Analog-Sampling auf Magnetbandbasis

Mellotron Story

Das Mellotron ist als Instrument ein außergewöhnliches Kind einer ganz besonderen Zeit. Mit dem bandbasierten Sampleplayer wurde nicht nur eine komplett neue Ära der Musikinstrumentengeschichte eingeläutet, es legte die qualitative Latte für die später erschienenen digitalen Thronerben auch bereits ausgesprochen hoch.

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Markus Thiel

Die Geschichte des Mellotron ist mindestens so außergewöhnlich und spannend wie das Instrument selbst. Die Ursprünge liegen in einer Erfindung des Amerikaners Harry Chamberlin, der gegen Ende der 40er-Jahre die Idee entwickelte, ein Tasteninstrument auf Basis abspielbarer Magnetbänder zu bauen. Nach seiner Vorstellung sollte diese Innovation vor allem im Heim- und Entertainer-Bereich als Heimorgelersatz ihren Platz finden und dazu auch von Laien spielbar sein. Sein zwischen 1950 bis 1957 gebautes 200er-Modell besaß bereits ein auf 1/4-ZollBänder setzendes Spulsystem, über welches sich acht verschiedene Positionen mit unterschiedlichen Sounds ansteuern ließen. Zehn Jahre nach Erscheinen des 200 stellte Harry Chamberlin mit dem 500er-Modell ein Instrument mit zwei Tastaturen vor, welches linkerhand über Begleitpatterns und auf der rechten Seite über Leadsounds verfügte. Für das mit drei Spuren und sechs Stops ausgestattete System wechselte er zudem zu 3/8-zölligem-Bandmaterial. Mit den Modellen 600/660 Music Master erweiterte Chamberlin das zweimanualige Konzept links auf 40 Tasten für weitere Leads und 15 Begleitpatterns.

Als das Unternehmen weiter Fahrt aufnahm, engagierte Chamberlin einen Mann namens Bill Fransen, der sich um den Verkauf und das Marketing der Instrumente kümmern sollte. Dieser veruntreute im Verlauf der Zusammenarbeit zwei 500er-Modelle und nahm diese mit nach England, wo er die Instrumente auf der Suche nach 70 gematchten Tonköpfen den Brüdern Leslie, Frank & Norman Bradley von Bradmatic Ldt. als seine eigene Erfindung präsentierte. Die Bradleys waren begeistert von dem System und der Art, wie die von ihnen gelieferten Tonköpfe eingesetzt werden sollten. Fransen stellte darauf die Frage, ob sie das Gerät in einer optimierten Form in Serie bauen könnten, und die Antwort fiel positiv aus. Als Harry Chamberlin knapp ein Jahr nach dieser Begegnung spitzbekam, dass es sich bei dem britischen Mellotron Mark I um eine Raubkopie seines 500er-Systems handelte, fuhr er wutentbrannt nach England, um die dortigen Herren zur Rede zu stellen. Im Verlauf des Streits einigte man sich schließlich auf einen schlichtenden Deal. Als Beleg dafür gilt unter anderem das spätere Auffinden diverser Mellotron-Masterbänder im Fundus des Chamberlin-Archivs.

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Markus Thiel
Für die Aufnahmen seiner Masterbänder verwendete Chamberlin meist nur ein Mikrofon des Typs Neumann U47. Die Sounds wurden nicht weiter bearbeitet, was bis heute den unmittelbaren und direkten Sound vieler Mellotron-Samples ausmacht.

Die Briten mussten allerdings recht schnell einsehen, dass die bereits von Chamberlin anvisierte Heimorgelklientel keine große Zukunft versprach. So verhalf schließlich erst die konsequente Fokussierung auf die Bedürfnisse professioneller Keyboarder mit dem verhältnismäßig schnell zu produzierenden und transportablen M400 (mit drei verschiedenen Sounds verteilt auf drei Spuren pro Taste und auswechselbaren Rahmen) dem Mellotron zu musikhistorischer Unsterblichkeit.

Dass es die Mellotron Company nach ihrer Schließung im Jahr 1982 heute wieder gibt, ist dem Engagement und dem unternehmerischen Mut zweier Enthusiasten zu verdanken, die ihre Leidenschaft für ein Instrument einfach nicht mehr loslies. KEYBOARDS besuchte den heutigen Firmeninhaber Markus Resch in der Mellotron-Fabrik in Stockholm.

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Markus Thiel
Mellotron Mk II in typischer Ausführung mit zwei Manualen von 1964

Wann hat dich das Mellotron-Fieber gepackt?

Markus Resch: 1986/87 habe ich mit einem Kumpel zusammen angefangen, die alten Vinyl-Platten von seinem Bruder mit Yes, Black Sabbath und Rick Wakeman zu hören. Ich habe mir für meinen gerade erstandenen CD-Player dann jede Menge dieser Scheiben gekauft. Ich konnte mir damals noch keine komplette Hi-Fi-Anlage leisten, und so habe ich die Musik über hochwertige Kopfhörer gehört, das war ein sehr intensives und detailreiches Erlebnis. In einem Buch über Synthesizer mit Keith Emerson auf dem Cover habe ich diese riesen Schränke gesehen, und ich dachte, ok, das sind die Maschinen, die diesen Sound machen müssen.

Ich fand dann einen Plattenladen in Stockholm, der sich auf diese progressive Musik spezialisiert hatte. Dieser Typ hatte auch eine Band, die live auf Vintage-Instrumente wie Hammond und Mellotron setzte. Er fragte mich dann, ob ich helfen könnte, einzelne Instrumente zu reparieren und zu warten.

Als ich in Folge dessen dann mein erstes 400er sah und hörte, war plötzlich alles klar. Mit einem Knopfdruck waren sie da, diese klassischen Streicher-, Brass- oder Flöten-Sounds. Das war eine echte Offenbarung für mich. Mittlerweile hatte ich auch angefangen, Bands wie King Crimson, Moody Blues und obskurere italienische Gruppen sowie auch schwedische Vertreter der progressiveren Gangart zu hören.

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Markus Thiel

Ein weiterer Bekannter von mir, der eigentlich von Haus aus Schlagzeuger ist, hatte sich bereits 1984 ein eigenes Mellotron gekauft, welches allerdings ein paar defekte Bänder enthielt. Auch er hatte über Jahre versucht, jemanden zu finden, der dieses Instrument instand setzen konnte. Mit einer alten Quittung samt Adresse in der Hand fuhr er sogar selber nach England, um Streetly Electronics aufzusuchen, doch die Firma war bereits geschlossen.

Ungefähr 1990 fanden wir dann heraus, dass der Amerikaner David Kean neben den Markenrechten das gesamte Bänderarchiv sowie die noch erhaltenen Produktionsmittel und das Ersatzteillager der Mellotronfabrik aufgekauft hatte. Im Zuge der Übernahme des amerikanischen Mellotron-Distributors stieß dieser bei seiner Recherche nach den ursprünglichen Masterbändern in Großbritannien auch auf den ehemaligen Geschäftsführer von Streetly Electronics, Leslie Bradley, der ihm schließlich den gesamten noch existierenden Fundus an Original-Bändern − leider in teils schlecht gelagertem Zustand − sowie Bandmaschinen und Gerätebauteile verkaufte. Zu diesem Zeitpunkt interessierte sich sonst eigentlich niemand für das ganze Zeug, und Bradley war heilfroh, jemanden gefunden zu haben, der das Projekt Mellotron weiterführt.

Wir waren damals mit die ersten, die David sofort telefonisch kontaktierten und uns für die Bänder und Teile interessierten. Parallel begannen immer mehr Leute, sich für original Vintage-Instrumente wie Minimoog, Hammond oder Rhodes zu interessieren. Im Falle des Mellotrons wurde das Revival durch Bands wie die Red Hot Chili Peppers eingeläutet, die das Instrument unter anderem auf ihrem Album Mothers Milk einsetzten. Im Mellotron-Lager entstand zu dieser Zeit eine regelrechte Community, die sich unter anderem durch von David herumgeschickte Newsletter (noch in Papierform!) austauschte und auf dem neusten Stand hielt. Als dann schließlich noch Mark Vail vom Keyboard Magazine 1993 über David und seine Arbeit in seinem Buch »Vintage Synthesizers« berichtete, ging das Projekt plötzlich richtig durch die Decke.

