Spieltechnik für Einsteiger Teil 4

Klavier spielen lernen: Das Gehörtraining

Du möchtest Klavier spielen lernen? Die Schulung des Gehörs ist für einen kreativen Musiker ein wichtiger Baustein – neben den theoretischen Kenntnissen und der Praxis am Instrument. Der Aufbau der Tastatur bietet hierfür optisch recht günstige Voraussetzungen, um alle drei Bausteine möglichst effizient und praxisnah miteinander zu verbinden.

Die Klaviertastatur

Beim Blick auf ein Keyboard fällt jedem zunächst eine optische Unregelmäßigkeit auf. Dort befinden sich innerhalb einer Oktave (von C–C) 7 weiße, aber nur 5 schwarze Tasten. Die Unterteilung der Oktave in 12 Halbtöne musste optisch kenntlich gemacht werden. Bei je 6 weißen und schwarzen Tasten gäbe es keine Möglichkeit der Orientierung. Genau jene zwei vermeintlich „fehlenden“ schwarzen Tasten zwischen E und F sowie H und C ermöglichen es, alle einzelnen Töne auf der Tastatur zu finden.

Ein C liegt immer einen Halbton unter dem schwarzen Zweierblock und ein F einen Halbton unter dem schwarzen Dreierblock. Zum Zweiten sind die sieben weißen Tasten immer der Namensgeber für Tonarten, d. h., ausschließlich von ihnen werden #- wie b-Tonarten abgeleitet. Zum Dritten wird anhand der weißen Tasten (von C–C) die Position der zwei Halbtonschritte (3./4. Stufe / 7./8. Stufe) einer reinen Dur-Tonleiter kenntlich gemacht.

Die Anordnung der Tastatur bietet somit optische Anhaltspunkte, mittels derer man die Struktur von Intervallen und Akkorden „begreifen“ und in ein Gehörmuster übertragen kann.

Übung für das Gehörtraining

 

Keyboard spielen lernen: Die Intervalle

Zunächst eine kurze Zusammenfassung einiger wichtiger Parameter:

1) Eine Tonleiter besteht aus sieben Tönen, im nachfolgenden als Stufen bezeichnet. (Abb. 1)

2) Als Intervall bezeichnet man den Stufenabstand zweier gleichzeitig oder hintereinander erklingender Töne. (Abb. 2)

3) Die für uns zunächst wichtigen Intervalle, insbesondere in Bezug auf Gehörtraining, sind die Terz und die Quinte, also die für die Akkordstruktur relevanten Stufen 3 und 5. Grundton + Oktave – die Stufen 1 und 8 – bilden den Rahmen.

Optische Intervallraster

Beschäftigen wir uns zunächst einmal mit der Quinte. Um das reine Abzählen von der 1. bis zur 5. Stufe zu überspringen, ist es sehr praktisch zu wissen, dass sich bis auf zwei Ausnahmen alle Quinten entweder aus nur weißen oder nur schwarzen Tasten zusammensetzen.

Es gibt lediglich zwei Quinten auf der Tastatur, die aus einer schwarzen und einer weißen Taste gebildet werden: Bb-F und H-Fis. (Das Gleiche gilt übrigens für das Komplementärintervall der Quinte, der Quarte F-Bb und Fis-H). (Abb. 3)

Bei der Erschließung eines Sachverhalts macht es immer Sinn, sich auf die Ausnahmen von der Regel zu konzentrieren, so regelt sich der Rest des Quintenfeldes von selbst. Man merkt sich speziell nur die zwei exotischen Quinten auf Bb und H. Ähnlich lässt sich mit den Terzen verfahren: Entscheidend ist, ob sich innerhalb des Terz-Intervalls eines der weißen Tastenpaare (E/F oder H/C) befindet.

So gilt für kleine Terzen: Trifft dies zu, dann immer weiß/weiß bzw. schwarz/schwarz, für große Terzen genau das Gegenteil. Um dies zu veranschaulichen, sind in Abb. 4 alle gleichfarbigen kleinen wie großen Terzen dargestellt, welche man sich auch explizit merken sollte.

Es schadet natürlich nicht, die Dinge zusätzlich aus musiktheoretischer Sicht zu verstehen. So sollte man durchaus wissen, dass eine kleine Terz ein Ganzton + ein Halbton ist und eine große Terz die Summe zweier Ganztöne. Nichtsdestoweniger halte ich die optische Projektion bestimmter Intervallstrukturen auf die Tastatur für ziemlich hilfreich, nicht zuletzt in Hinblick auf das direkte Erkennen komplexer Akkorde.

Keyboard spielen lernen: Das Gehörtraining

Das Raster „Grundton – Terz – Quint“ gleicht einem Netz aus drei Bezugs- bzw. Referenztönen. Sie bilden das Grundmuster für alle harmonischen Akkorde, bestehend aus 1., 3. und 5. Stufe. Das weist schon auf eine bestimmte Art des harmonischen Hörens – sprich Ableitens – hin, worauf ich im Folgenden genau eingehen werde.

Je tiefer Terz, Quint und Oktave im Gehör verankert sind, desto leichter fällt es einem, um dieses Raster herum erklingende Töne zu orten bzw. einen Bezug zu einer der nächstgelegenen Hauptstufen herzustellen. Das nenne ich: „Auflösen“. Die drei Hauptstufen selbst besitzen keinerlei Auflösungscharakter. Daran gilt es, sich zunächst einmal durch wiederholtes Spielen und Zuhören zu gewöhnen.

Oktave, Quint oder Terz ruhen sozusagen in sich selbst ohne jegliche Tendenz zur Veränderung. Spielt man jetzt beispielsweise die Sexte mit den Tönen C und A, ist sofort eine Art Überspannung des Intervalls zu hören, die sich nach unten – in dem Falle in die Quinte C-G – auflösen will.

In diesem Zusammenhang sind auch die sogenannten „Vorhalte“ zu erklären. Quart-, Sext- und Nonenvorhalte geben genau diesem Auflösungsprinzip in die jeweilig benachbarten Hauptstufen nach. So löst sich die Quarte C-F nach unten in die Terz auf. Die Sekunde C-D hingegen erlaubt sowohl eine Auflösung nach unten in den Grundton als auch nach oben in die Terz. Die Septime C-H hingegen strebt nach oben in die Oktave. (Abb. 5)

Trainingsmethodik

Zunächst einmal solltest du eine gewisse Systematik anwenden, um der unterschiedlichen Spannungs-Charakteristiken der Intervalle gewahr zu werden. Beginnen würde ich also mit der Oktave, um den reinen, verdoppelten Klang eines Tones aufzunehmen. Hier ist keinerlei Schwebung zu hören, was auf das Teilungsverhältnis der Obertonreihe zurückzuführen ist.

Spiel Oktaven von den verschiedensten Tönen aus. Du wirst die Reinheit dieses Rahmenintervalls feststellen. Als nächstes Intervall probiere dies mit der Quinte, ebenfalls in tonal frei gewählten Varianten. Jetzt sollte dir die o. g. optische Orientierung zu Hilfe kommen.

Die Quinte besitzt eine leichte Schwebung, was ihre relative Reinheit und Klarheit als Bezugsintervall aber nicht beeinträchtigt. Nun folgen die Terzen, wobei du deine Aufmerksamkeit besonders der nur hier auftretenden Dur-Moll-Charakteristik widmen solltest: Kleine Terz = Moll. Große Terz = Dur. Man sollte ab jetzt darauf achten, dass der untere Ton, also der zugrunde liegende Referenzton, im Gehör nicht verloren geht. Von ihm werden i.d.R. alle Intervall-Bezüge abgeleitet.

 


>> Hier findest du noch einmal die 5 häufigsten Unarten beim Klaiverspielen und -lernen und gleichzeitig Tipps wie du ihnen vorbeugst. Für Anfänger und Fortgeschrittene gleichermaßen lesenswert. <<

hand-klavier
Florian Huber

 

Jedes Intervall ist anhand des Rasters 1-3-5 im inneren Ohr reproduzierbar, wenn der Referenzton stabil als Basis präsent ist und bleibt. Demzufolge halte ich folgende Übung für recht nützlich, um zu überprüfen, inwieweit sich bereits gewisse Muster für Oktave, Quinte und Terzen im Gehör ausgebildet haben: Spiele eine Note auf dem Keyboard, und sing beispielsweise eine Quinte darauf. Erinner dich an die erlernte Charakteristik dieses Intervalls.

Falls es noch misslingt, spiel die Quinte unterstützend am Keyboard dazu. Ebenso kann man mit den zwei anderen Hauptintervallen verfahren. Der nächste Schritt wäre nun, die Vorhalt-Stufen 2-4-6, also die Intervalle Sekunde, Quarte und Sexte auszuprobieren. Verfahre auf die gleiche Art und Weise wie zuvor, nur mit dem Unterschied, dass du zusätzlich jedes der Intervalle in sein benachbartes Haupt-Intervall auflöst.

Mit der 7. Stufe, also mit der Septime + Auflösung nach oben in die Oktave, schließt sich zunächst der Kreis des Grundintervall-Trainings. In den Abbildungen 6 bis 8 habe ich einige Übungen notiert, in denen die Intervalle einzeln und fortlaufend mit jeweils neuem Referenzton erscheinen.

Solcherlei Sequenzen lassen sich beliebig in wechselnden Intervallabfolgen kreieren. Es dient alles einem Ziel: Dem Plan im Ohr.

Im nächsten Workshop „Gehörtraining, Teil II“ werden die restlichen Intervalle, Dreiklänge, Septakkorde und Alterationen behandelt. Bis dahin wünsche ich dir viel Spaß und Erfolg bei der Vertiefung der bisherigen Basics!

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