Alptraum oder Herausforderung?

SynthLab – Modular live!

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Angesichts des drögen Anblicks Mäuse-schubsender Laptop-Akteure stellt sich die Frage nach publikumswirksameren Präsentationen eines Elektronik-Live-Acts. Das Modularsystem kann hier unbestritten Pluspunkte bringen.

Keith Emerson

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Ein Modularsystem auf der Bühne – geht’s noch?! Ich höre förmlich spontanen Protest … Wer Modularsysteme jedoch grundsätzlich nicht als Anachronismus abtut, sollte sich mit ihrer Rolle als Musikinstrument beschäftigen – und Instrumente gehören nun einmal (auch) auf die Bühne. Die grundsätzliche Möglichkeit, ein Modularsystem live auf der Bühne zu spielen, ist unbestritten. Die jüngere Musikgeschichte bietet dazu zahlreiche Beispiele. Wir wollen uns an dieser Stelle überlegen, welchen Sinn dieses Vorhaben heute macht und welche technischen Voraussetzungen geschaffen werden müssen, um die Herausforderung nicht zum Alptraum – für Musiker und Publikum – werden zu lassen.

Sinn oder Unsinn?

Warum sollte man heute mit einem Modularsystem die Bühne betreten? Bekanntlich ist eine publikumswirksame Live-Präsentation dem Erfolg nicht abträglich. Stehen keine instrumentalistischen Fähigkeiten im Vordergrund, hat man als Keyboarder oder „Electronic Artist“ nicht übermäßig viele Optionen, seinem Publikum die Entstehung der Musik visuell nahe zu bringen. Die Präsenz eines Modularsystems ändert die Situation jedoch schlagartig: Das Zusammenspiel von Akteur (en) und Musik bleibt dem Publikum nicht mehr völlig verborgen – von der bestechenden Optik eines solchen Instruments einmal ganz abgesehen.

Während kosmische Kuriere, Kraut- und Bombastrocker der frühen 1970er ihre Modularsysteme jahrelang mangels Alternativen mit auf die Bühne schleppen mussten, bietet sich selbiges heute als wirkungsvolle Option und künstlerisches Alleinstellungsmerkmal an. Zudem besitzen moderne Modularsysteme Features und Funktionen, die ihren Live-Einsatz wesentlich weniger abenteuerlich gestalten als das Instrumentarium aus den Anfängen der Synthesizertechnik.

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Moog Modular Der Klassiker: Keith Emersons legendärer Modular Moog von 1969. Das 3C-System mit zwei zusätzlichen „Etagen“ (ganz unten und oben) sollte auch optisch beeindrucken – u. a. mit Gimmicks wie dem „Fake“-Oszilloskop (rechts oben). Moog stattete das System mit einer „Preset-Unit“ aus (im unteren Gehäuseteil), die ansatzweise Klangwechsel ermöglichte: 14 Presets lieferten CVs für drei Oszillatoren und Filter-Cutoff sowie für vier CV-Mixer, die somit weitere Parameter steuern konnten. (Bild: Matthias Fuchs)

Modularsysteme für die Bühne

Welche grundlegenden Eigenschaften sollte ein Live-Synthesizer, unabhängig vom Typus der damit aufgeführten Musik, erfüllen? Er sollte möglichst transportabel, zuverlässig und klanglich flexibel sein – drei Eigenschaften, die von Modularsystemen auf den ersten Blick nun gar nicht erfüllt werden. Oder doch?

Portabilität: Spätestens seit dem Siegeszug der Eurorack-Module muss ein Modularsystem kein schrankformatiges Monstrum mehr sein. Die Fläche eines durchschnittlichen 16-Kanal-Live-Mixers liefert schon ausreichend Platz für eine hohe Funktionsdichte mit einer Vielzahl von Anwendungen (s. u.).

