Spieltechnik Improvisation Teil 3

Melodien und Lines in der rechten Hand

In diesem Workshop soll es um die Entwicklung von Melodien und Lines in der rechten Hand gehen. Es gibt eine Menge Denkweisen, Strukturen und Tools, die zu verstehen und anzuwenden beim Improvisieren recht dienlich sein können und darüber hinaus den kreativen Horizont erweitern helfen.

Yamaha Instrument
Hier geht’s zum vorherigen Workshop-Teil.

Improvisation ist Ad-Hoc-Komposition, straight away, sozusagen. Man setzt seine Ideen also direkt an den Tasten um, anstatt zu Papier und Bleistift zu greifen. Der erfahrene Spieler greift dabei auf die von ihm erforschten harmonisch-melodischen Wege zurück, die er immer wieder aufs Neue miteinander kombiniert. Je mehr Wege, desto mehr Vielfalt an Resultaten und überraschenden Momenten. Und je experimentierfreudiger ein Musiker ist, desto mehr wird er mit Neuland belohnt.

Man könnte sagen, eine gute Improvisation ergibt sich aus der Tagesform, dem Fundus + X. X steht für die Inspiration, das Neuland als solches sofort zu erkennen und sich hineinzubegeben. Der Fundus aber, um den wir uns in Workshops wie diesem kümmern, ist unsere musikalische Schatzkammer, die wir erst einmal füllen sollten. Ready to go?

Hauptstufen und Erweiterungen

Im letzten KEYBOARDS-Workshop behandelte ich rhythmische Grundmuster über ein einfaches Harmonieschema mit einer einzigen, den Harmonien zugrundeliegenden Skala (E-Moll). Dieser Workshop diente dazu, Ihnen den Flow zu ermöglichen, ohne dass Sie sich um „falsche Töne“ – die es beim Improvisieren übrigens nicht gibt! – Sorgen machen mussten. Auch heute verwenden wir dieselben Harmonien, mit einer leicht veränderten Begleitung in der linken Hand (Abb. 1).

Improvisieren am Klavier Part 10

Des Weiteren siehst du im oberen System die jeweiligen Akkorde mit ihren vier Hauptstufen 1-3-5-7. Diese vier Hauptstufen sind für uns die wichtigsten Zieltöne beim Improvisieren in harmonischen Systemen. In der Regel gilt, eine dieser Stufen als Zielton auf einem rhythmischen Schwerpunkt anzupeilen und zu spielen.

Also bei einem 4/4-Takt auf den Zählzeiten 1, 2, 3 oder 4. Eine Tonleiter besteht bekanntermaßen aus sieben Tönen. Somit fehlen noch weitere drei Stufen, nämlich die Stufen 9, 11 und 13 (Abb. 2). Sie fungieren in der Akkord-Hierarchie als sogenannte Vorhaltstöne oder Additionals: die None (9 oder 2) vor dem Grundton (1), die Quarte (11 oder 4) vor der Terz (3), die Sexte (13 oder 6) vor der Quinte (5).

None, Quarte und Sexte vermögen dem Grundgerüst eines Dreiklangs (Grundton/ Terz/Quinte) eine schöne, spezielle Färbung zu geben. Und auch sie können als Zieltöne auf den Hauptzählzeiten gespielt werden, aber dann wirken sie eher als Stellvertreter bzw. Vorhalt vor den Hauptstufen.


>> Hier findest du noch einmal die 5 häufigsten Unarten beim Klaiverspielen und -lernen und gleichzeitig Tipps wie du ihnen vorbeugst. Für Anfänger und Fortgeschrittene gleichermaßen lesenswert. <<

hand-klavier
Florian Huber

 

Melodiebögen

Musik lebt von Anspannung und Entspannung. Eine aufwärts strebende Linie erzeugt Erwartungshaltung, eine sich senkende Melodie beruhigt und entspannt. Der ehemalige Pianist und Kollege von Miles Davis, Bill Evans, war ein Meister dieses Aufs und Abs. Mit den entsprechenden Pausen zwischen den Lines, versteht sich.

Improvisieren am Klavier Part 11

Die Art und Weise, wie er derart Harmonien verband, sollte sich ein jeder einmal anhören, sofern er es nicht kennt. In Abbildung 3 sind auf Basis der erweiterten Akkorde zweitaktige Bögen notiert, die jeweils zwei Harmonien umfassen. Versuchen Sie, in anderen Umkehrungen ähnliche Bögen zu gestalten. Auf der Spitze der Melodie bzw. auf der 1 des zweiten Taktes peilen Sie eine der Hauptstufen oder einen der Vorhalte der nächsten Harmonie an. Und noch etwas gehört zum Auf und Ab: crescendo hoch zum Spitzenton, decrescendo nach unten.

Improvisieren am Klavier Part 12

Wechselnoten

Wie du sicher erkennst, rede ich von den Bewegungsrichtungen des Melodieverlaufs (Abb. 4). Eine Wechselnote bedeutet, eine bereits gespielte Note im Kontext zu wiederholen, was zu einer Verstärkung der Ausgangsnote führt. Dies ermöglicht ein Verharren auf dem jeweiligen melodischen Zentrum, bevor man sich intervallisch weiter entfernen möchte. Man kann sich mittels Wechselnoten konsequenter und stringenter in eine Richtung entwickeln, was demzufolge mehr Druck erzeugt. Rhythmisch hat das auch seinen Reiz, wenn man die Figuration mit Pausen unterbricht.

Tonumspielungen – Chromatik

Ein entscheidendes Tool beim Improvisieren. Tonumspielungen umkreisen die jeweilige Hauptstufe, sorgen für richtig Swing mittels Drop-Notes und entsprechender Phrasierung. Man könnte sagen, aus 1 mach 4 Noten. Diese Art zu spielen entstammt dem Bebop, der elegantesten Form des Jazz im Umgang mit Changes (Harmoniewechseln).

Man findet es aber heute in allen Stilistiken wieder, ob im Retro-70er-Style, HipHop, R&B oder New-Age-Pop aller Art. Und natürlich bei den heutigen Jazzern themselves. Die Chromatik spielt dabei eine wichtige Rolle. Derart benachbart zu den zu umspielenden Haupttönen ist sie das Salz in der Suppe und echte Konkurrenz zu den Blue Notes.

Improvisieren am Klavier Part 13

In Abbildung 5 ist das Einschrauben der Hauptstufe des jeweiligen Akkords einmal demonstriert und zur Nachahmung in allen Varianten wärmstens empfohlen.

Leittöne – Vorhalte

Genau genommen Verwandte der Tonumspielungen. Nur fokussiert sich hier alles auf den direkten Hinweis auf die Hauptstufen. Ein Leitton ist eine dominantisch zu einer Hauptstufe führende Note, die den Zielakkord unterstreicht. Und: Die Deutlichkeit einer Melodie bemisst sich an der Hervorhebung ihrer wichtigsten Noten. Wenn ich also gezielt Hauptstufen leittönig oder mit Vorhalten anspiele, tritt die Melodik in ihrer Grundstruktur umso mehr hervor (Abb. 6).

Quart-Dreiklangverschiebungen

Quarten-Harmonik (Abb.7) widersetzt sich wohltuend der allgemeinen Hörgewohnheit aufgrund der ihr eigenen Intervallstruktur. Die Hauptstufen werden nur peripher berührt, die Quarten-Intervalle setzen sich dennoch eigenständig durch. In Kombination mit den oben genannten Varianten halte ich Quarten-Melodik für äußerst wirksam, um beispielsweise tonale Zentren zu verschleiern. Wir reden ja über Improvisation, nicht über Songwriting. Insofern schließt sich hier direkt die schöne Möglichkeit der Dreiklangverschiebungen an.

Improvisieren am Klavier Part 14

Der Vorteil eines Klavierspielers gegenüber einem Gitarristen oder Bläser besteht darin, dass er sich Tastaturbilder merken kann. So handelt es sich in Abbildung 8 um eigenständige Griffe der rechten Hand, die nicht bezogen auf den Grundton zu verstehen sind, sondern als tonikale Akkorde behandelt werden.

Wenn man versteht, dass F-Dur oder As-Dur in der rechten Hand über die Dominante H7 passen, könnte man dieser Terzen-Logik folgen und entsprechend jeder Dominante den erforderlichen Dreiklang als melodisches Grundgerüst verwenden. Das Beste überhaupt ist: Spielen Sie mal mit rechter Hand versetzte Dreiklänge, egal welcher Art, und in der Linken ewig ein … sagen wir, die Oktave C. Die Verschiebung der Dreiklänge wird Ihnen zeigen, was geht und was nicht geht. Viel Spaß beim Üben!

Im 4. Teil geht es dann um Piano Soli. 

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