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Herbie Hancock: Zwischen Jazz, Pop und Avantgarde

Keyboarder Herbie Hancock auf der Bühne

Exzentriker, Grenzgänger, Querkopf und Pionier. Herbie Hancock hat mindestens so viele Gesichter wie Sounds. Ein musikalisches Chamäleon, das zwischen Jazz, Pop und Avantgarde pendelt, seinen Kritikern und Fans das Leben schwer macht und Musik als göttliche Fügung sieht. So auch „Future 2 Future“, ein Album, mit dem Herbie 2001 auf die globale Electronica-Bewegung reagierte. Eine Klangfarbe, mit der er schon vor 40 Jahren flirtete – und die er mit dem Album wieder aufgriff. Eben mit dem Stolz eines Erfinders und dem Gusto eines Abenteurers.

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Der letzte Abenteurer /Das große Abenteuer /Das Chamäleon

In der Luxussuite des Pariser Raphael-Hotels fühlte sich Herbie Hancock bei unserem Interview 2001 sichtlich unwohl. Einerseits, weil er es nicht gewohnt ist, dass die internationale Presse Schlange steht, um mit ihm, der seit vier Dekaden im Geschäft ist, zu reden. Andererseits, weil das historische Gemäuer mit seinen edlen Teppichen, erlesenen Antiquitäten und hohen Stuckdecken im krassen Gegensatz zu seinen progressiven Ideen und noch viel wichtiger seiner Musik steht. Denn Herbie schwelgt noch längst nicht in Nostalgie und Traditionalismus. Im Gegenteil. Seine letzten Platten auf dem ehrwürdigen ‚Verve’-Label waren mustergültige Grenzgänge zwischen gewagten Klang-Experimenten, unverhüllten Tributen und einem stilistischen anything goes.

Sie zeigten einen Mann, der nie stillsteht, nie genug kriegt und vor allem für alles offen ist. So auch sein neuestes Epos „Future 2 Future” (Sony Classics), das sich als Reunion mit seinem alten Weggefährten, dem Studio-Wizzard Bill Laswell, und als Reaktion auf die aktuelle Electronica-Bewegung versteht. Dabei wäre Hancock nicht Hancock, würde er dem Zeitgeist schlichtweg hinterherjagen. Er zeigt ihm vielmehr neue stilistische Ansätze sowie technische Alternativen auf und kreiert einen manisch intensiven Rhythmusteppich, auf dem er sich nach Herzenslust austobt. Das gilt auch für die Live-Umsetzung, die zwar ohne seine Studio-Gäste wie Chaka Khan, Wayne Shorter oder DJ Krush erfolgt, Anfang Dezember aber trotzdem für ausverkaufte Clubs und euphorische Kritiken sorgte zu recht.

KEYBOARDS: Die meisten US-Künstler haben ihre Tourneen nach dem 11. September 2011 abgesagt. Nicht so Herbie Hancock, der scheinbar nicht genug Gigs in Europa spielen kann. Wie kommt’s?

Herbie Hancock: Richtig! Ich habe schon Mitte September die nächste Tour gestartet – und zwar zum 75. Geburtstag von Miles Davis und John Coltrane. Das war eine richtige Supergroup mit sehr kreativen Musikern. Nämlich Michael Brecker und Roy Hargrove. Um Miles und John richtig zu ehren, entschieden wir uns, diesmal nicht den einfachen Weg zu gehen und ihre Arrangements zu übernehmen. Die kennen wir eh längst im Schlaf. Wir wollten auch nicht damit improvisieren, was ja das Naheliegende gewesen wäre. Stattdessen entschieden wir uns, gänzlich neue Ansätze zu Stücken zu finden, die mit diesen Musikern assoziiert werden.

