Spieltechnik für Einsteiger Teil 6

Die Kirchentonarten – Skalen & Tonleitern

Mit diesem Workshop beginnen wir eine neue Reihe bzgl. Skalen (Tonleitern), die ja bekanntlich eine der Grundlagen für Soli und Improvisation darstellen. Teil 1 ist ausschließlich den Kirchentonarten gewidmet, da sie in der heutigen Popularmusik eine zentrale Rolle einnehmen.

Kirchtonarten

Definition und Herkunft von Kirchtonarten

Kirchentonarten sind eher Tonleitern als Tonarten. Es sind 7-Ton-Skalen, deren Modus durch die individuelle Abfolge von Halb- und Ganztö- nen definiert wird. Es existieren jeweils drei Dur- und vier Moll-Skalen, deren Klangcharakter jedoch sehr eigenwillig und daher leicht voneinander abzugrenzen ist. Kirchentonleitern wurden bereits im frühchristlichen Mittelalter in gregorianischen einstimmigen Chorälen verwendet. Das melodische Tonmaterial führte später zur Mehrstimmigkeit und zur Begründung unseres heutigen harmonischen Dur-Moll-Systems.

Das System der Kirchtonarten

In Abb. 1 sind alle sieben Kirchentonarten anhand der weißen Tasten aufgezeigt. Wenn man nun sieben Töne vom jeweils benachbarten Ton aufsteigend spielt, durchläuft man der Reihe nach: C – C: Ionisch (Dur), D – D: Dorisch (Moll), E – E: Phrygisch (Moll), F – F: Lydisch (Dur), G – G: Mixolydisch (Dur), A – A: Äeolisch (Moll), H – H: Lokrisch (Moll/halbvermindert). Man sollte sich die Sache folgendermaßen vorstellen, um sich bildlich einzuprägen, welche Skala oberhalb oder unterhalb einer jeweils anderen liegt bzw. in welchem intervallischen Abstand sie untereinander in Beziehung stehen:

Ionisch

Lokrisch

Äeolisch

Mixolydisch

Lydisch

Phrygisch

Dorisch

Ionisch

Beispiel: Dorisch liegt über Ionisch. 1 Ganzton. Oder: Lydisch liegt über Phrygisch. 1 Halbton. Oder: Mixolydisch eine Quinte über Ionisch, aber auch 1 Ganzton unter Äeolisch.

Oder: Lokrisch einen Tritonus entfernt von Lydisch (sowohl nach oben wie nach unten natürlich, da dies derselbe Abstand ist). Es läuft darauf hinaus, dass man nur alle 12 Dur-Tonleitern (ionisch) können und die Positionen der Kirchentonleitern wissen muss, um alle 84 möglichen Harmonien skalentechnisch zu beherrschen. Denn: Eine Tonleiter impliziert bereits sieben harmonische Bezugsmöglichkeiten – multipliziert mit den 12 vorhandenen Grundtönen ergibt dies 84.

Noch ein paar Beispiele:

Angenommen, ich habe Gbmj7#11(Ges-B-C-F) zu spielen, also lydisch. Welche Skala brauche ich nur zu können? Die ionische Dur-Tonleiter auf Db (Des), denn ionisch liegt genau eine Quart unter Gb (Ges). Oder ich habe Bbm6 (B-Des-F-G) als dorisches Voicing in der linken Hand. Also muss hier die As-Dur-Tonleiter passen, die einen Ganzton unter dorisch liegt. Wird phrygisch G verlangt, ist die Es-Dur-Tonleiter passend, da zwei Ganztöne darunter gelegen.

Eine weitere Möglichkeit, sich die Lage der Skalen und der zwei Halbtonschritte näherzubringen, besteht in der Unterstützung durch Oktaven in der linken Hand. Spielt man dort nacheinander die sieben möglichen Grundtöne in Oktaven bei gleichzeitigem Auf- und Abspielen der Skala mit der rechten Hand, zeichnet sich auch relativ schnell ein strukturelles Bild ab. Ebenso möglich ist die Unterstützung durch die linke Hand mit den entsprechend verschobenen Dur/Moll-Akkorden.

Klangfarben

Zunächst zu den drei Dur-Skalen. Ionisch und Mixolydisch dürften alte Bekannte sein, kennt man sie doch als Mj7 bzw. 7 und sus4 (Septakkord mit hinzugefügter Quarte). Besonders interessant ist Lydisch (1 Ganzton unter Mixolydisch gelegen). Die übermäßige Quarte verleiht der Skala Weite und Offenheit, wodurch sie nicht so tonikal wirkt wie beispielsweise das reine ionische Dur.

Lydisch ist nicht nur im Jazz eine beliebte Skala, durchaus auch im Pop und Rock. Der Harmoniewechsel Cm – Abmj7#11, also Äolisch – Lydisch, kommt recht häufig vor. Die vier Moll-Kirchentonarten glänzen noch mehr durch spezielle Färbungen. Nicht unbedingt Äeolisch, das gemeinhin als normales Moll oder Parallele der Dur-Tonleiter bezeichnet wird. Aber beispielsweise Dorisch, das durch die große Sexte einen weicheren, helleren Klang erzeugt als das dunkle Äeolisch. Die plätschernde Intro zu Riders on the Storm von den Doors z. B. – auch in dorisch.

Kirchtomaten Noten

Man erinnert sich? Phrygisch hingegen klingt sehr aufregend durch die kleine Sekunde zu Beginn und erinnert stark an spanische Gitarrenmusik. Chick Coreas La Fiesta z. B. setzt auf der phrygischen Skala auf. Lokrisch fällt bei den Kirchentonleitern etwas aus dem Rahmen. Die verminderte Quinte und die kleine Sekunde zu Beginn schränken die Einsatzmöglichkeiten etwas ein.

Dennoch ist Lokrisch eine passende Skala über den halbverminderten Akkord bei II-V-I-Kadenzen im Jazz. Im nächsten Workshop werde ich mit Beispielen und Übungen die einzelnen Kirchentonarten noch genauer beleuchten, ebenso spezielle harmonische Verbindungen untereinander. Zunächst einmal ist es aber wichtig, dass du dich hier mit dem Tonmaterial und seinen Eigenheiten vertraut machst. In Abb. 2 sind alle sieben Kirchentonarten hintereinander auf ein und demselben Grundton C gebildet, was einen etwas anderen Blickwinkel auf unsere Tonleitern zulässt.

Man kann z. B. besser erkennen, wie gering eigentlich die strukturellen Unterschiede zwischen den einzelnen Skalen sind. Wenn man davon ausgeht, dass die normale Dur- und normale Moll-Tonleiter – also Ionisch und Äeolisch – dem einen oder anderen schon etwas geläufig sind, kann man folgendermaßen denken:

Lydisch ist normales Dur, aber mit übermäßiger Quarte.

Mixolydisch ist normales Dur, aber mit kleiner Septime.

Dorisch ist normales Moll, aber mit großer Sexte.

Phrygisch ist normales Moll, aber mit kleiner Sekunde.

Von daher ist es ganz ratsam, dasselbe wie in Abb. 2 auch einmal mit anderen Grundtönen durchzuführen, z. B. auf G, D, F und Bb. Und dabei wünsche ich viel Spaß! Hier geht es zur 2. Folge.


>> Hier findest du noch einmal die 5 häufigsten Unarten beim Klaiverspielen und -lernen und gleichzeitig Tipps wie du ihnen vorbeugst. Für Anfänger und Fortgeschrittene gleichermaßen lesenswert. <<

hand-klavier
Florian Huber

 

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