Die Abhörsituation — Nachhall, Eigenmoden & more

My Home is my Studio Teil 2

Was es alles zu beachten gibt, damit an den Ohren das ankommt, was aus der Soundkarte hinten rauskommt …

Nachdem wir im letzten Teil unsere Boxen an die richtige Stelle gerückt und unsere Sinne für das wesentlich geschärft haben, kommt nun eine kleine Vertiefung in die verzwickten Feinheiten und Gemeinheiten der Raumakustik. Hier wird es schon etwas anspruchsvoller, leider lässt sich eine gewisse Einarbeitung in die Thematik aber nicht vermeiden, wenn man aus seiner Abhörsituation das Beste rausholen möchte.

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Nachhallzeit 

Die Nachhallzeit ist ein wichtiger Parameter einer Tonregie und entscheidet über Klang und Detailschärfe der Musikwiedergabe. Sie wird in der Einheit „RT60“ angegeben und ist folgendermaßen definiert: die Zeit, die vergeht, bis der Schalldruckpegel nach dem plötzlichen Verstummen der Schallquelle um 60 dB abgenommen hat. Allerdings sind 60 dB mehr, als wir vermutlich messen können, deshalb wird die Abklingzeit bei –10 bis –30 dB gemessen und entsprechend hochgerechnet, denn das Abklingverhalten eines Raumes ist freundlicherweise linear.

Während Aufnahmeräume gerne etwas halliger (und dadurch charakterbehafteter) sein dürfen, ist es besser, wenn die Regie recht trocken ist und dabei im Spektrum homogen nachklingt. Nur so kann die Rauminformation innerhalb der Musik beurteilt werden und wird nicht durch den eigenen Raum über- lagert. Für Studios wird deshalb eine kurze Nachhallzeit von max. 400 ms (bezogen auf 60 dB Pegelabnahme) zwischen etwa 200 Hz und 4 kHz empfohlen. Darunter darf es etwas mehr sein, darüber auch weniger.

Die Messung der Nachhallzeit ist schon etwas „advanced“ für ambitionierte Neueinsteiger, die gute Nachricht ist aber, dass übliche 20m2 große Räume mit normaler Möblierung und nicht zu kahlen Wänden meistens schon in einem brauchbaren Bereich liegen.

Clap your hands!

Durch den „Klatsch-Test“ kann man grob abschätzen, ob störende Flatterechos herum- eiern oder ob der Raum trocken ist. Ggf. kann man relativ einfach die Nachhallzeit verkürzen (Teppiche, Vorhänge, Absorber, Diffusoren). Zu trocken sollte der Raum aber auch nicht sein, also nicht alles mit Noppenschaum zu- kleben, zumal so die oberen Frequenzen überproportional gedämpft werden.

Für alle, die es gerne konkret haben, gibt es auch entsprechende Messsoftware wie die Freeware „Carma 4“ (Mac & PC) oder der „Room EQ Wizard 5“ (PC), mit welcher man der Akustik seines Raumes auf den Grund gehen kann. Das Mess-Prozedere samt Interpretation der Ergebnisse ist leider nichts für Zwischendurch, aber es lohnt sich!

Resonanzen 

Der größte akustische Störenfried, nicht nur im Low-Budget-Homestudio, ist die nicht zu vermeidende stehende Welle zwischen den Wänden bzw. Boden und Decke. Immer wenn der Abstand der Wände einer halben Wellenlänge bzw. Vielfachen davon entspricht, haben wir den Salat. Besonders gleiche Seitenlängen sind fatal. Im Internet findet man Rechner (z. B. www.trikustik.at/fit/rechner-raummoden.php), mit denen man u. a. checken kann, ob die eigenen Raumverhältnisse günstig oder eher irrwitzig sind. Optimal ist es, wenn die Resonanzen gleichmäßig verteilt sind und keine Bündelungen um bestimmte Frequenzen auftreten.

Mit etwas Glück entpuppen sich die eigenen Raumverhältnisse als ideal, und man kann sich über eine fantastische Akustik freu- en. Auslöschungen und Überbetonungen im unteren Frequenzbereich sind jedoch normal. So ist es zumindest nicht schlecht zu wissen, wo einzelne Extreme liegen. Ein großes Loch bei 215 Hz könnte z. B. erklären, warum man bei seinen Mischungen dort „taub“ ist und den Grundtonbereich der Sängerin immer zu dick aufträgt. Diese Eigenmoden sind übrigens so heimtückisch, dass man selbst bei den kaum entfernten Nahfeldmonitoren schon beeindruckende Frequenzlöcher an der Hörposition haben kann.

Löchriger Sound? 