Schließlich ging es in erster Linie darum, ihren Mut, ihren Pioniergeist und ihren Drang nach musikalischer Erneuerung zu ehren. Und stell dir vor: Es war wirklich jedes Konzert ausverkauft. Dabei sind die Leute ja kaum noch ausgegangen. Insofern hatten wir das Gefühl, als ob unsere Musik so etwas wie einen Heilprozess auslöst oder zumindest einen positiven Geist verströmt. Natürlich hat sie diese Fähigkeit schon vor dem 11. September gehabt, aber wir sind uns dessen erst jetzt bewusst geworden. Musik ist ein wunderbares Medium, um Gefühle und Schwingungen zu vermitteln und den menschlichen Geist anzuregen. Und darauf kommt es an: Ich will die Leute durch meine Musik ermutigen, ihnen Hoffnung und Stärke geben.

KB: Warum bringst du diesen Ansatz bzw. dieses Set nicht nach Europa? Stattdessen kommst du mit einem neuen Elektronik-Sound, der die Leute eher verwirren dürfte…

Herbie Hancock: Die Leute sollten sich langsam daran gewöhnt haben, dass sie von mir nur das Unerwartete erwarten dürfen. Diesen Ansatz verfolge ich ja schon seit Jahren. Ich bin einfach derjenige, der sich den Hals verrenkt und in Gebiete vorstößt, die nicht ganz so gängig und konventionell sind. Und das ist bei mir nichts wirklich Neues. Wenn du dir meine Platten der letzten Jahre vor Augen führst, dann waren sie alle völlig verschieden. Und „Future 2 Future“ ist wieder ganz anders, als alles, was ich zuvor gemacht habe. Es ist ein Aufbruch in neue Dimensionen.

KB: Herbies Hancocks größtes Abenteuer?

Herbie Hancock (lacht): Genau! Dabei resultiert das eigentlich nur aus dem Umstand, dass wir uns in einem neuen Jahrtausend befinden. Und dass ich mich mit 61 an einem neuen Punkt meines Lebens befinde. Ich lote aus, welche Auswirkungen das auf meine Perspektive als Musiker, Mensch und Teil der globalen Gesellschaft hat. All das ist in „Future 2 Future” eingeflossen.

KB: Ist das Alter nicht für gewöhnlich die beste Entschuldigung, um sich kreativ zurückzuziehen und in Nostalgie zu schwelgen?

Herbie Hancock: Kann schon sein. Aber ich habe eher das Gefühl, als ob das Leben ein ständiges Lernen und Entdecken ist. Und je mehr du dich an dem Prozess beteiligst, desto vielseitiger werden die Möglichkeiten. Du fühlst dich regelrecht zeitlos. Von daher hält es mich jung, schürt meine Begeisterung für die Musik und bewahrt mich in einem Zustand des Träumens. Ganz ehrlich: Ich komme mir heute immer noch vor, wie ein Kind. Und das Schlimmste, was ich mir vorstellen könnte, wäre plötzlich aufzuhören zu wachsen, das Interesse an neuen Sachen zu verlieren und ein alter, konservativer Sack zu werden. Für mich wäre das etwa so, als müsste ich sterben.

KB: Der Album–Titel ist eine offenkundige Referenz an deine Arbeit der frühen 80er. Geht Herbie Hancock zurück in die Vergangenheit, um etwas Neues zu kreieren?

Herbie Hancock: Irgendwie schon. Obwohl: Das war eigentlich die Idee von Bill Laswell. Er rief mich an und erzählte mir von einer neuen Musik, welche die Leute als Electronica bezeichnen würden. Er sagte, dass die meisten dieser Künstler von meinem Sound der frühen 70er beeinflusst wären – also von Alben wie „Sextant“ und „Dedication“. Bill meinte, da diese neuen Künstler so von mir geprägt seien, wäre ich selbst ein Teil der Zukunft. Und es wäre an mir, mich daran zu beteiligen – auch wenn ich darüber gar nichts wusste. Ich hatte keine Ahnung, was da passiert.

KB: Wie denn, du hast nicht gemerkt, wie stark du in der populären Musik zitiert wirst?

