Betrachtungen und der Versuch einer Anleitung zum Hier und Jetzt

Ludovico Enaudi: Minimalismus – Wie geht einfach?

Die wenigsten Konzertbesucher wissen wohl, dass Ludovico Einaudi einstmals ein glühender Verfechter der Neuen Musik war und zusammen mit Neutönern wie Berio oder Stockhausen versuchte, die widerborstige Zuhörerschaft von der Notwendigkeit einer Abkehr von Konsonanz zu überzeugen.Ludovic Einaudi

Zu seiner persönlichen Abkehr genau dieses Unterfangens passen folgende spätere Zitate Einaudis: „Ich fand, dass die komplexen Kompositionsmethoden in keinem Verhältnis standen zum Ergebnis.“ Und: „Wir hatten kein Publikum, kein normales jedenfalls.“

Gnossienne-Erik-Satie

Dann setze ich jetzt mal voraus, dass er sein heutiges Publikum für normal hält. Aber so ganz weit entfernt von gewissen Strukturen der Neuen Musik hat auch er sich bis heute nicht.

Alles Nichts Neues?

Minimalismus findet sich durchaus auch im Werk diverser Neutöner wieder. Beispielsweise Stockhausens Klavierstück IX, wo ein vierstimmiger Akkord (cis/fis/g/c1) unerbittlich in Achteln in die Tasten gehämmert werden muss, und zwar, mit kleinen Unterbrechungen, insgesamt 280 Mal.

Gymnopedie

In Zusammenhang mit Minimal Music fallen einem dennoch zunächst Namen ein wie Terry Riley, Steve Reich oder Philip Glass. Oder auch Yann Tiersens Filmmusik zu Die fabelhafte Welt der Amélie, die gespickt ist mit lauter kleinen Miniaturen. Auch Erik Satie muss hier unbedingt erwähnt werden, dessen Klavierzyklen Gnossiennes und Gymnopédies (Notenbeispiele 1 und 2) weltbekannt wurden und ein Musterbeispiel für meditative Minimalistik sind. Satie gelingt es mit einem kleinen Motiv und ganzen zwei unterlegten Harmonien, Momente der absoluten Stille zu erzeugen und den Hörer darin zu fesseln.

Bach-PraeludiumUnd man übersieht glatt, dass bereits der gute alte Bach mit dem allseits bekannten 1. Präludium in C-Dur aus dem Wohltemperierten Klavier (Beispiel 3) einen Klassiker des Minimalismus hingelegt hat. Das Motiv wird unverändert von vorne bis hinten durchgezogen und durchwandert allerlei Harmonien mittels kleinster Rückungen in der Stimmführung. Spätestens ab Takt 5, also nach Beendigung der Anfangskadenz, kann man sich darauf verlassen, dass es in diesem Fahrwasser weitergeht, womit wir schon beim ersten, wichtigen Kriterium des Minimalismus wären: Verlässlichkeit.

Psychologische Aspekte

Urplötzliches Abweichen vom Weg verursacht Unruhe. Von daher solltest du stets in der anfangs gewählten Stimmung und Spur bleiben. Ein Achtel-Fluss z. B. sollte konstant fortgeführt werden, wenn der Einstieg in eine Komposition oder Improvisation darauf basiert. Modifizieren kann ich ihn sukzessive durch leicht tonale Veränderungen, aber behutsam und Schritt für Schritt. Unterbreche ich diesen Flow, stellt sich kein Hier und Jetzt ein. Die Stimmung kippt – der Zuhörer steigt aus. Folgendes Mantra könnte man sich also vor Augen halten: Absichtslosigkeit mit Vorsatz. Ähnlich wie im Zen-Buddhismus. „Die Dinge werden sich schon ergeben“ – etwa so könnte man den Zustand des Spielens beschreiben. Das komplette Gegenteil jedenfalls eines intellektuell anspruchsvollen Bebop- Parforce-Ritts.

Die Sache hat also eine Menge mit Psychologie zu tun. Aber auch mit dem richtigen Verhältnis zwischen Konsonanz, sparsamer Harmonik, reduzierter Satztechnik, enger Stimmführung und der Verwendung repetitiver Elemente. Das klingt nach einer Menge zu beachtender Parameter. Einerseits ja, andererseits: Weniger ist hier wirklich mehr. Einaudi bezeichnet dies als die Suche nach Reinheit, nach perfekt ausbalancierten Relationen.

Motivische-Wiederholung

Motivische Wiederholung …

… ist der Schlüssel zum Wiedererkennungswert von Miniaturen. Dabei können melodische Motive, kleine harmonische Wendungen oder rhythmische Keimzellen um sich kreisen. Man nennt dies auch repetitives Spiel. In Beispiel 4 wandert ein Motiv innerhalb der E-Dur- Tonleiter taktweise abwärts, getragen durch zwei sich abwechselnde Harmonien in der linken Hand (E-Dur, H-Moll). Beide Linien bewegen sich in ihrem eigenen Muster und vereinigen sich zu einem harmonischen Gewebe. Wohltuend wirkt die Pause auf der Zählzeit 4, wo keine Füllnoten in der linken Hand gespielt werden. So entsteht Raum zum Nach- hören des gerade Erklungenen. Auch dies ist ein wichtiges Momentum bei Miniaturen.

Die Beispiele 5 und 6 sind eher repetitiver Natur und verflechten sich durch die permanenten Synkopierungen zu einem komplexen Rhythmus. Beispiel 5. zeigt, wie effektvoll sich mittels geringster Veränderungen in der Stimmführung eine solch kleine, rhythmische Struktur gestalten lässt. In Beispiel 6 wird der synkopische Flow der rechten Hand durch die Harmonisierung in der linken stets neu beleuchtet. Beiden Modellen sind hinsichtlich ihrer Entwicklungsmöglichkeiten keinerlei Grenzen gesetzt. Das obliegt gänzlich der Kreativität eines jeden Musikers. Wenn da nicht noch ein paar Kleinigkeiten zu beachten wären. Was harmoniert miteinander?

Modalität Diatonik

Man könnte jetzt sehr weit ausholen und die Obertonreihe samt ihren Konsequenzen auf die Harmonik heranziehen. Um es abzukürzen: Es gibt Konsonanzen und Dissonanzen, wobei Erstere dominieren müssen. Oktave, Quinte, Terz sind die Konsonanzen, die schwingungstechnisch harmonieren. Septime, None, Quarte und Sexte sind zwar leiter- eigen, aber letztendlich nur die Vor- halte oder Leittöne der vorgenannten Hauptstufen. Und Dissonanzen wie Tritonus oder die kleine Sekunde/ None sollte man so sparsam wie möglich verwenden, da sie schlicht stören, sofern sie nicht elegant in den Klaviersatz einbettet sind.

Die aus der Obertonreihe abgeleitete Dreiklangstruktur ist das Rückgrat der heutigen Harmonik, und es gibt dazugehörige Skalen, die sich um die Hauptstufen I-III-V ranken. Bewege ich mich ausschließlich innerhalb einer Siebenton-Skala oder einer abgespeckten Version derselben (Pentatonik), so bezeichnet man dies als modale Spielweise. Hier bist du, was konsonante Klänge betrifft, sozusagen auf der sicheren Seite.

Tonika Dur Moll

Als Diatonik wiederum bezeichnet man Dur/Moll-spezifische Tonleitern, auf denen, nebst der gängigen Kadenz I-IV-V, Harmoniesprünge in alle Parallelen der Hauptstufen inklusive Dur/Moll-Umwandlung möglich sind. Einaudi macht damit interessante Sachen. Z. B. den Wechsel zwischen Dur-Tonika und Moll-Dominante (C-Dur – G-Moll) oder Moll-Tonika und Dur-Subdominante (C-Moll – F-Dur). Klingt keltisch, eröffnet Horizonte. Bei entsprechend weiter Lage in der linken Hand entstehen so interessante Stimmungsbilder (Beispiele 7 und 8). Ein ebenso abwechslungsreiches Element ist die Verwendung der leitereigenen Medianten (Beispiel 9), der dritten Stufe in Dur (C-Dur nach E-Moll) und der sechsten Stufe in Moll (C-Moll nach As-Dur).

Das Entscheidende für den Wohlklang also ist, Harmonien auf den leitereigenen Stufen der Ausgangstonart aufzubauen, wobei das Tongeschlecht einzelner Akkorde durchaus zwischen Dur und Moll wechseln kann. Jeglicher Ausbruch aber in entfernte Tonarten läuft einer auf Konsonanz abzielen- den Komposition zuwider.

Stimmführung

Stimmführung und Satztechnik

Die Verwendung von Umkehrungen der Dreiklänge sowohl in enger als auch in weiter Lage ist für eine ruhige Stimmführung sehr vorteilhaft. So kann man unnötige Sprünge in der Bassführung vermeiden. In Takt 2 von Beispiel 8 erklingt die Subdominante als Quart-Sextakkord (5. Stufe im Bass) in weiter Lage, wodurch das B in der Basslinie beibehalten werden kann. Die Mittelstimmen vollziehen eine kleine Rückung und definieren die neue Harmonie. Dasselbe vollführt der Sextakkord (Terz im Bass) bei dem Wechsel von Cm in die Mediante As-Dur (Beispiel 9, Takt 4). Es wird lediglich eine Note verändert. Das G rutscht nach As, das war’s schon. Man sollte also stets schauen, ob es elegantere Lösungen der Stimmführung gibt als einfach einen Akkord in Grundstellung zu versetzen.

In Beispiel 10 sei dies nochmals verdeutlicht. Grundstellung und Sextakkorde wechseln sich ab, wobei die Mittelstimmen hier zusätzlich mit Vorhalten und Auflösungen zu tun haben. Die motivische Wiederholung und der gleichmäßige Sechzehntel- Fluss bei geringfügiger Veränderung in der Stimmführung sind ein typisches Beispiel für Minimalismus.

Und nun viel Spaß beim Ausprobieren. Und nicht vergessen, das Schild „Bitte nicht stören“ vor die Tür zuhängen! Hier geht es zur 2. Folge unseres Minimalismus-Workshops!

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