Second-Hand-Piano

Klavier gebraucht kaufen: Tipps vom Profi


Es muss nicht immer teuer sein: Wer sich ein echtes Klavier aus Holz, Filz und Stahl kaufen möchte, muss dafür nicht zwangsweise die eigenen vier Räder oder Omas Erbschmuck versetzen. Mit ein bisschen Geduld und Glück kann man nämlich auch auf dem Gebrauchtmarkt zu moderaten Preisen sein Trauminstrument finden und ein Klavier gebraucht kaufen. Im folgenden Artikel gibt Klavierbauer Gerald Nahrgang wertvolle Insider-Tipps für die erfolgreiche Suche.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Markus Thiel

Der Multiinstrumentalist Gerald Nahrgang ist in seiner Eigenschaft als gelernter Klavier- und Cembalobauer ein erfahrener Experte auf seinem Gebiet. Als fester Mitarbeiter des Klavierhauses Piano Faust in Wuppertal kümmert er sich mit viel Herzblut bereits seit Jahren im Interesse seiner Kunden um das Wohl besaiteter Tasteninstrumente und deren fachgerechte Instandsetzung. Im Gespräch mit KEYBOARDS erläutert Gerald, auf welche Dinge man speziell beim Klavier gebraucht kaufen achten sollte und wie man dadurch später böse und in Folge meist teure Überraschungen im Vorfeld vermeidet.

Was suche ich überhaupt?

Vor dem Klavier-Kauf sollte man sich darüber klar werden, welchen Ansprüchen das Instrument letztlich genügen soll. Dass das objektiv beste Klavier nicht immer auch für den eigenen Zweck die Idealbesetzung sein muss, beweist eindrucksvoll der Song Imagine von John Lennon. Wer immer an den Song denkt, hat sofort John an diesem weißen Flügel vor Augen, ohne allerdings dabei der Tatsache Rechnung zu tragen, dass das auf der Aufnahme zu hörende Piano ein wirklich schangeliges Upright mit vielen charakteristischen Ecken und Kanten ist. Für den Sound des Songs war es aber das Klavier!

Allen Unterschieden zum Trotz gibt es aber heutzutage auch übergreifende Don’ts. Generell abraten würde der Experte von älteren, sogenannten Oberdämpfer-Klavieren, bei welchen die Dämpfer, wie der Name nahelegt, oberhalb der Hammerköpfe auf den Saiten aufliegen. Diese i.d.R. recht alten Klaviere sind meist sehr wartungsintensiv und anfällig. Auch wenn sie sehr dekorative und aufwendig gestaltete Gehäuse mit Kerzenleuchtern haben − es sind eher Möbelstücke als Instrumente zum Spielen.

Einen Blick riskieren.

Auch als Laie kann man sich einen guten Eindruck verschaffen. Das Instrument anzuspielen ist obligatorisch, ebenso sollte man die Holzfront entfernen und einen Blick auf Mechanik und Saiten werfen.

Als Erstes empfiehlt Gerald dem Interessenten, nach einem gleichmäßigen Gesamtbild der Mechanik Ausschau zu halten. Ist dies gepaart mit einem allgemein sauberen Inneneindruck der Fall, spricht das schon einmal für einen grundsätzlich guten Wartungszustand des Instruments.

Im nächsten Schritt sollte man sich dem Zustand der Hammerköpfe widmen. Für ein regelmäßig gespieltes Instrument ist es völlig normal, wenn sich bei jedem Hammerkopf die typische leichte Rillenbildung zeigt. Sieht man hingegen, dass die Spielfläche bereits tief eingekerbt und überstehender Filz womöglich schon an den Rändern ausgebrochen ist, ist Vorsicht geboten. Natürlich lässt sich auch so ein Instrument mit komplett neuen Hammerköpfen wieder entsprechend herrichten, aber man muss die Kosten abwägen. Grundsätzlich ist alle fünf bis zehn Jahre das Abziehen der Hammerköpfe durch einen Fachmann notwendig und schlägt bereits mit bis zu 800 Euro zu Buche.

Unsichtbares.

Ein weiteres wesentliches, aber für den Laien leider schlecht überprüfbares Kriterium beim Gebrauchtpianokauf ist der Zustand des sogenannten Stimmstocks. In diesem hinter einer nur wenige Millimeter starken Gussschicht des Rahmens versteckten Holzblock ankern die Saitenwirbel des Klaviers. Während moderne Instrumente hier auf eine quasi unkaputtbare Multiplex-Querkonstruktion setzen, besteht der Stimmstock bei vielen älteren Modellen noch aus klassischem Vollholz. Nicht zuletzt aufgrund der starken Perforation (Wirbellöcher), gepaart mit knapp 100 Newton-Meter Zugkraft pro Saite ist dieses Konstruktionselement enormen Belastungen ausgesetzt.

Besonders bei Klavieren, die über längere Zeit zu trocken stehen, führt die Dauerbelastung schließlich zum Reißen des (Vollholz-) Stimmstocks. Da dieser jedoch in fast allen Fällen entweder durch das Rahmenmetall oder bei ganz alten Instrumenten durch eine Furnierblende verdeckt ist, lässt sich ein gerissener Stimmstock tragischerweise rein optisch überhaupt nicht erkennen.

Bei länger nicht gestimmten Klavieren mit gerissenem Stimmstock lässt sich allerdings meist eine charakteristische Verstimmung feststellen. Sollte jeder zweite Ton auf der Tastatur eine drastischere Verstimmung als die übrigen Töne aufweisen, könnte dies bereits ein erstes Indiz auf einen defekten Stimmstock sein. Grundsätzlich aber ist das eine Sache für Fachleute.

Auch Beschädigungen am harfenartigen Gussrahmen des Pianos, welcher in der Praxis bis zu 20 Tonnen Zugkräfte bändigen sollte, bedeuten in der Regel einen völligen Totalschaden, da dieses im Graugussverfahren hergestellte Element aufgrund seiner porösen Struktur technisch nicht zu reparieren ist.

Tiefere Einblicke.

Wer technisch einigermaßen versiert ist und es sich zutraut, kann durch Entnehmen der meist nur mit drei Schrauben befestigten Mechanik auch noch einen Blick auf den dahinter liegenden Resonanzboden riskieren. Findet sich hier ein Riss, ist dies Gerald zufolge noch kein zwingendes K.O.- Kriterium. Falls es sich beispielsweise nur um einen feinen Riss handelt, muss dieser bei Unterbringung des Klaviers in einem Raum mit konstanter Luftfeuchtigkeit bei knapp 50% nicht zwangsläufig zu größeren Problemen führen.

Da über den Resonanzboden eines Klaviers ähnlich wie bei einer Gitarre die Zugkräfte der Saiten auf den Korpus übertragen werden, trägt dieses unter Spannung ins Instrument geleimte Element auch maßgeblich zum Gesamtklang bei. Ein stark gerissener Boden verliert seine Spannung und ebenso seine Resonanzfähigkeit, was sich letztlich in Phänomenen wie einem schwachen, ausgedünnten Bass zeigt − ein Effekt, der bei einem ursprünglich viel zu wuchtig klingenden Histörchen von der Klangbalance her durchaus seinen Reiz haben kann.

Allerdings hat der Zustand des Resonanzbodens auch auf die Stimmstabilität eines Instruments einen wesentlichen Einfluss. Da eine fachgerechte Reparatur zwar grundsätzlich möglich, aber sehr aufwendig ist, muss man die Kosten im Verhältnis zum Gesamtwert abwägen.

Werte.

Auch wenn Verkäufern eines gebrauchten Klaviers (auf dem vielleicht sogar schon die Oma gespielt hat) das Herz blutet, sollte man heutzutage beim Kauf eines herkömmlichen Gebraucht-Pianos von privat auf keinen Fall mehr als eine dreistellige Summe investieren. Laut Gerald lassen sich Klaviere und Flügel in diesem Punkt sehr gut mit anderen mechanisch stark beanspruchten Gerätschaften wie etwa einem Auto vergleichen. Auch wenn der ideelle Wert eines Instruments auf Verkäuferseite meist höher empfunden wird, macht es keinen Sinn, für ein 80 Jahre altes Piano 1.500,− Euro zu zahlen, wenn man ein nagelneues bereits zum doppelten Preis inklusive Garantie erhält.

Wer etwas mehr anlegen möchte, sollte es nicht versäumen, auch beim örtlichen Klavierhändler das Gebrauchtangebot zu checken. Neben einer kompetenten Beratung erhält man so vielfach hochwertige generalüberholte und selektierte Pianos inklusive Garantie unter Neupreis.

Letztlich sollte neben Geldbeutel und gesundem Menschenverstand natürlich auch immer das eigene Bauchgefühl bei der Klavierauswahl eine tragende Rolle spielen. In diesem Sinne sind Klaviere genauso individuell wie die Menschen, die sie auswählen. Weitere praktische Tipps rund um den Klavierkauf – egal ob neu oder gebraucht – findest du auch hier! 

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Das könnte Dich auch interessieren: