Spieltechnik für Einsteiger Teil 5

Gehörtraining: Intervalle und Akkorde

Im vorangegangenen Gehörtraining-Workshop widmeten wir uns den sogenannten Basisintervallen. Dieses Mal stehen die klangcharakteristischen Eigenheiten spezifischer Intervalle und Akkorde im Fokus, und wie man deren Erkennung gezielt trainieren kann.

Dur / Moll

Das Erkennen des Tongeschlechts ist die zunächst wichtigste Herausforderung für alle angehenden Musiker. Hierfür gibt es verschiedene Herangehensweisen, sei es über das Gefühl, die gesammelte Hörerfahrung oder musiktheoretische Kenntnisse. Zur Stabilisierung und Sicherheit bei der Bestimmung von Dur und Moll ist natürlich die Summe aller drei Varianten das Optimum, aber zunächst zurück zum Gefühl.

Es gibt die landläufigen Attribute wie: Dur = hell, strahlend, optimistisch, klar … Moll = dunkel, introvertiert, traurig, melancholisch … Wie auch immer … im Kern trifft dies hinsichtlich Charakter und Wirkung durchaus zu. Insofern kann man bei spontaner Bestimmung des Tongeschlechts auch darauf vertrauen. Hinzu kommt der Fundus an Musik, den man im Laufe seines Lebens bewusst wie unbewusst angereichert hat.

Sofern man das Tongeschlecht einzelner Musiktitel weiß, hilft dies assoziativ bei der Wahrnehmung ähnlich klingender Akkorde in anderem Kontext. Wobei mir folgender Gedanke kommt: Viele Menschen wachsen gänzlich ohne klassische Musik auf. Auf Klassik-Alben steht rückseitig stets: „Sonate Nr. XY in xy-Dur oder -Moll“.

Warum steht hinter den Titeln auf Rock oder Pop-Alben nicht der jeweilige Zusatz?!? Das wäre sehr hilfreich für die assoziative Einordnung im Gehör eines jeden Rezipienten. (ein bescheidener Wink an die Musikindustrie). Doch nun zum musiktheoretischen Aspekt der Dur/Moll-Unterscheidung. Die 3. Stufe, also die Terz, ist allein entscheidend (siehe Abbildung 1).

Gehörtraining Noten

Merkwürdigerweise gelingt es den meisten jungen Musikern am ehesten, das Tongeschlecht eines Dreiklangs beim Erklingen in Grundstellung zu definieren. Verständlich, denn der Grundton (Referenzton) liegt in diesem Falle auch unten. Schwieriger ist dies in der 1. und 2. Umkehrung. Also sollte man als Erstes nach dem Grundton forschen. Liegt er in der Mitte oder gar oben?

In letzterem Fall (c-moll, 1. Umkehrung) hilft die Oktavierung des C um eine Oktave nach unten, sodass sich die große Sexte wieder in ihr Komplementärintervall, die kleine Terz, zurückverwandelt. (s. Abb. 2). Generell sollte man sein Ohr auf die intervallische Struktur der drei möglichen Lagen eines Dreiklangs (Grundstellung, 1. Umkehrung, 2. Umkehrung ) schärfen.

Demzufolge können bei einem Dreiklang entweder der Grundton, die kl./gr. Terz oder die Quinte unten liegen. In Abb.4 finden Sie hierfür eine spezielle Übung, die Sie beliebig fortführen können. Übrigens ist Gehörtraining zu zweit oder zu mehreren Personen wesentlich ergiebiger, da man sich gegenseitig abfragen kann. Wenn ich selbst den Akkord am Keyboard anschlage, weiß ich ja bereits, worum es sich handelt. Und der Spaßfaktor zu mehreren ist, wie üblich, sowieso immer größer.

Sept-und Nonenakkorde

Zu dem Dreiklang, bestehend aus den Stufen I, III und V, fügen wir nun die VII. Stufe hinzu: Dadurch ergibt sich ein Septakkord. Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich hierbei lediglich um eine Erweiterung des bereits bekannten Grund-Dreiklanges handelt.

Additionale Töne wie die Stufen 7, 9, 11 und/oder 13 verfeinern also den Charakter eines Akkordes, ohne ihn in seiner Grundtendenz zu verändern. Es sind unterschiedliche Klangfarben, die hierdurch entstehen. Und diese sollte man sich einprägen. „Major7“ beispielsweise wirkt sehr weit und offen durch die additionale große Septime. Wohingegen der Dominantseptakkord harmonisch richtungsweisend wirkt, da die kleine Septe starken Auflösungscharakter hat. „Moll7“ wiederum wirkt verträumter als die Basisversion I – III – V.

