Spieltechnik Improvisation Teil 1

Improvisieren lernen am Klavier

Improvisation ist für jeden kreativen Musiker wohl die interessanteste und erstrebenswerteste Art des Musizierens. In Teil 1 zeige ich anhand elementarer Überlegungen und praktischer Übungen einen Einstieg in die Welt des „Freien Spiels“ fernab der Noten am Klavier auf.

Was bedeutet „improvisieren“? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ein jeder Leser in seinem Leben schon mehr als einmal improvisiert hat bzw. es musste. Die Rede ist nicht am Klavier oder E- Piano, sondern vom Improvisieren im eigentlichen Sinne in der Alltagswelt. Wenn man sich an jene Begebenheiten erinnert, wo dies der Fall war, so wird einem doch auch deutlich, dass von Planung keine Rede sein konnte, sondern vielmehr vom spontanen Reagieren auf eine nicht vorhersehbare Situation. Wie auch immer man diese gemeistert hat, der Beweis für die Fähigkeit eines jeden Menschen zum Improvisieren ist hiermit bereits erbracht. Und im Umkehrschluss bleibt auch festzustellen, dass reine Planung der Killer jeglicher Spontaneität – und letztendlich des Improvisierens – ist.

Was man allerdings kennen sollte, ist ein gewisser Fundus an Material und das Terrain, die Spielwiese, auf der man sich bewegt. Das bringt mich zu einer schönen Analogie zu unserem Thema: unser allseits geliebter Fußball. Warum wohl sind die Zuckerhut-Kicker fünfmaliger Weltmeister? Weil ihnen Improvisations-Kunst über reines Einstudieren und Abrufen bestimmter Spielzüge geht. Da fragt man sich hinterher ungläubig, wieso um alles in der Welt der Ball plötzlich im gegnerischen Tor zappelt.

Aber das eben ist die unberechenbare Logik einer Aneinanderreihung von Geistesblitzen. Eine Idee entstammt immer aus der vorigen und daraus wiederum die nächste. Das Ganze funktioniert aber nur, wenn der innere Wunsch zum Experimentieren und Ausprobieren da ist, wenn man dem Spieltrieb freien Lauf lässt und empfänglich ist für Inspiration. Nur daraus erwächst Kreativität. Bei Kindern ist es i.d.R. relativ einfach, sie ans Improvisieren heranzuführen, wie sich sicherlich jeder vorstellen kann.

Man verteile ein paar Trommeln, und schon beginnt das wunderbare Chaos. Kinder reagieren auf ihr Gegenüber, sind aber auch in der Lage, sich erwartungsfroh und geduldig mit sich selbst zu beschäftigen. Erwachsene hingegen reagieren gehemmt, wenn man sie dazu auffordert, derart Neuland zu betreten, sich wie auch immer kreativ zu äußern oder interaktiv zu agieren. Ein durchaus verständliches Verhalten, da ein Erwachsener gelernt hat, möglichst die Kontrolle über sich und das, was um ihn herum passiert, behalten zu wollen.

Ganz zu schweigen von dem Schutzwall der eigenen Gefühlswelt, die zugegebenermaßen zumindest in der westlichen Hemisphäre auch eines gewissen Schutzes bedarf. Und dann gibt es da ein, wie ich finde, etwas trauriges und recht häufig anzutreffendes Phänomen. Ich kenne eine Menge talentierter, gut ausgebildeter und notenfester Musiker, die vorgegebene Musik bestens wiedergeben und mit Ausdruck interpretieren können. Aber wenn man sie auffordert, ein paar Takte zu improvisieren, heißt es zumeist: „Ja, aber welche Noten soll ich denn spielen?“

Aber es mangelt diesen zumeist klassischen Musikern nicht an musiktheoretischen Kenntnissen wie Skalen, Akkorde und Tonleitern. Nein, sie haben sich eben zu sehr daran gewöhnt, sich ausschließlich auf den musikalischen Pfaden anderer inspirierter Komponisten/Improvisatoren zu bewegen bzw. sich hinter deren Ideengut zu verstecken. Ich will aber jetzt nicht unfair sein: Es hat schon immer Interpreten auf der einen und Improvisatoren auf der anderen Seite gegeben. Das ist soweit auch okay, und i.d.R. scheiden sich deren Wege bereits in der frühen Beschäftigung mit Musik beim Erlernen des Instruments.


