Micro, aber Brute!

Arturia MicroBrute – monofoner Analog-Synthesizer

Schon der MiniBrute bescherte Arturia einen großen Erfolg, was viele dem Software-Hersteller vielleicht nicht zugetraut hätten. Weit gefehlt, denn aus der Zusammenarbeit mit Analog-Guru Yves Usson entstand ein kompakter Synth mit tollen Klangeigenschaften und viel Charakter. Mit der kleinen Ausgabe des MiniBrute ist nun die Überraschung perfekt. Dabei sollte man den Arturia MicroBrute nicht unterschätzen und als eine vereinfachte Sparversion betrachten — der kleine Synth hat sogar ein paar Sachen drauf, die der große Bruder nicht kann.MicroMiniBrute

Handlich, kompakt und dabei robust verarbeitet, vor allem aber winzig – mit diesen ersten Eindrücken packt man den MicroBrute aus dem Karton aus. Mit großen Erwartungen: Ein Analoger Synthesizer zum Plug-in-Preis – da fragt man sich natürlich, auf welche Dinge man verzichtet, und überhaupt: Wird er so gut klingen wie der MiniBrute? Also schnell das Netzteil anschließen und den Kopfhörer in die Mini-Klinkenbuchse stöpseln.

Anzeige

Erster Unterschied ist die Tastatur. Die 25 Minitasten des MicroBrute spielen sich aber recht gut, Anschlagdynamik kennt der große Bruder ja auch nicht, aber dessen Aftertouch-Funktion, die sich zur Filter-Modulation nutzen lässt, findet man beim MicroBrute nicht vor. Dennoch lässt sich dafür ebenso das Modulationsrad verwenden – für manche Performance-Zwecke ist das eine feine Sache. Ansonsten greift man ganz klassisch zum Cutoff-Poti.

What you see is what you get

Der MicroBrute ist nicht nur hinsichtlich der Klangerzeugung, sondern auch in der Handhabung durch und durch ein AnalogSynth: keine Speicher, für jede Funktion ein Regler bzw. Schalter. Und es gibt ein kleines Steckfeld, das zusätzliche Modulationsverknüpfungen erlaubt. Damit erlangt der MicroBrute nicht gleich Modular-Status, und er kann es auch mit den Patch-Möglichkeiten des MS-20 mini nicht wirklich aufnehmen. Welche Flexibilität das Patch-Feld aber mit sich bringt, zeigt sich vor allem beim vielseitigen Oszillator-Konzept des MicroBrute.

 

Tonerzeugung

Die Besonderheit, ein Maximum an Wellenformen aus einem einzigen Oszillator herauszuholen, darf auch der MicroBrute für sich verbuchen. Mit anderen Worten: Er ist in diesem Punkt weitgehend identisch mit dem MiniBrute. Es gibt die drei Wellenformen Sägezahn, Rechteck (mit variabler Pulsbreite) und Dreieck, die sich anteilig mischen lassen. Aus Platzgründen gibt es dafür Drehpotis – komfortabler sind für dieses OSC-Konzept tatsächlich aber die Schiebereglern des MiniBrute. Klanglich vermisst man dennoch nichts, im Gegenteil: Mit „Overtone“ gibt es sogar einen neuen Part! Es handelt sich hier um einen Suboszillator mit Extras.

Der Suboszillator klingt zunächst eine Oktave tiefer und hat einen schönen RechteckSound, dreht man seinen „Sub>Fifth“-Regler nach rechts, wird der Sound dünner und nasaler, bis schließlich bei Rechtsanschlag die Quinte in den Obertönen überwiegt. Ebenfalls sehr flexibel ist die Dreieck-Wellenform, die über den sogenannten Metallizer variiert werden kann. Mittels Waveshaping werden hier immer mehr Obertöne erzeugt, was metallisch klingende Sounds erzeugt – es klingt ein bisschen wie eine Mischung aus FM und Oszillator-Sync. Damit erzeugt man im Handumdrehen schneidende Lead-Sounds oder aber Wobbelbässe mit kräftigen Obertonverläufen, ohne das Cutoff-Poti auch nur angerührt zu haben.

MiniBrute-Kennern wird sofort auffallen, dass einige Modulationsmöglichkeiten in der Oszillator-Sektion nicht angeboten werden, so etwa Pulsweitenmodulation per Envelope oder LFO, ebenso der Metallizer und Ultrasaw. Letzteres vervielfältigt die Sägezahnwellenform zu einem fett schwingenden Sound, so als wären mehrere Oszillatoren im Spiel. Für schwingende Ultrasaw- oder PWM-Sounds wird selbstredend eine zyklische Modulation durch einen LFO gebraucht, die sich dank Patch-Feld erzielen lässt. Allerdings lässt sich die LFO-Schwingung nur auf eines der Modulationsziele patchen, womit der Mini Brute in diesem Punkt einen großen Unterschied macht, denn sämtliche Wellenformmodulationen sind dort gleichzeitig erlaubt – zumindest gilt dies zunächst für die mitgelieferten Patchkabel. Wenn es die maximale Soundwand sein soll wie beim MiniBrute, braucht man eine Kabelpeitsche, die die Modulationsquelle auf mehrere Ziele verteilen hilft. So hat der MicroBrute dann eben fast alles von seinem großen Bruder, vor allem auf dessen grundsätzliche Klangqualität muss man nicht verzichten.