Als Gehäuse sollte man unbedingt eine stabile Flightcase-Variante wählen. Auch Kunststoff- oder Alukoffer bieten sich dank ihres vergleichsweise geringen Gewichts an. Aufrecht stehende Systeme benötigen weniger Stellfläche und sind für das Publikum besser sichtbar.

Bei der Planung des Gehäuses sollte man zudem ein Fach für Patchkabel nicht vergessen; Letztere natürlich in bester Qualität: Unzuverlässige Patch-Verbindungen lassen den Auftritt schnell zum Horrortrip werden. Wichtig ist zudem der Einbau eines hochwertigen und ausreichend leistungsfähigen Netzteils. Audioanschlüsse sollten als 6-mm-Klinkenbuchsen ausgelegt sein.

Zuverlässigkeit ist ansonsten bei modernen Systemen kaum noch ein Thema. Die Zeiten, in denen die Oszillatoren bei ansteigender Hallentemperatur vollkommen out of tune gerieten, sind lange vorbei. Ein Stimmgerät sollte sich dennoch jederzeit in Reichweite befinden.

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Custom-Systeme Nine-Inch-Nails-Keyboarder Allessandro Cortini arbeitet live sogar mit zwei Modularsystemen. Das Hauptsystem wurde von Peter Grenader und Mike Brown (EAR) angefertigt. Es ist mit zahlreichen Modulen von Livewire und Plan-B bestückt und gliedert sich in vier recht autarke Sektionen. Die Module sind in einen leichten, stabilen Alukoffer eingebaut. Ein zweites, deutlich kleineres Rack-System besteht aus AnalogueSystems-Modulen. Gespielt wird es über einen French-Connection-Controller von AS. Vervollständigt wird das Setup durch eine Sherman Filterbank und diverse Effektgeräte. (Bild: Matthias Fuchs)

Klangliche Flexibilität ist sicher das am schwersten erreichbare Kriterium. Vollständiges und vor allem schnelles Umkonfigurieren der Sounds ist auch bei einem modernen Modularsystem schlicht nicht möglich. Somit wird es notwendig, die Auslegung des Synthesizers und vor allem die eigene musikalische Darbietung so zu gestalten, dass ein vollständiges Um-Patchen gar nicht erst notwendig wird. Es bietet sich an, das Modularsystem als Ergänzung zu konventionelleren Keyboards zu nutzen. Wer als Solist arbeitet, kann gelegentlich Passagen vom Laptop einspielen und währenddessen Patches wechseln. Doch vor allem sollte der Ablauf eines Sets möglichst so gestaltet werden, dass das Verändern der Sounds essenzieller Teil der Performance bzw. der musikalischen Darbietung wird – erst dann macht das Modularsystem auf der Bühne wirklich Sinn. Also nicht schrauben, um zu spielen, sondern spielen, um zu schrauben! Einzig Aussetzer im Sound sollten vermieden oder mittels (Laptop)-Playback oder lückenfüllenden Delay-Effekten kaschiert werden.

Stellt man ein Modularsystem im Hinblick auf die Live-Tauglichkeit zusammen, sollte man bei seiner Bestückung ganz bestimmte Kriterien im Auge behalten. Wichtigster Punkt: Schon bei der Planung zu wissen, welche Sounds und Anwendungsoptionen das Projekt erfordert – danach kann die Modulbestückung ausgerichtet werden. Das Modularsystem für den Bühneneinsatz kann keine omnipotente Klangfabrik sein. Dem entsprechend sollte das System auf keinen Fall zu komplex ausfallen – man überfordert sich sonst in einer Live-Situation vollkommen.

Um das System möglichst überschaubar zu gestalten, kann der Einbau von diversen Blank-Panels an geeigneter Stelle Sinn machen. Bei der Modulauswahl sollte man ebenfalls eine leichte Bedienbarkeit berücksichtigen. Schalter und Regler sollten ausreichend groß, hochwertig und übersichtlich platziert sein. Bei Oszillatoren beispielsweise sollten Modelle mit Oktavwahlschaltern anstelle von stufenlosen Reglern bevorzugt werden.

