Die Mischung macht's

Casio Celviano Grand Hybrid GP-500BP/GP-300BK Digitalpianos

Ungewohntes Terrain für Casio: Mit den Pianos der Grand-Hybrid- Serie dringt der Hersteller in eine Preisklasse vor, die für die hauseigene Celviano-Homepiano-Line bisher passé war. Für Instrumente mit dem Hybrid-Anspruch, die Vorteile aus Klavierbau und Digitaltechnologie zu vereinen, sind die neuen Modelle andererseits recht preiswert. Wie dieser Spagat gelingt, haben wir uns näher angeschaut.

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(Bild: Casio, Jörg Sunderkötter)

Für Hybrid-Pianos, die idealerweise das jeweils Beste aus analoger und digitaler Welt in sich vereinen sollen, gibt es verschiedene Ansätze. Die modernen (Yamaha) Silent- und (Kawai) Any-Time-Pianos sind praktisch akustische Klaviere oder Flügel, die zusätzlich mit digitalen Klangerzeugungen ausgestattet wurden. Dagegen verlassen sich die von Yamaha selbst als »Hybrid-Pianos« bezeichneten Modelle der AvantGrand-Serie auf eine rein digitale Klangerzeugung, während fast die komplette Hardware aus der hauseigenen Klavierbauabteilung stammt. Für letzteren Ansatz hat man sich auch bei Casio entschieden. Selbst kein Produzent akustischer Klaviere, holte man sich das nötige Know-how beim Berliner Unternehmen C. Bechstein. Ein Bechstein-Flügel stand Pate für den Hauptklang der neuen Casio-Hybriden, außerdem ist ihre Klaviatur konstruktionstechnisch stark an Manuale des Klavierbauers angelehnt.

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Die Bechstein-Pianoforte-Fabrik stellte übrigens bereits in den 1930er-Jahren die Mechanik für den Neo-Bechstein her: Diesen elektro-akustischen Flügel − ebenfalls eine Art Hybrid-Piano − kann man heute im Technischen Museum Wien bewundern.

Hingucker

…in der Celviano-Flotte von Casio sind die Hybriden GP-500BP und GP-300BK allemal. Die Optik wirkt ein wenig wie an das Bechstein-Klaviermodell B 116 Compact angelehnt, nur in Höhe und Tiefe schlanker. Display und Funktions-Buttons finden sich bei den GPs nicht, wie sonst bei Celvianos üblich, mittig über der Tastatur, sondern versteckt links neben dem Manual. Messing an den FrontbeinFüßen, als Material der Pedale sowie das Messing-Schild mit der Aufschrift »Developed in collaboration with C. Bechstein« setzen edle Akzente. Das günstigere Modell GP-300BK ist schwarz-satiniert, während man das GP-500BP komplett in Hochglanz erhält. Das angeraute »Satin«-Finish lässt das Instrument anthrazit ausschauen und ist Geschmackssache. Ein positiver Nebeneffekt: Die Oberfläche scheint gegen Staub resistent zu sein − zumindest augenscheinlich.

Flügelzauber.

Insbesondere ein Sound-Preset steht im Mittelpunkt der Kollaboration mit dem Berliner Klavierbauer: Das »Berlin Grand« als Bechstein-Sound ist das Markenzeichen der Casio-Hybriden. Und in der Tat bringt dieser Flügel eine neue Klangfarbe in die aktuelle Homepiano-Landschaft. Wärme und Charakter des Bechstein-Sounds jedenfalls wurden überzeugend eingefangen − beim Spielen des Berlin Grand entfaltet sich ein voller, realistischer Sound mit eleganter Brillanz.

Auch in der Dynamik kann der Sound überzeugen. Selbst im feinsten Pianissimo besitzt der Sound klar konturierte Attacks, im weiteren Velocity-Verlauf entwickelt sich daraus ein kräftiger Sound, der im Forte eine tolle Strahlkraft entfalten kann. Der Sound besitzt dabei viele Reserven für Akzente mit einem gewissen Biss, ohne aber schreiend oder metallisch hart zu sein − ein Markenzeichen der C-Bechstein-Instrumente.

