Psychedelic Sound - Sexy Look!

Combo-Orgeln mit Transistortechnik

In den Ohren einiger Hammond-Fans mögen sie jämmerlich klingen, aber sie waren die ersten Orgeln, die sich einigermaßen gut transportieren ließen. Außerdem sahen Combo-Orgeln sexy aus und setzten sich auch gegen dichte Gitarrenwände durch. Zahllose Aufnahmen dieser Ära wurden geprägt von dem oft auch mal schrillen Sound dieses klassischen Tasteninstruments, das heute wieder en vogue ist. Damals in den Sechzigern galt vor allem eins: Hauptsache rot!

front-seite
Dieter Stork, Jörg Sunderkötter

Es gab bisher drei Phasen, in denen die Combo-Orgel in der Popmusik eine tragende Rolle spielte. Die erste beginnt in den goldenen Sixties, in denen Bands wie die Doors, Iron Butterfly, Pink Floyd, Them oder Manfred Mann ohne Transistor-Orgel unvorstellbar sind. Die zweite Phase fällt in die New-Wave-Ära ab 1977; hier wird der Orgel-Sound durch die Anlehnung an die Ästhetik des vorhergehenden Jahrzehnts wieder populär und prägt die Aufnahmen von Acts wie Elvis Costello, Blondie oder den Comateens. Ab den 90er-Jahren gab es wieder eine Reihe von Bands, die Combo-Orgeln einsetzten; dazu gehören etwa Pulp, Kaiser Chiefs, Arctic Monkeys und Stereolab.

Die Vox Continental

…wurde von der britischen Firma Vox ab 1962 gefertigt. Ihr vieroktaviges Manual ist farblich invertiert und macht zusammen mit der roten Abdeckung das unverwechselbare Design dieser Transistor-Orgel aus. Die Bedienelemente liegen links neben der Tastatur: Die sechs Zugriegel bieten Zugriff auf vier Fußlagen, das ungefilterte Signal (Reed) und einen Tiefpass-bearbeiteten Sound (Flute). Als Effekt dient ein einfaches Vibrato.

Eine zweimanualige Version firmiert unter dem Namen Vox Continental II bzw. Super Vox Continental. Der Klang der kompakten Continental ist dünn, aber durchdringend; als klassische Aufnahmen gelten z. B. Songs wie Light My Fire (Doors), I’m Down (Beatles), Because (Dave Clarke Five), I’m A Believer (Monkees), In-A-Gadda-Da-Vida (Iron Butterfly) oder Sister Ray (Velvet Underground).



 

№4 2017

  • Modular Kolumne
  • FOO FIGHTER RAMI JAFFEE
  • INTERVIEW MIT MATT BLACK VON COLDCUT
  • OMD
  • Look Mum No Computer
  • Beardy Guy von Walk Off The Earth
  • STAGEPIANOS: DIE NEUE EINFACHHEIT
  • Ungesichert: Fusebox
  • Touché! Ein sehr sensibles Brett!
  • Inside Clavia: Besuch in Stockholm
  • REISE ZUM URSPRUNG DER SYNTHESE
  • DIE HAMMOND-STORY
  • Transkription: Chilly Gonzales –  Solitaire


Farfisa Compact.

Die kreativste Ära von Pink Floyd waren sicherlich die 60er-Jahre bis zum sehr erfolgreichen Album The Dark Side Of The Moon. In dieser Zeit kam die zweimanualige Farfisa Compact Duo vom 2008 verstorbenen Tastenhelden Rick Wright nicht nur im Studio, sondern auch auf der Bühne zum Einsatz. Den bewusstseinserweiternden Extra-Kick gab Wright seinem Orgelsound immer mal wieder durch den Einsatz eines nachgeschalteten Binson Echorec.

Die Farfisa Compact wurde u. a. noch von Country Joe & The Fish, Sam The Sham & The Pharaohs, Strawberry Alarm Clock, Inspiral Carpets, Yo La Tengo, Percy Sledge (When A Man Loves A Woman) und American Analog Set eingesetzt.

Die Compact verfügt über einen präsenten, warmen Basis-Sound, der sich auch in dichteren Arrangements gut durchsetzt. Er ist klar konturiert und wirkt gerne mal etwas rau. Die rückseitige EQ-Sektion erlaubt eine individuelle Anpassung des Grundklangs. Dank der Tone-Booster-Sektion ist die Compact in den oberen Lagen auch zu heftigeren, präsenten Lead-Sounds fähig. Das Klangspektrum wird durch den integrierten Federhall perfekt erweitert. Die spätere Fast-Serie (zum User-Kreis gehörten neben den Jackson 5 auch Philipp Glass) klingt auch aufgrund der Verwendung von Silizium-Transistoren statt der in der Compact-Reihe verbauten Germanium-Typen etwas cleaner.

Außer der Compact-Reihe hat Farfisa noch eine große Zahl weiterer Combo-Orgeln auf den Markt gebracht, etwa die zweimanualige Commander, die VIP-Modellreihe oder die Professional, die unter anderem von Sun Ra und Irmin Schmidt von Can benutzt wurde.

