Der Band-Sampler

Das Mark VI – Mellotron

In Zeiten, in denen selbst der Hardware Sampler von der Bildfläche verschwunden ist, werden tatsächlich wieder Mellotrone hergestellt. Wer dabei spontan an ein berühmtes unbeugsames gallisches Dorf denkt – diese Geschichte spielt sich weiter nördlich ab, in Stockholm, um genau zu sein. Dort ist es Markus Resch, der in feinster Handarbeit eben jene Bandabspieler herstellt, die unter dem Namen Mellotron Mark VI eine erlauchte Kundschaft begeistern …

Sobald man das Original einmal spielt, erkennt man den Unterschied zur digitalen Simulation. So wie eine Hammond B3, eine Vox-Orgel, ein Fender-Rhodes oder ein Wurlitzer-Piano besitzt selbstverständlich auch das Mellotron seine ganz speziellen Eigenschaften in puncto Sound und Spieltechnik. Das anschlagabhängige Formen der Einschwingphase und die Kontrolle der Klangfarbe über den Tastendruck (ja richtig, Aftertouch!) kann man auch bei einem Sampler mit entsprechender Parametrisierung der Klangbearbeitung erzielen, aber beim Mellotron klingt es halt doch anders – vor allem dann, wenn man ein Mark VI anspielt, das mit frisch überspielten Tapeframes ausgerüstet ist.

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Das legendäre Mellotron M400 aus den 70er Jahren

 

Mellotron Stockholm – Los Angeles: Wie es begann

Wenige Jahre nach der Geschäftsaufgabe der Mellotron-Company (1989) kaufte der Kanadier David Kean sämtliche Restbestände aus der englischen Konkursmasse von Streetly Electronics und der amerikanischen Mellotron Digital auf: Bauteile, Tapeframes, Motoren, Ersatzteile und neben den originalen Überspielbändern alle Tonbänder mit ursprünglichen Aufnahmen der Instrumente. Außerdem erwarb David Kean die weltweiten Rechte am Namen „Mellotron“. Markus Resch, der bis zu diesem Zeitpunkt mit der Restaurierung von Mellotrons bestens vertraut war, wurde so auf David Kean aufmerksam. Aufgrund des hohen Bedarfs an neuen Sounds aus den Mellotron Originalarchiven für die Instrumente, die in Schweden aktiv im einsatz waren, ging es Resch zunächst um die Möglichkeit, neue Tapeframes herzustellen.

David Kean hingegen interessierte eine von Markus Resch entwickelte neue Gleichlaufsteuerung zur Stabilisierung des Antriebsmotors. So entstand eine Zusammenarbeit, die sich in den folgenden Jahren intensivierte. Auf Grund der steigenden Nachfrage an Vintage-Equipment kamen immer mehr Anfragen an die beiden – vor allem aus Los Angeles, was kaum verwundert, denn die größte Anzahl der Instrumente wurden in den 60ern und 70ern an Studios der amerikanischen Musikmetropole verkauft.

Nach einer Weile stellten Kean und Resch jedoch fest, dass mit dem Austausch der Motorsteuerungen und kleinen Reparaturen längst nicht alle Geräte zu retten waren. Nicht ohne Grund hatte das Mellotron in den 70ern den Ruf des unzuverlässigsten Instruments der Welt.

Der Kultstatus lässt sich dem Ur-Sampler nicht absprechen, aber eine zeitlang waren Mellotrone für extrem wenig Geld zu haben, da die meisten Besitzer das wahrscheinlich in desolatem Zustand befindliche Instrument ausgemustert und gegen einen Sampler eingetauscht hatten. Nur absolute Liebhaber haben diese Instrumente weiterhin gepflegt und eingesetzt. Durch eine komplette Restaurierung von Markus Resch werden nicht alle Mängel beseitigt, die das Mellotron konstruktionsbedingt besitzt. Genau hier haben David Kean und Markus Resch bei der Entwicklung des Mark VI angesetzt und entscheidende Details verbessert.

