Alter Schwede

Analog Modeling Synthesizer – Clavia Nord Lead A1 im Test

Seit gut zwei Jahrzehnten gelten die roten Schweden als Synonym für intuitiv zugänglichen Analog-Sound aus dem DSP. Ist das Thema Nord Lead in seiner fünften Runde ausgereizt, oder kann der neue A1 mit seinem neuen Synth-Konzept nochmals einen draufsetzen?

Nord Lead A1 - Aufmacher

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Als Clavia 1995 den ersten Nord Lead auf der Frankfurter Musikmesse vorstellt, ist die Synthesizer-Welt reichlich aus dem Häuschen. Look, Bedienoberfläche und der knallige, sehr eigene Sound sind so gut gelungen, dass der rote Schwede schon fast das Prädikat „Gesamtkunstwerk“ verdient. Den Markt beherrschten damals digitale Keyboards, Synthesizer und Expander, deren „Bedienspaß“ sich auf Data-Entry-Rad und DisplayCursor reduzierte. Sounds schrauben? Fehlanzeige, allerhöchsten über Editor-Programme. Analoge Vintage-Synthesizer waren damals – Techno war auf dem Höhepunkt – natürlich voll angesagt. Dies nicht nur wegen ihrer Klangeigenschaften, sondern auch aufgrund der Möglichkeit, die Sounds über Regler zu performen. Die digitale Simulation eines klassischen Analog-Synthesizers war damals revolutionär, und der NordLead entwickelte sich schnell zum Standard-Equipment von fast jedem Elektronik-Musiker.

Nahezu zwei Dekaden später hat die Konkurrenz längst an Boden gewonnen, allein der Nord Lead ist seinem Konzept in weiten Teilen treu geblieben: traditionelle Bedienoberfläche, retro-futuristischer Look und virtuell-analoger Sound, was die Chips hergeben. Nun wird es laut Gehäuseaufdruck noch analoger. Ist der A1 des Kaisers neuestes Kleid, oder hebt er das Clavia’sche Erfolgsrezept auf ein ungekanntes Level?

Rot, robust, radikal

Immer wieder überraschend sind die kompakten Dimensionen und das geringe Gewicht eines Nord Leads – und das trotz des hochwertig gefertigtem Metallgehäuses, Fatar Keyboard und internem Netzteil. Der A1 macht da keine Ausnahme. Fertigungstechnisch stimmt hier wieder alles: Bedienelemente und Anschlussbuchsen sind durchweg von tadelloser Qualität, das Panel trotz kompakter Abmessungen übersichtlich gestaltet. Volle Punktzahl an dieser Stelle.

Wer sich mit einem Nord-Synthesizer (oder subtraktiver Klangerzeugung im Allgemeinen) einigermaßen auskennt, wird sich schnell mit den wichtigsten Funktionen des A1 anfreunden. Die Doppelbelegungen der Taster stellen dabei kein ernsthaftes Hindernis dar. Das angenehm kompakte Manual ist zwar leider nur in englischer Sprache geschrieben, dafür jedoch in Papierform beigelegt. Ein OS-Update ist via Clavia-eigenem Updater und USB-Port schnell und problemlos erledigt. Jetzt nur noch die Ausgänge verkabeln und los geht’s …

Vertraut – und doch neu

Die ersten Presets starten sogleich ein ganzes Feuerwerk gelungener Sounds: Sahnige Flächen, knackige Bässe, schimmernde Atmos mit reichlich Bewegung und perlende Arpeggios erfreuen das Testerohr ebenso wie hier und dort ein schräger Effekt. Der Grundsound ist ganz und gar Clavia – sehr direkt und klar, immer aufgeräumt und präsent, selten wirklich böse oder gar zu brachial. Dank der allseits bekannten und noch immer genialen Morph-Funktion eröffnen Velocity und Modwheel so manchem Sound spektakuläre Wendungen.

Ebenfalls nicht neu, sondern Clavia-typisch und dabei sehr wertvoll ist die Effizienz der einzelnen Klangparameter. Hier ist längst nicht alles ausgereizt, was ein subtraktiver 2-Oszillatoren-Synth mit einem LFO und einem Hüllkurven-Paar bieten könnte, dennoch ist die klangliche Bandbreite, die sich mit ein paar wenigen Reglerdrehungen abdecken lässt, enorm.