Mit Mellotron-Archives verband David den Plan, mithilfe der aufkommenden Digitaltechnik das klangkulturelle Erbe dieser einzigartigen Instrumente zu bewahren. Ob sich dieser Aufwand des Remastering schließlich auszahlen würde, stand zum damaligen Zeitpunkt allerdings noch in den Sternen. Zudem existierte natürlich nicht für jede gewünschte Dreier-Kombination an Sounds das passende Masterband. Selbst wenn man eine seltene Kombination fand, konnte es vorkommen, dass die Soundqualität einer Spur nicht mit den anderen mithalten konnte. Eine Kopie von einem solchen Band war dann immer ein großer Kompromiss. Durch die digitalen Masterfiles, die wir direkt von den qualitativ hochwertigen Bändern anfertigten, ließen sich zum ersten Mal auf einfache Art Bänder in beliebigen Soundkombinationen realisieren.


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KEYBOARDS 4/2016

Das sind die Themen dieser Ausgabe:

  • Sampletalk mit And.Ypsilon (Die fantastischen Vier)
  • Tobias Enhus spricht über sein Synclavier
  • Die Groove-Mutter: Yamaha RS7000
  • Real Samples – Historische Tasteninstrumente digitalisiert
  • Software-Sampler am Rande der Wahrnehmung
  • Korg DSS-1 als Hardware-Plug-in
  • Cinematique Instruments – Filmreife Sample-Instrumente
  • Groovesampler in der Praxis
  • Die Mellotron-Story
  • Vintage Park: Fairlight CMI
  • Transkription – Ten Sharp

Wie kam es eigentlich zur Kooperation mit David?

Ein Freund von mir war in Besitz eines sehr seltenen Mellotron Mark V, quasi einem doppelten M400 in einem Gehäuse, welches aber genau wie schon die Vorgänger unter den Unzulänglichkeiten der verbauten Motorsteuerung litt. Parallel zu meinem Studium, in dem ich zu dieser Zeit noch steckte, entwickelte ich nebenher eine neue und vor allem verlässlichere Steuerungskarte für dieses Instrument, was ich dann irgendwann gegenüber David auch in einem Telefonat anriss. Er bestellte sofort zehn Stück, da seine Reserven an NOS-Teilen langsam, aber sicher zuneige gingen. Der Bedarf an optimierten Motorsteuerungen war riesig, und so kam es, dass ich eine Charge nach der nächsten für David produzierte. Das war im Prinzip der Start von meiner kleinen Elektronikfirma − diese lief aber lange noch auf Hobbybasis neben meinen Übersetzungs- und Beratungstätigkeiten.

Um 1992 habe ich dann auch noch angefangen, Bänderrahmen für die Geräte anzufertigen, was nicht so ganz einfach war. Nach und nach wurde die Quelle instandgesetzter Mellotrons immer bekannter, sodass David den Bedarf an Refurbished Instrumenten nur noch mit Mühe decken konnte.

Ein großer Teil des Mellotron-Nachlasses bestand unter anderem aus einem riesigen Haufen 400er-Tonköpfe. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass es immer schwieriger wurde, an reparaturbedürftige Instrumente zukommen, witzelten wir schon früh über die Idee, mithilfe der uns zur Verfügung stehenden Originalteile irgendwann einmal ein Mark VI zu bauen.

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Markus Thiel
Blick auf Bänderrahmen und Tonköpfe eines geöffneten Mellotron M400

1997 wurde diese Idee allerdings immer konkreter, sodass wir zwei Jahre später tatsächlich ein technisch optimiertes Mellotron-Modell auf Basis des 400ers unter dem Namen Mark VI auf den Markt brachten. Bis heute haben wir bereits über hundert Mark VI und einige zweimanualige Mark VII ausgeliefert. Es ist im Übrigen die längste Mellotron-Produktion der Geschichte, denn sie läuft bis heute − also seit knapp 20 Jahren! Darüber hinaus ist dieses Modell mittlerweile nach dem M400 sogar das meist eingesetzte Mellotron weltweit.

Seit der Vorstellung des digitalen M4000D ist die Nachfrage nach dem Mark VI allerdings ein wenig zurückgegangen. Die Möglichkeit, die beliebten Sounds nun in höchster Klangqualität in einem mit echter Holztastatur samt polyfonem Aftertouch ausgestatteten Gerät zu haben, ist schon ein enormer Vorteil. Spätestens wenn die Kunden in Natura sehen, wie viele Bänderrahmen mit jeweils drei Sounds man braucht, um eine einigermaßen ansehnliche Sound-Library zu besitzen, fällt die Entscheidung für das digitale Pendant vielen doch recht leicht. Darüber hinaus ist es natürlich auch eine nicht zu unterschätzende Kostenfrage, ob man bereit ist, für ein analoges Modell in »Grundausstattung« mehr als das Doppelte auf den Tisch zu legen.

Auf der anderen Seite sind wir beim Design des digitalen Mellotron auch keinerlei Kompromisse eingegangen, sodass es nicht nur optisch, sondern auch in puncto Spielgefühl schon sehr dicht an das Original herankommt.

Mittlerweile hast du das Unternehmen Mellotron komplett übernommen?

David hatte sich zu Beginn komplett alleine um den Vertrieb gekümmert, da die USA ja auch unser mit Abstand größter Absatzmarkt waren. Neben der ganzen PR und der Betreuung der Kunden kümmerte er sich auch um die Foren im Netz. Nachdem sich immer mehr Interessenten für das das Mellotron fanden, entschloss sich Les Bradleys Sohn nach dem Tod seines Vaters, über den Reparaturbetrieb hinaus selbst eigene Bänder auf den Markt zu bringen.

In Folge dessen brach zwischen den Lagern ein regelrechter Bürgerkrieg los. Es kursierten auf einmal Gerüchte, dass Davids Bänder nicht klingen würden oder dass meine Rahmen aus Plastik wären. Parallel dazu machte sich Les Bradleys Nachwuchs daran, Davids neu gemasterte Bänder, die er anfänglich lizenziert unter dem Namen Mellotron Archives UK verkaufen durfte, als Grundlage für eine eigene Bänder-Serie zweckzuentfremden. Irgendwann fehlte David dann einfach die Lust und die Energie weiterzumachen, und so fragte er mich, ob ich mir vorstellen könnte, Mellotron komplett zu übernehmen.

Wir haben schließlich Schritt für Schritt eine fließende Übergabe gemacht, was es dann auch nötig machte, eine Vollzeitkraft einzustellen, die sich um die Routinearbeiten wie das Verbinden der Rollen mit entsprechenden Federn oder das Einsetzen der Separatoren zwischen den Bändern kümmerte. Sogar meine Mutter unterstützte mich in dieser Zeit beim Einfädeln der Bänder. Dazu kam, dass ich ja parallel auch noch als Übersetzer tätig war, was die eigene Freizeit auf nahe null reduzierte. Mittlerweile beschäftigt Mellotron ganze acht Mitarbeiter.

Mit David stehe ich nach wie vor in einem sehr engen Kontakt, und es vergeht eigentlich keine Woche, in der wir nicht telefonieren und uns austauschen. Er partizipiert auch weiterhin an den Lizenzgeldern, die wir von Unternehmen wie Clavia oder auch Apple für die Nutzung unserer Samples erhalten.

Mehr Infos unter:

http://www.mellotron.com/

http://www.emc-de.com/

Ein Kommentar zu “Mellotron Story”
  1. Alan Wick

    Ein wirklich toller Bericht über das Mellotron. Erweckt direkt großes Interesse sich auch mit diesem speziellem Sound zu beschäftigen.

    Antworten
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