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Blick in das Innere des mellotron Mark VI

 

Mellotron Mark VI en Détail

Das Mark VI ist eine Weiterentwicklung des alten M400, also bleiben die typischen und geschätzten Merkmale des Mellotrons erhalten. Markus Resch betont, dass das Mark VI vielmehr so gemacht sei, wie es hätte von vornherein gebaut werden sollen. Dies betrifft bereits die verwendeten Materialen der Bauteile, die allesamt hochwertiger sind und außerdem mit viel höherer Präzision hergestellt werden als seinerzeit.

Beginnen wir bei der Tape-Führungen: Zunächst einmal wird das Band aus dem Tapeframe heraus über eine Rolle umgelenkt, was sich äußerst positiv auf die Lebensdauer der Tapes auswirkt. Die Tastatur wurde von Markus Resch neu konstruiert. Es handelt sich um eine hochwertige Holztastatur, die ein sehr edles Spielgefühl vermittelt – was man vermutlich nicht einmal von einem nagelneuen M400 hätte behaupten können. Die Tastaturmechanik, die das Band an den Antrieb und den Tonkopf andrückt, wurde hinsichtlich der Materialien komplett überarbeitet. Die Mechanik war ein großer Schwachpunkt beim M400. Die Tonköpfe auf die meisten M400 waren nicht exakt genug justiert. Beim Mark VI ist diese (sehr zeitraubende) Justierung korrekt ausgeführt, daher klingt der gesamte Tonumfang ausgewogen. Außerdem ist die „Mix-Position“ (gemeint sind die Zwischenstufen, in denen zwei der drei nebeneinander auf den Tapeframes aufgenommenen Sounds gleichzeitig zu hören sind) über die gesamte Klaviatur gleichmäßig.

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Die Klangverbesserungen beim Mellotron Mark VI sind unter anderem auf die präzisere Bandführungen zurückzuführen.
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Bandführung beim alten Modell M400

Weitere Detailverbesserungen
des Mellotron Mark VI

• Eine abgewandelte Gehäusekonstruktion erzielt eine bessere Stabilität. Aufgrund der Verarbeitung von Birkensperrholz konnte dennoch das Gewicht gesenkt werden.

• Die Schwungscheibe ist etwas größer als beim M400 und mit sehr hoher Präzision geschliffen.

• Robustere Tapeframes mit längerer Spielzeit. Sie lassen sich übrigens auch in alte M400 einbauen.

• Beim Mark VI werden ausschließlich metrische Bauteile verwendet.

• Ein Two-Speed-Motor-Control halbiert bei Bedarf die Motorgeschwindigkeit und bewirkt eine Transposition um eine Oktave nach unten.

Verbesserte Klangeigenschaften
des Mellotron Mark VI

Wer sich von der Klangqualität des Mark VI ein Bild machen möchte, findet einige Tondokumente in Form aktueller CD-Erscheinungen. Das Mark VI ist auf vielen Tracks des letzten A-haAlbums sowie auf dem letzten Savoy-Album des A-ha-Gitarristen Paul Waaktar-Savoy zu hören; ebenso auf den aktuellen Alben von Air, Oasis, Sparklehorse und auf „I’m Like A Bird“ von Nelly Furtado. Sollten Sie zu dem Urteil gelangen, dass es besser klingt als ein altes Mellotron: Es gibt einen speziellen Grund dafür. Unter den von David Kean erworbenen Tonband-Archiven befanden sich nicht lediglich die Überspiel-Tapes, die zum Bespielen der Tapeframes benutzt wurden, sondern die Tonbänder mit den originalen Aufnahmen. Dieses Rohmaterial wurde komplett remastert.

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Die Mellotron-Company in Stockholm bietet für Besitzer älterer Geräte auch neue Tapeframes an. Diese werden frisch bespielt mit dem Material der Original-Mastertapes von damals.