Löcher von 20 dB und mehr sind ohne akustische Maßnahmen nichts Besonderes. Wenn wir zudem noch unser vermutlich nicht mehr ganz taufrisches Gehör mit einbeziehen, dann kann man sich vorstellen, wie übertrieben es ist, bei den Monitoren einem linearen Frequenzgang nachzueifern. Unebenheiten im unteren Frequenzgang kriegt man glücklicherweise durch Bassfallen gut in den Griff. Das Schöne daran ist, dass man dafür nicht viel berechnen muss, sondern es gilt der Grundsatz „Viel hilft viel“.

Eine Bassfalle ist ein einfacher, poröser Absorber (günstige Eigenschaften haben z. B. Rockwool Sonorock oder Isover TP1, in Dampfsperre eingewickelt ist es auch nicht so eklig) mit einer gewissen Dicke, um die langwelligen Bässe ausbremsen zu können (T: 20 cm × B: 60 cm × Raumhöhe für eine Glättung um 80Hz,T:30cmfür60Hz,T:45cmfür40Hz). Bassfallen werden am besten in den Raum- ecken aufgestellt, bei plattenähnlichen Gebilden einfach „quer“ über die Ecke mit dahinter liegender Lücke. Durch ein paar solcher Bassfallen kann man die Akustik des Raumes relativ kostengünstig stark verbessern, indem die Auslöschungen und Überbetonungen der Resonanzen geglättet werden.

Unebenheiten im mittleren Frequenzbereich kommen oft durch Kammfilter direkter Reflexionen von Arbeitsfläche, Decke oder Seitenwänden. Neben speziellem Akustik- Schaumstoff (oft Basotect o. Ä.) eignet sich auch Rockwool Termarock50 als günstige Alternative (sofern man eine Lösung findet, dies schön und vor allem nieselsicher zu verpacken).

Lauter!

An unserer akustischen Wahrnehmung können wir zwar wenig ändern, aber es ist trotzdem gut, ein paar Fakten zu kennen. So wird ein fest definierbarer Schalldruck unterschiedlich wahrgenommen, je nach Frequenzbereich, Bandbreite und Schalldauer.

In der Praxis kann man sich einfach merken, dass bei einer niedrigen Abhörlautstärke tiefe und hohe Frequenzen weniger gut wahrgenommen werden als mittlere Frequenzen. Noch praktischer zu wissen ist es, dass das Gehör bei 80 bis 90 dBspl am linearsten funktioniert. In großen Tonregien (>550 m3) werden deshalb Referenz-Abhörpegel von
85 dB SPL empfohlen.

Wer das in seinem 40-m3-Raum versucht, wird schnell keine Freude mehr an seinen Ohren haben. Hier kann man getrost bis zu 10 dB weniger veranschlagen und nur zwischendurch bei besagter hoher Lautstärke den Mix auf Bass- und Höhenbalance kontrollieren. Einige sehr erfolgreiche Engineers mischen bei sagenhaft niedrigen Abhörlautstärken (ca. 40 bis 50 dBspl). Das schont das Ohr und reicht anscheinend auch für preisgekrönte Mixe.

Wer kein Pegelmessgerät zur Hand hat, kann seinen persönlichen Referenzpegel auch grob so ermitteln: Mit ausgeruhten Ohren einen guten, dynamischen Mix (z. B. Infidelity von Skunk Anansie) einlegen und auf eine angenehme Lautstärke einpegeln, bei der Details gut zu hören sind: Voila! Nun kann man mit einem einfachen Pegelmess-App den durchschnittlichen Pegel an der Hörposition ablesen und sich merken. Wer es schafft, den Großteil seiner Arbeit bei etwa diesem Pegel zu absolvieren und nicht allmählich lauter zu werden, der hat gewonnen.

Ja, dann wünsche ich beim weiteren Optimieren der Abhörsituation viel Bass!

Gehörschutz rockt!

Unsere Ohren sind durch die Evolution nicht auf Wacken oder abgefallene Auspuffrohre vorbereitet. Was viele leider nicht wissen: Alles, was die natürlichen Umweltgeräusche übertönt, ist für die Ohren auf Dauer zu viel. Man kann froh sein, wenn durch die tägliche Dauerbelastung unser Hörvermögen nicht proportional zum Lebensalter abnimmt. Wenn man dann aber noch Musiker ist, sollte man wissen: Einerseits brauchen wir unsere Ohren dringender als beispielsweise ein Installateur, andererseits werden sie überdurchschnittlich belastet.

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Besonders Musiker wissen traditionell bei Zimmerlautstärke wenig mit sich anzufangen, aber ein Feedback im Hörgerät ist definitiv nicht so schön wie bei Jimi Hendrix!

 

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