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Solina String-Ensemble (*1974)

solina
Dieter Stork
Solina String-Ensemble (*1974)

Dieser String-Synthesizer war bis in die 80er hinein das Nonplusultra, wenn es darum ging, die Produktion oder die Bühnenshow mit künstlichen, seidenweichen Streicher-Sounds zu veredeln.

Polyfone Synthesizer waren in dieser Dekade nur als meist sehr teure, schwer zu transportierende und anfällige Instrumente verfügbar, die zudem noch mit Stimmungsproblemen zu kämpfen hatten. Daher wurden die kompakten String-Machines vom geplagten Keyboarder als echte Erleichterung empfunden. Das 1974 auf den Markt gekommene Solina String wurde auf zahllosen Produktionen eingesetzt, von denen die bekannteste vermutlich Wish You Were Here von Pink Floyd ist, wo das Instrument z. B. auf Shine On You Crazy Diamond die Sonne aufgehen lässt. Auch Jean-Michel Jarres Erfolgsalben Oxygene und Equinoxe wurden maßgeblich von diesem String-Sound geprägt.

Jean Michel Jarre benutzte übrigens anfangs noch das originale Unique-310-Orgelmodell. Charakteristisch für den Sound auf seinen ersten Alben ist auch die Kombination von Solina-Strings mit dem Small-Stone-Phaser von Electro Harmonix. Zu den Musikern, die das legendäre String-Keyboard ebenfalls einsetzten, gehören u. a. Giorgio Moroder (die Discostrings!), John Lord, Bernie Worrell, John Voxx, Joy Division (Love Will Tear Us Apart), Kim Wilde, Tomita, Vangelis und Heart. Eine echte Renaissance erlebten die String-Machines in den 90er-Jahren. Acts wie Air, Pram oder Broadcast verwendeten diese Instrumentengattung in den Neunzigern wieder gern auf ihren Produktionen. Ein gutes Beispiel für das String-Machine-Revival mit cleverem und effektvoll-massivem Tasteneinsatz des Solina ist das Album Moon Safari von Air.

In den 40er-Jahren gründeten zwei Brüder im schönen Bodegraven in Holland die Firma Eminent, die Orgeln herstellte. Mit den beginnenden 70ern wuchs der Bedarf nach elektronischen Orgeln, und Eminent entwickelte die Heimorgel 310 Unique. Sie bot als Besonderheit eine integrierte Rhythmusmaschine und eine String-Sektion. Letztere war laut Bedienungsanleitung angeblich fähig, die Sounds des Amsterdam Symphonie Orchesters zu reproduzieren. Wenn auch diese Anpreisung ein wenig vollmundig war, klang die String-Sektion der Orgel sehr überzeugend. Dies konnte man von der Rhythmusmaschine „Rithmix“ nicht behaupten, denn viele Exemplare waren fehlerhaft (was am externen Hersteller lag), sodass die Firma in finanzielle Schwierigkeiten geriet.

Um sich daraus zu befreien, kreierte man eine Standalone-Version der String-Abteilung, die fortan auf den Namen „Solina“ hörte – der Name stammt übrigens von einer Eminent-Orgelbaureihe. Mit dem Solina String wurde die Gattung der String-Machines überhaupt erst geschaffen. Die ersten Solina String Ensembles wurden noch komplett in Holland hergestellt, aber die Nachfrage stieg, und um sich neue Märkte zu erschließen, arbeitete man mit dem amerikanischen Synthesizer-Hersteller ARP zusammen, der das Gerät in Lizenz fertigte und es nicht nur in den USA populär machte. ARP verwendete die Solina-Technik auch bei seiner späteren Omni-Modellreihe.

Das Solina String Ensemble kostete Mitte der 70er-Jahre ca. 2.500 Mark. Das Gehäuse des Solina ist aus wohnzimmertauglichem Holzfurnier mit Frontblende aus Metall gefertigt. Die (natürlich nicht anschlagdynamische) Tastatur umfasst vier Oktaven. Auf dem Bedien-Panel findet man außer Netzschalter und Tuning-Regler die Schalter für die sechs kombinierbaren Preset-Sounds Violin, Viola, Horn, Brass, Cello und Bass. Zudem gibt es noch zwei Fader, mit denen man den Attack und die Release-Phase des VCA einstellen kann. Zum Lieferumfang des Instruments gehörte auch ein formschöner Plexiglasnotenhalter.

Unser Testmodell stammt übrigens aus den (inzwischen aufgelösten) Kölner EMI-Studios und hat schon in vielen namhaften Produktionen mitgewirkt. Rückseitig verfügt das Gerät über jeweils einen Hi- und Low-Ausgang sowie einen Expression-Eingang zum Anschluss eines Fußschalters. Spätere Modelle waren auch mit einem CV/Gate-Ausgang zum Ansteuern weiterer Synthesizer ausgestattet. Wenn man den Sound des Instrumentes hört, wird man sofort an unzählige bewusst oder unbewusst gehörte Popmusikwerke erinnert: Das Solina erzeugt seidenweiche, aber doch organisch wirkende Synthetikstreicher, die manchen Titeln erst die gewisse Tiefe geben.

Charakteristisch sind vor allem die wunderschönen Violin- und Viola-Sounds, die in den hohen Lagen silbrig glänzen, dafür in tieferen Bereichen charakteristisch brummig und ein wenig bröselig wirken. Will man den Klang noch etwas variieren und fetter machen, bietet es sich an, die Horn- und Brass-Presets dazuzumischen, die den erstgenannten Sounds ziemlich ähnlich sind und sich lediglich durch die Festfiltereinstellungen unterscheiden.
Alle genannten Sounds sind vollpolyfon, d. h. jede gedrückte Taste erzeugt einen Sound. Monofon sind dagegen die beiden Presets Bass und Cello, die warme Basstöne generieren und sich nur in den unteren beiden Oktaven des Keyboards spielen lassen. Basis der Klangerzeugung ist wie bei den meisten Elektro-Orgeln eine Frequenzteilerschaltung, bei der zwölf Master-Oszillatoren (die eine sägezahnartige Wellenform generieren) die Sounds aller Fuß- lagen erzeugen. Teilen müssen sich die Oszillatoren die VCA-Sektion mit ihrer regelbaren Attack- und Release-Phase. Der wichtigste Bestandteil des typischen Solina-Klangs ist allerdings der Ensemble-Effekt, der die Strings erst so richtig schön breit und flirrend macht.

ARP ließ sich den Effekt später patentieren, um ihn auch in andere Geräte einzubauen. ARP empfahl den Usern übrigens, die Solina Strings zusammen mit dem ARP Axxe, einem monofonen Synthesizer, zu betreiben, dessen Filter man via externem Eingang und Gate/Trigger-Ausgang des Solina zur weiteren Formung des String-Sounds nutzen konnte. Es gibt sogar eine spezielle Solina-Version mit integriertem (ebenfalls monofonem) ARP Explorer Synthesizer, bei der der String-Sound das (24 dB/Okt) Lowpass-Filter des Synths durchläuft und auch zusammen mit dem Explorer betrieben werden kann. Diese Kombination von String Machine und Synthesizer ist allerdings extrem  selten; es wurden nur ca. 100 Stück gefertigt.

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