Die dynamischen Reserven finden wir übrigens bei allen Flügelklängen vor, nur der Grundklang ändert sich dabei. Das Hamburg Grand wirkt im Vergleich zum Berlin Grand dann auch schon regelrecht »drahtig«, was das typische Klangverhalten eines Steinway recht authentisch darstellt. Daneben dann das »Vienna Grand« mit dem wärmerem Grundklang und den fein perlenden Attacks eines Bösendorfers. Allesamt tolle Sounds − am besten gefällt uns das Berlin Grand, und beim Testen kommen wir immer wieder auf diesen Sound zurück, der sich über die Holztastatur sehr schön »elastisch« artikulieren lässt.

In allen drei Modellen kommt Casios »AiR Grand«- Klangerzeugung zum Einsatz, die mit satten 256 Stimmen arbeitet. Die werden bei der Wiedergabe der in Stereo gesampelten Sounds auch gebraucht, denn zusätzlich werden auch die vielen subtilen Nebengeräusche eines Flügels erzeugt: Das Abheben der Dämpfer lässt die Saiten aufzischen, Saitenresonanzen bereichern den harmonischen Gesamtklang, das leise Zurückfallen der Hämmer beim Loslassen der Tasten … alles Details, die für ein authentisches Klangerlebnis sorgen. Schade, dass nicht auch der Release-Phase des Klangs eine so große Sorgfalt zugutekam, denn eine Note-Off/DämpferSimulation (bzw. ein spezielles Release-Sample) gibt es nicht. Das ist kein dramatischer Verlust, aber das Ausklingen der Töne wirkt ein wenig unspektakulär im Zusammenhang der ganzen anderen Klangdetails, und hinsichtlich der Artikulationsmöglichkeiten fehlt ein kleines, aber nicht unbedeutendes Ausdrucksmittel.

Zusätzliches Klangwerk.

Neben der tollen Klangqualität der akustischen Flügel wirken die zusätzlichen Sounds wie klangliches »Beiwerk«, aber man findet immer wieder auch kleine Highlights − uns gefiel das Wurlitzer E-Piano, das den charmanten »holzigen« Grundsound der älteren Modelle gut trifft.

Einen guten Eindruck hinterließen die Effekte, vor allem der Reverb begeistert mit seinen sehr speziellen Räumen, darunter eine Amsterdamer Kirche, eine Filmvertonungsbühne, die Konzerthalle des Sydney Opera House oder einen Music-Club in Manhattan. Anstelle einer stufenlosen Regelung der Hall-Intensität denkt man an den Casio-Pianos in vier »Positionen«: Simuliert wird der Raumeffekt wahlweise so, wie ihn der Spieler selbst er – leben würde oder von verschiedenen Sitzpositionen im virtuellen Raum ausgehend. Der Effekt wirkt ein wenig übertrieben und lässt ein merkwürdiges Spielgefühl entstehen − man spielt nun mal selten aus den hinteren Sitzreihen das Instrument, sondern sitzt bestenfalls direkt davor. Interessant aber, dass man mit solchen technischen Spielereien experimentieren kann.

Auf Holz gesetzt hat Casio bei der Klaviatur für die GP-Pianos. Auch wenn inzwischen einige Hersteller mit dem Merkmal »Holztasten« werben, heißt es nicht, dass man immer auch echte Massivholztasten vorfindet. Beim GP-500 und GP-300 hingegen ist das Konstrukt aus Tastatur und Mechanik sogar konsequent umgesetzt worden. Denn wie an einem Flügel liegen die Hämmer der »Natural Grand Hammer«-Mechanik hinten oberhalb der Fichtenholztasten. Beim Spielgefühl kann sie punkten: Gute Repetitionseigenschaften und eine feine Auflösung des Tastenwegs lassen ein sehr komfortables Spielgefühl entstehen.

