Zwischen Kult, Legende und Hexerei: Der 360°-Composer

Interview mit dem Filmmusik-Komponisten Peter Thomas

Mit hemmungsloser Originalität hat er das Phänomen Filmmusik in den 60er- und 70er-Jahren geprägt und einen Sound geschärft, dessen swingende Dissonanz vom ersten Moment an fesselt. Das Raumschiff Orion hob am 17. September 1966 zum ersten Mal ab zur Raumpatrouille — eine Science-Fiction-Serie, zu welcher Thomas die Weltraummusik entwarf, die unzählige gesampelt wurde und heute Kult ist.

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PT Privat

Jerry Cotton, Der Alte, Edgar Wallace und Straßenfeger wie „11 Uhr 20“ oder „Babeck“ sind ebenfalls längst Kult. Er selber bezeichnet sich als „360-Grad-Composer“, und sein Sound-Orchester produzierte Dynamit, um die Bürgerlichkeit der 60er zumindest musikalisch in die Luft zu sprengen. Auch wenn er als der „Uninterviewbare“ gilt, so haben wir uns dennoch am Lago di Lugano zum Gespräch getroffen – kurioserweise ziemlich genau um 11:20 Uhr …

Peter Thomas: … Filmmusik komponieren ist eine Mischung aus Bewusstsein und Intuition. Ich habe nie ein einziges Musikstück gemacht, was ich direkt gespielt hab. Ich hab’s immer erst per Hand skizziert. Der Bleistift ist die Verlängerung des Denkens. Und dieser Vorgang ist für mich deshalb bedeutsam, weil zwischen Idee, Denken und Klaviertastatur der wichtige Schritt liegt, etwas zu überdenken.

Wie wurde Filmmusik damals aufgenommen?

Ich hab‘ mir den Film zunächst alleine angesehen. Anschließend mit dem Regisseur, der seine Wünsche vorbrachte, wo und welche Musik er sich dachte. Danach wurden die Szenen zeitgestoppt, in einzelne Sequenzen aufgeteilt oder in Situationen. Ein Film hatte dann vielleicht 60 Teile Musik. Der eine dauert 30 Sekunden, der andere 70 Sekunden. Diese Teile wurden einzeln herausgecuttet und zu einer Schleife – einem Loop – gemacht. Durch diese stückweisen Aufnahmen konnten wir die Synchronität zum Bild einhalten, denn wir haben als Orchester immer live dazu gespielt. Die Musik war immer notiert. Es war nie dem Zufall überlassen. In sich drin soll die Musik aber zufällig sein. Es muss jeder Musiker so spielen können, wie er glaubt, dass er spielen muss. Das gemeinsame Spielen erst erweckt die Komposition zum Leben.

Musik kann für die Aussage eines Films sehr bedeutend sein. Wie viel Anteil hat sie? 50 Prozent, wenn es gut gemacht ist?

Bei „Love Story“ ist es sicherlich so. Ohne die Musik wäre es nicht der Film. Komposition und Arrangement sollten bei Filmmusik fest miteinander verbunden sein, damit die musikalische Aussage eindeutig ist. Ich hab‘ die Titelmusik zur Serie „Der Alte“ gemacht, aber auch für den Kommissar hab ich über 20 Episoden vertont. „Als die Blumen Trauer trugen“ war eine Kommissar- Folge von 1971, und da war eine Nummer drin „Du lebst von meinem Geld“ … ähh … „Du lebst in deiner Welt“ (lacht), gesungen von Daisy Door. Das war eine Kölner Friseuse – Evelyn van Ophuisen hieß sie mit richtigem Namen. Die knallte die Studiotür immer so … daraufhin haben wir sie Daisy Door genannt …

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Tom Schäfer, Peter Thomas Archiv (mit freundlicher Genehmigung von Michael Lange)

Das Peter Thomas Orchestra hat dem Film der 60er- und 70er-Jahre einen ganz eigenen Sound gegeben?

Die Kombination aus Orgel, dem Knackbass und dazu Posaunen – das hatte sich zu einem Peter-Thomas-Sound entwickelt. Ich spielte viel auf einer Hammond B5, später setze ich auch die Farfisa-Orgel ein, die so schön näselte … so italienisch modern. Mein Erkennungszeichen sind ganz klar die Posaunen. Das hat die Kraft der echten Klänge. Posaunen kann man nicht mit Synthesizern simulieren – das klingt dann wie Oktoberfest. Ich glaube an den Wert des Authentischen. Die Posaunen von Jericho haben damals schon die Mauern fallen lassen, Posaunen aus dem Keyboard würden das nie schaffen.

Sie gelten als Visionär, der gerne mit Klängen experimentiert hat?