Kleines Kraftpaket. Der MicroBute hat deutlich mehr drauf, als man auf den ersten Blick vermutet. Auf kleinstem Platz hat Arturia hier die Struktur des großen Bruders MiniBrute untergebracht. Auf ein paar Details wurde zwar verzichtet, nicht aber auf die gute Verarbeitung und den erstklassigen Sound.

Klangbearbeitung

Letzteres trifft auch für das Filter zu. Es handelt sich um ein resonanzfähiges 12-dB-Multimodefilter mit den umschaltbaren Charakteristiken Low-, Band- und Highpass. Die Resonanz hat einen weiten Regelbereich bis hin zur Selbstoszillation. Dabei hat der Oszillatorpegel deutlichen Einfluss auf die klanglichen Auswirkungen des Filters. Ist der Pegel am Filtereingang hoch, klingen die Resonanzen ungleich aggressiver.

Aber es geht noch böser, denn es gibt ja noch den „Brute“-Regler – eine kontrollierbare Feedback-Schleife der Filterschaltung, die anfangs das Filter etwas trockener klingen lässt, es aber irgendwann ins Chaos kippen lässt. Die Klangerzeugung wird dann fast unkontrollierbar zwischen tonalem Durcheinander und purem Noise. Damit zu experimentieren, lohnt sich auf jeden Fall, denn mit etwas Fingerspitzengefühl lassen sich so aus dem MicroBrute unglaublich fette Bassdrums und ohrenbetäubende Subbässe kitzeln. Sagenhaft!

Modulation

In dieser Abteilung wurde der Vibrato-LFO (Modulation-Wheel) weggelassen, und der LFO lässt eine Random-Wellenform vermissen, das ist irgendwie doch schade. Ebenso besitzt der MicroBrute nur einen Envelope, der VCA lässt sich aber wahlweise per Envelope oder Gate steuern, während der Envelope mit dem Filter stets fest „verdrahtet“ ist. Zusätzlich kann aber nochmal der Envelope auf den Cutoff gepatcht werden, womit sich kräftig zupackende Sequenzersounds mit extrem kurzen Attacks erstellen lassen.

Apropos Sequenzen: Anstelle eines Arpeggiators besitzt der MicroBrute einen kleinen Stepsequenzer mit acht Speicherplätzen. Eine Lauflicht-Programmierung gibt’s zwar nicht, aber man kann im Record-Modus Noten und Pausen eingeben und hat recht schnell Sequenzen erzeugt, die sich über die Tastatur steuern und Transponieren lassen.

CC/Gate/MIDI

So richtig Freude kommt auf, wenn man die Patch-Möglichkeiten nutzt, von denen der MicroBrute sogar mehr mitbringt als der Mini. Dafür gibt es einmal die CV-Gate-Ausgänge an der Rückseite und das Patch-Feld oben rechts im Bedienfeld. Die Steuerspannungen harmonieren mit denen des weitverbreiteten Eurorack Modularsystems von Doepfer, sodass der MicroBrute hier die optimale Flexibilität bieten kann. So lässt sich das Filter oder der Oszillator mit externen Oszillatoren modulieren, um FM-Sounds zu erzeugen; auch könnte man weitere Modulationsquellen wie Stepsequenzer, LFOs oder Envelopes zur Steuerung der internen Klangerzeugung des MicroBrute heranziehen. Ebenso ist es denkbar, externe Oszillatoren mittels Steuerspannung zu vom MicroBrute aus zu spielen, um diese dann über den Audio-In in den Signalweg des MicroBrute zu integrieren. Ein weites Experimentierfeld.

Natürlich kann der MicroBrute auch per MIDI-In von einem Sequenzer gesteuert werden. Die Konfiguration übernimmt dabei die mitgelieferte Editor-Software, mit welcher sich auch weitere Grundeinstellungen vornehmen lassen.

Fazit

Herzlichen Glückwunsch! Mit dem kleinen MicroBrute gelingt Arturia ein großer Wurf. Der Synthesizer birgt eine riesige Klangvielfalt und Flexibilität für sehr wenig Geld. Dabei sollte man den Synth im Kleinformat wirklich nicht unterschätzen – keine Spur von einem Trash-Faktor, wie man ihn z. B. bei den Korg Volcas oder Monotrons vorfindet. Mit dem MicroBrute bekommt man eine solide Hardware und einen Synthesizer mit hochwertigem Sound, dazu noch Patch-Möglichkeiten und einen integrierten Stepsequenzer – all das für knapp unter 300 Euro? Unschlagbar gut.

Hersteller- und Produktinfos

Hersteller/Vertrieb: Arturia / Tomeso

UvP/Straßenpreis: 329,— Euro / ca. 300,— Euro

Internet: www.tomeso.de

Pro und Contra

+ hervorragender Sound

+ gute Verarbeitung

+ vielseitige Möglichkeiten

+ integriertes Patch-Feld

+ super Preis-/Leistungsverhältnis

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren: