Red Delight

Clavia Nord Electro 6D

In seiner Eigenschaft als Bereitsteller edler Klassiker gehört das Nord Electro spätestens mit Vorlage der mittlerweile sechsten Revision selbst zur Liga der traditionsbewussten Tasteninstrumente.

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Anstatt das Rad mit jedem Launch neu zu erfinden, verfolgt der Hersteller Clavia in seinem Hauptquartier in Europas hohem Norden eine vergleichsweise konservative Produktpolitik. Dass dies allerdings alles andere als Langeweile nach sich ziehen muss, beweist das Team um Entwicklerlegende Hans Nordelius aktuell erneut mit der jüngsten Evolutionsstufe des Nord Electro mit der Revisionsnummer 6. Wie der Name bereits suggeriert, kümmert sich das Electro auch in der vorliegenden Überarbeitung thematisch um die Reproduktion von Klassikern wie Orgeln, E-Pianos − ergänzt um akustische Klaviere und Flügel − sowie einer Sample-Synth-Rubrik.

A classic containing classics wrapped in a classic design concept … Clavias Philosophie folgt einer klaren Maxime, in deren Zentrum die praxisgerechte Bedienbarkeit eines speziell auf die Bedürfnisse von Musikern zugeschnittenen Live-Instruments steht. In diesem Punkt leistet sich auch das Electro 6 keine merklichen Ausreißer. Doch was hat sich nun tatsächlich seit Vorstellung des numerischen Vorgängers aus dem Jahr 2015 getan? Neben der neusten Platinengeneration der Nord-Flotte vor allen Dingen jede Menge Feintuning! So profitiert der neuste Sprössling der Code-Red-Familie ab sofort auch von praktischen Neuerungen des Nord Stage 3, wie etwa smoothen Crossfades zwischen einzelnen Split-Zonen und einem Cutoff-freien Umschalten von Sound zu Sound.

Die je nach Modell mit physischen (6D 61 für 2.140,81 Euro UvP, 6D 73 für 2.378,81 Euro UvP) oder LED-Drawbars (6 HP für 2.854,81 Euro UvP) ausgestattete Orgelsektion vermeldet ebenfalls frischen Feature-Zuwach.

So erweitert sich der Klangpalettenumfang mit einer zweiten Pipe-Organ auf insgesamt fünf Modelle. Wobei die aus dem Modell C2D stammende Hammond-B3-Simulation mit einem gesonderten Bass-Register gleich noch ein sechstes Plätzchen samt eigener LED belegt. Ein merkliches Upgrade im Vergleich zum Vorgänger stellt der integrierte Leslie-Effekt dar, welcher zwar immer noch auf Basis eines 122ers gemodelt wurde, sich diesmal aber aus den Performance-Tiefen der Referenz-Digitalorgel C2D aus gleichem Hause bedient. Das Ergebnis ist wie erwartet hervorragend und macht auch im Falle der Vox-Continental- und Farfisa-Transistor-Clones eine mehr als anständige Figur.

In Kombination mit einem zielsicher gesetzten Split-Punkt oder gar einer zweiten Tastatur werden Nutzer zudem den neuen Dual-Mode des klanglichen Hammond-Klons zu schätzen wissen, dessen Drawbar-Einstellung sowohl für »oberes« als auch für »unteres« Manual präzise im Display ablesbar bleibt. Wem dies alles noch nicht genug Vibe hat, kann die mit Waterfall-Tastatur ausgestatteten Modelle 61 und 73 auch noch mit dem von der Nord C2D bekannten Halfmoon-Switch für die Leslie-Kontrolle nachrüsten.

Nord Electron 6D
Die überarbeitete Kommandozentrale des Nord Electro 6 (Bild: Dieter Stork)

Des Keyboarders liebstes Kind ist wohl zweifellos das Piano, von dem das Electro nicht nur hochwertige Akustik-Samples, sondern auch naturgetreue Abbilder der elektromagnetischen Klassiker wie Rhodes, Wurlitzer Piano oder auch Clavinet bereithält. Die insgesamt 30 Sounds lassen sich mit EQ- und Velocity-Presets an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Zur klanglichen Variation der Samples stehen dem Pianisten darüber hinaus auch noch drei EQ-Presets namens Bright, Mid und Soft zur Seite. Im Falle der fünf Flügel, sieben Uprights und zehn Elektrischen lässt sich zudem ein softeres Abheben der Dämpfer sowie der Einfluss von naturidentischen Saitenresonanzen zum Sound ergänzen. Über die Shift-Funktion des Electro lassen sich außerdem alle vorliegenden Stereo-Samples in einen gerade bei Minimal-Setups ausgesprochen nützlichen Mono-Modus umschalten. Die zur Verfügung stehende Speichergröße für Piano-Libraries verbleibt im Übrigen analog zum Vorgänger bei einem ganzen Gigabyte.

Der Sample Synth des Electro 6 erfährt hingegen mit seinen 512 MB eine ansehnliche Speicherverdoppelung. Der ansonsten rudimentär ausgelegte Sample-Player stellt mit Parametern wie Sustain, Attack und einem dynamisch reagierenden Filter eine für Live-Zwecke vollkommen ausreichende Klangbearbeitung im Schnellzugriff zur Verfügung. In Sachen Klangauswahl bleiben schon aufgrund der umfangreichen und kostenfrei für Nord-User zur Verfügung gestellten Sample-Libraries fast keine Wünsche offen. Aber auch ohne selbst Hand anzulegen, bietet das Factory-Setup eine feine und sorgfältig ausgewählte Sammlung gängiger und außergewöhnlicher Sounds in der erwarteten Clavia-Qualität.

Nach Vorstellung des Nord Stage 3 im letzten Jahr hätte ich mir allerdings zumindest eine abgespeckte Version der Nordlead-A1-Integration auch für den Electro gewünscht. Angesichts des Grundkonzepts, die wichtigsten Tasteninstrumente in einem nutzerfreundlichen Live-Werkzeug zu verbinden, empfände ich eine virtuell-analoge Erweiterung um etwa prophetische sowie moogische Klanggefilde samt klassischer Parameterkontrolle ausgesprochen konsequent. Auf der anderen Seite vergrößert diese Lücke im Erwartungshorizont der Hochniveauebene natürlich auch den Entwicklungsspielraum für eine zukünftige Version 7.

Nord Electron 6D
Mehr Orgel geht wohl nur mit einem eigenen Orgelpark − für den Fall, dass Geld und Portabilität keine Rolle spielen. (Bild: Dieter Stork)

Press the magic button! Schon nach kurzer Beschäftigung mit dem Electro wird man feststellen, dass einer der wichtigsten Knöpfe des Instruments mit den Worten »Shift« und »Exit« gekennzeichnet wurde. Mit dem Druck eines einzigen weiteren Fingers ergibt sich so auch für die überarbeitete Effektsektion eine Vielzahl an Möglichkeiten. Auf Anhieb sehr gut gefallen hat mir in diesem Zusammenhang die Quellsignalwahl über den ON/OFF-Switch im unteren Bereich der Effekt-Slots. Die hier hinterlegte Buchstabenkombination OPS steht im genannten Fall auch nicht für »Operationen pro Sekunde«, sondern bezeichnet die drei Soundabteilungen des Electro und sorgt so via LED immer für einen direkten Überblick, welcher Effekt sich gerade zu welcher Quelle in Zuordnung befindet.

Abgesehen vom intuitiven EQ finden sich in dieser Sektion zwei Stompbox-inspirierte Kanäle, eine Speaker-/Amp-Simulation mit Klassikern wie Jazzchorus und Twin Reverb sowie ein tempoabhängiges (Tap-) Delay mit Ping-Pong-Option. Der rote Farbhintergrund der angegliederten Reverb-Einheit lässt richtigerweise auf die Omnipotenz eines Summeneffekts schließen.

Programmatisch wird es im direkten Umfeld des messerscharfen OLED-Displays. Von systemrelevanten Einstellungen über die Einrichtung von Split-Punkten bis hin zum Ablegen eigener Presets steht dieser Bereich komplett unter dem Stern einer optimalen Organisation. Über die vier Program-Buttons lassen sich darüber hinaus via Live-Mode auch acht per Page-Umschaltung schnell zugängliche Live-Programs ablegen. Diese verfügen sozusagen über eine immer scharfe Autosave-Funktion, welche dazu führt, dass jegliche Änderung am Patch sofort übernommen und gesichert wird. Im Gegensatz dazu verhält sich der normale Program-Modus wie gewohnt und vermutet. Schön in diesem Zusammenhang ist die neue Ordnungsstruktur, welche das Leben mit copy, paste und move sowohl im praktischen Listen-Modus als auch im Songset-affinen Page-View ungleich einfacher macht. Für die Navigation steht ab sofort neben »Program Dial«- und »Page Switch«-Cursor auch ein numerischer Pad-Navigation-Mode über die Schnellwahltasten zur Verfügung.

Nord Electron 6D
Alles, was man für einen effektvollen Auftritt benötigt, ist bestmöglich organisiert und praxisgerecht umgesetzt. (Bild: Dieter Stork)

Fazit

Mit dem Nord Electro 6 hat Clavia die Funktionalitätslatte wieder einmal gekonnt ein Stück höher gelegt, ohne dabei das grundlegende Konzept der schwedenroten Modellpalette infrage zu stellen. Nicht zuletzt an der Tatsache, dass sich mittlerweile alle drei Klangrubriken des Instruments gleichzeitig bei verdoppelter Polyfonie nutzen lassen, legt die Vermutung nahe, dass auch unter der Haube mächtig an der Performanceschraube gedreht wurde. In puncto Verarbeitung und Wertigkeit ist das Electro ohnehin in strengster Familientradition über jeden Zweifel erhaben. Wer sich auf der Suche nach einem Live-Instrument mit realistischen Orgelnachbildungen, Klaviervariationen und einem komfortablen Sample-Player sucht, müsste sich schon ziemlich anstrengen, um mit einem Paket wie dem Nord Electro 6 nicht zum Ziel zu kommen. Für mich ein echtes All-In-One-Glücklichpaket.

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