Spieltechnik Improvisation Teil 2

Improvisation am Klavier

Beschäftigten wir uns beim letzten Mal vornehmlich mit den kreativen Aspekten und verschiedenen Herangehensweisen der Improvisationskunst, so steigen wir heute entsprechend praxisbezogen in die Materie ein. Den Schwerpunkt bilden rhythmische Patterns über einen jazzigen Groove in der linken Hand.

Rockin Piano Klavier Aufmacher

Das zugrunde liegende, achttaktige Akkordschema ist eine Harmoniesequenz, wie sie auch beispielsweise im A-Teil des allseits bekannten Standards Autumn Leaves zu finden ist. Diese Sequenz eignet sich besonders gut für die ersten Schritte des Improvisierens, da eine einzige Skala durchweg über alle sieben Harmonien passt. Aber mach dich zunächst einmal mit den einzelnen Akkorden bzw. Griffbildern vertraut. Abbildung 1 zeigt das Akkordschema in enger Lage, d. h., mit Septimen als größtem Intervall für die meisten von Ihnen relativ leicht spielbar. Wer Dezimen greifen kann, sollte sich die sicherlich schöner klingende zweite Variante in weiter Lage (Abbildung 2) anschauen.

Sollte es dies aber für den einen oder anderen etwas mühsam sein, zumal die Konzentration letztlich auf einen relaxten Groove in Verbindung mit der rechten Hand ausgerichtet sein sollte, kann man zwischen beiden Varianten hin und her switchen. Des Weiteren gilt es zu beachten, dass es sich hierbei um einen ternären Beat handelt, also einen triolisch gefühlten Swing-Groove. In Abbildung 3 wird dies verdeutlicht: Es wird der Einfachheit halber zwar in geraden Achteln notiert, gespielt werden die Achtel aber triolisch. Die Zählweise ist demnach: 1 + te, 2 + te, 3 + te, 4 + te.

Impro-Übunegn für das Klavier

Die jeweils auf dem Offbeat notierte zweite Achtel wird immer als dritte Triolenachtel einer jeden Viertel interpretiert und gespielt. Dies bezieht sich nicht alleine nur auf die im Folgenden gezeigten rhythmischen Patterns in den Übungsbeispielen 1–7, sondern natürlich auch auf die Phrasierung der Akkorde in der linken Hand. Jede Achtel nach der Punktierung muss ebenfalls triolisch und synchron mit der entsprechenden Triolenachtel der rechten Hand gespielt werden. Aber das Ganze ist gar nicht so schwer, wie du sicher später feststellen wirst. Und bei entsprechendem Swing-Feeling lassen sich die Übungen sowieso besser verstehen und lernen.

Hintergrund zu den Übungen und Beispielen In langjähriger Erfahrung mit Schülern der verschiedensten Fortgeschrittenengrade habe ich immer wieder festgestellt, dass die schnellsten Fortschritte und besten Resultate durch die Förderung des rhythmischen und phrasierungstechnischen Verständnisses zu erzielen sind. Je mehr das Augenmerk auf den Flow gerichtet ist, desto einfacher gestalten sich auch Melodiebildung und Formgefühl. Ein Feeling für natürliches Phrasieren und Spiellogik ergibt sich also aus dem bewussten Aufsetzen auf die Time- und Beat-Ebene, auf deren konstante Vorwärtsbewegung und Organisation.

Improvisieren am Klavier Part 4

Von daher halte ich die Schulung des Flow für die wichtigste Eigenschaft bei dem Thema Improvisation, wichtiger als das Know-how um Skalen und harmonische Tricks. Denn was nützt die schönste melodische Wendung, wenn sie nicht swingt, da sie am falschen Platz sitzt und daher eckig rüberkommt? Der Flow bestimmt die Spiellogik, das Laufenlassen sorgt für die Inspiration. Die Übungen in Beispiel 1 sind eintaktige, in Beispiel 2 zweitaktige Phrasen.

Improvisieren am Klavier Part 5

Am besten übt man sie in Form eines Loops. Das Tonmaterial beschränkt sich weitestgehend auf zwei bis drei Töne, damit man sich ausschließlich auf die Rhythmik konzentrieren kann. Von Pattern zu Pattern gibt es jeweils nur kleine, aber wichtige Veränderungen. In den Übungen 1a bis 1d verschiebt sich beispielsweise die Achtelgruppe über die Zählzeiten 1, 2, 3 und 4. In den Übungen 2a bis 2d vollzieht sich dasselbe, allerdings sind hier jeweils Pausen eingebaut.