Ebenfalls vom Vorgänger (bzw. großem Bruder) Nord Lead 4 bekannt ist der vierfache Multimode, der sehr einfach abgefahrene Stack- und Layer-Sounds zaubert. Neben den bequemen Kopier- und Editierfunktionen ist hervorzuheben, dass jeder Slot seine eigenen Effekte, Morph-Settings und seinen eigenen Arpeggiator besitzt. Auch ein eigener monofoner Audioausgang steht jedem Slot zur Verfügung.

Auf der Sollseite steht wieder einmal die unkomfortable Preset-Auswahl via Encoder und der nicht vorhandene Aftertouch – beides enthält Clavia seinen Kunden weiterhin vor. Gerade ein Performance-orientiertes Instrument wie der Nord Lead A1 hätte von diesen Optionen jedoch profitieren können.

Bio-Sounddesign

Neu und interessant ist die „Mutate Sound“- Funktion. Entgegen einer (ebenfalls vorhandenen) traditionellen Random-Funktion werden hier nur bestimmte Parameter mehr oder weniger zufällig variiert, um einen neuen Sound zu generieren. Es entsteht also mit jedem Mutate-Vorgang eine Variation der vorangegangen Preset-Generation. Die Beschränkung auf bestimmte (leider nicht zu beeinflussende) Parameter verhindert recht wirksam musikalisch nutzlose Zufallsprodukte – das große Manko einer simplen Preset Randomisierung.

Gefällt das Ergebnis, genügt ein Druck auf den ebenfalls neuen „Like“-Taster, um den Sound in einem Zwischenspeicher abzulegen und mit insgesamt 50 Alternativen vergleichen zu können. Der endgültige Favorit lässt sich dann bequem mit einem weiteren Tasterdruck unter den 200 Presets verewigen.

Der Clavia Nord Lead A1 überzeugt als Performance-Synthesizer. Seine Klangerzeugung verzichtet auf ausufernde Features und besticht stattdessen durch Effizienz und einfachen Zugang. Auch ohne Display ist der A1 intuitiv bedienbar. Sein Klangspektrum reicht weit über typisch analoge Sounds hinaus.

Das Herz der Klangerzeugung: Die Oszillator-Sektion beschränkt sich auf wenige, aber leistungsfähige Parameter und Modulationsoptionen. Neben Auswahl von Wellenform und Betriebsmodus bedarf es nur noch der Modulationstiefen für LFO und Hüllkurve, um interessantes Klangmaterial zu erzeugen. Das Filter besitzt einen ähnlich effizienten Aufbau.
Die Effekt-Sektion ist eine willkommene Bereicherung für die Klanggestaltung. Die wesentlichen Effektparameter werden von der Morph-Funktion berücksichtigt.
Klangvielfalt: Es stehen viele Wellenformen zur Verfügung, die in Kombination mit Waveshaping-Methoden wie z. B. FM oder Sync unendlich viele Sounds ergeben.
Auch der Multimode des A1 besticht durch praxisgerechte Features. Alle vier „Slots“ lassen sich solo schalten und auf einem eigenen MIDI-Kanal ansprechen. „Multi-Focus“ erlaubt das gemeinsame Editieren mehrerer Slots.
Jeder Sound-Slot besitzt einen eigenen Audioausgang — leider nur mono. Links finden sich Anschlüsse für Sustain- und Expression-Pedale.

Noch “analoger”?

ich nichts wirklich Neues. Dennoch schreibt sich der A1 genau dieses Attribut erstmals explizit auf das Gehäuse – mit Recht? Die Architektur der Klangerzeugung unterscheidet sich vom Nord Lead 4 auf den ersten Blick nur unwesentlich. Die auffälligsten Neuerungen finden sich in der Oszillator-Sektion. Die FM-Funktionen des NL4 beschränken sich im A1 zugunsten einer reichhaltigen Wellenformauswahl – viele davon mit analogem Charakter – und mehreren Modulations-Alternativen.

Oszillator 1 liefert 47 unterschiedlichste Wellenformen. Dabei handelt es sich um einfache Grundwellen sowie Obertonmixturen („Organ Waveforms“), Piano- und Glocken Basiertes, Formant-Wellenformen und explizit Digitales. Sie alle lassen sich mittels Waveshaper verbiegen, zum Sinus des zweiten Oszillators syncen, damit mischen oder mit einem Rauschsignal versehen. Des Weiteren finden sich einfache AM- und FM-Optionen, bei denen der erste Oszillator mit einer Sinuswelle des zweiten moduliert wird.