Ein Septakkord bietet allerdings auch eine Umkehrung mehr. So kann der eigentliche Grundton unten, zweifach in der Mitte oder in der Oberstimme liegen. Aber in allen drei Umkehrungen bildet sich eine Sekunde, deren Reibung aufgrund der engen Nachbarschaft zweier Töne zustande kommt. Hört man diese Reibung, kann es sich schon mal nicht um die Grundstellung handeln.

Gehörtraining Übungsnoten

Es ist sogar leicht, den Grundton zu orten: Der höhere Ton der Sekunde ist immer der Grundton, der tiefere immer die Septime. (s. Abb. 6). Die Terzschichtung (s. Abb. 7) vervollständigt – in Dur wie Moll – ab der zweiten Oktave das Tonmaterial einer Skala um eben diese additionalen Töne, der II., IV. und VI. Stufe, die ja auch die klassischen Vorhalte sind (siehe Workshop 1/09). So wird durch das Hinzunehmen der None (oder II. Stufe) das Klangspektrum noch weiter und offener als beim Septakkord. Gleichzeitig ist die Nähe der None zum Grundton deutlich zu hören.

 


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hand-klavier
Florian Huber

 

Vermindert und Übermäßig

Hierbei handelt es sich um sogenannte alterierte Akkorde mit halbtöniger Verrückung der IV. bzw. V. Stufe. Beim verminderten Akkord gilt das besondere Augen(Ohren)merk dem Tritonus, in Abbildung 8 beispielsweise C-Ges. Dieses Intervall, zwischen Quarte und Quinte liegend und exakt die Hälfte einer Oktave abbildend, hat einen sehr dissonanten Charakter mit starkem Auflösungsdrang hin zur Quinte.

Diesen speziellen Sound sollte jeder zunächst ausgiebig erkunden und sich einprägen. Halbiert man nun wiederum den Tritonus, so erhält man zwei kleine Terzen, womit wir bereits beim verminderten Akkord angekommen wären. Die Herleitung in Kürze: Quinte und Terz werden beide tiefalteriert, also jeweils um einen Halbton nach unten versetzt (s. Abb. 9). Der eigentümlich spannungsreiche Charakter dieses Akkordes sorgt für einen relativ starken Wiedererkennungswert.

Er wirkt wahrlich „verkürzt“, rastlos und energiegeladen. Man denke an die Stummfilmzeiten, als der Klavierspieler im Kino den Sound zum Geschehen auf der Leinwand machte. Mehr als 50 % rein verminderte Akkorde! Der übermäßige Akkord wirkt wesentlich offener und besitzt auf Grund der zwei aufeinandergeschichteten großen Terzen Expansionscharakter. Die übermäßige Quinte strebt zur Sexte bzw. zur Terz einer neuen Tonika (s. Abb. 10).

Häufig wird der übermäßige Akkord daher als Dominante verwendet. Zugleich ist dieser Akkord die exakte Dreiteilung einer Oktave, bestehend aus drei großen Terzen. Dies ist eine Art Raster, an dem man sich klanglich gut orientieren kann. Und um auch hier eine Analogie zur realen Welt aufzuzeigen: Kein Soundtrack eines US-Blockbusters kommt heutzutage ohne den „Übermäßigen“ aus, und jeder kennt es. Ob Batman oder Star Trek, Beispiele hierfür gibt es genug. Der Trick ist, auf der Dreiteilung der Oktavetonikal aufzusetzen (s. Abb. 11, 12). Man errichtet also beliebig Dreiklänge auf dem Raster C – E – As.

Egal ob man komponiert, mit der Band jammt oder für sich alleine improvisiert: Die Erfahrung und das Wissen um die klanglichen Charakteristiken von Akkorden erweitern die musikalische Vorstellung und Ausdrucksmöglichkeit. Abschließend noch ein paar Tipps:

1.: Wann immer du Musik hörst, beispielsweise auch im Auto: Versuche, Dur oder Moll zu bestimmen.

2: Konzentrier dich auf den Grundton, wo auch immer er liegt.

3: Ein neuer Referenzton kommt immer, spätestens auf der nächsten 1.

4: Behalte den Referenzton so lange wie möglich im Kopf.

5: Versuche, Intervalle zu singen. Angefangen bei der Oktave, dann die Quinte, schließlich die Akkordstruktur I – III – V – III – I.

6: Ein gestimmtes Klavier ist ein guter Begleiter.

Viel Spaß und Erfolg!

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