Wir haben vor allem Fantasie entwickelt, ausprobiert, die Tonbänder umgedreht, sodass der Nachhall vorne weg kam. Und diesen Effekt hab‘ ich dann wieder verhallt, sodass Vor- und Nachhall gleichzeitig kamen. Damals gab es auch noch Perfo-Maschinen. Damit wurde eine Art Lochbandstreifen angefertigt, um Audio- und Bildspuren anzugleichen. Aber man konnte auch die Audiospur z. B. um ein Loch verschieben. Und wenn man dann Spuren doppelte – eine originale und eine verschobene –, bekam das einen interessanten Reibungseffekt.

Wie wurde das früher mit dem Hall gemacht? Es gab ja keine Hallgeräte wie heute …?

Na ja, in den Kellerkatakomben der Bavaria Studios haben wir unsere Hallräume selber erzeugt. Das Originalsignal ging vom Studio nach unten in den Keller zu einem Lautsprecher. Davor stand ein Mikrofon, das den Kellersound wieder einfing. Je größer der Mikrofonabstand zum Lautsprecher war, desto größer wirkte der Keller, desto mehr Hallraum entstand. Das kann man mit Hallplatten oder elektronisch nicht simulieren.

Sie galten als Klangpionier und haben das revolutionäre ThoWiPhon entwickeln lassen …

Ich hatte den Ingenieur Hansjörg Wicha bei Siemens beauftragt, für mich einen 12- Generatoren-Synthesizer zu bauen. Und die Bezeichnung „ThoWiPhon“ kommt von unseren Namen – Thomas und Wicha. Weil elektrische Orgeln nur mit zwei Generatoren arbeiteten, kam ich auf den Gedanken, ob man nicht für jeden der zwölf Töne einen eigenen Generator anfertigen könnte. Also hab‘ ich das ThoWiPhon entwickeln lassen, das heute im Deutschen Museum steht. Mit diesem Synthesizer konnte ich Frequenzen einzelner Töne verändern. Wenn man eine Spektralanalyse eines Tons macht, dann wird man erkennen, dass insgesamt 13 Obertöne mitschwingen. In diese Klangaura konnte ich mit dem ThoWiPhon eingreifen. Der Apparat entwickelte futuristische Klänge, und ich dachte, ich mache einen Welterfolg damit. Schließlich war ich der Einzige, der das Gerät hatte. Doch ich war auch der Einzige, der es bezahlte. Da hätte ich mir einen dicken Mercedes von kaufen können … aber ich bin glücklich, dass ich es gemacht habe. Vor allem stehe ich jetzt im Museum. Ich lebe noch!

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Zahlreiche Musiken für Film und Fernsehen stammen von Peter Thomas. Hier eine kleine Auswahl …

In Ihrer Zeit konnte man noch Verrücktheiten und Humor ausleben, um auch kuriose Dinge anzugehen …?

Ja … Gott sein Dank!!!

Wie verrückt waren denn die Aufnahmen zu den Edgar-Wallace-Krimis?

Das war lustig bis albern. Ich hab‘ 15 Edgar Wallace gemacht. „Der Hexer“ ist das bekannteste Ding. Horst Wendlandt kam zu mir und sagte: „Mach für den Hexer doch mal was anderes.“ Nur hatte ich kaum Zeit, mir das besondere Etwas auszudenken und bin quasi ohne Melodiekonzept ins Studio gefahren, weil ich dachte, mir wird schon was einfallen. Und: Dann sehe ich da den dicken Jean Thomé – den Bassisten von Max Greger –, wie er keuchend mit seinem großen Kontrabass ins Studio kam. Ich bat ihn, kurz mal das Wort „Der Hexer“ zu sagen. Außer Atem und keuchend brachte er dann diese Worte hervor, die heute so berühmt sind. Ich nahm die Stimme sogleich auf. Das war die Signatur.

Der Soundtrack zu „Raumpatrouille“ ist wahrscheinlich ihr bekanntestes Werk. Am Anfang gibt es diesen Countdown: „10, 9, 8 usw.“, und dann kommt diese bemerkenswerte „Fünef“. Wieso Fünef und nicht fünf? Ein Versprecher?

Ganz einfach: Weil ich Berliner bin! Da sag ich „Fünef“.

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Tom Schäfer, Peter Thomas Archiv (mit freundlicher Genehmigung von Michael Lange)

Das war eine Vocoder-Stimme, richtig?

Es ist meine Stimme über einen Vocoder. Ich hab‘ den Vocoder als Erster überhaupt in der Musik eingesetzt. Beim Countdown zu Raumpatrouille hab‘ ich den tiefsten Celloton „C“ genommen und im Vocoder moduliert. Und meine Stimme – „sieben, sechs, fünef“ – wurde dazu addiert, was diese Verfremdung ergab.

