Kurze Lehrstunde

Kir­chen­ton­ar­ten, Ska­len & Ton­lei­tern – Dur, Moll und sonstiges

(Bild: Jan Hering)

In der Musik gibt es Dur und Moll als sogenanntes Tongeschlecht. Das war’s. Wirklich? Nein! Dur und Moll sind wohl nur die populärsten und auch unter Nicht-Musikern allseits bekannt. Daneben finden sich noch fünf weitere Tonleitern in unserer in der westlichen Welt sozialisierten Musik – die sogenannten Kirchentonleitern (auch Modi genannt). In anderen Kulturen gibt es natürlich andere Varianten und Optionen, die sich inzwischen natürlich auch weltweit mischen. Für’s Erste wollen wir hier aber die Kirchentonleitern beleuchten, erklären und verstehen lernen, die hierzulande immer noch überwiegen. 

Kirchentonleitern, das hat nichts religiöses mehr in sich, sondern ist allein ein Begriff aus der Musiktheorie. Wer sich für den historischen Hintergrund des Begriffs interessiert, der sollte erstmal weitergoogeln. 😉

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Allseits bekannt sind die Modi Dur und Moll, die sich zwar weitestgehend durchgesetzt haben, aber ihre Geschwister nicht verdrängen konnten. Gerade im Jazz, aber auch in anderer Popular-Musik ab dem 20. Jahrhundert, kamen die “Mitbewerber” wieder neu auf. Radiohead, Björk und viele andere natürlich auch, nutzen heute die verschiedenen Modi. Grund genug sich damit genauer zu befassen.

Kurz gesagt: Es gibt sieben Kirchentonleitern – “eine für jede weiße Taste auf dem Klavier”. Alle haben sieben Töne und alle bestehen aus fünf Ganzton-Schritten und zwei Halbton-Schritten. Und jetzt ganz wichtig(!): An den Stufen der Halbtonschritte unterscheiden sich die Tonleitern. 

Die Tonleitern sind:

  • Ionisch (Dur)
  • Dorisch
  • Phrygisch
  • Lydisch
  • Mixolydisch
  • Äolisch (Moll)
  • Lokrisch

Ionisch sind alle weißen Tasten auf dem Klavier von C bis zum nächst höheren C. Die Halbtonschritte liegen zwischen 3. und 4. Stufe sowie zwischen 7. und 8. Stufe. (Dur)

Dorisch sind alle weißen Tasten auf dem Klavier von D bis zum nächst höheren D. Die Halbtonschritte liegen zwischen 2. und 3. Stufe sowie zwischen 6. und 7. Stufe.

Phrygisch sind alle weißen Tasten auf dem Klavier von E bis zum nächst höheren E. Die Halbtonschritte liegen zwischen 1. und 2. Stufe sowie zwischen 5. und 6. Stufe.

Lydisch sind alle weißen Tasten auf dem Klavier von F bis zum nächst höheren F. Die Halbtonschritte liegen zwischen 4. und 5. Stufe sowie zwischen 7. und 8. Stufe.

Mixolydisch sind alle weißen Tasten auf dem Klavier von G bis zum nächst höheren G. Die Halbtonschritte liegen zwischen 3. und 4. Stufe sowie zwischen 6. und 7. Stufe.

Äolisch sind alle weißen Tasten auf dem Klavier von A bis zum nächst höheren A. Die Halbtonschritte liegen zwischen 2. und 3. Stufe sowie zwischen 5. und 6. Stufe. (Moll)

Lokrisch sind alle weißen Tasten auf dem Klavier von H bis zum nächst höheren H. Die Halbtonschritte liegen zwischen 1. und 2. Stufe sowie zwischen 4. und 5. Stufe.

Wer nun alle diese Tonleitern nacheinander spielt, wird schnell feststellen, dass sie alle die gleichen Töne verwenden (In diesen Fällen also die weißen Tasten, nicht aber die schwarzen Tasten). Da die Halbtonschritte aber relativ zum Grundton (also den ersten Ton der Tonleiter) stehen, haben sie alle einen individuellen klanglichen Charakter. Selbstverständlich können all diese Tonleitern von jedem anderen beliebigen Ton aus gespielt werden, wodurch dann auch die schwarzen Tasten zum Zuge kommen. Entscheidend sind – wie gesagt – die Lage der Halbtonschritte.

Äolisch hat eine Besonderheit: Hier wird noch unterschieden zwischen rein- oder natürlich-Moll (äolisch, siehe auch oben), harmonisch-Moll und melodisch-Moll, die sich jeweils in der 6. und 7. Stufe unterscheiden.

Rein bzw. Natürlich Moll (äolisch)
Harmonisch Moll
Melodisch Moll

Harmonisch Moll: hier wird die Terz der Dominanten verdurt. Die 7 wird somit zum Leitton zum Grundton.

Melodisch Moll: Beinhaltet die kleine und die große Terz. Zu Verdeutlichung und Übezwecken wird sie aufwärts meist mit großer Terz notiert und abwärts mit der kleinen Terz.


Übrigens: 

Oft wird behauptet: Dur klingt “fröhlich” und Moll klingt “traurig”. Wer sich schon mal ein wenig mehr mit Musiktheorie beschäftigt hat, wird schnell merken, dass es genügend Beispiele gibt, die dem widersprechen und in der Tat bedeutet Dur in seinem Ursprung eigentlich “hart” und Moll bedeutet “weich” – eine meist treffendere Bezeichnung.

Und auch vor rund 100 Jahren wurde in unseren Breitengraden mit anderen und neuen Tonleitern experimentiert, die ihre Halbtonschritte an anderen Stellen hatten als die Kirchentonarten. Einige klingen gar nicht so verkehrt, ein Großteil aber sehr und haben sich (zum Glück?) nicht durchgesetzt. 🙂

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Hallo!
    Gut erklärt!
    ABER – eine Frage an den Autor dieses Artikels – die er sich vielleicht auch schon mal selbst gestellt hat:
    Warum wird die melodische Moll Tonleiter abwärts anders – äolisch (rein, natürlich) gespielt?
    Bin gespannt auf eine Antwort!
    Bin selbst Profimusiker – aber eine plausibel Erklärung für diesen Unsinn, den man sogar in der heutigen populären Musiktheorie scheinbar noch immer verwendet – hätte ich ganz gerne!

    Bin gespannt!

    Mit musikalischen Grüßen

    Dietmar Wassermann

    Auf diesen Kommentar antworten
    1. Hallo Dietmar,
      Die melodische Molltonleiter bildet einen Ausgleich zwischen der natürlichen und harmonischen Molltonleiter: Sie behält den Leitton bei, vermeidet aber in der Melodiebildung den übermäßigen Sekundschritt zwischen 6. und 7. Stufe: Die 6. Stufe ist ebenfalls groß. Da in der Abwärtsbewegung die Leittonstrebung entfällt, wird hier meist die natürliche Molltonleiter benutzt.
      Lieben Gruß

      Auf diesen Kommentar antworten
  2. Dur und Moll seien “sogenannte Tongeschlechter”. Und was macht ihren Unterschied aus? Die große oder kleine Terz zum Grundton der Tonart! Dann aber sind Dur und Moll keine “Tonleitern”. Vielmehr ist eine Tonleiter entweder eine Dur- oder Molltonleiter. Somit sind also auch die Modi lydisch und mixolydisch Durtonleitern und die Modi dorisch, phrygisch und lokrisch Molltonleitern.
    Im Übrigen schließe ich mich Dietmar Wassermanns Bemerkung an. Dirk Heilmanns “Erklärung” mit dem Entfallen der Leittonstrebung wird seit Ewigkeiten unhinterfragt wiedergegeben. Sie hat aber gar keinen Erklärungsgehalt und taucht immer zusammen mit der Behauptung auf, “in der Abwärtsbewegung” werde “meist die natürliche Molltonleiter benutzt”. Diese Behauptung wird sich nicht beweisen lassen und ist nicht allgemein gültig, z.B. nicht im Jazz . Sie hilft dem Lernenden auch in keiner Weise sondern verwirrt und erschwert nur.

    Auf diesen Kommentar antworten
    1. Hallo Herbert,
      es ist richtig, dass Lydisch und Mixolydisch einen Dur-Charakter und Dorisch, Phrygisch und Lokrisch einen Moll-Charakter haben. Das rührt, wie du schon angerissen hast, von der großen oder kleinen Terz her. Das aber bitte nicht verwechseln! Denn Dur ist und bleibt Ionisch und Moll ist und bleibt Äolisch. Dur und Moll sind eigene Tongeschlechter (so wie auch alle anderen genannten Modi) und unterscheiden sich eben in den Stufen der Halbtonschritten und nicht anhand der Terz.
      In unserer westlich tradierten Musik gibt es also, wie oben beschrieben, sieben Tongeschlechter und nicht nur zwei.
      Bezüglich melodisch Moll: Die Erklärung zeigt auf, woher die unterschiedlichen Melodie-Verläufe stammen und ist in meinen Augen auch sehr einleuchtend und nicht verwirrend. Aber es ist natürlich auch jedem freigestellt auf- und abwärts zu spielen wie es jeder für sich bevorzugt bzw. wie es gerade in den Song passt. Regeln sind ja auch da um gebrochen zu werden (aber bitte gewusst wie…).

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    2. Danke für diesen Kommentar. Mir war die Erklärung mit der Leittonstrebung auch nie schlüssig. Dachte schon, ich bin doof.

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