>> Hier findest du noch einmal die 5 häufigsten Unarten beim Klaiverspielen und -lernen und gleichzeitig Tipps wie du ihnen vorbeugst. Für Anfänger und Fortgeschrittene gleichermaßen lesenswert. <<

hand-klavier
Florian Huber

Aber mit zunehmender Kenntnis der ach so perfekten Lines und Melodik eines Mozart oder Chopin erwächst eine schier unüberwindbare Blockade, es ebenfalls mal zu versuchen, Klavier zu spielen und zu improvisieren – der Respekt vor den Meistern lässt den eigenen Anspruch in scheinbar unerreichbare Höhen schießen. Also wird erst gar nicht probiert. Man sagt sich, ich kann das eben nicht. Das überlasse ich anderen. Von daher haben Musiker, deren Ausbildung noch nicht so weit fortgeschritten ist, vielleicht den Vorteil der noch „freien Spielwiese“. Du kannst deine eigenen Wege auf dem Klavier beschreiten und „erfahren“, was es da Schönes zu finden gibt.

Da haben wir das entscheidende Wort: Erfahrung. Das ist der Pool, den es weiter und weiter anzureichern gilt durch fortlaufendes Ergründen der unendlichen, sich immer wieder kreuzenden Wege im Melodien- und Harmonienwald. So entwickelt sich nach und nach eine persönliche Sprache, ständig angereichert durch erfahrene Sounds und Tonkombinationen. Da gibt es dann Wege, die man besonders gerne wieder abläuft und noch genauer ergründet, weil sie einem besonders gut gefallen.

Mal in gemächlichem Schritttempo, mal im Dauerlauf, sprich: Man phrasiert und rhythmisiert in verschiedenen Varianten. Und sucht immer weiter und weiter nach neuen Wegen, bis … tja, bis man das Gefühl bekommt, richtig süchtig danach zu werden und schließlich immer mehr spielt. Und das ist der Punkt, an dem ich sage: Now you got it!

Noch mal zurück zu den Klassikern. Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich rate niemandem ab, die Werke und Noten der klassischen Meister zu studieren, ganz im Gegenteil. Man kann das aber auch so sehen, dass Ravel und Co. bereits wunderbare Wege erforscht haben, deren eine oder andere Wendung durchaus in den eigenen Erfahrungspool mit aufgenommen und dort womöglich weiterentwickelt werden kann.

Genauso macht es Sinn, einen Chorus von Bill Evans oder Keith Jarrett zu untersuchen und sich manche Wendung anzueignen, die einem besonders gut gefällt – alles in Ordnung, wenn es die eigene Sprache bereichert und der eigenen Vorstellung von Ästhetik entspricht. Viele Finger finden mehr, das nennt man Eklektik.

Bevor wir nun zum praktischen Teil des Workshops übergehen, möchte ich noch die Gelegenheit nutzen, um an alle Musikpädagogen zu appellieren, den improvisatorischen Teil bei der musikalischen Ausbildung von Kindern und Jugendlichen nachdrücklich zu fördern und zu fordern, üben und zu lernen.

Es wird sich auszahlen, sowohl für jeden einzelnen bzgl. Spaß -Faktor und Persönlichkeitsentwicklung als auch für unsere Kreativabteilung von morgen insgesamt. Das Einsteigermodell Glücklicherweise haben wir auf dem Klavier eine optisch sichtbare Skala, bestehend aus fünf Tönen, deren Namen man noch nicht einmal kennen muss. Jeder Anfänger ohne Vorkenntnisse kann hier direkt loslegen: Die Rede ist von den fünf schwarzen Tasten.

Improvisieren am Klavier Part 1

Es handelt sich hierbei um die pentatonische Skala mit den Tönen Es-Ges-As-Bb-Des (Moll-Pentatonik), siehe Abbildung 1. Alleine aus diesen fünf Tönen lassen sich bereits etliche Melodien auf dem Klavier spielen, ohne groß darüber nachdenken zu müssen, in welcher Reihenfolge man die Töne anspielt. Es wird in jedem Fall ein komplex anmutende Musik entstehen, da es keine „falsche“ Note gibt.

Also nicht nachdenken, sondern losspielen und zuhören, was passiert. Als Nächstes kann man mit der linken Hand eine Art Begleitung spielen, basierend auf exakt denselben Tönen, das Ganze aber eine Oktave darunter. Wie in Abb. 2 zu sehen, lassen sich aus den fünf Tönen vier Doppelgriffe bilden, genauer gesagt vier Quinten, die alle die gleiche Griffbreite haben. Nachdem du dich etwas an die Doppelgriffe mit den entsprechenden Fingersätzen gewöhnt hast, solltest du nun einmal versuchen, mit der rechten Hand erneut, wie oben beschrieben, kleine Melodien willkürlicher Art dazu zu spielen. Und bitte nicht nachdenken, sondern einfach laufen lassen – also improvisieren. Auch Rhythmus kommt später – zunächst sich mit der „Spielwiese“ vertraut machen und Klangerfahrung sammeln.