Die YC-Combo-Orgel-Serie

…von Yamaha gibt es seit 1969. Charakteristisch sind Lever anstelle von Zugriegeln und das rote Gehäuse vieler YC-Modelle. Auch die Farbgebung beim neuen Reface-YC-Keyboard (siehe Seite 62), das erfreulich klangstark an die legendäre Modellreihe anknüpft, erinnert an Combo-Orgeln wie die YC-20.

Die YC-30 wurde übrigens von Miles Davies in den 70er-Jahren in seiner dekonstruktivistischen Electric-Funk-Phase eingesetzt (z. B. Get Up With It, Pangea etc.). Wenn er nicht Trompete spielte, pflegte Miles auch mal in die Tasten zu greifen und mitunter einen (meist schrägen) Akkord über lange Zeiträume zu halten; dies brachte ihm unter Kollegen den Beinamen »The Claw« (die Klaue) ein.

Das Top-Modell der Serie ist die zweimanualige YC- 45d, die wie die YC-30 mit einem Ribbon-Controller ausgestattet ist und z. B. bei der Neue-Deutsche-Welle-Band Ideal zum Einsatz kam. Bekannte User der YC-Serie sind außerdem Lonnie Liston Smith, Jasper Van’t Hof (Eye-Ball), B-52s, Magazine, Herbie Hancock, Chick Corea, Madness, Mike Oldfield, Tomita, Talking Heads und Tangerine Dream. Auch Minimalist Terry Riley bediente sich einer YC-30 und modifizierte die Master-Oszillatoren, um nicht temperierte, alternative Stimmungen spielen zu können.

vox-super-continental
Dieter Stork, Jörg Sunderkötter
DER SOUND DER DOORS Vox Super Continental mit Rhodes Bass on top

Die Philicorda-Serie

…kam ab 1963 auf den Markt. Das erste Modell hat die Bezeichnung AG 7500 und arbeitet mit einer Röhrenklangerzeugung und Glimmlampenteilern. Sie besitzt im Ständer integrierte Röhrenverstärker und Lautsprecher sowie einen Federhall. Charakteristisch für die Modellreihe sind die vieroktavige Tastatur und das eckige, aber nicht unelegante Holzgehäuse. Das Bedienpanel ist mit einem Vibrato-, drei Fußlagen- und fünf Registerschaltern bestückt. Außerdem gibt es noch vier runde Bedienelemente, die als Regler für Lautstärke und Balance sowie als Schalter für Manual und Soundkombinationen dienen.

Die Nachfolgemodelle GM 751 und 752 ähneln äußerlich dem Vorgänger, arbeiten aber bereits mit einer Transistor-Klangerzeugung. Die Basis dieser Klangerzeugung sind Hartley-Oszillatoren, deren Sinussignal mithilfe verschiedener (Clipper- und Frequenzteiler-)Schaltungen zu einer treppenförmigen Wellenform, die an einen Sägezahn erinnert, umgeformt wird. Die Orgeln besitzen einen eingebauten Federhall, und die Bedienelemente wurden um einen Regler für das Vibrato und den Hall ergänzt. Ein zeitgemäßes, Beatband-affines Combo-Orgel-Design verpasste man dem Modell GM 753, das über eine blaue oder schwarze Vinyloberfläche und ein schickes Ständerwerk verfügt; auf die interne Endstufe und den Speaker wurde verzichtet.

Der eigentümliche, etwas spacige Klang der Philicordas erzeugt sofort eine dichte Atmosphäre. Sie kann gleichzeitig sehr cheesy und ziemlich psychedelisch klingen. Ihr sensibles und weiches, aber durchsetzungsfähiges Timbre ist sehr eigen und unterscheidet sich von anderen aggressiveren Orgeln wie etwa der Farfisa Compact oder der Vox Continental. Verwendet wurde die Philicorda u. a. von Acts wie ADD N TO (X), Los Banditos, Paula oder dem Kabarettisten Hans Dieter Hüsch. Sie ist ein echter Geheimtipp und kann vor allem in den Niederlanden oft sehr günstig erworben werden.

Ein Himmel voller Orgeln.

Combo-Orgeln gibt es natürlich auch von vielen anderen Herstellern, wobei zum allgemeinen Verständnis gesagt werden sollte, dass Hammond-Orgeln nicht zur Gattung der Combo-Orgeln zählen. Auch wenn die Firma Hammond später auf Transistortechnik basierende Instrumente herausbrachte, so zählen diese Hammonds nicht zur Beat-Ära wie die Instrumente von Vox, Farias etc.

Zu nennen sind z. B. die ebenfalls italienischen Hersteller GEM, Elka, Crumar und Viscount (eine Viscount Intercontinental wurde z. B. von Fela Kuti verwendet) sowie Orgeln von Ace Tone und Thomas. Toll sind auch die Weltmeister- und Vermona-Orgeln aus der ehemaligen DDR wie z. B. die ET-6-1, die von Barbara Morgenstern favorisiert wurde. Doors-Keyboarder Ray Manzarek benutzte anfangs eine Vox Continental, wechselte dann aber zur (von Lowrey gefertigten) Gibson G-101.

Ein Kommentar zu “Combo-Orgeln mit Transistortechnik”
  1. peter eichstädt

    Und nicht zu vergessen die DDR-WELTMEISTER Orgeln, TO 200 oder die Große TO200/5/3!!!

    Antworten
Hinterlassen Sie einen Kommentar

Das könnte Dich auch interessieren: