Spieltechnik für Einsteiger Teil 8

Fingersatz- und Hand-Übungen am Klavier

Mag ja sein, dass ein Team aus Links und Rechts andernorts nur in Ausnahmefällen gebildet werden sollte. Für uns Pianisten jedoch ist ein intelligent koordiniertes Zusammenspiel beider Hände die Basis aller Grooves bis hin zur Gestaltung komplexer rhythmischer Strukturen. Um die hierfür erforderliche Unabhängigkeit von linker und rechter Hand geht es in diesem Workshop.

 

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>> Hier findest du noch einmal die 5 häufigsten Unarten beim Klaiverspielen und -lernen und gleichzeitig Tipps wie du ihnen vorbeugst. Für Anfänger und Fortgeschrittene gleichermaßen lesenswert. <<

hand-klavier
(Bild: Florian Huber)

 

Dialektik

Unabhängigkeit bedeutet per Definition eine erzielte Eigenständigkeit und Abkoppelung von anderen Systemen. Gleichwohl wird diese Unabhängigkeit erst in der Gegenüberstellung zu ebenfalls autarken Systemen sichtbar. Ein neues komplexes Gebilde entsteht, wenn zwei oder mehr autarke Systeme eine Symbiose eingehen, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren.

Übertragen auf den werdenden Klavierspieler bedeutet das, dass er zunächst den mehr oder weniger gleich veranlagten Armen und Fingern – die wiederum eine Art Untersystem darstellen – ihre Unabhängigkeit beibringen muss, damit du in der Symbiose verschiedene Funktionen übernehmen kannst. Ich halte von daher das getrennte Üben von linker und rechter Hand für sehr effektiv, um rhythmische Strukturen und motorische Abläufe individuell zu begreifen. Nur so kann unser Hirn ein exaktes Zusammenspiel beider Hände koordinieren. Eben Multitasking.

Paradiddle

Dies ist ein Begriff aus der Schlagzeugwelt, der im Nachfolgenden von Bedeutung sein wird. Paradiddle sind verschiedene Schlagtechniken, Einzeln- oder Doppelschläge, abwechselnd ausgeführt mit rechter und linker Hand. Beispiel: RLRRLRLL In der Ausführung bedeutet das: Rechts-linksrechts-rechts-links-rechts-links-links.

Jeder kann sich gleich vorstellen, dass es unzählige Varianten dieser Art gibt. Ich hatte während meines Studiums das Vergnügen, mit einem Drummer in einer WG zu wohnen und kam so relativ früh mit derlei Drum-Basics in Kontakt. Diese Links/Rechts-Verteilung aufs Klavier zu übertragen, erwies sich im Laufe der Zeit als immens hilfreich, und ich kann nur jedem Lernenden empfehlen, sich auch mit dieser Spiellogik zu beschäftigen. Für Timing und Koordination, aber auch für Inspiration und Zusammenspiel eine gute Sache. Man versteht z. B. wesentlich besser, was Drummer eigentlich so treiben.

Handübungen

Beispiele

Alle Übungen basieren auf dem Harmoniewechsel von Dm und Am7 und sind sukzessive im Schwierigkeitsgrad gesteigert, bauen aber aufeinander auf. In den Übungen 1–4 sind zunächst einfache Grundmuster in Vierteln über zwei Takte notiert. (Fortgeschrittene schauen vielleicht direkt ab Übung 5 aufwärts rein).

Übung 1: L R L R / L R L R

Übung 2: L R R L / R L R R

Übung 3: L L R L / R L L R

Übung 4: R L R R / L R L L

Ich empfehle, alle Patterns so schnell wie möglich auswendig zu lernen, um sich auf die Paradiddle an sich konzentrieren und auch mit anderem Tonmaterial ausprobieren zu können. Und immer erst langsam üben, so verinnerlicht man die motorischen Abläufe am schnellsten. Einmalig behalten, lassen sich die Kombinationen zwecks Übens auch beliebig auf andere Untergründe übertragen. Beispielsweise auf die Knie, auf den Einkaufswagen, auf den Sand im Urlaub oder aufs Lenkrad. Aber bitte nicht unbedingt auf der Hupe rumtrommeln!

Handübungen an der tastatur

Die Übungen 1–11 sind so angelegt, dass man später beliebig zwischen ihnen hin und herspringen kann, und zwar ohne Pause! Und noch etwas: Ab Übung 5 aufwärts kommen nun Achtelnoten hinzu. Daher ist es ratsam, für die Viertel ein entsprechend langsames Tempo zu wählen, damit beim Switchen zwischen beispielsweise Übung 7 zu Übung 4 und anschließend zu Übung 10 immer dasselbe Tempo eingehalten wird. Übrigens, spätestens beim Switchen merkt man, ob man die einzelnen Paradiddle auch verinnerlicht hat.

Übung 5: Jetzt kommt langsam der Groove rein, ausgelöst durch die Achtelnoten. Wer jetzt etwas ins Schlingern gerät, dem rate ich, laut mit zu zählen. Eine kleine Hilfe steht unter dem jeweiligen Beispiel.  Achtelrhythmisierung zählt man wie folgt: Eins–und–zwei–und–drei–und–vier-und

Übung 6 beinhaltet zwei Synkopen. Synkopen sind Notenwerte auf einer unbetonten Zeit. In diesem Fall ein der rechten Hand, jeweils auf der Zählzeit 3+.

Übung 7 und 8 verdichten die Synkopen. Die Paradiddle stehen für diejenigen darüber, die nicht ganz noten-oder zählfest sind.

Fingerübungen für das KLavier

In Übung 9 sind die Beats der linken Hand, gleichsam einer Bassfigur, auf mehrere Fingerverteilt. Versuche dennoch, in der Paradiddle-Logik zu bleiben wie vorher.

In Übung 10 ergibt sich nun eine Poly-Rhythmik durch die punktierten Viertel in der rechten Hand gegenüber dem geraden WalkingBass in der Linken. Mal auf den Knien ausprobieren!

Übung 11 hat in der rechten Hand eine Dreierverschiebung in Achteln. Im Prinzip identisch mit Übung 10. Durch die veränderte linke Hand wird der Flow dennoch verstärkt.

Last not least Übung 12: Hier geht es um 2:3, genauer gesagt, um zwei Schläge gegen drei Schläge innerhalb derselben Zeit. Um dies besser zu verdeutlichen, ist dieses Beispiel im 6/8tel-Rhythmus notiert.

Im ersten Takt stehen sechs Achtel in der rechten Hand vier punktierten Achteln in der Linken gegenüber. Mathematisch bedeutet das: Die Dauer einer punktierten Achtel entspricht 1,5 Achteln, sodass die jeweils zweite punktierte Achtel der linken Handzeitlich exakt zwischen der zweiten und dritten Achtel der rechten Hand erklingen muss.

In Takt 2 dreht sich das Muster um. Man kann das Feeling 2:3 relativ schneller lernen, wenn einmal die mathematische Verzahnung verstanden ist.

Also, ich würde sagen, die große Koalition zwischen Links und Rechts bewährt sich in unserem Metier doch bestens, oder? Teamwork ist immer gut. Viel Spaß nun beim Üben!

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Finde ich echt gut und hilfreich.
    Danke

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