Je nach Betriebsmodus nimmt der Regler „Osc Ctrl“ eine andere Funktion an. Mit nur drei Oszillator-Parametern entsteht eine überraschend reichhaltige Auswahl an klanglich interessantem Grundmaterial. Die Auswahl reicht von fetten PWM-, Multisaw- und Orgel-Sounds über glockige, PPG-ähnliche Spektren bis hin zu vokalartigen Klängen und sägenden Digital-Sounds.

Unabhängig vom gewählten Betriebsmodus und Parameterzustand liefern die Oszillatoren immer funktionierende, d. h. spielbare Sounds. Auch krasse Digitalklänge und schräge FM Sounds besitzen durchweg eine gewisse harmonische Komponente, die ihre Verwendung im musikalischen Kontext einfach macht. In dieser Beziehung erinnert der A1 ein wenig an Klassiker wie den Roland Juno-60 – was auch immer man hier wie dort zurechtdreht: Es klingt gut. Auf der anderen Seite fehlt dem A1 die Möglichkeit, wirklich „schräg“ zu klingen, und damit in letzter Konsequenz auch eine Spur Biss. Dieser recht zahme Charakter wird vom rund und äußerst stimmig klingenden Filter mit seinen sechs Betriebsmodi betont. Drive und Resonanz bereichern den Sound immens, arbeiten jedoch immer vergleichsweise sauber und verhalten. Die Effektsektion des A1 ist gegenüber dem NL4 deutlich anders gestrickt und verdient uneingeschränktes Lob. Die wenigen Parameter nutzen auch hier maximal effizient die Möglichkeiten von Flanger, Phaser, Ensemble und Chorus sowie Ringmodulator, Drive und Delay. Auch der Hall zeigt sich soundstark und überzeugt mit interessanten, teilweise Federhall-ähnlichen Effekten. Er lässt sich als wesentliches Element zur Klanggestaltung nutzen.

>> Clavia Nord – Stagepiano im Test <<

Fazit

Der Nord LEAD A1 beschränkt sich klanglich keineswegs auf analoge Gefilde, ganz im Gegenteil: Die überaus flexible Oszillator-Sektion liefert Ausgangsmaterial für eine Vielzahl digitaler Sounds mit sehr typischem, aber auch eigenständigem Charakter. Die Bandbreite ist enorm, und das Gebotene überzeugt rundum. Somit bietet der A1 klanglich viel Gutes, aber nichts wirklich Neues oder gar Außergewöhnliches.

Diese Einschätzung ist jedoch keineswegs als Manko zu verstehen, denn die Qualitäten des A1 liegen an anderer Stelle: Clavia hat es verstanden, einen klanglich hoch flexiblen Synthesizer so zu konzeptionieren, dass sich sein Soundpotenzial mit minimalem Bedienaufwand erschließt. Die vergleichsweise wenigen, aber äußerst effizienten Parameter und Modulationsoptionen lassen zunächst kaum vermuten, was der rote Schwede zu leisten vermag. Die Ergebnisse wirken bisweilen ein wenig zahm, präsentieren sich jedoch immer als musikalisch brauchbare und inspirierende Sounds. Der intuitive Zugang wird durch Innovationen wie Mutator- und Like-Funktionen weiter vereinfacht.

Wer ein kompromissloses Klanggestaltungswerkzeug sucht, wird sich sicher an anderer Stelle umschauen. Wer dagegen ein leistungsfähiges und zuverlässiges Performance-Instrument für Bühne oder Studio sucht, wird vom Nord Lead A1 begeistert sein.

Pro und Contra

+ hervorragender und flexibler Sound

+ sehr einfacher und effizienter Zugang

+ sehr gute Verarbeitung

– kein Aftertouch

Hersteller- und Produktinfos

Hersteller/Vertrieb: Clavia / Sound Service

Internet: www.nordkeyboards.com

www.sound-service.eu

UvP/Straßenpreis: 1.736,- Euro / ca. 1.440,- Euro

Gebrauchtpreis: Ca. 1.000,- Euro

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