Das sogenannte Fingergedächtnis merkt sich dann schon bestimmte Kombinationen, die irgendwie gut klangen auf dem Piano. Das Ganze mag dem einen oder anderen Leser jetzt als zu simpel erscheinen. Aber ich sage dir: Ich habe schon einige „Fortgeschrittene“ bei dieser schlichten Übung gehört, und es wollte und wollte nichts herauskommen, da sie immer schon vorher wissen wollten: „Hmm, was wird passieren, wenn ich jetzt das und das mache?“

Und genau das ist der Fehler! Obwohl die schwarzen Tasten auf dem Klavier wahrlich kein Minenfeld sind, wo man Gefahr laufen könnte, einen falschen Ton zu erwischen, war plötzlich eine Blockade da. Aus Angst, sich zu äußern, einer inneren Intention nachzugeben! Dabei kann doch gar nichts passieren. Oder im Gegenteil: Eigentlich sollte doch etwas passieren!

Improvisieren am Klavier Part 2

Also, den Körper und die Finger einfach machen lassen. Und zuhören. Und beobachten, wie man nach und nach auf der Spielwiese/auf dem Klavier freier wird. Je wohler und sicherer du dich allmählich fühlst, desto mehr kann man nun die Melodien ausweiten, indem mehr und mehr schwarze Tasten hinzugenommen werden.

Es sind ja letztlich immer dieselben Töne pro Oktave die du spielen kannst. Abb. 3: Versuche auch mal, Doppelgriffe in der rechten Hand einzustreuen, siehe Abb. 4. Alles ist möglich, da alles passt. Abb. 5 zeigt eine einfache Akkordbegleitung für die linke Hand, über Es-Moll7, F-Moll7, Ges-Major7 und wieder F-Moll  7 .Versuche ebenfalls, über dieser Akkordfolge etwas mit der rechten Hand zu entwickeln. Auch hier passen alle schwarzen Tasten wie zuvor.

Alternative Herangehensweisen

Bisher wurde bewusst nicht auf verschiedene Stilistiken, Licks und Patterns eingegangen, um den Fokus auf dem eigentlichen Sinn von improvisierter Musik zu halten. Im Übrigen wird noch genug über Phrasierung, Atmung und eben auch Patterns gesprochen werden.

Daher zunächst noch einige Anregungen, wie man sich dem freien Spielen nähern kann. Meistens entwickelt sich eine Improvisation aus einer Keimzelle oder einem kleinen Motiv heraus. Im Traditional und Modern Jazz spielt man über die dem Thema zugrundeliegenden Harmonien. Hat man die Möglichkeit, mit mehreren Musikern zu jammen, sind dies natürlich die besten Voraussetzungen, sich auszuprobieren, indem die Interaktion mit den Mitmusikern geradezu gesucht wird. Man bekommt sofort Feedback, man ist ebenfalls gefordert, genau zuzuhören und zurückzugeben.

Dies alles fördert sehr schön das intuitive Spielen auf deinem Klavier, ist jedoch kein Ersatz für das tägliche Üben zu Hause, wo der Umgang mit dem Tonmaterial erforscht wird. Eine recht ergiebige Methode, sich ins Freiwasser zu wagen, besteht m. E. darin, sich irgendein Thema vorzunehmen, das man gut kennt und einigermaßen beherrscht. Jetzt versucht man, es an einigen Stellen etwas zu verändern, aber nur immer ein wenig. Es ist wichtig, dass man sich nicht zu weit vom Thema entfernt, sonst reißt irgendwann die Leine, und man hört es nicht mehr im inneren Ohr. Denn das sollte bei dieser Übung, bei aller Verfremdung, nicht passieren.

Impro-Übunegn für das Klavier

Es erfordert ziemlich viel Konzentration, macht aber insofern echt Sinn, da das stets noch präsente Thema dir eine gute Führung ist. Melodisch wie harmonisch. Man hangelt sich sozusagen am Thema entlang und entfernt sich dann peu à peu. Alle wirklich großen Jazzmusiker haben auf diese Weise ihre weiten Improvisationsausflüge begonnen, zunächst noch relativ lang die Nähe zum Thema suchend. Sicherlich auch deswegen, um den Spirit des Themas aufzusaugen, um anschließend dem Chorus eine entsprechend intensive Richtung geben zu können.

Sehr gut finde ich auch das Spielchen, eine neue Phrase stets aus dem Ende der vorherigen Phrase zu entwickeln. Das hält einen ziemlich am Ball und sorgt gleichzeitig dafür, dass man keine „Bandwürmer“ produziert und entsprechend zwischen den Phrasen atmet. Aber es entsteht eine recht intensive Logik, da natürlicherweise alles miteinander zusammenhängt. So, jetzt wünsche ich dir bestes Gelingen und viel Vergnügen am Klavier ohne Klaviernoten. Beim nächsten in diesem Improvisations Kurs kümmern wir uns dann schon um die linke Hand!

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