Herbie Hancock (lacht): Nein, schließlich werde ich ja immer von irgendwem gesampelt. Das ist nichts Neues. Aber Bill meinte eben, dass es wichtig wäre, meine Sichtweise dieser doch recht futuristischen Musik darzulegen. Schließlich war ich ja indirekt daran beteiligt, habe sie quasi mit aufgebaut. Und jetzt liefere ich einfach meinen eigenen Ansatz – ich helfe aktiv mit, diese Musik auf ein neues Level zu bringen. Eben „Future 2 Future“. Ein nettes Konzept (lacht)…

KB: Kennst du dich mit den Bands dieses Genres aus – etwa The Prodigy, Chemical Brothers, Leftfield, etc?

Herbie Hancock: Nein, diese Namen sagen mir nichts, aber ich habe mir ein Dutzend Platten angehört und fand es wirklich sehr spannend, dass plötzlich junge, weiße Musiker auftauchen und mit elektronischen Mitteln groovige, experimentelle Musik kreieren. Das hat ja nichts mit Techno zu tun – auch wenn viele von ihnen offensichtlich aus der Dance-Ecke stammen. Mit der habe ich nun wirklich nichts am Hut. Das ist mir viel zu monoton.

KB: Und wie war das Arbeiten mit Samples, Loops und Sequenzern? Ist das nicht ein völliger Stilbruch für jemanden, der sonst eher traditionell und organisch vorgeht?

Herbie Hancock: Ja, zuerst hatte ich keinen blassen Schimmer, was wir hier eigentlich tun und war die ersten paar Tage ziemlich verwirrt. Eben, weil ich mich mit diesem Genre und Stil ja nicht wirklich auskannte. Aber dann hat mir jemand einen Stapel Platten vorgespielt. Und sobald ich die hörte, merkte ich, wie eng es mit meiner eigenen Musik verknüpft war, die ich schon vor 30 Jahren gemacht habe. Das gab mir die Perspektive, die ich brauchte. Ich sagte: „Oh, jetzt kapiere ich, was hier abgeht“.

KB: Aber wenn du auf die Zeit mit Miles und seinem Produzenten Teo Macero zurückblickst, war das doch genau derselbe Ansatz, oder?

Herbie Hancock: Richtig. Aber damals bestand mein Job nur darin, Klavier zu spielen. Auf den kreativen Prozess des Plattenmachens und Songschreibens hatte ich keinen Einfluss. Ich hatte wirklich keine Ahnung, wie aus meinen Parts richtige Songs wurden, wie Teo das Ganze zusammensetzte. Das liegt daran, dass ich schon vollkommen zufrieden war, überhaupt mit Miles spielen zu dürfen. Aber im Verlauf der Jahre bin ich dann doch immer aktiver geworden und habe mich auch am Produzieren und Editieren versucht. Dabei ist die Art und Weise, wie Bill Laswell arbeitet, eine ganz andere.

Er mag es, alles alleine zu machen. Und ich habe ihm immer wieder gesagt: „Lass uns das bitte so und so machen.“ Aber jedesmal, wenn es ums Editieren geht, ist er irgendwie verschwunden, und ich bekomme ihn einfach nicht zu fassen (lacht). Trotzdem funktioniert es ja irgendwie und im Grunde vertraue ich Bills Geschmack und Einschätzung ja auch. Obwohl er nicht alles so tut, wie ich es gerne hätte, muss ich doch akzeptieren, wer er ist und was er tut. Ich spüre, dass mir seine Arbeit gut zu Gesicht steht.

KB: Wobei die Bühnen-Umsetzung eine gewisse Ironie mit sich bringt: Einerseits spielst du Musik live, die sonst ausschließlich vom Band kommt. Und bei deiner Gruppe handelt es sich um gestandene Musiker, die wie ein Haufen junger Hüpfer klingen.

Herbie Hancock: Die Band, mit der ich unterwegs bin, ist gar nicht so alt, wie du denkst: Meine Drummerin, Terri Lyne Carrington, ist in ihren Dreißigern, genau wie der zweite Keyboarder Darryl Diaz. Unser Bassist Matthew Garrison ist Anfang 20 und DJ Disc, der Experte für die Turntables, Ende 20. Dann ist da noch Wallace Roney, der Trompeter… Mist, keine Ahnung, wie alt der ist, aber er müsste in den 40ern sein. Von daher ist es kein wirklich alter Haufen. Und das gilt auch für die Show: Wir benutzen Multimedia-Elemente, ein quadrophonisches Soundsystem und treten ausschließlich in Rockclubs auf. Noch jünger geht es nicht.

KB: Mal ehrlich: Findest du die Vorstellung, dass der DJ zum Musiker der Neuzeit geworden ist, nicht etwas befremdend?

Herbie Hancock: Nein, denn als ich „Rock It“ und „Future Shock“ aufnahm, hatte ich bereits vom Scratching gehört und hielt das für einen interessanten Sound. Eben, weil er eine sehr ausgefallene Rhythmik besaß. Und jetzt, da sich der ganze Prozess weiter entwickelt hat und viele der Turntable-Leute auch Effekte einsetzen und mit Samples und Improvisationen arbeiten, kann ich mich damit durchaus identifizieren. Allein schon wegen des Rhythmus-Faktors. Ich bin schließlich ein Jazzer.

Und der Dreh- und Angelpunkt ist nun einmal Geschmack. Der richtet sich nicht danach, ob du Noten lesen kannst oder eine musikalische Ausbildung besitzt. Viele dieser Künstler schaffen es, einem Instrument, das es schon lange gibt, völlig neue und aufregende Sounds zu entlocken. Dabei verlassen sie sich einzig und allein auf ihren Geschmack. Es ist vollkommen egal, wie viel jemand von der theoretischen Seite der Musik versteht. Das einzige, was zählt, ist das Endergebnis. Wie klingt es und wie fühlt es sich an? Wenn es sich wie Musik anfühlt, dann muss es auch Musik sein.

KB: Was ja auch der Ansatz bei diesem Album ist. „Future 2 Future“ ist keine Kopfmusik, sondern sehr experimentell und frei…

Herbie Hancock: Ja, es geht um Spontanität. Das ist das, wonach ich gesucht habe. Und es erinnert mich an das, was Wayne Shorter erzählte. Nämlich, dass Miles zu ihm gekommen wäre und gesagt hätte: „Hey, Wayne, manchmal spielst du dein Instrument wirklich wie du es noch nie zuvor getan hast.“ Eben dieses absolut Kindliche und Unschuldige. Wenn du an Miles’ Sound denkst, dann hat der eine gewisse kindliche Qualität: Eben einen sehr naiven Touch, und den finde ich attraktiv.

Von daher habe ich bei diesem Projekt die analytische Seite meines Gehirns ausgestellt und mich mehr auf das Spontane verlassen. Das, was du auf dieser Platte hörst, ist meine erste Reaktion auf die Soundfetzen und Rhythmen, die mir Bill vorspielte. Er hat die Basis-Tracks aufgenommen, ohne dass ich überhaupt beteiligt war, oder auch nur wusste, was er da gerade macht. Im Gegensatz zu früher, als ich einen Part einspielte und wir ihn dann gemeinsam veränderten, haben wir das Analysieren diesmal völlig außen vor gelassen. Er hat mich einfach an ein Keyboard gestellt, den Aufnahmeknopf gedrückt und meine erste Reaktion auf seine Tracks festgehalten. Ein sehr interessanter Ansatz.

KB: Lass uns über dein neues Label „Transparent“ reden, das du als „Genre-frei“ verstehst. Wie soll das in einer Welt der Unterhaltungsriesen und corporated music funktionieren?

Herbie Hancock: Ganz einfach: In dem ich nicht der einzige Künstler auf „Transparent“ bin! Wir haben noch andere Acts und bereits fünf oder sechs Platten rausgebracht, die aus den unterschiedlichsten Bereichen stammen. Da gibt es zum Beispiel einen brasilianischen Künstler, mehrere Latino Geschichten, den Jazz-Musiker Paul Horn, die Smooth-Jazz Gruppe Soul Conversation. Dazu kommt dann noch Beckley Lam und Wilson, die Rock-Musiker sind. Du siehst: Da gibt es wirklich keine Grenzen. Das einzige, wobei es uns mit „Transparent“ geht, ist Qualität.

KB: Was bei Renommier-Labels wie „Blue Note“ oder „Verve“, die allesamt von Majors geschluck wurden, gar nicht mehr möglich ist?

Herbie Hancock: Nun, als ich damals bei „Blue Note“ unterschrieb, war es ein winziges Jazz Label, und jetzt gehört es zu einem riesigen Konglomerat unter Führung der EMI-Gruppe. Es wurde wirklich alles von den Majors aufgekauft, und die haben nun das Sagen. Weil sich mit Jazz nicht wirklich viel Geld verdienen lässt, stehen sie ziemlich unterm Pantoffel und sind regelrecht gezwungen, qualitative Abstriche zu machen. „Transparent“ ist dagegen klein, wendig und kann schnell reagieren. Es kann neue Wege bei der Promotion von Musik beschreiten, und das ist etwas, was mich wirklich interessiert. Was meinen eigenen Vertrag betrifft, so bin ich zwar immer noch an „Verve“ gebunden, kann aber spezielle Projekte außerhalb meiner normalen Jazz-Veröffentlichungen angehen. Eben auf „Transparent”.

KB: Agierst du auch als A&R?

Herbie Hancock: Oh Mann! Die Leute geben mir ständig irgendwelche Tapes und CDs. Leider habe ich einfach nicht die Zeit, mir alles anzuhören, aber ich tue mein Bestes. Von daher bin ich wohl so etwas wie ein A&R wider Willen.

KB: Wie steht es mit den beiden Musik-Akademien, an denen du beteiligt bist – ist Jazz doch eine Frage der Ausbildung und des Wissens?

Herbie Hancock: Das Thelonius-Monk-Institute ist ein Erziehungsprogramm, das junge Leute an den Jazz heranführen soll. Denn Jazz hat einen sehr wichtigen und wertvollen Einfluss auf die menschliche Psyche. Er erlaubt dir, dich auszudrücken, was ein ungemein wichtiger Aspekt des Lebens ist. Eben sich selbst kreativ zu verwirklichen. Und was das Baycat-Projekt in San Francisco betrifft, also das Bayview Hunter’s Point Center For The Arts And Technology, so beschränkt sich das nicht nur auf den Jazz.

Es geht vielmehr um die Technologie und ihren Einsatz in der Kunst wie im täglichen Leben. Ich will junge Menschen dahingehend animieren, dass sie Computerprogramme schreiben, die sich mit ihren Bedürfnissen befassen und ihnen dabei helfen, sich selbst zu entwickeln. Denn mal ehrlich: Irgendwie hat man das Gefühl, als würde Technologie heutzutage in erster Linie für geschäftliche Belange eingesetzt, aber kaum, um die Fragen und Probleme zu lösen, mit denen wir im täglichen Leben zu kämpfen haben.

KB: Ist Herbie Hancock ein Technik-Freak?

Herbie Hancock (lacht): Ich glaube schon, dass ich da ziemlich extrem bin. Schließlich sammle ich schon seit Jahren alles, was mir an technischem Spielzeug in die Finger kommt. Und ich habe ja auch einen Universitätsabschluss in Technologie, auf den ich verdammt stolz bin. Schon als Kind konnte ich gar nicht genug von der Wissenschaft bekommen – das war sogar noch schlimmer, als mit der Musik. Ich fing schon früh an, alles über Wissenschaft und Technik in mich aufzusaugen. Und das ist bis heute ein wichtiger Teil von mir. Für mich gibt es wirklich nichts Schlimmeres, als an einem Computergeschäft vorbeizulaufen, ohne gleich hineinzustürzen und alles leer zu kaufen. Wenn ich erst einmal loslege, kann ich gar nicht mehr aufhören. Ich bin ein Freak. Ein Technik-Junkie. Hilfe! (lacht)

KB: Wie steht es um den Einsatz der Technik in der Musik? Ist sie nur ein Hilfsmittel oder kann man sich darin auch schnell verlieren?

Herbie Hancock: Oh, für jemanden wie mich ist es wirklich einfach, sich darin zu verlieren. Zum Glück gibt es ein paar Dinge in meinem Leben, die mich regelrecht ausbalancieren. So habe ich in den letzten 30 Jahren Buddhismus praktiziert, und das ist auch der Grund, warum ich mich so für den menschlichen Nutzen der Technik einsetze – eben für den Dienst an der Menschheit. Sie darf nicht nur ein teurer Luxus oder ein elitäres Spielzeug sein, sondern ein ganz normaler, alltäglicher Bestandteil unseres Lebens. Eben ein Hilfsmittel, dessen wir uns bedienen – aber nicht umgekehrt.

KB: Wie setzt sich dein aktuelles Studio-Equipment zusammen?

Herbie Hancock: Da bin ich immer auf dem neuesten Stand. Momentan benutze ich eine Euphonix CS 2000-Konsole. Ein ganz hervorragendes Mischpult, das direkt auf einer Ebene mit SSL und Neve steht. Wir lassen alle Signale darüber laufen, inklusive der Pro Tools Outputs. Dazu kommen Genelec Monitore, eine 5.1.-Surround-Anlage, ein Pro-Tools TDM-System von Digidesign, Logic-Audio von Emagic und einen Joe Meek-SC2-Kompressor, der einfach großartig ist. Er hilft mir, einen Sound zu kreieren, der einfach reich und voll klingt. Mein absolutes Lieblingsteil. Es verleiht dem Ganzen etwas sehr Eigenständiges und Einzigartiges. Eben, in dem es dir den Sound direkt ins Gesicht haut.

Dabei geht es den meisten Technikern immer darum, ihn so akkurat festzuhalten, wie eben möglich. Aber manchmal brauchst du einfach etwas, das dem Ganzen einen Extra-Kick gibt. Und wenn du Joe Meeks Zeug bei den Drums, dem Gesang, dem Bass oder den Keyboards einsetzt, und der Sound durch eine dieser Units geht, dann rückt es alles noch einmal nach vorne und verleiht ihm zusätzliche Präsenz. Auf diese Weise entsteht ein einmaliger, sehr persönlicher Klang im Sinne der „cutting edge”-Mentalität, die wir so mögen.

Und was das Studio an sich betrifft, so ist es natürlich absolut schalldicht. Um das sicherzustellen, haben wir akustische Elemente von einer Firma namens Acoustic Sciences Corporation (ASC) verwendet. Sie haben ein Produkt namens Tube Traps, das wir ständig benutzen, um die Akustik in dem Raum zu verbessern – eben zum Aufnehmen und Mixen. Es sind „tubular sound baffles”, die du überall dort anbringst, wo du einen Sound von einer bestimmten Quelle abnehmen willst. Da sie eine reflektierende und eine absorbierende Seite haben, kannst du sie so umstellen und einsetzen, bis du den richtigen Sound bekommst, den du gerade brauchst. Dadurch klingen die Aufnahmen immer unmittelbar und direkt.

KB: Die Jazz-Mythen besagen, das Fender Rhodes E-Piano wäre eines der schwierigsten Tasteninstrumente aller Zeiten, und Chick Corea sei der erste gewesen, der es vernünftig beherrschte. Was war so schwierig daran und wie bist du damit in Berührung gekommen?