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Doepfer A-100 Die isländische Formation GusGus nutzt aktuell ein Doepfer A-100 System im Studio und auf der Bühne. Das System ist vergleichsweise überschaubar aufgebaut und gliedert sich in mehrere Funktionsgruppen, die sich wechselweise oder parallel nutzen lassen. Eine Synthesizer-Sektion liefert Bässe und Leads, eine Effektsektion (unten) dient der Bearbeitung von externen Sounds mittels verschiedener Filter. Als Live-Spielhilfen sind Ribbon-Controller und Joysticks integriert. (Bild: Matthias Fuchs)

Höchst sinnvoll ist die Aufteilung in mehrere „Sub-Synthesizer“, jeder davon mit einer anderen klanglichen Ausrichtung und entsprechender Modulbestückung. So könnte man sich ein System vorstellen, das in seiner oberen Modulreihe einen Lead-Synth beherbergt, darunter eine Sektion für Noise-Sounds und schließlich eine Effektsektion zur Live-Bearbeitung von Instrumenten der Band-Kollegen. Gerade Letzteres kann eine höchst interessante und unterhaltsame Anwendung darstellen, für die das Modularsystem wie geschaffen ist.

Die einzelnen Synthesizer-Sektionen sollten über einen kompakten Mixer abgenommen und ggfs. mit externen Effekten (Delay, Hall, usw.) versehen werden. Der Mixer erlaubt bequemes Muten bzw. Solo-Schalten der einzelnen Synth-Sektionen, ebenso das Vorhören der Patches mittels Kopfhörer. In der nächsten Folge werden wir uns einige Module ansehen, die für die Ausstattung eines live-tauglichen Modularsystems besonders interessant sind.


KEYBOARDS_2-2016KEYBOARDS 02/03 2016 – Modulare Welten

Die Zukunft ist patchbar! In der neuen KEYBOARDS-Ausgabe dreht sich diesmal alles um das Thema Modular Synthesizer. Dazu gibt es mit dem beiliegenden Modular Synthesizer Guide zusätzlich noch ein 16-seitiges Extra mit Infos zu den gängigen Systemen und einer umfassenden Herstellerübersicht.
Neben einem umfassenden Bericht zur neuen Messe Superbooth16, welche dieses Jahr zum ersten Mal ihre Tore in Berlin öffnete, geben wir euch in unserem Modular Synthesizer Special von KEYBOARDS einen tiefen Einblick in die aktuelle Modular-Szene. Unter Anderem stellen wir das junge und innovative Unternehmen Bastl Instruments aus Tschechien vor und werfen einen intensiven Blick auf die Wiederauflage des legendären Moog System 15. Zudem lassen wir den Synthesizer-Pionier Morton Subotnick sowie den aus Chicago stammenden Modular-Gothic-Künstler Surachai zu Wort kommen.
Mit einem Besuch bei Volker Müller im Studio für Elektronische Musik Köln tauchen wir ab in die Frühzeit der Modularen Synthese und in die Arbeitsweisen von Avantgardisten wie Karlheinz Stockhausen. Außerdem trafen wir uns mit dem Grandseigneur der Elektronischen Musik Jean-Michel Jarre um über Modular-Synthese, Live-Equipment und seine Kollaboration mit Edward Snowden zu sprechen.
Darüber hinaus besuchten wir Martin Höwner von Synthtaste in seiner exklusiven Restaurations-Werkstatt für Vintage-Synthesizer. In unserer Serie Vintage Park widmen wir uns diesmal dem aus Hawai stammenden Modular-Exoten Paia 4700.
Mit Reaktor 6 Blocks von Native Instruments befassen wir uns in der aktuellen Ausgabe unsres Magazins auch mit der Software-Seite der Modular-Synthese und den neuen damit verbundenen Möglichkeiten. Außerdem gedenken auch wir dem unvergessenen Prince Rogers Nelson mit einer exklusiven Transkription seines Klassikers Purple Rain.

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