 

Übrigens gehört zum Umfang auch das Klangarchiv des Mellotron-Vorreiters, dem Chamberlin. Die ältesten dieser Tapes stammen aus den 50er-Jahren und wurden in dem ältesten Magnetband-Keyboard benutzt, dem Chamberlin 200. Das Archiv umfasst auch den Chamberlin Music Master, das Instrument, das, von Streetly kopiert, zum Mellotron MkII wurde. Das komplette Chamberlin-Archiv ist damit nun auch für das Mellotron zugänglich. Sollten Sie einen Kauf eines echten Mellotrons weniger in Erwägung ziehen, können Sie dennoch von diesen Original-Klangarchiven profitieren, denn Mellotron bietet die Sounds auch auf einer Sampling-CD an. Dass die neue Mellotron-Company die TapeFrames mit den Original-Aufnahmen bespielt, wirkt sich natürlich positiv auf den Klang aus. Der Sound ist sehr kräftig, klar und mit viel „analoger Wärme“, ohne aber seinen Charakter zu verlieren. Zum direkten Vergleich stand ein gut restauriertes M400 zur Verfügung, das in Klang- und Spielverhalten einfach nicht mithalten konnte.

Das Mark VI besitzt eine deutlich bessere Wiedergabe im gesamten Frequenzspektrum, vor allem der Mitten- und Obertonbereich wirkt kräftiger und brillanter. Durch Herabregeln des TONE-Reglers kann man den Sound in Richtung 400er „reduzieren“, aber selbst dann ist der Sound des Mark VI dichter und exakter.

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Der Tapeframe enthält für jeden Ton des Instruments eine Bandschleife. Auf dem Tape befinden sich drei Instrumentenspuren, die man überblenden kann. In den Übergangsbereichen sind dann zwei Sounds zu hören.

 

Spieleigenschaften des Mellotron Mark VI

Die Detailverbesserungen am Mark VI zeigen auch hier ihre Auswirkungen. Das Attack reagiert sehr sauber und sorgt für präzise Einschwingphasen, die sich viel genauer formen lassen als beim M400. Auch weiche Einschwingvorgänge sind möglich. Mittels der Justageschrauben in den Tasten kann man Aufsatz- und Druckpunkte sogar individuellen Bedürfnissen anpassen. Außerdem beeinflusst die Druckstärke den Obertongehalt. Dass die Tasten und die Bandmechanik so blitzschnell repetieren können wie beim Mark VI, wird man als Anwender von Synthesizern und Samplern kaum von einem Tonband-basierten Instrument erwarten.

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Mellotron-Chef Markus Resch auf der NAMM-Show in Anaheim

 

Eines hat sich allerdings nicht geändert: Nach etwa acht bis neun Sekunden ist der Spaß vorbei. Dann ist das Band bis zum Ende abgespielt, und die Taste muss erneut angeschlagen werden. Die Preise gehen bei 5.200,– Dollar für ein Standard-Mellotron im weißen Holzgehäuse los. Zum Lieferumfang gehört in jedem Fall ein stabiles Roadcase. Auf Wunsch und gegen Aufpreis sind natürlich andere Gehäuseausführungen und zusätzliche Tapeframes erhältlich – oder man gönnt sich gleich das zweimanualige Mark VII, das ab 9.800,– Dollar zu haben ist.

www.mellotron.com

März, 2006

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  • Sampletalk mit And.Ypsilon (Die Fantastischen Vier)
  • Tobias Enhus spricht über sein Synclavier
  • Die Groove-Mutter: Yamaha RS7000
  • Real Samples – Historische Tasteninstrumente digitalisiert
  • Software-Sampler am Rande der Wahrnehmung
  • Korg DSS-1 als Hardware-Plug-in
  • Cinematique Instruments – Filmreife Sample-Instrumente
  • Groovesampler in der Praxis
  • Die Mellotron-Story
  • Vintage Park: Fairlight CMI
  • Transkription – Ten Sharp: You

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