3a bis 3d beginnen stets auf dem Offbeat usw. Das Ziel dieses gesamten Übungsmodells ist es, jedes Pattern in sich zu verstehen und ins Groove-Feeling aufzunehmen – selbstverständlich bei gleichzeitigem Support durch die Akkorde in der linken Hand. Erst wenn man in der Lage ist, bei fortlaufendem Beat alle Patterns miteinander kreuz und quer zu kombinieren, kann man langsam dazu übergehen, die Töne – nicht die Rhythmik! – zu verändern und um das Tonmaterial der kompletten E-Moll-Skala (Abbildung 4) zu erweitern. Du wirst erstaunt sein, welche Melodik alleine durch die sieben Töne der E-Moll-Skala in Verbindung mit den Patterns entsteht. Ich rate dennoch zu einer systematischen Vorgehensweise bei der Beschäftigung mit dem Material. Und zwar wie folgt:

Tipps zum Üben einer Improvisation

1) Ein moderates, aber konstantes Tempo wählen, welches Ihnen ein relaxtes Swing-Feeling ermöglicht.

2) Beginne mit den Akkorden in der linken Hand. Konzentriere dich auf die 2 +. Zähle nötigenfalls mit: 1 – 2 + te 3 – 4. Zunächst die ersten beiden Akkorde Am7 – D7 im Wechsel üben. Dann die Akkorde Gmj7 – Cmj7 in Takt 3 und 4 im Wechsel. Als Nächstes alle vier Akkorde von Takt 1–4 im Block ausprobieren. Gehen Sie mit Takt 5–8 genauso vor, um als Letztes beide Viererblöcke zusammenzubauen.

3) Nimm dir nun Übung 1a vor. Begleiten Sie sich mit der linken Hand zunächst nur mit dem Am7-Akkord, und achten Sie auf die Triolenachtel. Spielen Sie das Pattern konsequent in einem Loop durch, ohne anzuhalten. Als Nächstes verfahren Sie genau so mit den Übungen 1b, 1c und 1d.  Probiere dann einen kompletten Harmoniendurchlauf, wieder angefangen mit 1a.

4) Versuche nun Kombinationen wie 1a – 1b, 1a – 1c, 1b – 1d, 1a – 1b – 1c – 1d usw.

5) Verfahre nach und nach mit den anderen Übungen 2 bis 7 auf dieselbe Art und Weise. Reduzieren Sie notfalls die Begleitung der linken Hand auf den Am7-Akkord, bis das jeweilige neue Pattern ins Feeling übergegangen ist.

6) Der letzte Schritt wäre nun, nach und nach die Töne der E-Moll-Skala mit zu verwenden. Genau genommen fängt erst hier der Spaß richtig an, aber leider ist hierfür das Beherrschen der vorausgegangenen Übungen eine grundlegende Vorbedingung. Modifiziere die Patterns jeweils nur leicht durch Hinzunehmen einzelner neuer Töne. Versuche, motivisch zu spielen, was ja letztlich schon durch die vorgegebene Rhythmik erleichtert ist. In den Beispielen 3–5 sind ein paar der unendlichen Kombinationsmöglichkeiten als Anregung aufgezeigt. Sehr wichtig ist es, immer wieder auch Pausen einzubauen.

Improvisieren am Klavier Part 6

Pausen sind der Atem der Musik, sie ermöglichen uns zudem, besser zuzuhören und auf das Geschehen zu reagieren. Ein Credo von Miles Davis war immer: zuhören, zuhören, zuhören! Und selbst die Plattitüde „Weniger ist mehr“ war Bestandteil seiner Philosophie über Aufbau und Spannungsbogen in der Kunst des – auch kollektiven – Improvisierens. Viele seiner ehemaligen Mitmusiker haben diesbezüglich eine Menge von ihm gelernt und ihre anschließende Karriere nicht zuletzt dieser Erfahrung zu verdanken. Also, viel Spaß beim Grooven, und let it flow und bis zum nächsten Mal.


>> Hier findest du noch einmal die 5 häufigsten Unarten beim Klavierspielen und -lernen und gleichzeitig Tipps wie du ihnen vorbeugst. Für Anfänger und Fortgeschrittene gleichermaßen lesenswert. <<

hand-klavier
Florian Huber
Hinterlassen Sie einen Kommentar

Das könnte Dich auch interessieren: