Wie man MIDI-Sequenzen lebhaft gestaltet

Spieltechnik: Piano Editing

Piano Libraries erlauben heutzutage eine nahezu perfekte Simulation real mikrofonierter Aufnahmen. Nichtsdestoweniger bedarf es einiger Tricks bei der Nachbearbeitung des MIDI-Materials, um Recordings „echt“ und lebendig klingen zu lassen.

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Wie bei jeder Aufnahme gilt natürlich die Devise: Je besser eingespielt wird, desto weniger Arbeit hat man beim Editieren. Und gerade weil es möglich ist, sämtliche Parameter im Nachhinein zu verändern, sollte man bemüht sein, so musikalisch wie möglich einzuspielen. Dies gilt insbesondere für das Timing und die Agogik bei Tempo-offenen, nicht zu quantisierenden Tracks. Es gibt nichts Lästigeres, als später rhythmische Elemente innerhalb eines Taktes geraderücken zu müssen. Da editiert man sich zuweilen „wund“, wie Mehmet Scholl sagen würde. Also lieber direkt bei der Aufnahme aus einem Guss so human wie möglich einspielen und eventuelle Streif- oder falsche Noten in Kauf nehmen, die sich später einfach korrigieren lassen. Hauptsache, der Flow stimmt, und Hauptsache, der Rhythmus atmet.

Die heutigen Sample-Libraries mit bis zu 20 Layern pro Ton lassen ein dynamisches Klangbild zu, das einem echten Konzertflügel entspricht. Und mit einem hochwertigen Masterkeyboard gelingt es annährend schon, in einem Take gute Resultate zu erzielen. Meistens aber – je nach Library – lässt sich das Klangbild noch wesentlich optimieren. Von daher ist die Nachbearbeitung der Velocity von zentraler Bedeutung.

Im Übrigen gibt ein Blick in den Matrix- bzw. Key-Editor dem Spieler Aufschluss über seine Spielweise, womöglich über so manche pianistische Schludrigkeit, beispielsweise beim Legato-Spiel oder bezüglich unnötig lang gehaltener Noten. Tatsache ist, dass dort optisch nichts als die Wahrheit abgebildet ist, woraus man positiver Weise nur lernen kann. Die dargestellten Editier-Beispiele sind Ausschnitte der G-Moll Ballade op.23 von F. Chopin.

Vertikales Klangbild

Die Summe mehrerer, gleichzeitig erklingender Töne nennt man bekanntlich „Akkorde“. Das Mischungsverhältnis der Töne untereinander bedarf einer dynamischen Abstufung ähnlich wie in einem Orchester, wo allein schon die Klangcharakteristik der unterschiedlichen Instrumente für Transparenz sorgt. Akkorde am Klavier brauchen also einen signifikanten Rahmen, den die Ober- stimme zusammen mit dem Bass bildet. Die Mittelstimmen sollten entsprechend leiser gemixt werden, damit der Gesamtklang nicht „bauchig“ wird.

Die Klanghierarchie ist also: Oberstimme dominant hervorgehoben, Bässe als Rahmen markiert, Mittel- bzw. Unterstimmen zurückgenommen. Die Konzentration auf die Ober- stimme führt bei klassisch ausgebildeten Pianisten sogar dazu, dass sie einen Ticken früher angeschlagen wird als die restlichen Stimmen, was zur Folge hat, dass sie noch präsenter ist. Klavier-Titan Horowitz drehte das vertikale Versatzspielchen zwecks Transparenz gar noch weiter, indem er Bässe bisweilen leicht hinterherschlug. Klingt cool, ist aber anno 2015 ziemlich out. Einen „schlankeren“ Sound bei Unisono-Passagen erhält man übrigens auch durch die Präferenz der oberen Stimme. Insbesondere bei Bass-Oktaven wird der Klang so wesentlich markanter.

Horizontale Dynamik

Der Verlauf einer Melodie unterliegt Schwerpunkten, die von einem zugrundeliegenden Takt – oder Beat – vorgegeben sind. Diese Unterscheidung muss man machen, da z. B. bei House oder Techno die Viertel als Konstante der treibende Puls sind. Formal gibt es aber auch hier 4er-, 8er- oder 16er- Blöcke, mit Auftakten, Synkopen und Off-Beats. Und man sollte sich vergegenwärtigen, dass Musik einem kontinuierlichen Zeitfluss unterliegt, dass sich eine Emotion, eine Idee aus der vorherigen ergibt und auf diese Weise eine Art musikalische Logik entsteht.

Übertragen auf eine Melodie oder Akkordprogression bedeutet das: Die Velocity ändert sich permanent analog zu den Schwerpunkten und formalen Strukturen. Phrasen, deren Noten aneinandergereiht denselben Velocity-Wert haben, klingen zwangsläufig steril, da keine dynamische Entwicklung gegeben ist. Und auch die Gesetzmäßigkeit der Schwerkraft kommt bei der Dynamik zum Tragen. Steigt eine Linie, nimmt die Velocity i.d.R. zu, fällt sie, nimmt sie ab. Crescendo und Diminuendo heißt also die Devise, im Kleinen wie im Großen. Auch ein Vorhalt, wie jegliche Betonung einer Note, hat eine Auflösung zur Folge. Entsprechend leiser wird die Auflösung gespielt.

Ein sauberes Legato-Spiel ist bei Kantilenen besonders wichtig. Im Editor kann man an den leichten Überlappungen der Noten schön sehen, ob man gebunden gespielt hat oder nicht. Zu viel ist natürlich auch problematisch, wenn häufige Sustain-Pedalwechsel erfolgten. Da kann es zuweilen passieren, dass eine Note im neuen Pedal mit übernommen wird. Im Event-Editor lassen sich hier Feinjustierungen der Notenlänge und der Pedal-Position vornehmen, falls nötig.

Gaining

Die heutigen Sample-Libraries bieten schon ausreichend Dynamik, sodass zwischen Pianissimo und Fortissimo – Velocity 0–127 – so ziemlich jeder Score zu realisieren ist. Dennoch kommt es vor, dass beim Wechsel zwischen lauten und leiseren Passagen die Samples anders klingen, als der Spieler es womöglich möchte. Es ist und war bei klassischen Klavieraufnahmen gang und gäbe, längere, piano gespielte Passagen im Mix mehr nach vorne zu holen. Das lässt sich mittels Spurautomation natürlich auch machen, in dem man einen Gain anlegt und die entsprechenden Passagen anhebt. Das ermöglicht dem Spieler, Pianissimo-Passagen mit den leisesten, Sustain-starken Samples zu spielen, ohne dass es nachher zu piepsig bzw. zu aggressiv klingt.

Aber Vorsicht: Auch die Key-Noise und Pedal-Geräusche hebt man dadurch mit an, falls die Library darüber verfügt. Notfalls die beiden Parameter in der Library-Engine etwas reduzieren.

Ähnlich kann man bei extrem lauten Stellen verfahren. Ab Velocity 110 klingen die Samples i.d.R. sehr bissig und scharf. Das lässt sich umgehen, indem man in dem Bereich darunter spielt, wo die Samples dennoch kräftig und voll klingen, aber eben ohne zu viel Biss. Diese Passagen hebt man später mittels Gain oder Volume-Automation leicht an.

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