Die Hämmer sind, wie die Elemente der Mechanik, nicht aus Holz, sondern aus Kunststoff gefertigt, aber sie erfüllen ihren Zweck: Die Bewegung des gesamten Apparats spürt man in den Fingern. Sogar das Aus – lösen des Tons im unteren Drittel des Tastenweges ist möglich − nochmal zurück zum oben erwähnten »elastischen« Spielgefühl der Flügelklänge: Die Tastatur hat spürbar ihren Anteil daran.

Die Klangabstrahlung

…erfolgt in alle Richtungen, um dem Klangverhalten eines akustischen Instruments möglichst nahezukommen. Casio erreicht dies mit einem aufwendigen System, dessen insgesamt sechs Lautsprecher nach oben und unten abstrahlen. Ein gut abgestimmter Gesamtklang erfüllt den Raum: klare Bässe, die Kraft haben, aber nicht wummern; Mitten und Höhen sind gut präsent, ohne dass der Sound insgesamt Hi-Fi-mäßig nach »Lautsprecher« klingen würde. Auch der Kopfhörer-Sound stimmt übrigens, wobei man hier sogar noch mehr Klangdetails entdecken und genießen kann.

Szenenwechsel gefällig?

Saitenresonanzen, Key-Off-Geräusche, Effekte und dergleichen sind bei allen Sounds zunächst dezent eingesetzt, man kann aber in den Funktionsmenüs gezielt Einfluss nehmen, um deren Klangverhalten individuell einzustellen oder damit zu experimentieren. Man sollte sich nicht täuschen lassen vom schnörkellosen Look der Instrumente, denn es stecken mehr Klangmöglichkeiten drin, als man vermutet. Nicht jeder programmiert aber gern an den Sounds, und deswegen hat Casio die »Scenes« entwickelt, die sich an Komponisten und damit an musikalischen Epochen orientieren. Die Scenes stellen neben dem Klaviersound auch sämtliche Parameter und Effekte stilecht ein, und im Handumdrehen hat man das Celviano aus dem Kammermusiksaal in die Philharmonie gestellt. Die Scenes besitzt aber nur das Topmodell, das übrigens auch bei den virtuellen Saitenresonanzen umfangreicher ausgestattet ist und die Duplex-Scale eines Flügels klanglich berücksichtigt.

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Die Hämmer sind, wie die Elemente der Mechanik, nicht aus Holz, sondern aus Kunststoff gefertigt, aber sie erfüllen ihren Zweck: Man spürt die Bewegung des gesamten Apparats in den Fingern. (Bild: Casio, Jörg Sunderkötter)

Edel-Optik und Preis/Leistung.

Mit den neuen GP-Modellen sind Casio sehr wertige D-Pianos gelungen, die mit ausdrucksstarken Flügelklängen sowie einer gehobenen Hardware überzeugen. Die klanggestalterischen Bordmittel hinterlassen einen positiven Eindruck, wobei lediglich die Bedienung über das Display ein wenig umständlich ausfällt. So müssen beispielsweise die drei Taster für die Grand-Piano-Klänge als Shift-Taster zur Anwahl weiterer Sounds herhalten, oder die Brillanz-Regelung muss über Taster vorgenommen werden. Dies aber sind Zugeständnisse an die Klavier-Optik, für die man mit möglichst wenigen Bedienelementen auskommen wollte. Und die Menüführung über das Display ist ansonsten sinnvoll gelöst.

Bestnoten gibt’s für das Spielgefühl über die Holzklaviatur mit der »Natural Grand Hammer«-Mechanik und den vollmundigen Gesamtsound über das interne Lautsprechersystem. Für das Gebotene muss man dabei noch nicht einmal allzu tief in die Tasche greifen. Und anspruchsvoll, aber dabei preisbewusst − welcher Heim-Musiker ist das nicht?

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