Herbie Hancock: So, so, Chick soll also der Erste gewesen sein? Das ist ja etwas vollkommen Neues (lacht). Aber egal. Weißt du, es war Miles, der mich zu dem Instrument gebracht hat. Als ich eines Tages ins Studio kam, und wir uns auf eine Plattenproduktion vorbereiteten, suchte ich zunächst das akustische Piano, konnte es aber nicht finden. Ich fragte Miles: „Sag mal, was soll ich eigentlich spielen?“

Darauf er: „Oh, probier mal das Ding da drüben“, und zeigte auf dieses Fender Rhodes-Piano. Das kannte ich zwar schon vom Sehen, hatte aber noch nie darauf gespielt. Ich dachte mir: „Wie denn, ich soll mich mit diesem Spielzeug abgeben?“ Eben, weil es viele Musiker gab, die nicht wirklich darauf standen. Trotzdem stellte ich es an und fing an zu spielen. Was soll ich sagen: Ich liebte den Sound und fragte mich, warum ich dem Ganzen gegenüber erst so negativ eingestellt war. Ich hatte etwas abgelehnt, das ich selbst nicht ausprobiert hatte. Und an dem Tag habe ich eine wichtige Lektion gelernt. Eben: Bilde dir keine Meinung auf den Erzählungen anderer Leute, sondern mach dir immer dein eigenes Bild. Es sei denn, es ist etwas wirklich Gefährliches (lacht). Egal, „Miles In The Sky“ war also mein erstes Album, bei dem ich das Fender Rhodes einsetzte. Und später habe ich es auch bei meiner eigenen Gruppe Mwandishi benutzt…

KB: Was ja auch dein buddhistischer Name ist, oder?

Herbie Hancock: Nein, das ist ein Swahili-Name, also ein afrikanischer. Den hatte man mir in den späten 60ern gegeben, als das gerade In war. Deswegen habe ich ihn auch für die Gruppe benutzt – ein Sextett, das einen sehr avantgardistischen Musikansatz entwickelte, nämlich Jazz mit starken Ethno-Einflüssen. Wir wollten unsere Solidarität mit der Bürgerrechtsbewegung zum Ausdruck bringen. Und dabei ist das Fender Rhodes irgendwie zu meinem festen Instrument geworden. Ich habe es noch auf den Alben „Crossings“, „Sextant“ und natürlich „Head Hunters“ eingesetzt. Letzteres war dann das erste, bei dem ich noch einen Synthesizer verwendete. Aber das ist wieder eine andere Geschichte (lacht).

KB: Wie hast du das Rhodes gespielt straight aus der Box oder über einen weiteren Verstärker?

Herbie Hancock: Nun, als ich meine erste eigene Band zusammenstellte, fand ich das „Maestro Echoplex“ [Tape-Echo, das u. a. auch von The Doors und Jimi Hendrix eingesetzt wurde. Red.], ein paar Wah Wah-Pedale und ein paar andere Teile, die ich an das Instrument anschloss. Dazu musste ich das Top abnehmen und die Kabel mit den Devices verbinden. Von dort ging es dann wieder zurück zum Rhodes Piano. Das sah wirklich ziemlich futuristisch aus. Und ich erinnere mich noch, als Harold Rhodes zu einem meiner Gigs kam. Wir spielten in einem Club namens „The Light House“ in Hermosa Beach, einem Vorort von Los Angeles. Harold starrte auf sein Instrument, das ich so völlig entstellt und wirr verkabelt hatte.

Er sagte zu mir: „Was zum Teufel machst du mit meinem Klavier?“ Also habe ich ihm erklärt, worauf es mir dabei ankam. Ich sagte: „Wahrscheinlich bin ich nicht der einzige Musiker, der es so benutzt – warum integrierst du nicht noch ein paar Outputs, so dass man ein paar Kabel zu den Effektgeräten legen kann?“ Und das hat er getan. Genau wie einige weitere kleine Änderungen, die ich ihm hinsichtlich der Aufnahme Outputs, Balance-Outputs und Unbalanced Outputs vorschlug. Bei den Nachfolgemodellen war das dann alles vorhanden. Insofern habe ich meinen Teil zur Entwicklung des Gerätes beigetragen – und es zu einem modernen Instrument gemacht. Welch ein Verdienst (Herbie Hancock lacht).

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