Lebende Legende: Sample-Workstation im Hier und Heute

Tobias Enhus und sein Synclavier

Die kompromissloseste Sampling-Workstation aller Zeiten gehört interessanterweise längst nicht zum alten Eisen: Dank jahrzehntelangem Support ist das Wahnsinnsteil von damals sogar mit aktuellen Macs kompatibel − und wird von manch ambitioniertem Künstler auch heute noch im modernen Studioalltag eingesetzt.

Samantha Lau, Tobias Enhus, Matthias Fuchs
Tobias Enhus in seinem Element

Tobias Enhus hat sich einen Jugendtraum erfüllt: Der Studioraum des Sounddesigners und Game- /Filmmusikers aus L.A. wird von einem riesigen Synclavier-System beherrscht. Tobias Enhus gehört zu den Künstlern, die das altehrwürdige Sound-Monster aktuell in ihre tägliche Produktionsarbeit einbinden − Seite an Seite mit moderner DAW und analogem Modular-Synthesizer.

Tobias, was macht für dich den Reiz des Synclaviers aus?

Lässt man sich auf dieses Monstrum ein, ist es eine Wahnsinnsmaschine mit unvergleichlichem Sound. Es verbessert grundsätzlich meine klanglichen Resultate und mein Arbeitstempo.

Wie hast du zum Synclavier gefunden?

Seit meiner Kindheit bin ich davon fasziniert. Einzigartig, teuer, legendär − ein Instrument für Halbgötter und ganz sicher nicht für den 14-jährigen Tobias, der damals jeden Synclavier-Artikel verschlang und jede Werbeanzeige gesammelt hat (lacht).

Samantha Lau, Tobias Enhus, Matthias Fuchs

Wie setzt du das Instrument ein?

Ich liebe Csound (am MIT entwickelte Synthese-Software; Anm.d.Red.) und arbeite seit vielen Jahren intensiv damit. Je mehr ich mich mit Filmmusik und Film-Sounddesign beschäftigte, desto größer wurde der Wunsch nach einem Sampler, um damit Csound einfacher in meinen Workflow zu integrieren. Da Csound sehr rechenintensiv sein kann und nicht in Echtzeit arbeitet, lag die Überlegung nahe, es mittels Sampler schneller und bequemer in meine Produktionen einzubinden − also Csound-Klänge arrangieren, kombinieren und adäquat wiedergeben zu können. Da der Synclavier-Signalweg zu großen Teilen aus extrem hochwertiger Analog-Hardware besteht, schien mir das als erste Wahl, um dem unglaublich komplexen, aber auch recht statischen Csound mehr Leben einzuhauchen.

Welche Entwicklung hat dein System genommen?

2005 begann ich der Frage nachzugehen, ob sich das Synclavier auch heute noch professionell nutzen ließe. Überlegungen zu Kompatibilität, Zuverlässigkeit, Bedienbarkeit und letztlich Wirtschaftlichkeit standen dabei im Vordergrund. Nach langen Gesprächen mit Mitch Marcoullier (Techniker, Musiker und Synclavier-Experte u. a. für Michel Jackson, Pat Matheny u.v.m; Anm.d.Red) begannen wir, ein System zusammenzustellen. Wir starteten mit einem alten PSMT (»Poly Sampling Medium Tower«) und einem VPK-Keyboard. »Medium« bedeutet hier allerdings ein mannshohes 250-kg-Monstrum … Mit der Zeit wuchs und veränderte sich mein System bis hin zu seiner aktuellen und für meine Zwecke optimalen Ausstattung.


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Hat es deine Erwartungen erfüllt?

Während der ersten Experimentierphase entwickelte sich zunächst eine Art Hassliebe − naja, eher Hass als Liebe … (lacht) Als dann endlich alles rund lief und ich meine Sound-Library importieren konnte, ging wirklich die Sonne auf! Ich lerne jedoch noch immer dazu und optimiere meinen Workflow.

Wie integrierst du das System in deine aktuelle Kompositionsarbeit?

Neben dem Synclavier besteht mein Setup aus drei weiteren, wesentlichen Komponenten: Csound, ein Symbolic Sound Kyma Computer und ein MOTM Modular-Synthesizer − ein sehr flexibler Mix aus digitalen und analogen Tools. Neben echten Orchester- und Instrumentalaufnahmen dienen alle drei als Soundquellen, die ich zunächst im Synclavier sample. Dort bearbeite ich die Samples gerne mit der Resynthese-Funktion, pitche, arrangiere und stacke die Sounds und schicke sie schließlich wieder durch Kyma/MOTM. Manchmal wandern die Sounds auch mehrfach hin und her. Gepitchte Orchester-Sounds klingen unglaublich im Synclavier! Ich nehme immer mit mindestens 96 kHz auf, um nach Lust und Laune mit dem Varispeed zu spielen. Manchmal lasse ich Passagen eine Oktave höher einspielen, nur um sie im Synclavier tiefer pitchen zu können. Die Resynthese-Funktion liefert wiederum echt schräge Ergebnisse mit sehr viel eigenem Charakter.

Benötigen die Synclavier-Sounds viel Nachbearbeitung?

Das Synclavier besitzt einen sehr warmen und natürlichen Sound mit unglaublich schöner Sättigung. Somit passt es meist schnell und problemlos in jeden Mix.

Wie steht es um das neue »Synclavier-3«- Upgrade?

Die gesamte Sound-Engine ist natürlich nach wie vor vollständig High-end-vintage. Processing und Sample-Verwaltung werden nun jedoch via PCIe-Karte in einen aktuellen Mac ausgelagert. Man benötigt keine alten Festplatten mehr, kann das Mac-Filesystem nutzen und sogar MP3s laden. Auch MIDI ist optimal integriert. Das muss man sich vorstellen: ein jahrzehntealtes System, welches lückenlos mit einem aktuellen PC zusammen arbeitet − absolut einzigartig!


Samantha Lau, Tobias Enhus, Matthias Fuchs

Tobias Enhus

Der gebürtige Schwede hat sich in den vergangenen 15 Jahren als feste Größe im Traumfabrik-Betrieb etabliert. Ausgestattet mit einem Berklee-Diplom für Musikproduktion und Sounddesign sowie einem schlafwandlerischen Gespür für außergewöhnliche Sound-Landschaften, arbeitet er zunächst bei Hans Zimmers Media Ventures und erstellt dort zwischen 2000 und 2006 das Sounddesign für Kinohits wie etwa Black Hawk Down, Traffic − Macht des Kartells oder Die Mothman Prophezeiung. Ab 2007 produziert Enhus Scores für Video-Games (Pandemic, The Matrix: Path of Neo, Spiderman III u.v.m.) und TV-Produktionen der ersten Liga (aktuell True Crimes mit Jim Carrey). Tobias Enhus lebt und arbeitet in L.A.


Von ABBA bis Zappa Das Synclavier war in den 80er- und 90er-Jahren das Instrument der Megastars. Buchstäblich von ABBA bis Zappa reichte der erlauchte User-Kreis der Wundermaschine. Einige Beispiele:

− Björn Ulvaeus besaß (besitzt?) offenbar drei große Synclavier-Systeme, verteilt auf verschiedene Wohn-/Arbeitsorte. Sie sind auf diversen ABBA-Hits und seinen Musical-Produktionen verewigt.

− Daniel Millers Synclavier versorgte den Depeche-Mode-Sound der 80er mit den legendären »Metallic Percussion«. Auf Construction Time Again und Some Great Reward experimentierte Alan Wilder ausgiebig mit der Mono-Sampling-Option des Synclavier II. Ab Black Celebration (1986) kam ein Poly-Sampling-System zum Einsatz. Wilder hatte wohl ein recht gespaltenes Verhältnis zum Synclavier − in einem Interview von 2010 resümiert er: »Wenn es lief, war’s toll …«

− Produzenten-Legende Trevor Horn und sein Sound- und Technik-Genie Steve Lipson setzten u. a. bei Frankie Goes To Hollywood, Propaganda und Grace Jones voll auf das Synclavier. Grace Jones’ 1985er-Meisterwerk Slave To The Rhythm entstand nahezu komplett im Synclavier. Lipson erinnert sich: »FGTH Two Tribes (’84) war unser erster Synclavier-Track. Wir hatten eigentlich keinen richtigen Plan, Workflow oder sowas und haben experimentiert. Ob unsere Musik ohne Synclavier anders gewesen wäre? Keine Ahnung − wir hatten halt nichts anderes. Manchmal hasste ich das Ding. Andererseits … man konnte komplette Hits in einer Woche fertig machen. Und der Sound war echt irre …«

− Michael Jacksons Bad (1987) war sein erstes Album, welches vom Poly-Sampling-System regen Gebrauch machte. Auf der Bad-Tour begleiteten Jackson nicht weniger als vier Systeme plus Direct-To-Disk-Tower − zwei on Stage, eines im Hotelzimmer und eines als Backup. Gesamtwert anno ’87: 1,4 Mio Dollar …

− Robert Henke aka Monolake hat das Synclavier vor einigen Jahren für sich entdeckt: »Seine Klanglichkeit ist weit weg von allem, was man sonst kennt − merkwürdig körperlos. Die Resynthese liefert Sounds, die man so nie programmieren würde. Aber man muss sich darauf einlassen − es braucht viel Zeit, Zuwendung und Pflege.« Anspieltipps: Polygon Cities, Plumbicon Versions

− Sting gilt als Synclavier-Hardliner. Seine ersten drei Soloalben wurden auf dem Synclavier komponiert und produziert.

− Auch in Deutschland fanden sich Synclaviere: Das vermutlich größte System orderte Ralph Siegel in den frühen 90ern.

− Kraftwerk produzierten ihr 1991er-Album The Mix komplett im Synclavier − übrigens das einzige PSMT-System mit weißem Front-Panel.

− Frank Zappa zählte zweifellos zu den ambitioniertesten Synclavier-Usern. Sein 1994 posthum veröffentlichtes Album Civilization Phaze 3 ist ein absoluter Meilenstein unter den Synclavier-Produktionen. Zappas 128-stimmiges System mit 756 MB RAM gilt als größte, jemals realisierte Konfiguration. Laut Zappa konnte man damit aus Staub Musik machen (»..made from Synclavier digital dust …«).

Das Synclavier hat zudem seinen Weg in zahlreiche Film- und Post-Production-Studios gefunden. So stammen u. a. die Soundeffekte von Star Wars V und VI (’80/’83) und Simpsons vom Synclavier. In der Hollywood’schen Post-Pro-»Fabrik« Todd-AO (Credits von West Side Story über E.T. bis Django Unchained) arbeiteten in den 90ern nicht weniger als sechs große Synclavier-Systeme.

Was macht das Synclavier so einzigartig?

Um zu verstehen, was am Synclavier − abgesehen vom exorbitanten Kaufpreis − wirklich einzigartig ist, muss man seine Entstehungsgeschichte kennen: 1972 entwickelten die beiden Studenten Cameron Jones (Software) und Sydney Alonso (Hardware) am Dartmouth College in New Hampshire, USA einen äußerst leistungsfähigen 16-Bit-Prozessor, der zunächst an Universitäten, Instituten sowie bei Militär und NASA (Jupitersonde Gallileo) Verwendung fand. Erst später wandelten sie das System zusammen mit dem Komponisten und Musikprofessor Jon Appleton in einen FM/Additiv- Synthesizer, der 1977 unter der Firmierung »New England Digital / NED« als »Synclavier I« erstmals vermarktet wurde. Man legte jedoch Wert darauf, das Gerät als wandelbares Hochleistungs-Computersystem zu sehen, dessen musikalische Anwendung nur eine von vielen Optionen darstellte.

1978 folgte der sogenannte »B-Processor«. Zusammen mit Voice-Karten, Keyboard und (späterer) Sample-Option wurde daraus das legendäre Synclavier II. Im Laufe der nächsten 15 Jahre entstanden zwei weitere Gerätegenerationen mit immer weiter gesteigertem Funktionsumfang und Leistungsdaten.

Das Einzigartige am Synclavier ist die Tatsache, dass sämtliche Komponenten zu jeder Zeit grundsätzlich dem Maximum des technisch machbaren entsprachen. Somit war es immer wieder seiner Zeit und Konkurrenz voraus. Die »Sample-to-Disk/Memory«-Option des Synclavier II war mit einer Auflösung von 16 bit/50 kHz und Festplattengrößen bis 50 MB trotz Monofonie seinerzeit eine technische Sensation. Gleiches galt für alle Aspekte der späteren polyfonen Sampling-Systeme. Rechner und Speichermedien nutzten grundsätzlich die allermodernsten Technologien.

Auch der Analogteil war höchst erwähnenswert: Auf vier Highend-DA-Wandler pro Stereostimme (!) folgte ein analoges Routing-System aus VCAs, welches jeder Stimme dynamisch einen der bis zu 32 Outputs zuordnete − ohne Multiplexing oder Interpolation. Das bedeutete maximale Dynamik ohne Rauschen. Auch das »Gerödel« − etwa die Netzteile − war mehrfach überdimensioniert. Zahlreiche Komponenten besaßen Militär-Spezifikationen − so entstammen die charakteristischen roten Buttons dem Cockpit des B52-Bombers. Das Synclavier durfte übrigens nicht in den damaligen Ostblock exportiert werden.

Samantha Lau, Tobias Enhus, Matthias Fuchs

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal war das uneingeschränkte Up- und Crossgrading aller Systeme ab dem Synclavier II. Ein veraltetes System ließ sich unter Beibehaltung wesentlicher Komponenten immer wieder modernisieren und weiter ausbauen.

Zunehmend billigere und leistungsfähigere Konkurrenz sowie sinkende Budgets in der Musikindustrie brachten NED jedoch in finanzielle Schieflage und bedeuteten 1993 das Aus.

Eine Handvoll Produktspezialisten in den USA und England sorgt seitdem für den liebevollen Support der Systeme. Die Software wurde sogar weiterentwickelt, um die Kompatibilität zu modernen Macs herzustellen. Die aktuellste Version ist das sogenannte »Synclavier 3 Upgrade«. Entwickelt von Synclavier-Guru Mitch Marcoulier und Cameron Jones himself macht es das Instrument mittels PCI-Express-Card und entsprechender Software kompatibel zu den neuesten Thunderbolt-Macs − inkl. Core-MIDI, File-Browser-Nutzung usw.

Wer es etwas bodenständiger mag, dem sei Arturias neues Synclavier V angeraten.

 

Für Infos und Fotos bedanken wir uns herzlich u. a. bei JeanBernard Edmont, Mitch Marcoullier und Steve Lipson.

Ein Kommentar zu “Tobias Enhus und sein Synclavier”
  1. T. Streng

    da ich mich in letzter Zeit u.a. mit Hilfe von Max/msp mit der “Klangorganisation” des NED Synclavier beschäftigt habe (SSMC – Synclavier Soundsynthesis Model Control) bin ich an einem Blockschaltbild (Signalflußschema) des S. -> PSMT -> Resynthese interessiert. merci u. v. Gr.

    Antworten
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