Klangveränderungen und Sound-Effekte funktionieren heute per Knopfdruck und digital. Ist das Fluch oder Erleichterung?

Die Kreativität heute ist auf ein Mindestmaß gesunken, denn die Technik ermöglicht einem alles. Der erfinderische Geist ist den allgegenwärtigen Möglichkeiten, sich technischer Effekte per Knopfdruck zu bedienen, zum Opfer gefallen. Ergo gibt es immer weniger spinnerte Leute, die sich an Experimente wagen.

Sie zählen zu den erfolgreichsten Filmmusikkomponisten der Gegenwart. Kann man mit Erfolg ruhiger und gelassener an die Arbeit gehen?

Für mich ist Erfolg der Antrieb weiterzuarbeiten. Auch mit 87 Jahren! Ich bin unermüdlich … Ich weiß, ich bin ein wenig aus der Norm (lacht), aber stell dir vor, die Politiker würden alle trommeln. Das wäre doch toll! Die Parteien spielen immer eine Trommelart, und nur die Kanzlerin darf als einzige singen – klaro: Mezzo-Sopran! Und der Wowereit darf immer ein Becken-Pling auf die „1“ machen … also immer, wenn er einen neuen Flugplatz gegründet hat.

Was sagen sie dazu, dass ihre Musik vielfach gesampelt und im modernen Kontext verwendet wird?

Nachdem ich wusste, dass ich gut beklaubergert werde, gab’s etliche Dispute. Aber das macht keinen Spaß, und ich habe fast aufgegeben, gegen den Klau vorzugehen. Denn die Nerven, die man dabei verliert – das ist viel schlimmer als das, was man dafür kriegt. Die vielen illegalen Datensauereien … das ist doch vom ethischen Standpunkt alles total kaputt. Nur glaube ich auch, dass die Kinder heute gar nicht wissen, dass man das nicht darf – also dass es verboten ist, sich einfach der Komposition eines anderen zu bedienen.

Dass Ihre Musik heute noch eingesetzt und zum Teil remixt wird, ist das nicht auch eine Anerkennung an den Kult Peter Thomas?

Anerkennung ist sehr schön, aber dafür kann ich mir beim Bäcker kein Brot kaufen.

Wie stehen Sie zur Entwicklung der modernen Musik und dem, was in den Charts zu hören ist?

Heute gibt’s ja in der Musik kaum noch Harmonien, höchstens mal eine, und die geht über das ganze Stück. Wenn da eine andere Harmonie rein soll, dann wechselt man den Musiker aus. Der Zupfgeigenhansl aus der Volksmusik hat schönere Harmonien als all das, was da heute im Radio läuft. Zum Beispiel: ein Supertyp in Berlin, der Paul Kalkbrenner – wenn der ruft, dann kommen 20.000 Leute in die Waldbühne. Ist ja toll. Jetzt frag ich mich: Wie kann das kommen? Es ist ja keine Musik, zumindest keine solche, die man durch Themen wiedererkennt. Es ist eine Aneinanderreihung von Dr. Loop und Prof. Poops. Ich ziehe zwar meinen Hut vor der Kraft des Entertainischen, aber ich ziehe nicht meinen Hut vor all den ausflippenden Jüngern. Das erinnert mich an eine falsche Religion. Alle sagen „Toll, toll“ … wahrscheinlich Dance-schubbert es sich schöner.

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Tom Schäfer, Peter Thomas Archiv (mit freundlicher Genehmigung von Michael Lange)

Sie vermissen die handgemachten musikalischen Fähigkeiten der jungen Generation?

Heute werden Superstars künstlich hergestellt. Dann laden die sich Loops aus dem Netz, und alles wird nur noch im Baukasten zusammengesteckt. Die vielen DJs, die Notenschlüssel und Hausschlüssel nicht auseinanderhalten können, die wollen dann auch noch GEMA dafür! Es kommt keiner mehr auf die Idee, Töne zu verändern – Sounds zu machen. Man beschränkt sich auf gesampeltes Stöhnen … und dann mit dem richtigen Po wackeln – fertig ist die Nummer. Deswegen braucht man auch Videoclips, weil die Musik alleine nichts mehr hergibt. Richtige Musiker werden bald im Museum gezeigt, und bei Amazon gibt’s demnächst selbstblasende Posaunisten. Wenn es kein Radio gäbe und nur noch die Arche Noah mit einer Handvoll Musikern und ihren Instrumenten, dann müssten sie sich selbst ein Stück komponieren. Und die Musik hätte wieder Grund, das zu sein, was sie ist: Sie soll Spaß machen. „Der König ist tot, es lebe der König!“, haben die Franzosen gesagt. Heute sag ich: Die Musik ist töter als tot – es lebe die Musik!

Vielen Dank für dieses spannende Gespräch!

 


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