auf 16 Bit interpoliert wird. Ein Resonanzfilter gibt es nicht, aber es kommt eine (digitale) Festfilterbank mit 128 Bändern zum Einsatz. Der Synergy ist je nach Soundprogramm bis zu 32-fach polyfon und vierfach multitimbral.

Sound

Es gibt wohl kaum jemanden, der mehr Zeit mit der Erstellung der Synergy-Sounds verbracht hat, als Wendy Carlos. Ihre Presets (sie programmierte nicht weniger als 72 Cartridges) bilden auch einen großen Teil der Werks-Library. Carlos war sehr an der Erstellung von synthetischen Orchesterinstrumenten interessiert, folglich gibt es viele Sounds, die sich an akustischen Instrumenten orientieren. Sehr schön sind die metallischen und perkussiven Klänge und die Brass-Sounds. Abgefahrene, experimentelle Klänge bilden die Ausnahme, obwohl das System (sofern ein GDS oder ein Kaypro-Computer zur Verfügung steht) dazu in der Lage wäre.


Berühmte User

Wendy Carlos gilt nicht zu Unrecht als Top-Synergy-Spezialistin; in ihrer PostMoog-Phase war der Synth ihr Hauptinstrument.

Sie nutzte den GDS auf dem legendären „Tron“-Soundtrack (1982) und nahm mit zwei Synergys die Alben Digital Moonscape (1984) und Beauty and The Beast (1986) auf. Auf Letzterem benutzte Carlos extensiv den internen Sequenzer und verwendete viele exotische Stimmungen, die dank der mikrotonalen Fähigkeiten des Synths erzeugt werden können. Außerdem wurde das Gerät auf Carlos’ Version von Prokofjews Peter And The Wolf (1988) eingesetzt.

Auch ein anderer bekannter Synth-Wizard, nämlich Larry Fast, beschäftigte sich früh mit dem GDS-Projekt und setzte es auf seinem Album Games (1979) ein. Allerdings ärgerte er sich, dass man den Namen seines Projektes „Synergy“ für den Nachfolger verwendete und ging deswegen sogar vor Gericht.

Weitere Alben, auf denen der Synergy (oder der GDS) zu hören ist, sind u. a. Donald Fagens Soloalbum Nightfly, Klaus Schulzes Dig It, Billy Cobhams Glass Menagery, Hall & Oates’ H2O, Tangerine Dreams Soundtrack The Thief und Michael Jacksons epochaler Thriller-Longplayer.


Der Synergy besitzt einen überraschend warmen und organischen Grundklang, den man einem digitalen Synthesizer gar nicht zugetraut hätte. Tiefe Bässe oder sehr hohe Frequenzen sind allerdings nicht die Domäne des Synths. Die Sounds sind gut einsetzbar und lassen sich dynamisch spielen; man merkt, dass die Presets von kundiger und musikalischer Hand programmiert wurden. Trotz seines Alters ist der Synergy auch heute noch ein interessantes und außergewöhnliches Instrument.

Das Gerät wurde uns freundlicherweise von Ingo Rippstein (www.synthmaster.de) zur Verfügung gestellt.

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