Frische Tunes aus Vernunft

Elektropionier: Tiemo Hauer

Wurde das erste Album des Stuttgarter Musikers sogleich in die Kategorie »Singer/ Songwriter-Pop« eingeordnet, zeigt sich das nun vierte Album Vernunft, Vernunft deutlich vielseitiger: HipHop-Beats, rotzige Gitarren, fette Synth-Bässe − ein sehr moderner Sound, den Tiemo mit seiner Band zum Album-Release auch auf die Bühne bringt. 

Philipp Glasome, Archiv

Wegen seiner rauen Stimme mag man bei Tiemo Hauers Gesang oft an Rio Reiser (Ton, Steine, Scherben) denken, aber Vergleiche dieser Art sind immer schwierig − dem neuen Album Vernunft, Vernunft hört man auf jeden Fall an, dass Tiemo Hauer sich weiter entwickelt hat − nicht nur hinsichtlich seines persönlichen Stils und im Songwriting, sondern auch im Sound. Mochte man seine Songs früher vielleicht eher als traditionell bezeichnen, so haben jetzt mehr elektronische Sounds den Weg in seine Arrangements gefunden − tolles Songwriting und frische Tunes, die man vom neuen Longplayer oder besser noch bei seiner aktuellen Live-Tour hören sollte, denn darauf freut sich Tiemo selber sehr.

Bei der Tour spielt er mit einer insgesamt fünfköpfigen Band, wobei er großen Wert auf das Live-Spielen legt. »Ich liebe es, im Studio zu arbeiten und kann stundenlang am Sound rumdrehen. Aber das Live-Spielen ist für mich unfassbar wichtig. Es ist die Möglichkeit, zu zeigen, dass man was drauf hat. Also sowohl die Band als auch ich, weil es ja heute so einfach ist, am Rechner Sachen glattzuziehen.«

Für alle, die sich nicht selber mit dem Musikmachen beschäftigen, ist es ja immer wieder schwierig herauszufinden, ob nun tatsächlich jemand spielt oder ob es ein Fake ist. Hier möchte Tiemo mit seiner Band einen Unterschied machen und zeigen, welche Power eine echte Band entfalten kann. »Ja klar, wir spielen wirklich live. Wir können das. Wir sind wirklich Musiker und eben nicht nur irgendwelche Püppchen, die sich da vorne hinstellen und so halb-playbacken und ein bisschen singen. Das ist nicht so meine Vorstellung von Musik. Da muss eine Band sein, und das muss abgehen. Und ich will natürlich auch zeigen, dass es bei uns so ist.«

In Clubs und Konzerthallen ist natürlich auch alles größer, lauter, intensiver. Es geht Tiemo vor allem auch darum, wie man Musik live wahrnimmt, und was zuerst wohl für die Musiker gilt, überträgt sich konsequent auch auf das Publikum. »Das ist ja auch der Anlage zu verdanken. In einem Club hat man Bässe, die hat niemand zu Hause und auch im Studio nicht, und gerade dann, wenn du bassige Synthesizer-Sound hast − das knallt natürlich, und dann kriegt man’s auch richtig ab. Also das liebe ich auch. Ich liebe Bühnen, wo man es richtig spürt und dann merkt: ›Yes, jetzt geht’s richtig ab!‹ «

Wolltest du für das neue Album neue Ansätze und Wege finden, um dich ein wenig vom klassischen Songwriting weiterzuentwickeln?

Ich wollte Songs in einem Genre von der Struktur her aufzubauen, was ich bisher noch nicht gemacht habe. Also habe ich mal in der elektronischen HipHop-Richtung was ausprobiert und festgestellt, dass das mit meiner Musik recht gut harmoniert. Und so bin ich erst mal in sehr viele verschiedene Richtungen gegangen und hab so meine Songs geschrieben. Ich war es bisher so gewohnt, Songs auf klassische Art zu schreiben, wo ich mit Klavier und Gesang begonnen habe, um dann Instrumente drum herum zu arrangieren. Jetzt wollte ich einfach mal anders anfangen − mit einem Beat, einem Basslauf oder mit einem Synthi. Die wirkliche Singer/Songwriter-Ecke, die kommt eigentlich kaum noch durch, würde ich mal sagen − vor allem vom Sound her. Also ich singe noch und schreibe die Songs, aber wenn man es hört, verbindet man es nicht mehr in erster Linie mit dem Singer/Songwriter-Sound. Es ist auf dem Album aber auch sehr gemischt. Also manchmal ist es Beat-basiert und ein bisschen Richtung HipHop vom musikalischen her, manchmal ist es aber auch rockig, also sehr viel E-Gitarre, funkige Synthis usw.

Stimmt, das Album ist auch vom Stil betrachtet eher durchwachsen und abwechslungsreich. Das fällt mir positiv auf. Man hört heute einfach zu viele Produktionen, die von vornherein auf Gleichklang getrimmt wurden …

Durchwachsen ist entsprechend auch die Live-Show. Und für mich selbst ist es unglaublich schwer, das in ein Genre zu packen, weil ich mich echt auf dem Album ausgelebt habe, was ich glücklicherweise kann, dadurch dass ich das eigene Label habe und niemand sagt: »Äh, das ist jetzt etwas zu wild«, oder Ähnliches. Dadurch hab ich echt alles ausgepackt, was ich kann.

Toll, dass du das so ausleben kannst. Es fühlt sich bestimmt auch weniger gut an, in eine Schablone gepresst zu werden, um als »Produkt« zu funktionieren.

