Spieltechnik Improvisation Teil 4

Das Piano Solo

Im vierten Teil der Workshop-Reihe Improvisation widmen wir uns einigen speziellen Herausforderungen des Solo-Pianospiels. Dies ist die Königsdisziplin der Improvisationskunst, auch wenn es ganz bestimmt einiger Übung und Geduld bedarf – nicht zuletzt bzgl. der Kenntnis harmonischer Abläufe, komplexer Satztechnik und der zu erlernenden Unabhängigkeit beider Hände.


>> Hier findest du noch einmal die 5 häufigsten Unarten beim Klaiverspielen und -lernen und gleichzeitig Tipps wie du ihnen vorbeugst. Für Anfänger und Fortgeschrittene gleichermaßen lesenswert. <<

hand-klavier
Florian Huber

 

Eines vorweg: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Ist zwar nur ein Spruch, aber ein Spruch mit wahrhaftigem Inhalt. Man sollte nicht glauben, dass Jarrett, Corea und all den anderen Piano-Heroes ihre Brillanz und Meisterschaft so einfach zugeflogen wären. Nein, dazu gehört akribisches, jahrelanges Üben, und zwar mit Köpfchen! Und genau diese Erkenntnis sollte jedermann antreiben anstatt zu desillusionieren, sofern Ambitionen im Solo-Bereich bestehen. Manuelle wie kopftechnische Fähigkeiten bedingen sich gegenseitig, deren Zusammenwirken mit entsprechenden Resultaten nur durch konstant gesteigertes, regelmäßiges Training erreicht wird.

Improvisieren am Klavier Part 15

Denn mal los. In Abbildung 1 ist ein Harmonie-Schema in G-Dur vorgegeben, dessen Skala sich auf Grund der diatonischen Verschiebung innerhalb der ersten fünf Takte nicht ändert. Der Bass wandert einfach die Tonleiter herunter, durchläuft dabei die Dominante als Sextakkord zur Parallele E-Moll, weiter zur Subdominante C-Dur und Tonika G-Dur. Ab Takt 6 folgen die Harmonien G-Moll6 als Sextakkord sowie abschließend die Doppeldominante A7 und die Dominante D7.

Die Skalen verändern sich dabei nur geringfügig, siehe Abbildung 2. In Takt 6 wechselt G-Dur nach G-Moll dorisch, d. h., H wird zu B und Fis zu F. Alle anderen fünf Töne bleiben gleich. In Takt 7 folgt A mixolydisch, also G-Dur mit Cis. Takt 8 ist D mixolydisch, also wieder identisch mit G-Dur. Demnach gibt es lediglich zwei Takte, wo sich Halbtöne kurzfristig ändern: Takt 6 und 7. Auf unserer Website sind alle Tracks in zum Teil erweiterter Form nachzuhören und sollen dir u. a. als Anleitung bzw. Inspiration zum Experimentieren dienen.

Akkordbrechungen und Synkopen

Etwas zur Satztechnik. Um ein möglichst komplexes Klangbild zu erzeugen, sollte man versuchen, linke und rechte Hand nicht gleichzeitig, sondern möglichst abwechselnd zu spielen und miteinander rhythmisch zu verweben. Bei gleichbleibenden Begleitfiguren in der linken Hand – auch Ostinato genannt – spielt die rechte Hand in die Lücken der linken. Führt die rechte Hand, so setzt man die Linke dazwischen. Hierdurch vermeidet man, dass der Groove zu statisch klingt. Darüber hinaus harmonisiert die weite Lage mit Dezimengriffen in der linken Hand ausreichend und ermöglicht der rechten maximale Freiheit in Bezug auf Lines und Melodiebildung.

Improvisieren am Klavier Part 16

In Abbildung 3 ist dies veranschaulicht. Die rechte Hand bereitet jeweils einen vierstimmigen Akkord im Oktavrahmen vor und setzt ihn gebrochen in die rhythmisch freibleibenden Stellen der linken Hand. Auf diese Weise überbrückt man nebenbei eine relativ große Range in der rechten Hand und unterstützt zugleich den Achtelgroove. Dasselbe passiert in Abbildung 4 durch die synkopierte Phrasierung. Die rechte Hand spielt weitestgehend auf Offbeats, also auf den unbetonten Zählzeiten 1+, 2+, 3+, 4+, 5+, 6+ des 6/8-Taktes. Bei der Ausführung beider Beispiele ist darauf zu achten, dass man die richtigen Fingersätze nimmt.

Improvisieren am Klavier Part 17

Einfacherweise spielt man dies als Doppelgriffe, also jeweils zwei Intervalle zusammengefasst. Das Harmonie-Schema in Beispiel 4 ist etwas vereinfacht, damit man in der G-Dur-Skala verweilen und sich ausschließlich auf die Rhythmik konzentrieren kann. Versuchen Sie aber dennoch eine entsprechende Variante über das Schema der vorherigen Beispiele.

Sexten und Terzen

Die Sexte und ihr Komplementärintervall Terz bieten sich melodisch als Klangverstärker an. Die mitgeführte Unterstimme bewegt sich wie die Oberstimme auf derselben Skala. Dies mag zuweilen etwas klassisch klingen, aber ab und an sorgen diese Intervalle, insbesondere Sexten, für erstaunlichen Druck. Ein Bläsersatz ist auch kräftiger als ein Solist.

Improvisieren am Klavier Part 18

In Abbildung 5 wandern abwechselnd Sexten und Terzen über eine 16tel-Begleitung in der linken Hand. Die Begleitfigur in der linken Hand ist nicht sonderlich schwierig, wenn man alle Noten bis auf die jeweilige erste Note der Figur relativ piano und leicht spielt. Handgelenk locker, stabiler 5. Finger für die Bässe, so geht’s.

Rhythmische Verschiebungen

Im Gegensatz zur Polyrhythmik handelt es sich hierbei um das Zusammenspiel zweier Figuren mit gleicher Konstante, aber unterschiedlicher Länge. In Abbildung 6 bedeutet dies: Eine 16telVierergruppe in der rechten, eine Sextole in der linken Hand. Oder mathematisch ausgedrückt: Pro Takt spielt die rechte Hand ihre Gruppe drei Mal, die linke Hand ihre Sextole zwei Mal. Daraus ergeben sich interessante Akzentverschiebungen, insbesondere dann, wenn man die 1 einer jeden beginnenden Vierergruppe der rechten Hand hervorhebt. Ich empfehle, diese Übung zunächst sehr langsam zu üben, um die erforderliche Unabhängigkeit beider Hände zu trainieren und den Verschiebungseffekt der Akzente zu verinnerlichen.

Improvisieren am Klavier Part 19

Dann nach und nach aufs Tempo ziehen, wobei das Endtempo getrost dir überlassen ist. Versuche auch mal, dieses Beispiel zu vertauschen, also in der linken Hand eine Vierergruppe und in der rechten Hand Sextolen zu spielen. Klingt ebenfalls interessant, diesbezüglich sind Akzentverschiebungen keinerlei Grenzen gesetzt. Und was die Kreativität während einer laufenden Improvisation betrifft: Oftmals lassen sich genau aus solchen Verschiebungen spontan weitere Ideen entwickeln. Teste deinen Horizont aus, wer weiß, was für schöne Dinge zu Tage gefördert werden. Und nun wünsche ich dir viel Spaß beim Ausprobieren!

Hier geht es zum 5 Teil unserer Impro-Reihe.

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