Es ist mir unglaublich wichtig. Klar, jeder, der Songs schreibt und produziert, kennt Kniffe, wie man sehr reduziert und einfach gehalten eben Songs schreiben kann, die es damit einfacher haben, ins Radio zu kommen. Aber das ist nicht mein Anspruch. Dadurch werde ich vielleicht schneller bekannt, aber ich würde mich damit überhaupt nicht wohlfühlen, wenn ich wüsste, ich habe mich selbst nicht eingegrenzt in dem, was ich mache. Also ich muss mich da austoben und dann einfach hoffen, dass es Leute gibt, die das zu schätzen wissen und nicht immer diesen Einheitsbrei möchten … Ich glaube, es werden immer mehr.

Es gab vor Kurzem ein Showcase bei einem Red-Bull-Event. Ihr habt dort aber mit kleinem Besteck gespielt, oder?

Auf dem Showcase haben wir zu zweit gespielt, auf der Tour sind wir aber zu fünft. Dieses Duo-Setup haben wir nur für dieses Showcase vorbereitet bzw. für dieses und eins in Wien, und das ist aber auch total cool. Wir haben auch vor, das mal zu erweitern, wenn wir irgendwo mal kleinere Shows spielen. Auf unserer Tour kommt dieses Duo-Set eigentlich nicht vor, es gibt aber Momente, in denen ich alleine spiele − meistens ältere Songs, die ich noch spiele wie früher, und dann kommt die Band wieder dazu, und wir können es wieder krachen lassen.

Philipp Glasome, Archiv
Das Livespielen ist für mich unfassbar wichtig. Wichtig ist die Möglichkeit zu zeigen, dass man was drauf hat.

Wie habt ihr dann dieses kleine Set technisch umgesetzt, man konnte ja einige kleine Synthis sehen …?

Wir haben mit Ableton Live und Push gearbeitet, und dann noch mit den Yamaha Reface, die finde ich großartig. Eigentlich wollte ich nur dieses kleine Reface CP ausprobieren, das ist ja im Prinzip nur das kleine E-Piano. Und Yamaha hat mir direkt alle CPs geschickt − also die ganze Serie −, und ich konnte mich direkt austoben. Ich finde die Teile grandios. Beeindruckend, wie gut der Sound ist, dafür dass die Dinger so winzig sind. Ich bin zwar nicht der Synthi-Schrauber und probiere eher dran rum, und wenn es sich geil anhört, dann hört es sich geil an. (lacht)

Du hast recht früh angefangen, deine eignen Sachen rauszubringen. Magst du anderen jungen Musikern was mit auf den Weg geben, wie man am besten anfängt?

Ich glaube, ich kann nur sagen, was mir wichtig ist und war. Dass ich mir nicht immer reinreden lasse, sondern meinen Sound so formen konnte, wie ich das eben wollte. Ich glaube aber nicht, dass man pauschal sagen kann, dass das für jeden empfehlenswert ist. Es gibt Leute, die gerne viel Input und vielleicht gar nicht so viel Verantwortung haben wollen. Aber wenn man Block drauf hat, kreativ zu werden und sein eigenes Ding zu machen, dann darf man sich da nicht reinreden lassen, egal wer da kommt und was der schon erreicht hat. Letztendlich muss man das selber geil finden und damit zufrieden sein.

Ob man damit erfolgreich wird, steht in den Sternen, und es ist ein harter Weg, wenn man es so macht. Aber es ist die einzige Möglichkeit, frei zu arbeiten und danach auch zufrieden und glücklich zu sein, wenn es danach läuft. Wenn irgendwelche anderen Leute nur die Fäden ziehen, dann kann man natürlich denen nur auf die Schulter klopfen, wenn man erfolgreich ist, und nicht sich selbst.

War es für dich also nur konsequent, dein eigenes Label zu gründen?

Das Label war schon da − Green Elephant Records hatte mein Manager bereits für meine allererste Single gegründet, die in ganz kleiner Auflage rauskam. Dann war ich ja kurzzeitig bei Universal und dann recht schnell wieder weg. Genau dann kam der Punkt, wo wir uns dazu entschlossen haben, das Debüt-Album auf diesem Label zu machen. Außerdem hatte mich diese Label-Sache auch interessiert, um hinter die Kulissen zu schauen. Zumindest war das zunächst mal die erste grobe Idee.

Bringt ihr nur deine Sachen auf dem Label heraus?

Später kam dann natürlich die Idee, dass auf dem Label nicht nur meine Musik veröffentlicht werden muss. In dem Moment kam es dann auch so, dass ein Kollege vorbei kam mit Musik einer Band von zwei Freunden, die »Kids of Adelaide«. Ich fand die Jungs super, und die Sache hat sich entwickelt. Ich habe dabei für mich festgestellt, dass es mir Spaß macht, anderen Leuten das zu ermöglichen, was mir so wichtig ist. Eben nicht dieser Label-Mensch zu sein, der sagt: »So nicht machen, sonst verkaufen wir nichts!«, sondern vielmehr meine Erfahrungen zu teilen.

Du sagtest eben, dass es auch Leute gibt, die gerne von anderen Input bekommen. Siehst du dich auch als jemand, der anderen gerne Input gibt?

Ja, ich mach das aber komplett von der Band abhängig. Wenn die das wollen, dann mach ich das sehr gerne. Ich betätige mich ja auch als Produzent. Die Berliner Band »Some Poetries« ist bei uns auf dem Label. Sie haben eine Single rausgebracht und mich gefragt, ob ich Lust habe, sie zu produzieren. Aber es ist kein Zwang bei mir auf dem Label, dass ich auch Produzent bin. Wenn die Lust haben, dann machen wir das so − auch auf der kreativen Ebene −, und sonst ist es eben nur das Label.

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